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37 Mittwoch den 13. Februar 1SSM

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohr

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint tfifllid) mit Ausnahme des MontagS.

Bnreaur Schulstraße 7.

Kundgebung von Seiten der Opposition ist auch bereits für das Oberhaus angekundiat. . ,

In der Schweiz regt sich wieder die conservatw«ul!ramontane Alltanz. Dieselbe Hal einen Aufruf erlassen, in welchem ste auffordert, alle von der Bun- desversammlung am 4. December v. Jr. erlassenen Gesetze durch eine Volks­abstimmung verwerfen zu lassen. m ,

Die Regierung beS Königs Milan hat bei den in voriger Woche stattgefundenen Wahlen zur serbischen Skupschtina einen vollständigen Sieg davon- getragen. Es wurden 108 regierungsfreundliche Abgeordnete und nur 14 rabi» fale Abgeordnete, sowie 6 Anhänger der früheren Ministerpräsidenten Riftic» gewählt.

Die sensationelle Nachricht von der Gefangennahme Kordon Pascha'S durch die Insurgenten scheint sich glücklicher Weise nicht zu beüätiaen. Jnoeffen lauten die Mittheilungen über den Genannten noch sehr verschieden. Nach einer Version wurde Gordon bereits am 10. Februar in Berber, wohin er von Korosko aus sich durch die nubische Wüste aus den Weg gemacht hatte, erwartet, nach einer andern Meldung aber soll er nach Korosko am Nil zurück­gekehrt sein. Es sind daher vorerst genauere Nachrichten abzuwarten.________

Telegraphische Depeschen.

Wolff » telegr. Eorresporrdenr-Brrrearr.

Berlin. 11. Februar. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Berathung deS Kultusetatsfort. Bei dem Titel des Extraordinariums, betreffend 2 Millionen zur Vermehrung der Sammlungen der Berliner Museen, hob der Kultusminister ». Goßler den Abgeordneten Reichensperger und Bachem gegenüber hervor daß von den oi-len für die Conservirung der Alterthümer verwendeten Millionen Berlin nichts bekäme, während baS Rheinland am besten bedacht fei. 3» B-'r-ff,d-r V-'s°rSUNg d» lebenden Kunst könne sich Berlin lebhaft beklagen, dagegen seien Düsseldorf, BreSlau und Königs- berg hierin vortreistich versehen. In keinem Staate herrsche, bezüglich der Kunst eme solche Decentralisanon wie in Preußen. Windthorst will k<ine solchen Luxusausgaben bewilligen, so lange daS Volk hungere; Minntgerode wie Eynern sind für die Be­willigung und ebenso spricht sich Hänel für d eselbe! aus. Nachdem sich Windthorst nochmals dagegen geäußert, wird in namentlicher Abstimmung die Position mit 192 gegen 122 Stimmen angenommen; dagegen stimmen da? Centrum, die Polen, ein Thetl b'r Rechten und einzelne Mitglieder der übrigen Fract'onen Q .

Die Fortsetzung der Berathung wird in der heutigen Abendsitzung siattsinden.

Wien, 11. Februar. Der Ausschuß zur Vorberathung der Ausnahme- Verordnungen hat seine Berathungen beendigt. Die Majorität beantragt, die erste RegierungSversügung für gerechtfertigt zu erklären in _^n^enu"9 der Thatsache, daß sich in letzter Zeit hochverrätherische, die persönliche Sicheryeit in ausgedehnter Weise gefährdende Umtriebe Seitens einer anarchistischen Partei in einigen Gerichtssprengeln Nieder-OesterreichS geoffenbart hatten und damit die Vorbedingung zur Anwendung des Gesetzes vom o. Mai 1869 emgetreten sei; ferner in Erwägung, daß die aus Grundlage dieses Gesetzes erlassene Ver­ordnung des Gesammtministeriums sich innerhalb der Grenzen des Gesetzes halte unb inbem ber Ausschuß Akt nimmt von ber bestimmten Erklärung ber Regie- runq, von dieser Verordnung nur behufs Unterdrückung der bestehenden anarchi- schen Umtriebe Gebrauch machen unb ste nach erreichtem Ziele sofort außer Kraft setzen zu wollen. Bezüglich ber Aufhebung ber Geschworenengerichte be­antragt bie Majorität, bie betreffenbe RegierungSverorbnung zur Kenntnis .u nehmen.^^^ Februar. DerMonde" veröffentlicht eine Depesche beS französtschen Bischofs Puginier in Tongking, batirt Hongkong 9., worin ec meldet, ein Priester. 22 Katecheten unb 215 Christen sind umgebracht worben. Puginier verlangt Hülfe.TempS" bemerkt gegenüber bemStandard , ber französische KreuzerSeigneley" solle, falls Suakim angegristen werbe, dm französtschen Consularagenten unb bie Bewohner französischer Nationalität an Borb nehmen, ohne an ben Vertheibigungs-Operationen Theil zu nehmen. **8ÄtuSäLMÄM... --«-w. auf Kreta sei ein Aufstand ausgebrochen, bie Pforte habe aus Smyrna unb Salonichi 5000 Mann Truppen nach Kreta bearbeit.

