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Modell 1884.

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Samstag den 16. August

1884

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

- ' ' , .. . . - .. PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

««au r Schulstraße 7. Erscheint täglich mtt «u^nahme des Montag-. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 *)'.

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Nach Verfügung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und det Justiz vom 12. l. M. ist die Jagd auf Feldhühner vom 20 d. M. an im ganzen Großherzogthum mit Ausnahme in den Kreisen Lauterbach, Alsfeld und Schotten eröffnet.

Gießen, am 15. August 1884. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberflcht.

Gießen, 15. August.

Kaiser Wilhelm erfreut sich auch nach den Strapazen seiner nun be­endigten diesjährigen Badereisen eines ganz außerordentlichen Wohlseins. Nach der täglichen Erledigung der Regierungsgeschäste und der gewohnten Vorträge, sowie der in den letzten Tagen mehrfach gewährten Audienzen sucht der hohe Herr zumeist Erholung auf Spaziergängen unter den herrlichen, reichen Schatten spendenden Bäumen des Parks auf dem Babelsberg. Wie es heißt, wird sich der Kaiser letzt erst über die eventuelle Annahme der an ihn ergangenen Ein­ladungen zu größeren Festlichkeiten während der Manöver am Rhein definitiv entscheiden. Der am 21. October d. Js. stattfindenden Feier der Goldenen Hochzeit des Fürsten und der Fürstin von Hohenzollern, welche einen glänzenden Kreis gefürsteter Gäste in Sigmaringen versammeln wird, gedenkt der Kaiser bestimmt beizuwohnen. Auch die Kaiserin residirt seit Dienstag in Babels­berg an der Seite ihres erlauchten Gemahls.

Der deutsche Kronprinz kehrt in diesen Tagen aus England zurück, um als General-Jnspecteur der vierten Armee-Jnspection in Württemberg und Bayern Truppen-Besichtigungen abzuhalten, die kronprinzliche Familie wird da­gegen noch einige Zeit in England verbleiben.

Die Kaiser-Entrevue von Ischl wird anscheinend ihre Ergänzung durch die Zusammenkunft finden, welche dem Vernehmen nach doch noch zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky stattfinden soll. Entgegen bn Meldung derNat.-Ztg.", daß der Reichskanzler vorläufig Varzin nicht zu ver­lassen gedenke, weiß jetzt diePost" zu berichten, daß die Begegnung zwischen ihm und dem Leiter der auswärtigen österreichischen Politik noch im Lause der nächsten Woche vor sich gehen soll, und zwar wird als Zusammenkunftsort Varzin genannt. Von osficiöser Seite liegt allerdings weder aus Berlin noch aus Wien bis jetzt eine Aeußerung über diese Angelegenheit vor.

Die kirchenpolitische Srtuation ist durch die Aeußerungen, welche Herr v. Schlözer Über die Haltung der römischen Kurie in den Verhandlungen mit der preuß. Regierung gethan haben soll, wieder einmal in den Vordergrund des Tages-Interesses getreten. Bekanntlich hat der interimistische preußische Ge­schäftsträger beim Vatican, Gras Monts, dem KardinabStaatssecretär Jacobini gegenüber- nach einer Meldung des amtlichenOsservatore Romano" den angeblichen Bericht des Correspondenten eines Hamburger Blattes über eine Unterredung mit Herrn v. Schlözer fürvöllig unrichtig" erklärt. Trotzdem erhält sich in den Berliner politischen Kreisen die Auffassung, daß dieses De­menti nur eine durch die officiellen Beziehungen zwischen Preußen und dem Vatican gebotene Form ist, daß sich aber doch Herr v. Schlözer in einer Weise ausgesprochen habe, welche genugsam die Ergebnißlosigkeit seiner Mission beim Vatican kennzeichnet. Unter diesen Umständen dürften Diejenigen Recht behalten, welche behaupten, daß Herr v. Schlözer nicht wieder aus seinen Posten nach Rom zurückkehren werde und daß es überhaupt fraglich sei, ob derselbe je wie­der definitiv besetzt werde.

