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88 Erstes Blatt Sonntag den 13. April 18^4
(<)td;eiti'r Anzeiger
I Amts und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
— - " Dreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohrr.
Fweett t Schulstratz- 7. Erlcheint mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.
' Amtlicher Theil.
Betreffend- Die Erhebung der Pachtgelder von Psarrbesoldungsgrundstücken. Gießen, am 8. Apnl 1884.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an di- evangelischen Kirchenvorstände des Kreises.
Von dem Amtsblatt Großherzoglichen Ober-onsistoriums Nr. VIII, d. d. 1. April l. I. erhalten Sie je ein Exemplar durch die Post unter der Auflage rugefendet, die Kirchenrechner hiernach mit Weisung zu versehen.
1 J ö J I)r. Bo ermann.
Bekanntmachung.
Abgesehen von dringenden Fällen und selbstverständlich von Vorladungen sind die Amtsrichter nur Mittwochs M sprechen. Anträge- bei unseren Gericht sschreib er eien können Mittwoch« und SawStagS Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr, au den übrigen Wochentagen Nachmittags Zwischen 3 und 5 Uhr gestellt werden. ,y r
Gießen, den 7. April 1884. Großherzogliches Amtsgericht Gießen.
Langsdorsf. _ _
Gefunden: 1 Vorhangschloß, 1 Porteinonnai ohne Inhalt, 1 Hammer, 1 Taschenmesser, 1 Pfeife, 1 Pluschmütze, mehrere Schlüssel.
Gießen, den 12. April 1884. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
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Dftern 1881.
Auserstanden! Ausgewacht aus des Winters eisigen Banden, zu neuem Leben geboren, zu neuem Schaffen und Wirken, zum Knospen, zum Blühen und Früchte bringenden Dasein ! So rauscht es geheimnißvoll durch die Aeste und Zweige der Bäume, so murmelt'« in der lebendig sprudelnden Quelle, so tönt es über Berg und Thal, so weht es in den Lüften, so braust es durch den Sturm. Der Frühling, er kommt und er kommt mit Macht, mit der siegenden Gewalt, die des Winters eisiges Regiment in Trümmer wirst und sein weißes Gewand zernichtet in blinkenden Sonnenstrahlen.. Unö der Frühlingssonne Strahl, er bringt auch in das Menschenherz, in das zagende Menschenherz, das niedergedrückt von der Sorge und Last deü täglichen Lebens trübe in des Winters bleiche Gefilde hinausblickt. „Und es muß doch Frühling werden!" Hoffnungsfreudig, dankbar, srohgemuth löst es sich los von den Lippen des Menschen, der, weil er selbst ja nur ein Stück der Natur, so innig mit den geheimnißvollen Zauberkräften der Natur verknüpft ist.
Da tönen von den Thürmen die Glocken, die mit ihren die Lüste durch- Zitternden Klängen das heilige Osterfest einläuten und den mit Riesenschritten nahenden Lenz. Frohe Botschaft, doppelte frohe Botschaft kündet ihr Festessang; doppelter Frühling ist den Menschenherzen erschienen, denn in die Lenzesstunde klingt ja des Heilands erlösendes Wort: „Christ ist erstanden!" Wie von unsichtbaren Engelschören getragen, schallt es durch alle Lande, wo Christen wohnen, das Wort der erlösenden Gottesliebe, dringt es in die ärmlichste Hütte, wie in stolze Paläste, tröstend, erhebend, ausrichtend, segnend.
Das Fest der Auferstehung, es ist das Fest jener Liebe, die über allem Irdischen stehend, die selbstlos, ohne irdischen Gewinn dem Menschenthum Erlösung aus der Sünde finsterem Bann gebracht. Jene unendliche, nie versiegende Gottesliebe, die sich aus jedes Menschenkind, ob hohen oder niederen Standes, in gleichem Maße erstreckt, sie ließ den göttlichen Märtyrer die Qualen des Kreuzes erdulden, sie war es, die lebendig über das Grab hinauswirkend, die Lehre des Erlösers zum Allgemeingut der Menschheit gemacht hat, sie ist es, die noch heute den Grundpfeiler der Gesittung, der Humanität, der Gerechtigkeit bildet. Mit jenem Ostermorgen, da sich die frohe Kunde der Auferstehung Christi verbreitete, war auch eine neue Zeit für die gesummte Menschheit angebrochen, mit jenem Augenblicke stieg aus der Nacht des Heidenthums die goldene Sonne der geistigen Freiheit empor, aus der Finsterniß der Grausamkeit und der Sclaverei der christliche Sinn echter Nächstenliebe. Und jene beseligende, beglückende verheißungsvolle Macht des Ostermorgens, sie ist noch heute wirksam und übt ihre Kraft an den Menschenkindern, wie ehedem. Freilich wohl, es giebt zwar Manche, die in dem Hasten und Jagen unserer Zeit die kindliche Reinheit des Gemüthes eingebüßt haben und die nichts mehr wissen von der heilenden und erbarmenden Krast des Ostermorgens; aber Tausende und Abertausende gläubiger Christenherzen gehen gestärkt zu neuem Leben und Schaffen aus den Hallen hervor, in denen sie mit ihrem Gott Zwiesprach gehalten. Die Religion der Liebe, der Nächstenliebe, zu üben, wie sie uns der Erlöser gelehrt hat, das soll an dem Ostermorgen der Vorsatz und das Gelübde jedes gläubigen Christen sein.
