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Erscheint täglich mit Ausn«hme des MontagS.

Dttreau: Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'» telegr. Eorresponderrr-Brrrea«.

Maina« , 14. Juli. Se. Maj. der Kaiser machte geftern Nachmittag eine Rundfahrt auf dem Ueberlinger See, gestern Abend wurde Sr. Maj. von dem Sänger- kranzBodan" auS Constanz eine Serenade dargebracht. Bet der heute Vormittag 10% Uhr erfolgenden Abfahrt nach Lindau werden der Großherzog und die Frau Großherzogin mit den übrigen Mitgliedern der Großherzoglichen Familie dem Kaiser bis Friedrichshafen das Geleit geben, wo Se. Maj. dem König von Württemberg einen Besuch abzustatten beabsichtigt. ,

Berlin, 14. Juli. DerRetchsanzelger" publickrt die Ernennung des Gehetw- raths Bödiker zum Präsidenten des Retchsversicherungsamts, meldet, daß das RetSS- versicherungsamt mit dem heutigen Tag tn Thätigkeit tritt und veröffentlicht die Be- kanntmackung, betreffend die Anmeldung der unfallversicherungdpflichttgen Betriebe^ welche bis zum L September erfolgen muß.

Politische Ueberficht.

Gießen, 15. Juli.

Von der Insel Mainau wird berichtet, daß das Befinden des Kaisers "fortgesetzt ein vortreffliches ist. Am 15. Juli, Nachmittags, trifft er, über Rosenheim und Kufstein reisend, zur Nachkur in Gastein ein und gedenkt sich der hohe Herr hier ca. 14 Tage aufzuhalten. An den Aufenthalt in Gastein schließt sich die Zusammenkunft mit Kaiser Franz Josef in Ischl an und wird ols Tag derselben der 9. August genannt.

Die deutsche Reichsregierung wendet jetzt der Cholera-Epidemie im Süden Frankreichs erhöhte Aufmerksamkeit zu, nachdem ihr von Geheimrath Dr. Koch aus Toulon die osficielle Nachricht zugegangen ist, daß die Epidemie die cholera asiatica sei. Das Reichsamt des Innern hat sich bereits mit den Bundesregierungen behufs Ergreifung und Durchführung der zunächst erforder­lichen Gegenmaßregeln in Verbindung gesetzt und vom Reichskanzler sind die französischen Hafenplätze des Mittelmeeres als der Cholera verdächtig erklärt worden. Zugleich hat er die Bundesregierungen ersucht, in Erwägung zu neh­men, inwiefern ein Theil derjenigen Einrichtungen, welche die im vorigen Monat zusammengetretene Cholera-Commission für den Fall des Fortschreitens der Cholera in Frankreich empfohlen hat, schon jetzt vorzubereiten sein möchten. Es läßt dies auf ein gemeinsames Vorgehen der Bundesregierungen gegen die Choleragesahr schließen, während außerdem die See-Uferstaaten, also neben Preußen die Hansestädte Mecklenburg und Oldenburg noch besondere Maßregeln behufs Verhinderung einer directen Verschleppung der Seuche über die See treffen werden. Der Hamburgische Senat ist hierin bereits vorgegangen, indem er für alle aus dem Mittelmeere und speciell aus Toulon und Marseille kom­menden Schiffe Quarantäne in Cuxhaven angeordnet hat. Im Uebrigen werden sich die Vorkehrungen der Bundesregierungen gegen die Choleragesahr auf die Untersuchung der aus dem Westen kommenden Eisenbahnzüge, Desinfection, Ein- fetzung von Cholera-Comitös, welche die Aufgabe haben, die sanitären Zustände ber einzelnen Orte zu prüfen, die Beobachtung der sanitätspolizeilichen Vor­schriften zu überwachen, Einrichtungen von Cholera-Lazareth-Stationen u. s. w. erstrecken. Sperrmaßregeln sind nicht beabsichtigt.

Mit nächstem Samstag, den 19. Juli, nimmt in Leipzig das achte deutsche Bundesschießen seinen Anfang. Es sind zu demselben überaus zahlreiche Anmeldungen von Schützen aus allen Theilen Deutschlands, aus Oesterreich, der Schweiz u. s. w. eingegangen und wird sich darum das achte deutsche Bundesschieben schon durch die Zahl seiner Theilnehmer zu einer be­deutsamen Feier gestalten. Die Feststadt selbst hat die großartigsten Vorberei­tungen getroffen, um der Feier einen ebenso glänzenden wie würdigen Charakter zu verleihen und man darf darum schon jetzt die Hoffnung aussprechen, daß das Fest in den Herzen aller Theilnehmer eine nur angenehme Erinnerung zurück- laffen wird. Der Eröffnung des Festes wird die Anwesenheit des sächsischen Landesherrn einen besonderen Glanz verleihen, da König Albert die an ihn gerichtete Einladung des Fest-Comit^ zum Besuche des Bundesschießens ange­nommen hat und am 19. Juli in Leipzig einzutreffen gedenkt.