Der Chefrebacteur berTimes", Prof. Chenery, ist heute gestorben

Politische «eberficht.

Gieße», 12. Februar.

Hebet ben Zusammentritt beS Reichstages verlautet von osfi- ctbfer Seite noch immer nichts Bestimmtes, indessen scheint sestzustehen. dav bet- selbe Ansanas März erfolgt. Es wäre aber fehr zu wünschen, baß vieler Termin bald amtlich festgestellt unb bekannt gemacht würbe. Die parlamenta- rische Geschästsemtheilung nicht nur, sondern auch bie privaten Dispositionen ber «baeorbneten machen es wünschenSwerth, baß bie Bekanntmachung des Termins für ben Wiederbeginn bet Reichstags-Sitzungen bei Zeiten erfolgt Sufeer ben schon bekannten Vorlagen wirb dem Reichstage in ber bevorstehenden Session auch ein Nachtrags-Credit für Marinezwecke zugehen. Officiöserseits wurde wiederholt in Abrede gestellt, daß Nachtragsetatr zu erwarten feien, bie Nordd. Allg. Ztg." selbst bestätigt aber erstere Meldung; vielleicht dürste dieser Nachtrags-Credit nicht der einzige bleiben. Die Mehrforderung beträgt 18 Millionen M- unb bezieht sich ausschließlich aus bie Vermehrung ber Torpedoboote; Nachsorderungen für das Reichsheer sollen dagegen nicht zu

jüngste Anwesenheit des Statthalters der ReichSlande, Feldmarschalls v. Manteuffel, in Berlin und feine hiermit zusammenhängende Reise nach Friedrichsruhe werden in der Presse noch mehrsach erörtert. Eine Berliner Correspondenz derSchles. Ztg." bezeichnet als Grund dieser Reise angeblich zwischen dem Reichskanzler und dem Statthalter über bie Politik bei letzteren be­gehende Differenzen, die durch das Eingehen des Herrn v. Manteuffel auf die Inten­tionen des Fürsten Bismarck geschlichtet worden seien. Die amtlicheElsaß- «otbr. Zta." bezeickmet diese Meldung als von Anfang bis Ende erfunden, dem gegenüber hält der Berliner Sorrefponbent berSchles. Ztg." feine Mittheilung aufrecht unb hebt hervor, baß ber Statthalter selbst seine Differenzpunkte mit bem Fürsten Bismarck erwähnt und als solche besonders bie Fälle Flottwell, Antoine unb Mang bezeichnet habe.

Die Vereinigte Linke be« österreichischen Abgeorbneten- Hauses hat in ihrer Fraktions-Sitzung vom 7. Februar einen für bie ge- lammte parlamentarische Lage in Oesterreich wichtigen Beschluß gefaßt. CS handelte sich nämlich um die definitive Beschlußfassung über die Frage, ob die liberalen Mitglieder des Abgeordnetenhauses unter den gegenwärtigen für sie so schwierigen Verhältnissen an den parlamentarischen Berathungen noch fernerhin Theil nehmen oder aber sich von denselben zurückziehen sollten. Viel­fache Zuschriften aus den Kreisen der liberalen Wählerschaft hatten das letztere gefordert: mit 75 gegen 25 Stimmen nahm indessen der Club der Linken eine Resolution an, des Inhalts, daß der Club mit Rücksicht auf die politische Slttla- tion es für geboten halte, im gegenwärtigen Zeitpunkte den parlamentarischen Verhandlungen nicht fern zu bleiben. Hiermit ist eine namentlich in den deutsch, böhmischen LandeStheilen mit großer Lebhaftigkeit betriebene Agitation zu ihrem vorläufigen Abschlüsse gelangt und verdient dieser von patriotischer Hingebung zeugende Beschluß nur entschiedene Billigung. Es ist immer noch besser für die Vertreter des liberalen Deutschthums im österreichischen Abgeordnetenhause, aus ihren Plätzen auszuharren, als eine Absiinenzpolitik einzuschlagen, deren Folgen sich für bie deutschen Interessen am ersten fühlbar gemacht hätten.

