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Mr. 13. Mittwoch den 16. Januar 8.30

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberflcht.

Gießen, 15. Januar.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat nun seine erste Arbeits­woche nach den Weihnachtsferien hinter sich und die Arbeiten desselben sind im Verlaufe derselben bedeutend gefördert worden. So haben der Etat der allge­meinen Finanzverwaltung, die Eisenbahn-Verstaatlichungs-Vorlage und die Land- güter-Ordnung für Schlesien ihre Erledigung gesunden. Was die Vorlage über die Iagdordnung anbelangt, so wurde dieselbe nach zweitägiger Generaldiscussion am Freitag an eine 25gliedrige Commission verwiesen. In den Debatten gab sich vielfach Abneigung gegen die vom Herrenhause an der Vorlage vorgenom­menen Abänderungen kund, namentlich in Bezug aus die einschränkenden Bestim­mungen über die Sonntagsjagd, aus die Vergrößerung der Jagdbezirke u. s. m., so daß sich das Abgeordnetenhaus schwerlich den Beschlüssen des Herrenhauses in diesen Punkten fügen wird. Am Samstag beschäftigte sich das Abgeord- netenhaus neben der dritten Berathung der Eisenbahn-Vorlage mit der zweiten Lesung des Etats der Bauverwaltung und des Bergwerks.

Die kirchenpolitische Lage in Preußen ist trotz des kronprinz- lichen Besuches in Rom noch eine sehr zweifelhafte. Es giebt eben noch eine ganze Reihedunkler Punkte" zwischen Rom und Berlin und es ist sehr die Frage, ob sich dieselben je beseitigen lassen werden. Augenblicklich zeigt wieder die Frage der Besetzung des Coadjutor-Postens für die Diöcese Gnesen-Posen den zwischen Preußen und der Kurie obwaltenden scharfen Gegensatz. Von letzterer ist als Candidat für diesen Posten Prinz Eduard Radziwill, Vicar in Ostrowo und Mitglied der Centrums-Fraktion des Reichstages, vorgeschlagen worden, obwohl derselbe em Vertrauter des in Rom lebenden abgesetzten Erz­bischofs von Posen, des Kardinals Ledochowski, ist. Wohl hauptsächlich des­wegen ist Prinz Radziwill von der preußischen Regierung zurückgewiesen worden, ein deutliches Avis für den Vatikan, daß man in Berlin nicht gewillt ist, allen Prätensionen der Kurie nachzugeben.

Der durch seine merkwürdigen Reden bekannte ReichSlagS- Abgeordnete für Glatz-Habelfchwerdt, Herr v. Ludwig, ist von einem Schlag­anfall betroffen worden und am Samstag demselben auf seinem Gute Reu- Woltersleben erlegen.

Die sächsische zweite Kammer, welche unter ihren Mitgliedern auch 4 Socialdemokraten zählt, ist in ihrer gegenwärtigen Session schon öfters ber Schauplatz heftiger Scenen gewesen, die durch die socialistischen Abgeord­neten hervorgerufen wurden. Auch in der Freitagssitzung kam es wieder zu einer turbulenten Scene, deren Anlaß eine Beschwerde des Scharwerksmaurers Lorenz in Großenhain wegen des vom dortigen Stadtrath erlassenen Verbotes einer socialdemokratischen Versammlung war. Die Petitions-Deputation hatte der Kammer die Ablehnung der Beschwerde empfohlen, was dem Adg. Lieb­knecht Gelegenheit zu einer seiner bekannten Tiraden gab. Im Verlaufe der 'Debatte kam es dann zu sehr gereizten, zum Theil persönlichen Auseinander­setzungen zwischen den socialistischen Abgeordneten und andern Kammermitglie- dern, namentlich den Abgg. Gelbke und Günther, wobei der Abg. v. Vollmar bestätigte, daß er und seine Freunde voll und ganz auf dem Boden der Revo­lution stünden. Ein Schlußantrag beendigte zu Aller Genugthuung die uner­quickliche Debatte. Die zweite Kammer hat gleich der ersten beschlossen, die Petitionen gegen den Osficier-Consumverein auf sich beruhen zu lassen.

