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Freitag den 14. März 1SSX
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeklstt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen. 13. März.
Am kaiserlichen Hofe fand am Sonntag zu Ehren des Geburtstages Kaiser Alexanders III. ein großes Galadiner statt, zu welchem die obersten Hof- und die Oberhof-Chargen, die Minister v. Puttkamer, Graf ■v. Schleinitz und Graf Hatzfeldt, die General- und Flügel-Adjutanten des Kaisers u. s. w. und selbstverständlich auch die Herren der russtschen Botschaft Einladungen erhalten hatten. Im Verlaufe der Tafel erhob stch der Kaiser -und trank, zum Botschafter v. Saburow gewendet, in herzlichen Worten auf das Wohl des Kaisers von Rußland, worauf die Musik mit einem Tusch einfiel .und dann die russische Nationalhymne anstimmte.
Am Sonntag empfing der Kaiser auch das Reichstags- Präsidium und äußerte sich hierbei auch über die geschäftliche Lage im Reichstage, nachdem er zuvor bemerkt hatte, daß die Berathuug des CultuSetatS im Abgeordnetenhause sehr viel Zeit beansprucht habe. Da der Reichstag, fuhr der Kaiser fort, in seiner jetzigen Sesston durch die Feststellung des Etats nicht in Anspruch genommen wäre, so würden die Verhandlungen voraussichtlich in nicht zu langer Zeit zu Ende geführt werden können. Erfreulich wäre es gewiß für Alle, wenn namentlich auch das Pensionsgesetz erledigt würde und nicht Wieder an den Bundesrath zurückkäme. Der Kaiser schloß mit dem Wunsche, daß die Geschäfte des Hauses einen allseitig befriedigenden Ausgang nähmen. Die Audienz dauerte nur ca. 10 Minuten. "
Die diesmalige Reichstags-Session hat unter merkwürdigen Auspicien begonnen. Einmal ist die Reichstags-Eröffnung tritt der Bildung der deutschen freisinnigen Partei zusammengefallen, was darauf hindeutet, daß sich die Glieder der liberalen Opposition zu einer festeren Phalanx zusammenschließen, dann aber giebt die eigenthümliche Scene, welche in der Freitags-Sitzung des Reichstages der Wahl des Präsidiums folgte, einen Vorgeschmack von dem, was uns die Reichstags-Session noch bringen könnte.
Die Corvette „Olga" mit dem Prinzen Heinrich von Preußen an Bord wird am Nachmittag des 13. März in Kiel erwartet.
Die am Samstag im österreichischen Abgeordnetenhause begonnene und am Montag fortgesetzte General-Debatte über das Budget hat auch das nationale Gebiet wieder stark gestreift und überhaupt die gesammten inneren Verhältniffe der österreichischen Monarchie berührt. Von dem Hauptredner der Linken am Samstag, Carneri, wurden bittere Klagen über die zersetzenden föderalistischen Tendenzen des Regimes Taaffe laut, die ihre Spitze lediglich gegen das Deutschthum richteten. In klarer, präciser Weise kennzeichnete Carneri die Bestrebungen, welche die Einheitlichkeit und damit die Lebensfähigkeit des österreichischen Staates zerstörten und den Eindruck, den diese Ausführungen Carneri's in den deutsch-liberalen Kreisen gemacht, wird die halb verlegene Antwort des Justizministers Prazak, die derselbe am Montag gab, schwerlich paralysiren können.