Dem französischen Cabinet ist für die Niederlage, welche dasselbe neulich in der Deputirtenkammer durch die Annahme des Antrages Clemenceau erlitten, eine glänzende Satisfaktion zu Theil geworden. Am Donnerstag fand in der Kammer die Wahl der Mitglieder zu der von Clemenceau beantragten Enquete-Commission statt, welche neue Erhebungen über die wirthschastliche Lage, speciell in Paris, ynstellen soll. Von den gewählten 44 ^ügliedern gehören 35 der ministeriellen Partei an, als welche dierepublikanische Vereinigung zu betrachten ist, während die Radikalen nebst der extremen Linken nur durch <) Mitglieder vertreten sind, die monarchistischen Fraktionen aber wurden voll­ständig ausgeschlossen. Herr Ferry hat demnach einen entschiedenen Sieg über die Coalition der radikalen Fraktionen und der Monarchisten, welche ihm in der Wirthschastssrage Opposition machen wollte, zu verzeichnen. Aus Tongking sind neuerdings recht günstige Nachrichten eingetroffen. Admiral Courbet meldet, daß die Aufständischen in der Provinz Namdinh unter bedeutendem Verlust ihrerseits vollständig zerstreut worden seien und daß zwischen den chinesischen Truppen und den Annamiten in Bacninh Uneinigkeit herrsche; die Beziehungen zum Hose von Huo seien fortdauernd die besten.

England stürzt sich jetzt Hals über Kopf in kriegerische Vor­kehrungen , um endlich den Siegeslauf des Mahdi zu hemmen, nachdem es den Ereignissen im Sudan so lange mit unbegreiflichem Phlegma zugesehen hat. Bereits ist ein Kriegsschiff mit ca. 500 Mann Marine-Infanterie von Ports­mouth abgegangen, welche dazu dienen sollen, die Besatzung des von den auf­ständischen Arabern zunächst bedrohten Suakim zu verstärken; weiter ist der Commandant des Mittelmeer-Geschwaders angewiesen worden, alle nur irgend­wie disponiblen Mannschaften ebenfalls nach Suakim zu entsenden. Zwei Infanterie-Regimenter des Lagers von Aldershot haben Befehl erhalten, fich zur sofortigen Einschiffung bereit zu halten. Im Ganzen sollen die für Egypten bestimmten Verstärkunaen 8000 Mann betragen. Die Mißstimmung, welche bie egyptische Zauderpolitik Gladstone's in ganz England erregt hat und durch die Niederlage Baker Pascha'S nur noch verstärkt worden ist, findet ihren Ausdruck in einem Mißtrauensvotum, welches die Conservativen diesen Dienstag gegen die Regierung im Unterhause einbringen wollen und eine ähnliche antimmisterielle

__L Darmstadt, 11. Februar. Der Landtagsabgeordnete Haas hat NamenS deS 4 Ausschusses Bericht erstattet über den Antrag der Abgeordneten Schade und Genossen auf Erhebungen über die Lage des kleinen und mittleren Gr^Der Ausschuß beantragt im Sinne deS Antrags Schade und Genossen:

Die Kammer wolle:

I. Großherzogliche Regierung ersuchen-.

a. die in Aussicht gestellte Vorlage wegen Anforderung der Mittel Zweck- Veranlassung einer umfassenden Enquete über die Lage des kleinen und mittleren Grundbesitzes, nach Anleitung der im Großherzogthum Baden durchgesührten Erhebungen, baldthunlichst und jedenfalls noch auf gegenwärtigem Landtage den Landständcn -ugehen iu

b. wegen' besserer Berücksichtigung der landwirthschofttichen Interessen bet Bearbeitung der regelmäßigen statistischen Ueberstchten über die Lage deS GrundschuldenstandeS das Erforderliche zu veranlassen;

II. den Antrag Schade und Genossen für erledigt erklären.

Aller Voraussicht nach wird die Kammer Mitte nächster Woche ihre Sitzungen clbbrrchen, um dann später, in 14 Tagen, dieselben wieder aufzunehmen.

Der Bericht deS -weiten Ausschusses über die Vorlage Großh. Min steriumS deS Innern und der Justiz, die Erbschaft«- und Schenkungssteuer betreffend, liegt nunmehr im Druck vor und wird ber Gegenstand bei nächster Session ebenfalls zur Berathung gelangen. _______ _________