Die in jüngster Zeit zwischen Czechen und Magyaren sich bemerklich machenden Annäherungs-Versuche erfahren von demPesther Lloyd" eine scharfe Verurtheilung. Das halbamtliche Organ des Cabinets Tisza pro- testirt energisch gegen eine ungarische Gemeinschaft mit dem Slavismus und prophezeit den Politikern in Prag, welche auf derlei Tendenzen speculiren, eine entschiedene Enttäuschung. In der That würden einem czechisch - magyarischen Bündnisse" alle natürlichen Vorbedingungen fehlen und braucht man hierbei nur auf den Haß hinzuweisen, mit dem man in Ungarn Allem, was russisch heißt, entgegentritt, während die Zukunfts-Politiker an der Moldau so gern mit ihrenrussischen Brüdern" liebäugeln.

Der Berner Friedens-Congreß hat am vergangenen Samstag seine Verhandlungen beendigt. Dieselben sind im Allgemeinen ohne Mißklang verlaufen und nur der französische Antrag auf Neutralifirung Elsaß-Lothringens drohte die Harmonie zu stören, was man aber dadurch vermied, daß der An­trag gar nicht zur Diskussion zugelassen wurde. Im Uebrigen werden die Beschlüsse und Berathungen des Berner Congresses wohl nurschätzbares Material" bleiben, denn an Verwirklichung der an sich ja nur zu billigenden Bestrebungen und Ideen seiner Teilnehmer ist unter den heutigen politischen Verhältnissen noch lange nicht zu denken. Das Räuchern der in der Schweiz eintretenden Reisenden an der Grenze ist wieder eingestellt worden.

Die Reise des russischen Kaiserpaares in das Innere des Reiches soll nun festbeschloffene Sache sein, allen Gerüchten über entdeckte nihilistische Verschwörungen und Attentate zum Trotz. Es heißt, daß sich die Majestäten zunächst nach Warschau begeben und von hier aus die Reise nach Moskau, Kostrowea und dem Lande der dänischen Kosaken fortsetzen würden- Als Zeitpunkt des Antritts der Reise wird der 24. August genannt.

Die Bewegung anläßlich des an die Personen, welche durch das Bom­bardement in Alexandrien Schaden erlitten haben, zu leistenden Ersatzes nimmt größere Dimensionen an. In Kairo sand am Sonntag eine Versammlung der betreffenden Interessenten statt, in welcher beschlossen routoe, die Mächte um eine Kundgebung wegen endgiltiger Ordnung der Ersatzansprüche zu ersuchen. Da Deutschland und Oesterreich die Entschädigungsfrage erst zunächst bei der englischen Regierung in Erinnerung gebracht haben, so wird man in London die Regelung dieser Angelegenheit schwerlich mehr aus die lange Bank schieben können.

Darmstadt, 13. Aug. Das Großh- Regierungsblatt Nr. 22 enthält: Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Aus» sührung des Gesetzes über die Anfertigung und Verzollung von Zündhölzern vom 13. Mai 1884 betreffend.

Teiegcaphifche Depeschm.

Wolff'S telegr. «orrespondeirz-Brrreau.

Wien, 14. August. DasFremdenblatt" hebt bei einer Besprechung der Begegnung des Grafen Kalnoky und Fürsten Bismarck Folgendes hervor: Die Vereinigung der beiden großen Reiche diene ihren speciellen, sowie den all­gemeinen europäischen Interessen und sei auf der Ächtung der fremden und auf der Behauptung der eigenen Rechte gegründet; sie wehre die Störung des Friedens ab und sei eifrig bemüht, alle Kräfte zu fördern, welche zum Schutze der Ruhe und Rechtsordnung der Continents zusammenwirken. Hieraus gehe hervor, daß weder Gras Kalnoky noch Fürst Bismarck active politische Zwecke für die Varziner Auseinandersetzungen in Aussicht nehmen konnten; es träte vielmehr in der Thätigkeit dieser beiden Staatsmänner gerade unverkennbar die Sorge um die Hintanhaltung von Actionen hervor, welche zu europäischen Ver­wickelungen führen könnten. Die Arbeit in Varzin werde dem Frieden dienen und gleichzeitig das Deutschland und Oesterreich-Ungarn verbindende Band noch fester schürzen, wozu es irgend welcher Abmachung nicht bedürfe. Die Ein- müthigkeit beider Minister und ihre gegenseitige rückhaltlose Offenheit seien wichtige Faktoren für die Fortführung des Friedenswerkes.

