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16.11.1884 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 16. November

Zweites Blatt

Nr. 269

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den Pariser Blättern der zwischen dem Minister-Präsident Ferry und der Tongking-Commission ausgebrochene Conflict besprochen. Man führt denselben jetzt darauf zurück, daß Ferry sich geweigert habe, bindende Erklärungen über die Haltung der Negierung bei den eventuellen Verhandlungen mit China abzu­geben, wodurch der Referent zur Niederlegung seines Amtes veranlaßt worden sei.

In England ist die Frage der Wahlreform durch die in dritter Lesung erfolgte Annahme der betreffenden Bill seitens des Unterhauses vor­läufig von der politischen Tagesordnung abgesctzt worden. Dafür werden die bevorstehenden Expeditionen nach Südafrika, wo das Betschuanaland wieder unter englische Botmäßigkeit gestellt werden soll, und nach dem Sudan zur Befreiung Gordon's die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Im Parlament hat die Regierung bereits eine Creditsorderung für die südafrikanische Expedition eingebracht, im Betrage von 725,000 Pfd. Sterl., während für Heer und Marine in Egypten 1,324,000 Pfd. Sterl. in Anspruch genommen werden- Unterdessen tauchen immer neue Gerüchte über die Einnahme Khar­tums und Gefangennahme Gordon's durch den Mahdi auf, so daß man im Londoner auswärtigen Amte mit begreiflicher Ungeduld weiteren Nachrichten aus Egypten entgegensieht.

Die hochgehenden Wogen der Parteileidenschaft scheinen sich in Belgien zwar einigermaßen gelegt zu haben, dennoch brechen letztere hin und wieder noch hervor. So wurden bei der am Dienstag erfolgten Er­öffnung der belgischen Kammersession die clericalen Deputirten, besonders die Brüsseler Abgeordneten und die Exminister Jacobs und de Woeste, von der Volksmenge gröblich beschimpft und konnten sich nur mit Mühe Tätlichkeiten entziehen. Die Eröffnung geschah ohne Thronrede, was wohl durch die eigen* thümliche politische Lage in Belgien zu erklären ist.

Mit den nordasrikanischen Staaten sind neuerdings europäische Staaten wiederholt in Differenzen gerathen. So schweben solche noch zwischen Frankreich und Marocco wegen Beleidigung einiger französischer Unterthanen in Tanger und ebenso wurden in Tripolis italienische Staatsangehörige miß­handelt, was einen energischen Protest des italienischen Consuls in Tripolis bei der dortigen Regierung zur Folge hatte. Daraufhin ist von letzterer so­fort Genugthuung geleistet worden, indem der am meisten Schuldige, ein Cor- poral der einheimischen Gensdarmerie (Zaptiehs) eingekerkert wurde, während man die übrigen Schuldigen dem Gericht überantwortete.

Gießen, 15. November.

Mit dem letzten Tage dieser Woche hat die Stichwahl-Periode und die ganze diesjährige Reichstagswahl-Campagne, abgesehen von den vereinzelt sich noch nothwendig machenden Nachwahlen, ihr Ende erreicht. Zur Stunde liegen natürlich die Ergebnisse der engeren Wahlen noch nicht vollständig vor, indessen gestatten die bisherizen Resultate doch schon einen gewissen Ueberblick; derselbe bestätigt zunächst die nach dem ersten Wahlgange laut gewordene Be­fürchtung, daß die Socialdemokraten bei den engeren Wahlen noch eine Reihe von Mandaten gewinnen würden, in vollem Umfange. Elberfeld, Frank­furt a. M., Offenbach, Breslau Ost und Breslau West, Solingen, München II, Magdeburg, Nürnberg, Hannover und Berlin VI sind, soweit bis jetzt bekannt, zu Den socialdemokratischen Erfolgen vom 28. October hinzugekommen; daß diese Ersolge der Umsturzpartei nur durch den Haß, mit dem sich die andern Parteien bei den Stichwahlen entgegentraten, ermöglicht wurden, bedarf keiner näheren Erörterung. Den Deutschfreisinnigen ist es gelungen, im zweiten Wahl­gange wenigstens einigermaßen die empfindliche Scharte, welche sie am 28. Octo­ber erhalten hatten, wieder auszuwetzen. Das Centrum hat bei den Stichwahlen den Verlust der beiden Münchener Wahlkreise zu beklagen, dagegen dürfte durch dieselben die süddeutsche Volkspartei ihre bisherige Stärke im Reichstage wieder erreichen. Dasselbe gilt von den Freiconservativen und die Deutschconservativen haben ihren bisherigen Besitzstand um mindestens 15 Mandate überschritten. Die Polen verlieren 2 bis 3 Sitze und bezüglich der Welfen scheint dies auch der Fall zu sein.

