zu, daß die erforderlichen Anlagen in Bremen voraussichtlich in wesentlich kürzerer Zeit fertig gestellt werden können, als in Hamburg. Der Anschluß Bremens und der Unter-Weser erfolgt gleichzeitig mit dem Anschluß Hamburgs an das Zollgebiet. Ausgeschloffen bleiben die Hafenanlagen in Bremerhaven, die angrenzenden Petroleumlager und ein im Nordwesten der Stadt Bremen am rechten Weserufer belegenes Gebiet. Innerhalb dieses Bezirks bleibt der Schiffsverkehr, die Ein- und Ausladung, sowie die Lagerung und Behandlung der Maaren von jeder Zoll-Controle befreit.
Von der Conferenz preußischer Bischöfe, die vorige Woche in der uralten Bischossstadt Fulda stattfand, ist als besonders wichtig hervorzuheben, daß die BischosS-Conferenz in einem Immediatgesuche an den Kaiser die Besetzung der noch unbesetzten katholischen Psarrstellen in Folge der früher erfolgten Absetzung der betr. Pfarrer durch Begnadigung derselben erbeten hat. Ebenso glaubt man, daß die Conferenz der Bischöfe bezüglich der Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Marburg und der Frage der Vorbildung der katholischen Geistlichen wichtige Schritte erzielt hat.
Wie in Marinekreisen verlautet, hat der Reichskanzler Fürst Bismarck sich in energischer Weise der Geestemünder Firma „Rablen" angenommen, deren Proviant-Kutter von englischen Fischern ausgeraubt worden- Der Reichskanzler soll nicht allein in dieser Angelegenheit eine ernste Note nach London abgesandt, sondern auch directe Weisung an die kaiserliche Admiralität ertheilt haben, in Folge welcher diese das Wilhelmshavener Stations-Commando angewiesen hat, schleunige maritime Maßregeln zur weiteren Verfolgung der Angelegenheit zu ergreifen.
Das Handschreiben des Kaisers von Oesterreich, durch welches bezüglich mehrerer Orden eine Statutenänderung verfügt wird, durch welche die Verleihung des Adels aufgehoben wird, findet bei der öffentlichen Meinung eiiie zustimmende Aufnahme. Es wird in Oesterreich anerkannt, daß es von hohem Werthe für das Bürgerthum ist, daß feine natürliche Ausgabe im Staate aus dem Munde des Monarchen uneingeschränkte Anerkennung erfährt. An die Adresse des Bürgerthums wende sich das Handschreiben des Kaisers, und sein Inhalt laute: „Die ihr Bürger seid, bleibt Bürger und erfüllt als solche euere Mission!" Die Verdienste des Bürgers werden auch künftig der vollen Würdigung begegnen, die äußere Auszeichnung werde denjenigen nicht fehlen, die sich ihrer würdig gemacht haben, aber der Bürger soll es nach der Absicht des Monarchen sein, der decorirt wird — nicht der Zukunsts - Aristokrat. Das „Neue Wiener Tagebl." betont, daß das kaiserliche Handschreiben gewiß den berechtigtsten Motiven entsprungen fei; sein Zweck könne nur darin bestehen, den Ausschreitungen des Ehrgeizes und der Eitelkeit entgegenzuwirken.
Während der General-Debatte über die'Versassungs- Mevision gab es am Freitag in der Nationalversammlung zu Versailles Wieder einen großen Tumult, da die monarchische und radikale Opposttion nicht zugeben wollte, daß nur solche Punkte in der Nationalversammlung verhandelt werden dürften, welche vorher von den Kammermehrheiten beschloffen worden seien. Die Sitzung mußte zeitweise vertagt werden. Als die Ruhe wieder hergestellt war, schritt man zur Specialdebatte der einzelnen Artikel Der Verfassungs- Revision. Ein von Barodet emgebrachtes Amendement, welches die Einberufung einer constituirenden Versammlung verlangt, wurde bei der Vorfrage mit 493 gegen 286 Stimmen abgelehnt. Barodet und sechs andere Deputirte, welche das Amendement mitunterzeichnet hatten, verließen hierauf den Saal.
Die egyptische Affaire hängt auch Seitens der englischen Regierung jetzt vollständig in der Schwebe und wendet man sich in England wieder den inneren Angelegenheiten zu. Im Oberhause stellte Lord Redesdale die Anfrage, ob die Regierung in der Herbstsession die Neueintheilung der Wahlkreise zugleich mit der Bill über die Erweiterung des Stimmrechts einbringen weroe. Lord Granville ertheilte hierauf eine verneinende Antwort.