Paris, 14. August. Präsident Grsvy hat sich heute früh nach dem Jura zurückbegeben, Ende dieser Woche sollen sich 1500 algerische Schützen nach Tongking einschiffen, um die in dem dortigen Expeditions-Corps entstan­denen Lücken auszufüllen.

Gegenüber den Berichterstattern verschiedener Blätter hat Stanley die Ansicht geäußert, daß die Freiheit des Congogebietes in Kurzem von allen Mächten anerkannt sein werde, wie dies bereits von den Vereinigten Staaten von Nordamerika geschehen sei und daß dieses Gebiet in gleicher Weise allen Nationen der Welt geöffnet sein werde. Der Congo würde eine Conföderation der eingeborenen Herrscher unter der Controls einer europäisch - amerikanischen Commission bilden. Er, Stanley, werde sich demnächst nach London begeben, um daselbst für seine Pläne zu wirken, gegen welche man sich in England allein ablehnend verhalte.

Kasan, 14. August. Heute früh explodirte eine Pulverfabrik und setzte fünf angrenzende Gebauoe in Brand. Von den Arbeitern der Pulverfabrik haben zehn das Leben eingebüßt.

Rom, 14. August. In den bereits inficirten fünf Provinzen kamen gestern 8 Cholerafälle vor, 4 Personen starben an Der Cholera.

London, 14. August. In der Thronrede, mit welcher das Parlament vertagt wird, werden bie auswärtigen Beziehungen als sehr freundschaftliche bezeichnet. ES wird bedauert, daß die Anstrengungen erfolglos geblieben seien, welche von den zur Conferenz zusammengetreteoen Mächten gemacht wurden, um die Mittel zur Herstellung tes Gleichgewichts tn den Finanzen Egyptens zu finden, welche für die Wohlfahrt und die sichere Ordnung des Landes so wichtig sei. Weiter heißt eS: »Ich werde fort­fahren, mit Gewissenhaftigkeit die Pflichten zu erfüllen, welche sich aus der Anwesen­heit meiner Truppen im Nilthale ergeben, und hoffe, daß die besondere Mission, die ich nach diesem Lande zu senden beschlossen habe, mich materiell bet der Erwägung unterstützen wird, welche Rathschläge der egyptsichen Regierung zu ertheilen und welche darauf bezügliche Schritte zu thun sind". Es wird sodann die Verminderung der agrarischen Verbrechen tn Irland und die sichtliche Besserung der Lage deS irischen Volkes hervorgehoben und angeküntsigt, daß in der nächsten Zeit die Aufmerksamkeit der Gesetzgebung auf die wichtige Frage der Volksvertretung htngelenkt werden solle. Die Thronrede drückt die Befriedigung darüber aus, daß sowohl zahlreiche Anzeichen des Interesses des Volkes für diese Frage, als auch Beweise seiner loyalen Gesinnung gegen den Thron und der Achtung vor dem Gesetze zu verzeichnen seien.

- Nach einer Meldung dkS »Reuter'lchen Bureaus" aus New - Yo^ hat Lieutenant Greely über die Angaben der.New-Aorker Times", nach welcher die lieber- lebenden der Expedition die Leichen ihrer Gefährten gegessen haben sollten, befragt, erklärt, daß, wenn solche Akte von Kannibalismus vorgekommen wären, sie nur ganz vereinzelt begangen sein könnten. Er wisse nichts von ähnlichen Handlungen. Greely habe zugegeben, daß er ein Mitglied der Expedition habe erschießen lassen, weil d^ Betreffende Lebensmittel entwendet gehabt habe. Dies seien aber gewöhnliche Lehens