Im ungarischen Oberhause hat am Samstag der große Rede­kampf in Sachen des Mischehe - Gesetzes begonnen- Bereits in der Donners­tags-Sitzung kam es zu einer Art Vorpostengesecht, in welchem die Gegner der Vorlage Sieger blieben, was man vielleicht als ein für das Ministerium Tisza ungünstiges Omen betrachten kann. Im österreichischen Herrenhause hat wie­derum ein Pairsschub stattgefunden. Durch die dieserhalb vorgenommenen Neuernennungen dürfte die bisherige verfassungstreue Majorität des Herren­hauses beseitigt sein.

Die Präsidialwahlen in den beiden Häusern des französi­schen Parlamentes haben die bemerkenswerthe Erscheinung zu Tage gefördert, daß sowohl im Senate wie in der Deputirtenkammer eine große Stimm­enthaltung zu constatiren war. Herr Brisson wurde mit 224 von 298 abgegebenen Stimmen wieder zum Präsidenten der Deputirtenkammer gewählt, was zwar relativ eine große Mehrheit bedeutet, aber das Bild gewinnt eine andere Be­leuchtung, wenn man in Betracht zieht, daß ca. 230 Deputate, also die kleinere Hälfte der Kammermitglieder, sich der Wahl enthielten oder in der betreffenden Sitzung gar nicht anwesend waren. Auch bei der Nominirung der Vicepräsi­denten Sadi Carnot, Spuller, Phillippoteaux und Floquet war eine große Wahl­enthaltung zu bemerken und was den Senat anbelangt, so mußte die am Donnerstag vorgenommene Wahl der Vicepräsidenten sogar annullirt werden, da die gesetzlich erforderliche Stimmenzahl nicht zusammenzubringen war. Es ist diese Stimmenthaltung ein bedenkliches Zeichen und scheint darauf hinzu- deuten, daß in den Fraktions-Verhältnissen des französischen Parlamentes und hauptsächlich in der Deputirtenkammer abermals Umwälzungen bevorstehen.

Das spanische Cabinet Posada de Herrera behauptet sich trotz aller Krisengerüchte noch immer in seiner Stellung. Vielleicht, daß doch noch eine Verständigung zwischen dem Ministerium und den Cortes zu Stande kommt, obwohl dieselbe nach Lage der Dinge eigentlich kaum zu erwarten steht. In der Deputirtenkammer erklärte der Minister des Innern am Donnerstag, daß die Regierung Reform der Verfassung, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht

und des allgemeinen Stimmrechtes wünsche, welche gewichtige Erklärung für den endgültigen Ausgang der schwebenden Differenzen entscheidend werden wird.

Die nationale Wallfahrt der Italiener zum Grabe Victor Emanuel's im Pantheon wird von der Mehrzahl der italienischen Blätter in schwungvollen Artikeln gefeiert. In allen spricht sich das gesteigerte Selbstbe­wußtsein des italienischen Volkes in würdigster Weise aus und sind sie mit großer Begeisterung geschrieben.

Den Sudan kann man jetzt als für Egypten verloren betrachten nnb diese Ueberzeugung bricht sich auch in den egyptischeu Regierungskreisen Bahn. In voriger Woche fand in Kairo ein Cabinetsrath statt, welcher sich mit der Frage der Räumung des Sudans beschäftigte; es handelt sich nur noch darum, die wenigen egyptischen Garnisonen im Sudan nebst den Geschützen und Kriegs- vorräthen nicht in die Hände des Mahdi fallen zu lassen und sie ungefährdet zurückzuziehen, eine Aufgabe, die nicht leicht ist. Im Interesse der Cultur ist es tief zu beklagen, daß der Sudan nun wieder in den Zustand der Barbarei zurückfallen soll, ganz abgesehen davon, daß die Eroberung dieses großen Lan­dergebietes Ströme egyptischen Blutes und ungeheuere finanzielle Opfer gekostet hat und England trägt inbirect die Schuld mit daran, iaß es so weit ge­kommen ist.

Die chinesische Regierung hat auf Ansuchen der Bevölkerung der Insel Hainan 2000 Mann Truppen zum Schutze gegen einen eventuellen fran­zösischen Angriff dorthin abgesendet. Die Hainan-Insel wird bekanntlich von Frankreich mit alsFaustpfand" gefordert, obiger Vorgang beweist aber, daß China dieses Pfand nicht gutwillig hergeben wird.