Die Unruhen in Brüssel anläßlich der erregten Kammerverhandlungen wegen Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen Belgiens mit dem päpstlichen Stuhle haben sich, Dank entsprechender Vorbeugungs-Maßregeln, nicht erneuert. Die betr. Vorlage, welche die belgische Regierung zur Ernennung eines Gesandten beim päpstlichen Stuhle ermächtigt, wurde mit 73 gegen 44 St. angenommen.
Telegraphische Depesche».
Wolfl'A telegr. Torrefpondenz-Dvrea«.
Berlin, 11. Aug. Der Gesandte beim päpstlichen Stuhle, v. Schlözer, hat sich heute Vormittag auf einige Tage von hier zum Fürsten Bismarck nach Varzin begeben.
Bonn, 11. August. An dem gestern und heute stattgehabten großen Wettstreite deutscher Männer-Gesangvereine haben sich im Ganzen 56 Vereine betheiligt. Der Aachener Gesangverein „Hilaria", der bei dem gestrigen allgemeinen Wettstreite bereits den ersten Preis, eine vom Fürsten von Hohenzollern gestiftete goldene Medaille erhalten hatte, trug auch bei dem heutigen engeren Wettstreite Den Sieg davon und erhielt den in einer großen goldenen Medaille bestehenden Ehrenpreis Sr. Maj. des Kaisers und eine von Ihrer Maj. der Kaiserin gestiftete prachtvolle Vase.
Brüssel, 11. August. Die Kammer hat den Antrag der Linken aus Vertagung der Berathung des neuen Schulgesetzes mit 66 gegen 35 Stimmen verworfen. Die Kammer trat darauf in die Debatte des Schulgesetzes.
Versailles, 11. August. Die Nationalversammlung hat den ersten Artikel der Revisions-Vorlage mit 523 gegen 139 Stimmen angenommen, nachdem zwei hierzu gestellte Amendements verworfen worden waren.
London, 11. August. Der „Times" wird aus Durban gemeldet, die Regierung des Kaplandes habe eine Proklamation erlaffen, in welcher sie erklärt, daß sie die Walfisch-Bai nebst dem anliegenden Gebiet annectire.
— Wie es heißt, würde der Effectivbestand der englischen Armee in Egypten mit Rücksicht auf die projectirte Expedition nach Khartum aus 10,000 Mann erhöht werden.
London, 11. August. Unterhaus. Gladstone erklärt: Der Schutz, den die Regierung Australien bezüglich Neu-GuineaS zugesagt habe, erstrecke sich auf die Süd- tüste Neu-Guineas, östlich von dem Gebiete welches holländischersettS beansprucht würde: die nördlich liegenden LandeSthetle und die nördlichen und östlichen Inseln leien ausgeschlossen. Innerhalb der englischen Schutzlinien würden die Eingeborenen gegen Ungesetzlichkeiten seitens der Engländer, sowie der Ausländer geschützt werden Askley fügt hinzu, für Neu-Guinea werde ein Obercommissar ernannt werden der von dem Gouverneur der Fidschitnseln ganz unabhängig sei. Hatttngton erwiderte auf Anfrage, die Vorbereitungen für die Expedition, um Gordon Hülfe zu bringen seien getroffen. — Fthmaurlce theilte mit, daß der baldige Abschluß eines Handelsvertrags
mit Mexiko zu erwarten sei, welcher auf eine Reihe von Jahren die Behandlung der metstbegünsttgten Nation gewähre.
Northcote regte zur Diskussion über Egypten an. Er verlangte unter Angriffen auf die Politik der Regierung näheren Aufschluß über die Misston Northbrook'S. Gladstone tritt für die Politik der Regierung ein, lehnte jede wettere Auskunft über die Mission Northbrook'S ab und verthetdtgte das englisch,französische Abkommen, jedoch nicht um dasselbe zu dtskutiren, denn daS Abkommen sei jetzt tobt und war für andere Verhältnisse berechnet, die jetzt vorüber seien.
Der „Daily Telegraph" bestätigt, daß die in Ottensen verhafteten vier Mattosen eines englischen DampferS Mitglieder eines in Hüll durch einen Zweigverein vertretenen kommunistischen Arbeitervereins feien. Die Hüller Polizei hätte bereits seit geraumer Zeit baS Treiben dieses auS zahlreichen Mitgliedern bestehenden Vereins überwacht, jedoch bisher keine Veranlassung gefunden, gegen denselben einzuschreiten.