Ein Dynamit-Attentatsversuch auf den Grasen von Paris, den gegenwärtigen orleanistischen Prätendenten auf den französischen Thron, beschäftigt in Frankreich augenblicklich lebhaft die politischen Kreise. Die Affaire erscheint noch ziemlich mysteriös, denn wenn es auch Thatsache ist, daß in Lyon ein Packet ausgegeben wurde, das an den Grafen von Paris adressirt war und eine explodirbare Dynamitbombe enthielt, so hegt man doch bezüglich der eigentlichen Absicht des angeblich geplanten Verbrechens Zweifel. Es wird verschiedentlich behauptet, daß man es mit einem Stücklein der Freunde des Grafen von Paris zu thun habe, darauf berechnet, für den Prätendenten um jeden Preis Stimmung zu machen und soll auch die Bombe in sehr auffallender Weise verpackt gewesen sein, so daß das Packet den Beckmten in die Augen fallen mußte. Ob diese Version richtig ist, wird wohl die eingeleitete Untersuchung ergeben. Im Uebrigen dürste durch diesen Zwischenfall die Absicht der französischen Regierung, gegen die orleanistischen Prinzen energischer vorzugehen, nicht beeinflußt werden und erwartet man in Folge des bekannten Rundschreibens des Directors der allgemeinen Sicherheit neue Maßregeln gegen die Prinzen. — Die eigentlichen Operationen gegen Bacninh haben in voriger Woche mit dem Vormarsch der Colonnen Millot's und Negrier's begonnen; die am Samstag ausgeführten Bewegungen derselben hatten die Vereinigung des Expeditions-Corps in der Richtung nach Tyendinh zum Zweck. Bis jetzt haben nur unbedeutende Scharmützel siattgefunden, anscheinend beabsichtigen die in Bacninh concentrirten „Schwarz-Flaggen" und Chinesen nicht, die Franzosen in ihrem Vormarsch ernstlich zu stören.
Zu den mancherlei Sorgen und Beschwerden, mit denen jetzt die Regierung des Mr. Gladstone zu thun hat, gesellen sich wieder einmal Anzeichen einer neuen großen Agitation in Irland. Erst kürzlich ist im englischen Unterhause ein Antrag der Anhänger Parnell's, die irische Landfrage wieder mit auf die Tagesordnung zu setzen, mit großer Majorität abgelehnt worden, was in den national-irischen Kreisen eine tiefe Verstimmung hervorgerufen hat. Als Ausfluß dieser Verstimmung ist der Beschluß der irischen Parteiführer zu betrachten, eine neue umfangreiche Agitation behufs Verbesserung der Landacte in Scene zu setzen und soll zunächst ein beträchtlicher Fonds gesammelt werden, obwohl die Leiter der irischen Bewegung schon jetzt über bedeutende Mittel verfügen. Das vorläufige Programm, auf dem die neue Agitation fußen wird, soll zu Ostern in Dublin auf einer Conferenz der nationalen Führer besprochen
und festgestellt werden. — Königin Victoria gedenkt am 7. April auf ihrer Dacht „Osborne" eine Reise nach Deutschland anzutreten.
General Graham droht mit seiner Hauptaufgabe, die egyptischen Garnisonen südlich von Khartum zu retten, zu scheitern. Er hat nach Kairo depeschirt, daß dieselben verloren seien, wenn nicht unverzüglich Truppen nach dem blauen und weißen Nil geschickt würden. Die Anzahl der egyptischen Truppen, welche sich in den verschiedenen Garnisonen des Senaar bis zum südlichsten Punkte, Gondokoro, noch vertheilt befinden, beläuft sich auf mindestens 20,000 Mann und ob denselben noch rechtzeitig Rettung zu bringen ist, erscheint bei der fast rührenden Hülflosigkeit der egyptischen Negierung mehr als zweifelhaft
Der vierjährige Kriegszustand zwischen Chile und Peru hat jetzt endlich seine definitive Beendigung gefunden. Aus Lima meldet man, daß die Nationalversammlung von Peru am Samstag den Friedensvertrag zwischen beiden Staaten bestätigt hat. Man kann nur wünschen, daß es Peru nunmehr gelingen möge, die tiefen Wunden, welche ihm dieser Krieg geschlagen hat, bald wieder zu heilen.
Deutschland.
Darmstadt, 12. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 13. Februar den außerordentlichen Professor an der Universität Marburg, Dr. Rudolph Stammler, zum ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Landes-Universität Gießen mit Wirkung vom 1. April d. I. an zu ernennen und in gedachter Eigenschaft zu berufen.
AranLreich.
Lyon, 11. März. Das an den Grafen von Paris adressirte Packet, welches am Samstag in dem Bureau der Mesiagerie abgegeben und als ver» dächtig nach dem Arsenal geschafft worden war, wurde heute von einem sachverständigen Chemiker, welcher Seitens der Behörde hierzu delegirt worden war, geöffnet. Derselbe constatirte, daß das Packet sehr stark mit Dynamit gefüllt war, welches derart vertheilt war, daß bei der Explosion desselben mehrere Personen hätten getödtet werden können.
Aegypten.
