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13/12/1884 Zweites Blatt
 
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1881

Samstag den 13. December

Zweites Blatt

Rr. 292

Erscheint täglich mit Aur>nahme des Montags.

Bureau: Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

apolitische Ueberficht.

Gießen, 12. December.

Die parlamentarischen Kreise werden gegenwärtig lebhaft durch die Bildung der schutzzöllnerischen wlrthschastlichen Vereinigung im Reichstage beschäftigt. Da derselben der größte Theil des Eentrums und der beiden con- fervatioen Fraktionen angehört, so ist es nicht ausgeschloffen, daß diese Liga unter Umständen im Reichstage die Mehrheit haben wird; bereits ist die wirth- schaftliche Vereinigung mit der Berathung der von ihr zu stellenden Anträge beschäftigt, unter denen derjenige aus Erhöhung der Getreidezölle im Vorder­gründe steht. Dem Vernehmen nach werden diese Anträge indessen erst nach den Weihnachtsserien zu erwarten sein, da sie einer sehr sorgfältigen Prüfung unterzogen werden sollen und wohl auch eine vorhergehende Verständigung oder Fühlung mit der Regierung gesucht wird. Was die RationMberalen anbelangt, Io haben sich dieselben, entgegen den ursprünglichen Meldungen, der Coalition ausnahmsweise fern gehalten. Wie jedoch das ofstcielle Organ der Partei, die Rationallib. Corresp.", erklärt, solle hiermit keineswegs von vornherein ein Widerspruch gegen alle aus der neuen Vereinigung hervorgehenden Anträge ausgesprochen werden, die nationalliberale Partei habe nur niemals in den Zoll­fragen ein Parteiprincip aufgestellt und anerkannt und werde an dem Grundsatz der größten Weitherzigkeit in zollpolitischen Fragen auch fernerhin festhalten.

Der Reichstag setzte am Dienstag die am vorigen Freitag abge­brochene zweite Lesung des Etats mit der Berathung des Tit. 18 des Militär- Budgets, welcher die Militär-Justizverwaltung betrifft, fort. Es lag hierzu vom Abg. Richter ein Antrag auf Aufhebung der Militär-Gerichtsbarkeit in Bezug auf verabschiedete Ofsiciere vor, welcher eine lange Debatte über das deutsche Militär-Strasrecht und die Militärstrafproceß-Ordnung veranlaßte. Die schon oft ventilirte Frage der Oeffentlichkeit des Militär-Gerichtsverfahrens spielte hierbei wieder eine Hauptrolle und plaidirte für das öffentliche Verfahren besonders der socialdemokratische Abg. v. Vollmar in einer durchaus sachlich ge- haltenen Rede: in diesem Sinne äußerten sich auch die Abgg. Payer Wolks- partet), v. Bernuth (nat.-lib.), Windthorst und Richter. Der preußische Kriegs- Minister Bronsart v. Schelleudorf erklärte, daß sich die Regierung dem Richter'schen Anträge gegenüber nicht geradezu ablehnend verhalte, doch muffe die in demselben beantragte Aenderung nothwendigerweise im Zusammenhang mit der Reform des ganzen Militär-Strasproceffes erfolgen. Entschieden sprach sich aber der KriegSmmister gegen die Oeffentlichkeit beim Militär-Gerichtsver- fahren aus, indem er ausführte, daß hierzu kein Bedürfniß vorliege; die Militär- gerichtlichen Urtheile würden auch beim öffentlichen Verfahren nicht anders aus- fallen, wohl aber würden Entstellungen der Berichterstattung zu beklagen fein, die sehr bedauerliche Folgen haben könnten. Die Debatte, in welche auch der bekannte Fall der Torgauer Landwehrleute hineingezogen wurde, bewegte sich -allseitig in durchaus gemäßigten Grenzen und stach hierdurch gegen den leiden­schaftlichen Ton mancher vorhergegangenen Sitzungen in wohlthuender Weise ab. Ueber die Resolution nach dem Anträge Richter soll nach der dritten Lesung abaestimmt werden: Tit. 18 wurde genehmigt, Tit. 19 befindet sich noch in der Buoaet-Commission und Tit. 20 (Gehälter für Gouverneure, Commandanten und Platzmajore) wurde an letztere verwiesen. Die nächste Sitzung am Mitt- woch war einSchwerinstag." .

Die große Commission der Congo-Conserenz hat m den letzten Tagen angestrengt gearbeitet, um mit ihrer Aufgabe, der Vorberathung der Schifffahrts-Akte für den Congo und den Niger, fertig zu werden Am Montag wurden dieselben nach Erledigung des Berichts der Sub-Commission definitiv angenommen, nachdem im Einzelnen an den Vorschlägen der letzteren nicht un­wesentliche redactionelle Abänderungen vorgenommen worden waren Die für die Schifffahrt aus dem Congo festgestellten Bestimmungen gelten auch für den Niger Ueber den wichtigen Artikel, welcher von der Neutralisation beider Ströme handelt, steht jedoch der Beschluß der Commission noch aus.