Konstantinopel, 11. August. Der vor einiger Zett von Briganten entführte Sohn deS Consuls m Rodosto wurde gegen ein Lösegelv von 4000 tückisch Pfund, worauf die Briganten ihre ursprüngliche Forderung von 7000 Pfd. ermäßigt hatten, in Freiheit gesetzt.
, Ikom, 11. August. Der „Offervatore Romano" meldet, der preußische interimistische Geschäftsträger bei Der pästlichen Kurie, Gras Monts, habe dem Kardinal'Staatsskcretär Jacobivi gegenüber Den angeblichen Bericht des Corre- fponbenten eines Hamburger Blattes über eine Unterredung mit dem preußischen Gesandten v. Schlözer für völlig unrichtig erklärt.
— Im Laufe des gestrigen Tages wurden in den inficirten Ortschaften der . Provinzen Genua, Maffa e Carrara und Turin 11 neue Cholerafülle con- statirt, von Denen 7 tödtlich verliefen. Außerdem ist eine am Samstag an Der Cholera erkrankte Person gestorben.
New-Aork, 11. August. Das gestrige Erdbeben erstreckte sich längs der ganzen Küste von Maine dis Maryland und westlich bis zum Alleghany- Gebirge. Die größte Heftigkeit erreichte dasselbe in Hartford in Connecticut, wo mehrere Personen zur Erde geworfen und verletzt wurden. In verschiedenen Quartieren von New-Iork und andern Städten stürzten sich die Bewohner unter Schreckensrufen aus Die Straßen und die Polizei hatte Mühe, dieselben zur Rückkehr in ihre Wohnungen zu bewegen. Eine gleiche Aufregung herrschte in den Badeorten Longbranch, Coney-Island und Long-Jsland. In Boston rour* den 6 Erdstöße verspürt, bei welchen die Gebäude in beunruhigender Weisl schwankten. Man hält dieses Erdbeben für das stärkste, das seit 100 Jahren in den Vereinigten Staaten an Der atlantischen Küste stattgefunden hat.
L o fa l e S.
Gieße«, 12. August. sTurnerts cheS.j Der Gießener Turnverein wird sich an dem vom 16.—19. August stattfindenden Msttelrhelnischen Krerssest in Wiesbaden mit ca. 30 Turnern bethetltgen; an dem Wettturnen, welches am 18. d., Morgens 6V2 Uhr begtunt, betheiligen sich 3 Turner.
— Die Leser machen wir hiermit nochmals auf die in Wenzels Hotel Bellevue ausgestellte Gemälde-Sammlung aufmerksam. Der Besuch war bis dato sehr gering und ist der Besitzer durch verschiedene Umstände gezwungen, einen Therl der Gemälde bedeutend unter dem Ausstellungspreisr zu verkaufen. Wir machen deshalb darauf aufmerksam, weil der Verkauf und die Ausstellung nur noch bi« Donnerstag Abend dauert und für Viele es sich nicht leicht wieder Gelegenheit bieten dürfte, zu billigem Preise eiu gutes Gemälde zu erwerben.
— Bei dem gestrigen Gewitter, welches nach 7 Uhr über unsere Stadt zog, schlug der Blitz in eine Erle auf der Insel oberhalb des Badenburger WehreS ein und zer- splitterte den Baum. ________________________
Vermischte-.
Karlsruhe, 5. August. Gestern früh hat vor der hiesigen Strafkammer ein Monstreprozeß gegen den Handelsmann Hirsch HauSmaan voa Flehtngen begonnen, für den vorerst 4 Tage in Aussicht genommen sind. Hausmann ist angeklagt des gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Wuchers, der Erpressung, deS Betrugs, der Vernichtung und Fälschung von Privaturkunden. Die Anklageschrift bildet ein umfangreiches Werk von nahezu 80 Seiten und beim Durchlesen derselben weiß man nicht, ob man fich mehr über die bodenlose Frechheit des Angeklagten oder über die naive Auffassung von GeschaftSangelegenheiten — gelinde ausgedrückt — der Hineingefallenen wundern soll. Der Beklagte, 48 Jahre alt, betrieb schon seit Ausgang der 60er Jahre in den Ortschaften der Amtsbezirke Bretten und Epptngen und in den Württemberg- schen Oderämtern Brackenheim und Maulbronn einen ausgedehnten Btehhandel, mit dem er das gewerbsmäßige Ausleihen von Geld in nutzbringender Weise zu verbinden wußte. Mit geringen Mitteln beginnend, ist derselbe heute ein reicher Mann, dessen Geschäftsausftände — ganz abgesehen von seinem bedeutenden Liegenschaftsbesitz in