Bei der am 10. Juli in Stuttgart stattgefundenen Wahl eines Abgeordneten in die zweite württembergische Kammer wurde gewählt der Candidat der Volkspartei, Rechtsanwalt Tafel für den auch die Social­demokraten stimmten mit ca. 4100 Stimmen, während der Candidat der Conservativen und eines Theiles der Nationalliberalen, v. Wächter/ nur ^a. 3200 Stimmen erhielt. Der Ausgang der Wahl ist charakteristisch für das Anwachsen des demokratischen Elementes in Süddeutschland.

Die Nachricht, der Bevollmächtigte Hamburgs zum Bun­des rathe, Senator Vers mann, habe aus Gesundheitsrücksichten seine De­mission eingereicht, bestätigt sich nicht.

Die Wahlen des niederösterreichischen Großgrundbesitzes zum Landtage haben, wie in der Städtegruppe, durchweg den Sieg der deutsch- liberalen^ Partei ergeben. Sämmtliche 15 Abgeordnete, durch welche der Groß­grundbesitz im niederösterreichischen Landtage vertreten ist, gehören der ver- faffungstreuen Partei an, was um so bemerkenswerther erscheint, als die Liberalen das ihnen von den Conservativen angebotene Compromiß, demzufolge die letzteren den Liberalen zehn Mandate überlasten wollten, um selbst fünf zu erhalten, abgelehnt hatten.

Die Frage, ob die französische Nationalfeier am 14. Juli trotz der Cholera im Süden Frankreichs begangen werden solle, ist von dem Pariser Gemeinderathe in bejahendem Sinne entschieden worden. Der Gemeinde­rath der französischen Hauptstadt hat hiermit alle Warnungen der medicinischen Autoritäten, welche ein Zusammenströmen so großer Menschenmaffen, wie es die Feier des Nationalfestes in Paris mit sich zu bringen pflegt, Angesichts der Choleragefahr als höchst bedenklich erscheinen lasten, in den Wind geschlagen und wird nun die Verantwortung für seinen Entschluß tragen müssen. Auch das Beispiel der Regierung, welche die für den 14. Juli geplant gewesene große Truppen-Revue hat fallen lassen, ist für die Pariser Stadtvertretung nicht maßgebend gewesen und ebensowenig hat ihn die lebhafte Campagne der Presse gegen die Feier des Nationalfestes in seinem Entschlüsse beirrt. (Wie aus einer Meldung unter den telegraphischen Nachrichten zu ersehen ist, hat am gestrigen Tage die Nationalfeier in Paris stattgefunden und ist auch dabei wieder eine Deutschenhetze gemacht worden. Red.) In Paris ist das Gerücht von

dem erfolgten Bombardement eines chinesischen Küstenplatzes durch das Geschwa­der des Admirals Courbet verbreitet.

In England ist der legislatorische Faden durch das Scheitern der Wahlreformbill im Oberhause plötzlich abgeschnitten worden. Mr. Gladstone wird denselben erst im nächsten Herbste wieder anzuknüpsen versuchen, indem alsdann eine neue. Session eröffnet und in derselben dem Parlamente die Wahl­reform-Vorlage wiederum vorgelegt werden soll. Das ablehnende Votum des Oberhauses in Sachen der Wahlreform hat bei der liberalen Unterhaus- Majorität stark verschnupft und auch in wetteren Kreisen des englischen Volkes giebt sich aus diesem Anlaß eine tiefe Verstimmung gegen die Pairs kund und dieselben dürften wohl sehr bald inne werden, daß sie mit ihrer negirenden Haltung der Sache der Tories keinen besonderen Dienst erwiesen haben. Was die Conferenz betrifft, so sind deren finanzielle Beiräthe noch immer mit ihren Vorbereitungen beschäftigt, nach deren Beendigung das Plenum wieder Zu­sammentritt.

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia ist der Sturz des bis­herigen liberalen Cabinets Zankoff erfolgt, welcher der Coalition der Conserva­tiven und Radikalen zuzujchreiben ist, die zum ersten Male bei den Neuwahlen zur bulgarischen Sobranje oder Nationalversammlung hervortrat. Der neue Kammerpräsident, Karaveloff, ist vom Fürsten Alexander mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt worden, welches jedenfalls im Sinne dieser Coa­lition ausfallen wird. König Karl von Rumänien gedenkt dem serbischen Hose im Laufe des nächsten Monats einen Besuch abzustatten und ist die An­kündigung hiervon in Belgrad mit großer Genugthuung ausgenommen worden.