Die Senats-Wahlresorm in Frankreich, welche m den letzten Tagen die Aufmerksamkeit der dortigen politischen Kreise fast ausschließlich in Anspruch nahm, hat nunmehr ihre definitive Erledigung gefunden. Arn Dienstag ist die Re orm-Vorlage von der Deputirtenkammer mit den vom Senat be­schlossenen Modificationen und unter Ablehnung des Floquetschen Gegen- Entwurfes im Ganzen mit 334 gegen 174 Stimmen angenommen worden. Der Ministerpräsident Ferry selbst griff in entscheidender Weise m die Debatte ein indem er das Verbleiben des MnisteriumS im Amte von der Genehmigung der Vorlage im Regierungssinne abhängig machte und dieser Trumpf wirkte. Die Majorität von 160 Stimmen, mit welcher die Kammer die Reform-Vorlage sanctionirte, ist nach den vorherigen Abstimmungen der Kammer eme unerwartet aroße und Herr Ferry hat somit einen neuen glänzenden Sieg über feine Gegner erfochten, welcher nur dazu dienen kann, die Stellung des gegenwärtigen französischen Ministeriums noch mehr zu befestigen.

Die in England eingetretene parlamentarische Stille ertmiht bpm enalischen Premier, seine Aufmerksamkeit nunmehr voll und ganz den auswärtigen Angelegenheiten zuzuwenden, namentlich denjenigen Südasrikas, wie der Nil-Expedition unter Wolseley zum Entsätze Khartums. Südafrika kann l cht abermals der Schauplatz blutiger Ereigmffe werden da bekanntlich das unter General Warren nach dem Cap entsandte engli che Corps die aemeffensten Befehle hat, die Boern aus dem von ihnen besetzten Betschuana- Lands wieder zu vertreiben und es ist noch l-in-sw-zs ausgemacht, daß die

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

tapferen Boern, vor ihren Todfeinden, den Engländern, so ohne Weiteres den Rückzug antreten werden. Ferner trägt sich die englische Regierung mit neuen AnnexionSplünen bezüglich Südafrikas, sie beabsichtigt nämlich, das Kalahary- . Gebiet unter die Oberhoheit Englands zu stellen. An und für sich würde dies nun freilich keine besonders werthvolle Erwerbung bedeuten, denn das fragliche Gebiet besteht zum größten Theile aus der Kalahary-Wüste, aber diese hat eine politische Bedeutung, indem sie die deutschen Besitzungen in Angra Peguena von den Ansiedelungen der Boern im Osten trennt uno dieser Gesichtspunkt dürfte für Mr. Gladstone wohl maßgebend sein. Was die Nil-Expedition anbelangt, so scheint dieselbe jetzt energischer betrieben zu werden, denn eine Depesche aus Dongola meldet, es würde das englische Hauptquartier am Samstag von dort nach Ambukol verlegt werden, wohin alle Truppen int Vormarsch begriffen seien. Es wirb aber noch viel Waffer den Niel hinabfließen, ehe die Engländer Khar­tum erreicht haben werden. Auch die egyptische Finanzaffaire erfordert Glad- stone's Aufmerksamkeit. Bekanntlich ist die Regierung des Khedive vom inter- nationalen Gerichtshöfe zu Kairo ^zur Rückzahlung aller ungesetzlich erhobenen Summen an die Staatsschuldenkaffe verurtheilt worden, wogegen die egyptische Regierung Berufung einlegen will; es wird ihr dies aber nicht viel helfen.

Den leitenden Staatsmännern der nordamerikanischen Union ist es mit dem Betreiben der neuen Münzpolitik allem Anschein nach voller Ernst. Sie gehen unverzüglich an's Werk; eine Washingtoner Depesche signalisirt die Einbringung einer Vorlage in das Repräsentantenhaus, welche die Ausprägung von Silber-Dollars auf 3 Jahre suspendiren will. Es wird sich nun bald zeigen müssen, ob das Repräsentantenhaus geneigt ist, nach dem Vorgehen der Regierung die Währungsfrage der Vereinigten Staaten in Fluß zu bringen.

Darmstadt, 9. December. [Äu8 dem Staatsbudget! Aus der dem Budget für 1885-88 alS Anlage beigegebenrn Denkschrift über den Betrieb deS Lande-' Impftnstttut8 entnehmen wir Folgendes: v _

Das Großherzogthum Hessen ist der erste deutsche Bundesstaat, welche d,e all- aemeine Verwendung von Thterlymphe für die öffentlichen Impftermine etngeführt hat. rs wird damit indessen bald nicht mehr allein stehen. , 4OQO , t

