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Nr. LL.

Donnerstag den 17. Januar 1884

WWW Anzeiger Amts- und AnzeiAeblatt für den Kreis Gießen.

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C3K

Politische Ueberficht.

Gießen, 16. Januar.

Die angebliche Collis ion eines französischen Panzerschiffes mit dem Prinz Adalbert" während der Uebersahrt des deutschen Kronprinzen von Genua nach Spanien hat der Preffe Anlaß zu eingehenden Erörterungen dieser mysteriösen Angelegenheit gegeben. Ja, dieselbe ist von gewisser Seite zu einer Staats- und Haupt'Affaire ersten Ranges ausgebauscht worden, indem berichtet wurde, Fürst Bismarck habe der französischen Regierung die Alternative gestellt: entweder sofortige Abbitte durch ihren Botschafter in Berlin oder Krieg l Mäh- rend sich aber nun die Berliner Ossiciösen über diesen ganzen Vorfall bis jetztaus- schweigen", liegt jetzt eine Mittheilung der französischen Regierung vor, welche die Affaire denn doch in einem andern, milden Lichte erscheinen läßt. Diese Richtigstellung besagt im Wesentlichen, daß überhaupt kein französisches Kriegs­schiff den Cours des deutschen Geschwaders durchkreuzt habe, an demselben sei lediglich der nach Tongking bestimmte Transport-DampferMytho" vorbei- passirt; dieser habe es allerdings unterlassen, das deutsche Geschwader mit dem sonst vorgeschriebenen Salut zu begrüßen, da derselbe nur von Schiffen, welche mindestens 6 Geschütze führen, abgegeben werde, dieMytho" aber führe deren nur zwei. Von deutscher Seite ist gar keine Reklamation erfolgt und fallen somit die Nachrichten über dieAbbitte^ des französischen Botschafters de Courcel und über die Absetzung des Kapitäns derMytho" in sich selbst zusammen.

Das preußische Staatsministerium hielt am Samstag eine Sitzung ab, in welcher es sich dem Vernehmen nach um die Begnadigung des Bischoss von Münster gehandelt hat. Auch die kirchenpolitische Situation über­haupt soll zur Debatte gestanden haben und ein hierauf bezügliches informiren- des Schreiben des Fürsten Bismarck zur Verlesung gelangt sein.

Gras Herbert Bismarck, der ältere Sohn des Kanzlers, ist an die deutsche Botschaft in Petersburg versetzt worden. Man legt seiner Versetzung gerade nach der russischen Hauptstadt eine besondere Bedeutung bei und faßt sie als ein erfreuliches Zeichen für die Fortdauer der freundschaftlichen Be­ziehungen zwischen Deutschland und Rußland auf, was dem Uneingeweihten freilich immerhin etwas merkwürdig klingen mag.

Die Dispense für den preußischen Antheil der Olmützer Erz- diöcese sind, mit Ausnahme von sechs, in Olmütz eingetroffen.

Die Sicherheitszustände in Wien erscheinen durch die' jüngste Raub- und Mord-Affaire in der Mariahilfer Straße in einem mehr als be­denklichen Lichte. In einer der belebtesten Straßen der Hauptstadt und fast unter den Augen zahlloser Paffanten ist die grauenhafte That, welche bereits ein Menschenleben gekostet und leider höchst wahrscheinlich noch drei weitere kosten wird, verübt worden. Mit einer Majorität von 9 Stimmen hat das ungarische Oberhaus am Samstag das Mischehen-Gesetz zu Falle gebracht. Die Debatte ließ an Urwüchsigkeit nichts zu wünschen übrig und warf intereffante Streiflichter auf den Stand des Antisemitismus in Ungarn. Zunächst ist hiermit ein ernster Conflict zwischen Oberhaus und Abgeordnetenhaus, welches der Mischehen-Vorlage zugestimmt hat, entstanden, doch glaubt man nicht, daß dieser Conflict zum Sturze des Ministeriums Tisza führen wird.

Der PariserFigaro" macht über die Kriegsvorbereitungen Chinas intereffante Angaben. Alle Seehäfen des Ungeheuern Reiches sind in Kriegs­zustand versetzt, alle Festungen ausgerüstet und vertheidigungssähig, alle Fluß­mündungen durch versenkte Torpedos unzugänglich gemacht und ca. 200,000 Mann sind mit Hinterladern ausgerüstet worden. An der tongkingnesischen Grenze stehen 20,000 Mann vollständig ausgerüsteter chinesischer Truppen und weitere 30,000 Mann sind in der Grenzprovinz Jünnan concentrirt, um Kanton wird eine Reserve-Armee, wie es heißt, in der Stärke von 100,000 Mann zusam­mengezogen. Die Behörden der Provinz Kwangtung treffen ernste Kriegsvor­bereitungen, zwischen Kanton und der Grenze von Tongking wird eine telegra­phische Verbindung hergestellt und nach der Insel Hainan gehen beträchtliche Truppenverstärkungen ab. Eine Proklamation des Vicekönigs von Kanton fordert die Bevölkerung ans, sich aus den Krieg vorzubereiten und einen Angriff der Franzosen abzuweisen, schließlich gedenkt der Aufruf des friedlichen Ver- hältniffes zu den andern Nationen.