Der Mahdi hat seiner Sache einen neuen einflußreichen Freund gewonnen. Der Mudir von Dongola, dessen Treue gegen die egyptische Regie­rung schon längst von verdächtiger Farbe war, hat sich nun offen für den Mahdi erklärt und soll gesonnen sein, gegen Wadi Halsa, an der Grenze Ober-Egyptens, vorzurücken.

Darmstadt, 14. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 4. d. Mts. den Professor Dr. Schmitt zum Director der technischen Hochschule für das Studienjahr 18841885 zu ernennen geruht.

Berlin, 12. Juli. In der jüngsten Sitzung der Berliner Medicinischen Gesell­schaft verlas der Vorsitzende. Geh. Rath Rudolf Virchow, eine an ihn gerichtete Zu­schrift, in welcher Namens vieler jüngerer Aerzte der Vorstand ersucht wird, etne Choleradebatte veranlassen zu wollen, tn welcher die älteren Berliner Aerzte. welche frühere Cholera-Eptdemieen durchgemacht haben, ihre Erfahrungen darüber mitthellen können und überdies Herrn Geh. Rath Koch zu bitten, der Gesellschaft einen Vortrag über seine Forschungsergebnisse zu halten. Profeffor Virchow konnte darauf erwidern, daß der Geh. Rath Koch gleich nach seiner Rückkehr aus Indien von dem Vorstand ersucht wurde und auch zugesagt habe, in der Medicinischen Gesellschaft einen Vortrag über die Cholera zu halten, daß er aber bisher mit seinen Cholerapräparaten, die er dabet demonstriren wollte, noch nicht fertig geworden sei. Sobald Herr Koch auS Frankreich wohlbehalten zurückkehren werde, wolle der Vorstand nicht verfehlen, den­selben an sein Versprechen zu erinnern und allenfalls tn den Sommerferten eine außer­ordentliche Sitzung anberaumen. Prof. Virchow benutzte diese Gelegenheit, um eben­falls vor übertriebenen Befürchtungen zu warnen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß es den energischen Bestrebungen unserer Regierung gelingen werde, den Einbruch eines solchen Seuchenzuges von unseren Grenzen abzuhalten.

Die »Berl. Polit. Nachr." bezeichnen die Mittheilung, der Bundesrath werde demnächst zusammentreten, um sich über gemeinsam zu ergreifende Maßregeln zur Ab­wendung der Cholera schlüssig zu machen, für falsch: die neulich hier versammelt ge­wesene Choleracommission beendete ihre Arbeiten endgültig und faßte Beschlüsse, behufs deren Durchführung in den Bundesstaaten jetzt Schritte geschehen seien. Unzweifelhaft werde so eine einheitliche Behandlung aller auf die Cholera bezüglichen Vorkehrungen tm deutschen Reiche erzielt werden.

Das große Flottenmanöver vor Danzig ist beendet. Die einzelnen Schiffe haben die Rhede verlassen, nur noch die vier Panzer - Corvetten liegen auf der Zop­poter Außenrhede. Soweit man hört, ist das Manöver auf's Glänzendste und Zufrieden­stellendste verlaufen; insbesondere sollen die Leistungen der Torpedoboote die Er­wartungen übertroffen haben. So schreibt dieDanziger Zeitung": Die Treffsicherhitt der Geschütze der großen Schiffe bleibt bei dem hornissenartigen Umkreisen dieser winzigen und doch so hochgefährlichen Gegner thatsächlich eigentlich nur auf Zufall­treffer beschränkt. Die in den Settenwänden der neuen Boote enthaltenen Wasser­kasten, die durch eine eigenartige Vorrichtung tm Augenblick mit Wasser gefüllt werden können, gestatten, dieselben tm Gefecht, ohne daß dadurch ihre Fahrgeschwindigkeit einer bemerkenswerthen Behinderung unterließt, bis nahezu zur Bordhöhe in3 Wasser zu versenken. Bei der Schnelligkeit der Bootsbewegung kann dem entsprechend von einer Zielnahme für die Geschützwirkung die Rede nicht fein, und eS steht wegen des Auf­schlagens der Geschäfte auf die den eigentlichen Bootsrumpf einhüllende Wasserfläche selbst von dem Kartätschenhagel der neuen Revolvergeschütze nur eine sehr zweifelhafte Wirkung zu gewärtigen.

Str. 163. Mittwoch den 16. Juli 1884

ichener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.