Auf Grund eines Ersuchens des Reichstags vom 6. Juni 1883 hat der Reichs­kanzler eine Commisston von Sachverständigen zusammentreien lassen, welche den gegenwärtigen physiologischen und pathologischen Stand der 3wpffrage,1nSbe,andere in Bezug auf die Kauielen, welche die Impfung mit der größtmöglichsten Sicherheit zu umgeben geeignet find, zu prüfen und Maßregeln - event. unter -llg^retner Durch, führung der Impfung mit animaler Lymphe zum Zwecke dieser Sicherung vor. Zuschlägen hatte. Diese Commission, welche Ende October d. I. in Berlin zusammen, getreten ist, hat sich mit überwiegender Mehrheit für allmähltge Durchführung der allgemeinen Verwendung der Thterlymphe ausgesprochen. Sie hat zu diesemBehufe die Errichtung von Instituten in der erforderlichen Menge und E der Maßgabe vor- gefchlagev, daß, sobald die Lieferung deS Bedarfs durch eine solche Anstalt gefichert sei, die öffentlichen Impfungen deS betreffenden Bezirks mit Thierlymphe ousge- führt werden sollen. Es darf wohl angenommen werden, daß diese CommisfionS- beschlüffe in den wetteren maßgebenden Instanzen keine wesentliche Veränderung mehr erleiden^werdem allerorten die Verwendung von Thterlymphe ganz

wesentlich zugenommen, abgesehen von Hamburg und dem Grotzherzogthum Sachsen, welche in dieser Beziehung schon früher zu nennen waren, wird jetzt auch namentlich im Königreich Sachsen und im Großherzogthum Baden, sowie in einzelnen preußischen GebtetSthetlen ein nicht geringer Theil der öffentlichen Impfung mit Thierlymphe °uSgef Veit'uns hat die allgemeine Durchführung im ersten Jahre (1882) mit großen Schwierigkeiten und Mißerfolgen zu kämpfen gehabt. Dieselben lagen zuvörderit darin, daß mit dem Beginn des Betriebs unsere baulichen Einrichtungen noch nicht fertig waren, hauptsächlich aber in dem Umstande, daß es nicht mehr gelingen wollte, die früher ohne alle Schwierigkeit geglückte Fortpflanzung des Impfstoffes von Thier zu Thier wetterzuführen. Nachdem zahlreiche Versuche, dieses Mißstandesi Herr zu werden, fehlgrschlagen waren, wurde auf die Impfung der Kälber mit gegriffen und nunmehr Impfstoff von durchweg vortreWcherBefch°ssinheit erztelt. Indessen war, als dies geschah, daS Jmpfgeschäft in den metsteu Bezirken, bereits be­endet, so daß an dem ungünstigen Gesammtresultat deS Jahres nicht viel mehr zu ^^"°Nach'den Uebersichten über die Impfung deS JahreS 1882 waren bei der Erst­impfung in etwa einem Drittel, bet der Wiederimpfung in der Hälfte der Fälle Miß« erfolge zu verzeichnen; daS Ergebniß war also sehr ungünstig.

Jahre 188§ stellte sich nun die Sache wesentlich anders. Die überaus großen Rückstände deS Vorjahres wurden fast vollständig erledigt, die neu Zuge- kommenen mit gutem Erfolg geimpft- Wir hatten allerdings noch eine wesentlich böbere Anrabl von Mißerfolgen alS früher bet der Ktnderlympbe, aber deren Zahl wechselte ganz bedeutend je noch den Jmpsbezirken und schwankte hier -wachen weniger alS 1 und 20 vCt. Da die Versorgung von Jmpsärzten mit Vaccine sehr glelchmäß^ aus gröberen Vorräthen des Instituts erfolgt und jeder Jmpfarzt zah retche Senduncen erhält, so können die großen Differenzen nicht in der Beschaffenheit deS JmpsfioffeS liegen, sondern sie müssen in der Persönlichkeit der Jmpsärzte begründet sein, inS- btsondere in der verschieden langen Zett, welche der Einzelne gebraucht. um eine von seiner früheren wesentlich verschiedene und ganz erheblich schwierigere Technik be- h-rrschm ,u können^ O0tü6irge6enben Mßftavd, u»d daß dl-,-

Annahme richtig ist, hat sich im laufenden, bezüglich der Zahlen noch nicht^ abge­schlossenen Tcräre bewährt. In diesem baden mehrere Jmpkärzte, welche früher ihre mangelhaften Erfolge der schlechten Beschaffenheit deS Jmpfstoffes zuzuschreiben genügt waren, mit ganz in derselben Weise hergestellten Vacctnepuloer sehr befriedigende Re- ,aItale$(iel,anforberungen <m da, Institut megen Slefetung von Bocdne für bfe von praktischen Aersten vorzunehmenden Prioattmpfungen sind in fortwährendem Sldge3n6eÄibtn lefeten Jahr.n ist fast auSfchl>°tzltch V---fn^- von AW-rn, w-Iche mit Kinderlymphe geimpft worden waren, zur Abgaoe gelangt. Eine Beetnträchtigunk deS ursprünglich mit der Einführung deS Kälbertmpfstoffes beabsichtigten Zweckes ist damit nicht etngetreten und auch die oben erwähnte Kommission bat dtefeS Verfahren ohne allen Widerspruch gutgehetßen. An Fortsttzuug der Versuche, wieder w.c früher

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