Herr v. Giers, der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands, wird auf seiner Rückreise von der Schweiz nach Petersburg am 19. oder 20. Januar in Wien eintreffen und daselbst ein paar Tage verweilen. Man legt in den leitenden Kreisen Wiens diesem Besuche des russischen Ministers eine besondere Bedeutung bei, da er auf specielle Einladung des Kaisers Franz Josef erfolgt, auch sind dieser Tage die russischen Botschafter an den Höfen von Wien und London in Montreux bei Herrn v. Giers gewesen und dies hängt offenbar mit dem bevorstehenden Besuche des Letzteren in Wien zusammen. Die Annäherung zwischen Rußland und Oesterreich, welche sich in den letzten Jahren trotz aller gegenteiligen Gerüchte vollzogen hat, wird durch den jüngsten Aufenthalt des russischen Staatsmannes am Wiener Hose jedenfalls einen wei­teren Schritt machen und hiermit kann man im Interesse der Aufrechterhaltung des europäischen Friedens wohl zufrieden sein.

Die innere Krisis in Spanien hat sich in den letzten Tagen nicht verändert, es ist indeffen Aussicht vorhanden, daß es dem Ministerium Posada de Herrera gelingen werde, sich mit den Corte» in befriedigender Weise aus­einanderzusetzen. Auch unter den Parteien greift das Bestreben Platz, das

eigene Jntereffe demjenigen des Landes unterzuordnen. In der Deputirten- kammer appellirte der ehemalige Minister Becerra, Vorsitzender der Adreß- Commission, am Samstag im Interesse des Gedeihens und der Ruhe des Landes an die Monarchisten und Liberalen (Republikaner) und sagte, König Alfons XII. habe mehr für die Freiheit Spaniens gethan, als die gesummten Liberalen.

Noch 21,000 Mann egyptischer Truppen nebst 84 Geschützen, und vielen Kriegsvorräthen stehen nach ossiciellen Berichten aus Kairo im Sudan. Wenn trotzdem die egyptische Regierung jetzt an die Räumung des Sudan geht, so muß sie entweder alles Selbstvertrauen verloren haben oder die Kriegsmacht des Mahdi muß sich auf Hunderttausende von Streitern be­laufen, vielleicht trifft Beides zu. Die Regierung des Khedive erläßt bereite die nöthigen Anordnungen für den Rückzug der egyptifchen Truppen und ist es ihr gelungen, mit den Häuptlingen mehrerer bisher feindlicher Stämme in der Nähe der Route von Suakim nach Berber in ein freundschaftiches Verhältniß zu treten. Man hofft, dadurch die Straße nach Berber für den Verkehr frei, zu machen und damit die Räumung des Sudan zu erleichtern. Nach einem Beschlüsse der Regierung soll sich der Kriegsminister auf dem Wege über Koroska nach Khartum begeben und die Räumung leiten.

E. H. Frankfurt a. M., 15. Zanuar. In Folge einer von Darmstadt mit zahlreichen Unuriajrtfrn ergangenen Einladung hatten sich gestern ca. 80Herren unter Vorsitz deS Herrn Präsidenten Gold mann zur Besprechung über die Errichtung einer ArbeitScolonte hier versammelt. Nachdem Herr Pfarrer Stromberger einen Ucberbbtf .Über die Arbeitscoloniesache in ausführlicher und nach allen Seiten erschöpfender Weise -eWattet hatte, war die Versammlung einstimmig der Ansicht, daß die Colonie nicht nur ein Beoürfniß, sondern auch ein Segen sei und zwar sowohl für die Bevölkerung, im allgemeinen, wir insbesondere für Die armen brodlosen Menschen, welche gerni arbeiten wollen, aber zeitweise keine Arbeit finden können. Für diese find Colonien eine Zufluchtsstätte, um nicht Vagabunden, ja schließlich Verbrecher zu werden. Auf­nahme in dieselben finden arbeitsfähige, arbeitslose Männer ohne Unterschied deS Standes, der Religion und dec Würdigkeit. Ihr Ziel geht vor allen Dingen auf eine sittliche Hebung der Colonisien. Sie müssen eine christliche Grundlage haben und aufr die confessionellen Bedürfnisse ihrer Angehörigen gewissenhaft Rücksicht nehmen-