Nur wenige Tage nach Beendigung der Stichwahlen, am 20. November, tritt der neu gewählte Reichstag zusammen. Er findet bei seiner Eröffnung in dem Budget bereits ein hinlängliches Arbeits-Material vor, das ihn die nächsten Wochen hindurch beschäftigen wird. Unter den Special-Etats ist der Militär-Etat pro 1885/86 hervorzuheben; in demselben sind die fort­laufenden Ausgaben zu erwähnen, welche mit 262,711,085 angesetzt sind,

also um 6,028,554 Jfc. höher, als pro 1884/85; die einmaligen Ausgaben find auf 11,622,762 JL veranschlagt, um 6,028,554 ai höher, als im Vorjahre. Der Etat der sächsischen Reichs - Militär - ContingentS weist diesmal an fort­dauernden Ausgaben 21,331,694 und an einmaligen Ausgaben 946,160^4 auf, der des württembergischen ContingentS an dauernden Ausgaben 14,392,000 an einmaligen Ausgaben 711,201 «X

Das bekannte Rundschreiben des Herzogs von Cumber­land vom 4. d. Mts. hat zwar nochmals die braunschweigische Erbfolgefrage angeregt, scheint aber im Uebrigen maßgebenden Orts in Berlin nicht Den min­desten Eindruck gemacht zu haben und der welfische Thron-Prätendent kann daher feinCirkular" ebenso wie seinPatent" vom 18. October getrost ad acta legen. Zu der braunschweigischen Angelegenheit wird jetzt weiter ge­meldet, daß die beiden jüngst in Berlin anwesend gewesenen Mitglieder des braunschweigischen Negentschaftsrathes vom Kaiser wie vom Kanzler die Ver­sicherung erhalten haben, daß Braunschweig als Herzogtum und selbstständiges Glied des Reiches erhalten bleiben solle. Aus die Erkundigung nach dem Namen des künftigen Herzogs hätten der Kaiser wie Fürst Bismarck überein­stimmend erklärt, daß sie denselben selbst noch nicht wüßten. Man will hieraus den Schluß ziehen, daß die Regelung der braunschweigischen Thronsolgesrage der Prüfung und Entscheidung des Bundesrathes überlassen bleiben soll.

Das deutsch-österreichische Bündniß und die Kaiser-Zusammen­kunft von Skierniewice sind in den letzten Wochen in den Ausschuß-Verhand­lungen der österreichischen und ungarischen Delegationen wiederholt zur Sprache gekommen. Auch in der am Mittwoch abgehaltenen Plenarsitzung der öster­reichischen Delegation war dies nochmals der Fall, indem der Referent, Baron Hübner, auf die Annäherung Rußlands an die innig mit einander verbündeten Mächte, Deutschland und Oesterreich-Ungarn, hinwies, welche in Der Drei- Kaiser-Zusammenkunft ihren Ausdruck gefunden habe und von jedem Freunde des Friedens und der Ruhe mit Genugthuung begrüßt werden könne. Diese wiederholte Betonung der Annäherung Rußlands an die deutsch-österreichische Allianz beweist, wie sehr man österreichischerseits dieser bedeutungsvollen That- sache Rechnung trägt.

In Frankreich theilt sich das öffentliche Interesse noch immer gleich­mäßig zwischen der chinesischen Frage und der Pariser Cholera-Epidemie. Be­züglich letzterer befleißigt sich der französische Telegraph einer sehr sorgsamen Berichterstattung, aus welcher erhellt, daß die Zahl der täglichen Erkrankungen und Todesfälle an der Cholera in der Hauptstadt doch eine recht bedenkliche ist. Am Montag kamen in der Stadt und den Hospitälern 83 Cholera-Todesfälle und 119 Erkrankungen vor und am Dienstag betrug die Zahl Der Todesfälle 107, welche jedoch in der Zeit von Mittwoch früh 12 Uhr bis Mittwoch Abend 6 Uhr auf 43 herabsank. Hoffentlich wird sich die Zahl der täglichen Cholera- Todesfälle nun stetig vermindern, zumal da jetzt von den Behörden Alles ge­schieht, um der weiteren Ausbreitung der Epidemie entgegenzutreten. Die chine- fische Angelegenheit will in keiner Weise vom Fleck rücken, obgleich neuerdings wieder viel von Erfolg versprechenden Verhandlungen zwischen Frankreich und China die Rede ist. Einstweilen nimmt die kriegerische Action in Ostasien ihren Fortgang; auf Formosa griffen die Chinesen die französischen Stellungen bei Keelung an, wurden aber mit großen Verlusten zurückgeschlagen, wobei die Fran­zosen das chinesische KanonenbootPecho" nahmen. Sehr lebhaft wird von

Die Berliner Conferem.