zahlreichen Orten — allein nur nach den in GerichtShänden befindlichen Schuldschemen und Pfandbriefen berechnet, sich nahezu auf 300,000 JL, für bte ihm mehr als 400 Schuldner haftbar sind, beziffern. „Die Schamlosigkeit und rücksichtslose Härte aber", so heißt es in der Anklageschrift, „mit der Hausmann lange Jahre hindurch nicht nur die vorhandene Nothlage der bäuerlichen Bevölkerung in den von ihm heim- gesuchten Orten auSzubeuten verstand, sondern auch durch Benutzung des Leichtsinnes und der Sorglosigkeit derselben feinen Schuldner erst in Noth und Armuih brachte» hat ihn zum gefürchteten Dränger eines ganzen LandesthetleS gemacht, der tn seiner strafgertchtltchen Verfolgung eine Befreiung von schwerem Drucke sieht." Schon im Jahre 1873 wurde der „gerichtskundige Wucherer" HauSmann wegen Kapitattenten- steuerdefraudatton bestraft und im Jahre 1881 vom Lanogericht Heilbronn wegen Betrugs zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt. Zu Anfang dieses Jahres wurde derselbe der betrügerischen doppelten Liquidstellung angezeigt und diese Anzeige gab dem hiesigen Landgerichte Veranlassung, sammtliche Papiere HauSmann's mit Beschlag zu belegen. Das Ergebniß der Durchsicht der in 58 SpecialfaScikeln und 12 BetlagefaSc keln zusammengehefteten Schuldscheine, Pfandbriefe, Verweisungen, Quittungen, gerichtlichen Ausfertigungen und Urtheile und die darauf gestützte Vernehmung von mehr alS 200 Zeugen gab zu dem heute beginnenden Proceß die genügende Grundlage. DaS Verfahren Hausmann's bestand im Wesentlichen darin, daß er Leuten, die sich in Geldverlegenheiten an ihn wendeten, bte gewünschten Darlehen gegen Verschreiben höherer Summen und sehr häufig auch noch besonderen Provifionen für den Fall der Nichtrückzahluug innerhalb äußerst kurz gestellter Fristen aushändigte. In sehr vielen Fällen wurde neben der Provision noch alS „Zählgebühr" eine namhafte Gegenleistung, meist für die Haushaltung Hausmann's, je nach Bedarf BekleldungSgegenstände, Gänse, manchmal auch Tagelohnarbeit versprochen, wie denn in einzelnen Fällen HauSmann ihm gehörige Grundstücke von dem Schuldner gewissermaßen im Frohnde- weg bebauen ließ. Auf seinen Rundgängen bei den Schuldnern wußte Hausmann gewöhnlich durch Klagedrohung ein neues Geschäft durchzusetzen und die maßlosestm Preise zu stellen, dazu noch Provisionen der unsinnigsten, 200—300 p6t. übersteigenden Hohe. Einen der Hauptpunkte der Anklage bilden die sogenannten Abrechnungen des Angeklagten, in denen meist aus den Zinsen und Provisionen eine neue Schuld zusammengerechnet wurde, wobei jedoch die früheren Schuldscheine in Kraft blieben. Dabei beruhte auch die äußere Form auf betrügerischen Manipulat onen, indem H. Gulden und Mark in einer Abrechnung durcheinander auffttllte und so bei den ohnehin beschränkten Schuldnern eine Verwirrung hervorrief. Dieselben verließen sich eben auf „bte Richtigkeit bes Scheine«" und „bie Ehrlichkeit bes Gläubigers". Und durchschaute ja ein Schuldner die Manipulationen Hausmann's, so wußte derselbe durch Klage- drohung ober Anerbieten neuer Darlehen seinen Mann hinzuhalten. In seiner Wohnung zu Flehtngen hielt HauSmann an Sonntagen förmliche „Amtstage" ab, an benen bte Leute oft von Morgens bis in bte späte Nacht warten mußten, bis sie von ihm gerufen, burch stundenlanges Reden und Rechnen ermüdet und durch den Genuß von Spirituosen aus Hausmann's Keller betäubt, willenlos unterschrieben, was ihr unersättlicher Gläubiger zusammengerechnet hatte. Dm Schluß bildete gewöhnlich Vergantung des Anwesens des Schuldners oder ein hoher Pfandeintrag für Hausmann. Geschäftsbücher irgend welcher Art fanden sich nicht vor. Interessant ist, daß in Folge der Wirksamkeit beS Wuchergefetzes vom 24. Mai 1880 bte wucherischen Provisionen au8 den Schuldscheinen verschwanden und bte Bewucherung tn der verschleierten Form