Der Göttin Ostarah sangen unsere Ahnen ihre Frühlingslieder, preisend der holden Göttin Macht in den dunkelen Hainen, wo durch der tausendjährigen Eichen Wipfel der Lenzeshauch wehte. Und ihr zu Ehren flammten auf den Bergen die Osterfeuer auf, mit ihren gewaltigen Osterflammen hinüberleuchtend von Stamm zu Stamm unserer Urahnen. Hinweggeweht hat die Zeit das Bild der Göttin und nur ihr Name ist uns geblieben zu ewigem Angedenken. Aber jenes Ahnen, Sehnen, freiheitsdürstende Verlangen, das die Göttin einst auf ihrem Zuge durch die frühlingsbangende Natur in die Herzen der Menschen gestreut, es ist uns von unfern Ahnen geblieben als ewiges Erbe. Wie des Frühlings Mächte ringend mit des Winters dunklen Geistern endlich doch als
Sieger hervorgehen, so ringt auch das Menschenherz, halb unbewußt, mit den Geistern der Winternacht, die es in ihre finstere Bande zu schlagen suchen und der Freiheitsdurst, der in jedem Menschenherzen schlummert, er bleibt Sieger über die krankhaften Stimmungen, die zuweilen die Seele Heimsuchen. Und wenn schon der geistig und körperlich Gesunde, so preiset erst recht freudig Der arme Kranke das Osterfest, das den Frühling bringt.
Noch eine andere Bedeutung hat das Osterfest. An den Tagen dieses Festes werden in vielen Gemeinden der Jüngling und die Jungfrau zu selbstständigen Gliedern der christlichen Gemeinde durch des Priesters Hand geweiht; an dieleq Tagen treten sie auch hinein in das bürgerliche Leben, mit dem Vorsätze, nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschast zu werden. Der Tag der Konfirmation, er ist wie kein anderer Tag des ganzen Menschenlebens geeignet, gute Vorsätze für die Lebensreise zu fassen und diese gefaßten Vorsätze in des Herzens tiefen Schrein als ein kostbares Vermüchtniß der zurückgelegten Kinderzeit zu bewahren. Deshalb mögen auch die Eltern es nicht vorübergehen lassen, ihren Kindern an den Tagen der Konfirmation mit ernsten Mahnungen zur Seite zu stehen, damit das in das jugendliche Herz gepflanzte Reis zu schönen Früchten aufgehe, damit die Männer und Frauen das halten, was die Jünglinge und Jungfrauen versprachen.
Wir Alle aber richten auch heute dankbar umere Blicke zum Himmel empor, dankbar für Alles, was uns des Schöpfers Huld bescheert, dankbar, daß auch heute wieder der Frühling in's Land zieht, dankbar, daß auch heute wieder durch die Lüste das uralte Lied der Hoffnung tönt:
Christ ist erstanden!
Aeutschlaud.
Darmstadt, 10. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog sind gestern Abend 10 Uhr aus England hierher zurückgekehrt.
— Wie wir hören, werden Ihre Maj. die Königin Victoria mit Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Beatrice am 16. d. Mts., Vormittags 9 Uhr, dahier eintreffen.
— Die Vermählung Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Victoria mit Sr. Durchl. dem Prinzen Ludwig von Battenberg wird nunmehr am 30. April stattfinden. Die Wahl dieses Tages ist durch den Umstand mit bedingt worden, daß in der Familie des englischen Königshauses in der Erinnerung an frühere unglückliche Ereigniffe gegen die Vermählung im Monat Mai eine gioße Abnei* gung besteht.
Berlin, 10. April. Se. Maj. der Kaiser war gestern bis halb 10 Uhr Abends aufgeblieben. Nach einer guten Nacht ist das Befinden heute recht befriedigend. Se. Majestät stand heute früh 8 Uhr auf und nahm, wie alljährlich, mit den hier anwesenden Mitgliedern der Königl. Familie das Abendmahl im Palais ein.
— Der Geh. Oberpostrath Hake übernahm heute die Gescyäste als Director der zweiten Abtheilung des Reichspostamts (Telegraphie). — Den Abendblättern zufolge wurde in der Hauptstaatskasse Der Stadtvoigtei gestern ein Deficit von 80,000 <M. entdeckt. In Der Wohnung des Kassen-Rendanten, der seit mehreren Tagen das Bureau nicht besucht hatte, wurden 75,000 «M. in Baar vorgefunden. Der Rendant ist flüchtig geworden.
— Der Polizei'Präsident v. Madai hat eine Verfügung an den Dirigenten der hiesigen politischen Polizei gerichtet, worin es heißt: Die Executiv- beamten der politischen Polizei feien in jüngster Zeit von Seiten einzelner Redner des Reichstages und hieran anschließend in der socialdemokratischen und der mit der Socialdemokratie sympathisirenden Tagespreffe in Den gehässigsten Ausdrücken öffentlich angegriffen und verdächtigt worden. Der Polizeipräsident v. Madai bedauert mit Rücksicht auf die verfassungsmäßige Redefreiheit der Reichstagsabgeordneten außer Stande zu sein, den Schutz des Strafgesetzbuchs für die Betroffenen in Anspruch zu nehmen. Um so mehr finde er Beran»