Telegraphische Depesche«.

WolK's telegr. Eorrespondenr-Bvrea«.

Berlin, 14. Januar. Der Kronprinz und die Kronprinzessin besuchten heute Vormittag die im Abgeordnetenhause veranstaltete Ausstellung von Hand­arbeiten der Schüler der Posener und Görlitzer Handarbeitsschule und nahmen, vom Präsidenten v. Köller empfangen und geleitet, die ausgestellten Arbeiten mit der lebhaftesten Teilnahme in Augenschein, verweilten dort eine Stunde und sprachen ihre Anerkennung und Freude über das Geleistete aus. Auch der Cultusminister und der Ministerialdirector Greiff besuchten die Ausstellung.

Se Majestät der Kaiser beabsichtigt bei günstiger Witterung morgen eine Hofjagd im Grünewald abzuhalten. Der Kronprinz empfing gestern das Präsidium des Landtags. Ä

London, 14. Januar. DemReuterMn Bureau" wird aus Hong­kong von heute gemeldet, daß Piraten in den Rächten des 1. und 2. Januar Maindink mit Verlust mehrerer Tobten unb Verwunbeten angriffen; am 4. Ja­nuar fei Batang bei Hanoi angegriffen, ber Feinb aber lu Unordnung unb mit Verlust zurückgeworfen worben. Gerüchtweise verlautet, daß chinesische Truppen aus ber Provinz Quangsi zur Verstärkung ber Besatzung von Bacmnh im Vor-

(Sinern Telegramm berTimes" aus Khartum vom 12. b. Mts. zu­folge hätten die Insurgenten Helan bei Khartum geplünbert unb sobann in Branb gesteckt. _ _ r, , ~

Wolff unb Bondurand, welche wegen Complottes zur Zerstörung der deutschen Botschaft durch Explosionsstoffe angeklagt sind, erschienen heute vor dem Oldbailey - Gerichtshof.

Der Ausschuß der Hüttenbesitzer Clevelands stellte heute die Details für die baldigste Ansblasung von 20 Hochöfen Nord-Englands fest.

Deutschland.

Berlin, 12. Januar. DaS Abgeordnetenhaus erledigte heute in dritter Be­rathung ohne Debatte die EtsenbahnverstaatlichungSvorlage und genehmigte nach un­erheblicher Debatte in zweiter Lesung den Etat der Bauverwaltung. Im Laufe der Debttt^r würde von Seiten der Regierung mitgetheilt, daß die Verhandlungen bezüglich Revift^n der Prüfungsordnung noch schweben, doch fei bestimmt zu erwarten, daß die Aenderungen den Beifall Aller finden würden. Auf Anfrage erklärte der Minister v. Maybach, die Regierung beharre auf dem Standpunkte der vorjährigen Kanal­vorlage und beabsichtige solche auf breiterer Basis unter Hereinziehung der Provinz Schlesien weiter zu fördern. ' r c a v

Die nächste Sitzung findet am Dienstag statt. Auf der Tagesordnung stehen die Steuervorlagen. A c m ,

DemBerliner Aktionär" zufolge ist der Direktion der Berlin-Hamburger Eisenbahn ein neuer Erlaß der Staatsregierung zugegangen, welcher darauf hinweist, daß die Regierung von Hamburg die von der Generalversammlung beschlossenen Statutenänderungen noch immer nicht genehmigt habe, die Fortsetzung der Verhand­lungen vor Erledigung dieser Frage aber nicht angezeigt erscheine.

Kesterreich.

Wien, 13. Januar. Der ermordete Sohn des Geldwechslers Eifert, Rudolf Eifert, ist heute unter sehr großer Theilnahme der Bevölkerung beerdigt worden; der Zustand des Geldwechslers Eifert und seines zweiten Sohnes Heinrich hat sich gebeffert, so daß die Genesung beider nicht ausgeschloffen er­scheint. Der wegen Theilnahme an den Schenk'schen Mordthaten verhaftete Schloffergeselle Schloffarek ist bedenklich erkrankt.