An btefem SamStag tritt in Berlin unter de« Vorsitze deS Reichskanzlers ein Diplomaten-Congreß zusammen, der von der höchsten internationalen Bedeutung ist, die Congo-Conferenz. Bekanntlich find zu derselben in erster Linie diejenigen Staaten, welche direct in Westafrika, und speciell am Congo politische, eommercieSe ober coloniale Interessen zu vertreten haben, eingeladen. Es find die- außer Deutschland der einladenden und präfidirenden Macht, Frankreich, Engla »d, Italien, Portugal Belgien, Holland und die vereinigten Staaten von Nord-Am erika, daneben werden aber auch Oesterreich - Ungarn, Rußland und die Türkei d urch ihre in Berlin be­glaubigten Botschafter auf der Conferenz vertreten fein. Es war entschieden ein glück­licher Gedanke de- deutschen Reichskanzler-, die mannigfachen, fich am Congo kreuzenden und widersprechenden Interessen durch eine Lonferenz der Vertreter der zunächst hierbei betheiligten Staaten zu versöhnen und auSzugleichen und hierdurch unabsehbaren internationalen Verwickelungen vorzubeugen, zu deren Quelle die Congosrage zu werden drohte.

Die Vorgeschichte der westafrikanischen Conferenz ist zu bekannt, als daß fie, noch längerer Erörterungen bedürfte, wir wollen jedoch nur nochmals darauf Hin­weisen, daß dieser Gedanke, von Deutschland zunächst der französischen Regrerun- nnterbreitet, von letzterer rasch aufgegriffen wurde, da daS Ministerium Ferry mit ver- urtheilSfrtiem Blick erkannt«', wie gebieterisch die gemeinsamen Interessen Frankreich- und Deutschlands in Westafrika ein Zusammengehen beider Staaten erforderten. Schwieriger war England zu gewinnen, da man hier durch die deutschen GebietS- erwsrbungen an der westafrikanischen Küste sich in ein tiefes, wenngleich unberechtigtes Mißtrauen gegen Deutschland hmetngearbeitet hatte; zuletzt entschloß fich aber doch auch England, seine Zustimmung zu geben, nachdem inzwischen die Heineren Staaten die Einladung zur Conferenz angenommen hatten und somit war bereu Zustande­kommen gesichert.

Ein förmliches Programm für die Conferenzverhandlungen liegt allerdings »och nicht vor, dasselbe soll erst in der »orberathenden Sitzung am SamStag festgestellt werden, jedenfalls wirb eS sich aber vorläufig darum handeln, die Territorialansprüche der verschiedenen Staaten am Congo zu prüfen und möglichst abzugrenzen und vor Allem das Princip der allgemeinen Schifffahrts- und Handelsfreiheit auf dem Soago festzustellcn und vertragsmäßig zu sichern, ob alsdann noch andere Fragen zur Er­wägung und Erledigung kommen werden, muß einstweilen abgewartet werden. Daß die Congosrage auf der Berliner Conferenz nach den verschiedensten Seiten einer gründ­lichen Prüfung unterzogen wird, geht schon daraus hervor, daß jedem eigentlichen Ver­treter der an der Conferenz thellnehmenden Mächte noch zwei und auch drei Beiräthe zur Seite stehen, welche in technischen, finanziellen u. s. w. Fragen ihre Meinung ab­zugeben haben, was darauf schließen läßt, daß die Conferenzverhandlungen fich sehr umfangreich gestalten werben.

ES ist in letzter Zeit viel von einem Proteste Portugals die Rede gewesen, welchen dieser Staat im voraus gegen etwaige, seinen wirklichen oder vermeintlichen Interessen am Conoo zuwiderlaufender Conferenzbeschlüsse einreichen wolle; diese Ge­rüchte beschränken sich indessen darauf, daß von Seiten Portugals ein Memoire über seine Beziehungen zum Congo, die bekanntlich von der formellen Besitzergreifung dieses RiefenstromeS, welche <484 durch den portugiesischen Seefahrer Diego Cao für Johann II. von Portugal ausgesprochen wurde, bahren, lieber ben Inhalt dieses Schriftstück- fehlen noch nähere Angaben, schwerlich wird man aber demselben die Bedeutung eines Protestes beilegen können, zumal ein solcher Schritt Portugal von vornherein in eine schiefe Stellung zur Conferenz bringen würde. Im Uebrigen darf man aber wohl der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß die Verhandlungen des neuesten diplomatischen Con- gresses zu einem für alle Thelle befriedigenden Abschlüsse gebracht werden, womit wiederum ein Fri-denswerk von eminent internationaler Bedeutung unter der Aegide Deutschlands vollendet sein würde.

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