Kairo, 11. März. Aus Suakim von heute Abend 8 Uhr wird gemeldet: Bei Zareba, welches von dem 42. Infanterie-Regiment und dem 10. Husaren-Regiment besetzt ist, hat das Gewehrfeuer bereits begonnen. Die übrigen englischen Truppen find plötzlich nach Zareba aufgebrochen; die Generale Graham und Stewart befinden sich mit ihrem Generalstab bei denselben. Als Garnison sind in Suakim zurückgelassen worden: 80 Mann Artillerie, 650 Matrosen und Marine-Infanterie und 600 Mann egyptische Truppen. Nach den letzten Berichten sollen die Streitkräfte Osman Digma's aus 8000 Mann bestehen.
Telegraphische Depeschen.
gBolff*# ttlegr. Lorresporrdenr-Brrreau.
Berlin, 12. März. Der Reichstag verwies t« seiner heutigen Sitzung die ReichShaushaltSrechnungen pro 1879/80, 1880/81 und 1881/82 an die Rechnungs- Commission, die pro 1882/83 an die Budget - Commission. Der Abgeordnete Rickert äußerte, datz Statsüberschrettungen nicht durch Allerhöchste Ordre genehmigt werden könnten, sondern die Nachsuchung der Indemnität bet dem Reichstage erheischten, wogegen jedoch der Bundes-Commisiar hervorhob, daß die Etatsüberschreitungen, soweit dieselben die KrtegSoerwaltung beträfen, wenn auch nicht formell, so doch materiell vom Rechnungshöfe gebilligt feien. In Betreff deS von dem Abg. Rickert in Erinnerung gebrachten Regulativs über Dienstwohnungen erklärte der Bundes-Commissar, daß die Beendigung der bezüglichen amtlichen Erwägungen bald zu erwarten sei. Die Heber« einkunft mit Luxemburg wegen gegenseitiger Zulassung der an der Grenze wohnenden Medicinalpersonen wurde in erster und zweiter Lesung genehmigt- Der Gesetzentwurf über den Feingehalt der Gold- und Silberwaaren, über welchen sich die Abgeordneten Härle, Bamberger, Köller, (Seimig, Wöllwarth und Reiniger tm Allgemeinen zustimmend äußerten, wurde einer besonderen Commission überwiesen.
Für die morgen stattfindende Sitzung ist das Unfallgesetz auf die Tagesordnung gesetzt-
— Die Convertirung der 4>/rprocentigen Berliner Stadtschuldscheive von 1876 und 1878 im Betrage von 4O‘/a Millionen soll uach einem heute gefaßten Beschlüsse der Finanzdeputation des Magistrats am nächsten 1. October erfolgen. Diejenigen Inhaber von Stadtschuldschetnen, welche stch der Convertirung am 1. October d. I. unterwerfen, sollen als Conoerttrungsprämte die 4V-procentigen Zinsen bis Neujahr 1885 weiter gezahlt erhalten.
Berit«, 12. März. Der Kronprinz ist Abends um 11 Uhr nach Kiel abgereift.
— Der Reichskanzler Fürst BiSmarck ist in Begleitung seiner Gemahlin heute Nachmittag 4 Uhr 38 Minute« von FrtedrtchSruh hier etngetroffen.
— Die „Provinzial Correspondm," äußert stch bei einer Besprechung der neuen Parteibtldung folgendermaßen: Die Vereinigung der Fortschrittspartei und Secesstonisten sei erfolgt, um der Macht der nationalen Wtrthschasts-, Steuer- und Soctalreform- polittk, welche ihnen über den Kopf zu wachsen drohe, einen stärkeren Damm entgegen» zusetzen und zwar in der Hoffnung, mit vereinigten Kräften das zu erreichen, was sie bisher einzeln vergeblich erstrebten. Der Zweck der Vereinigung bestehe In einer grundsätzlichen und systematiichen Opposition gegen die Regierung nicht nur in Bezug auf die Reformpolittk, sondern auch bezüglich der Grundlagen eines gedeihlichen Zusammenwirkens zwischen der Regierung und dem Parlament. Es sei undenkbar, daß auch die gemäßigte Richtung deS Liberalismus sich mit dieser schroffen, radikalen Opposition vereinigen werde. Die Consolidirung der systematischen, extremen Opposition werde vielmehr den gemäßigten Liberalismus mehr und mehr von dem Einflüsse, dm alte