Die vorgelegten Statuten wurden mit wenigen Aenderungen al8 provisorische bis zur nächsten Generalversammlung angenommen. Ein Vorstand wurde gewählL mt dem Recht, sich bis auf 30 Mitglieder zu ergänzen. Dem Vertreter des Herrn Oderprästdenten in Kassel wurde der Wunsch des Anschlusses von Kmhrssen auSge- Krochen. Hoffentlich reicht sich Süd- und Nordhessen mit Nassau und Frankfurt die $inb zum Bunde der Bekämpfung der allgemein schwer empfundenen Landplage des WanderbettelS. Wird mit vereinten Kräften diesem Feind entgegengetreten, so bleibt der Sieg nicht auS.

Es muß aber betont werden, daß die Colonien allein nicht im Stande find, bett Beitel auS der Welt zu schaffen, wenn nicht Naturalpflege gegen Arbeitsleistung hinzu- tritt- Hebt daS Publikum nicht in ausreichender Weise Selbsthülfe, so haben die beide« vorgefchlagenen Mittel den erwünschten Elfolg nicht- Zur allgemeinen Einficht mutz el kommen, daß jede Gabe, mit Ausnahme eines Teller Suppe, an ortsfremde Bettler die Lüderlichkeit und Faulheit unterstützt. Man übt die größte Barmherzigkeit, wen» man kein baareS Geld gibt, auf das es allein die Vagabunden abgesehen haben, um es schnellstens in Branntwein uwzusetzen.

Durch die Gründung dieses Vereins zur Bekämpfung der Wanderbettelet be- iheiligen sich nun auch Hessen-Darmstadt und Nassau mit Frankfurt in Gemeinsamkeit fast aller deutschen Gebiete an einer gewaltigen nationalen Aufgabe. Mit Freuden fei eS ausgesprochen, daß Männer aller Parteien und Richtungen eifrigst theilnehmen. Die Früchte werden so großartig sein, wie das Nebel groß ist, welchem sie abhelfen sollen. Keine Nation hat bis jetzt unternommen, ja nur versucht, mittelst Selbsthilfe und Freiwilligkeit den Strom der Vagabondage einzudämmen. Arbeitscolonien aber nur in Verbindung mit Naturalpflege gegen Arbeitsleistung werden die Vagabondage auS der Welt schaffen.

Telegraphische Depeschen.

WolK'S LeLegr. Eorre?porr-enz-B«ee<rrs.

Berlin, 15. Januar. Der Volkswirthschaftsrath ist durch Ministerial- beschluß zum 22. ds. einberufen worden; den Mitgliedern ist ein bezügliches von den Ministern Maybach, Lucius und v. Bötticher unterzeichnetes Schreiben, sowie die Grundzüge über die Unfallversicherung zugegangen. Das Schreiben weist auf die Ablehnung der Diäten und Reisekosten durch den Landtag hin und hofft, daß hieraus die Mitglieder keinen Anlaß, sich der Theilnahme an den Sitzungen zu enthalten, entnehmen werden.

Abgeordnetenhaus. Bei der Berathung über die Kapital-Rentensteuer spricht v. Schorlemer-Alst gegen die Vorlage, deren Principien er jedoch billigt, und ist namentlich gegen die Aufhebung der dritten und vierten Stufe der Klaffensteuer, v. Rauchhaupt erklärt sich für die Vorlage und bemerkt, daß über die Aufhebung der dritten und vierten Klaffensteuerstuse die Conservativen geteilter Ansicht seien. Richter spricht sich gegen die Vorlage aus, da dieselbe das Budgetrecht des Hauses schmälere und das Wahlrecht einschränke. Der Finanzminister bekämpft Richter's Einwendungen entschieden und bezeichnet die Vorlage als eine Basis zur Verständigung. Die geforderte Quotierung werde auf das Budget nur einen geringen Einfluß ausüben, aber doch eine Verschie­bung der Machlverhältniffe bedingen, wozu die Regierung nicht geneigt sei. Die Contingentirung sei Angesichts der offenkundigen Zwecke der Regierung nicht nöthig. Der Minister bestreitet Windthorst gegenüber, daß die Regierung die ^Beteiligung der Frankenstein'schen Klausel erstrebe. Morgen Fortsetzung.

Berlin, 15. Januar. Abends fand im Nachhause eine Versammlung der Freunde Lasker's statt, um über die Vorbereitungen für eine Trauerfeier zu berathen. Die Einladung war zuerst von Bamberger unterzeichnet; unter den übrigen Unterzeichnern befindet sich auch der Oberbürgermeister v. Forckenbeck.