Ausgabe 
12.10.1884 Zweites Blatt
 
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Die deutsche Kolonie Kamerun.

Von Dr. Anton Retchenow.

(Schluß.)

Wie bet allen Negerstämmen, haben die Frauen einen sehr untergeordneten Rang, gelten kaum mehr als HauSthiere und bilW. neben den Sclooen das Befitzthum des MauneS. Nach Ihrer Fruchtbarkeit sind sie von letzterem geschätzt, und ein solches Weid wird sehr hochgehalten, welches einmal, was sehr selten vorkommt, Zwillinge gebärt. Auch Mütter vieler Töchter erfreuen sich, weil die Mädchen an ihre künftigen Männer und Gebieter verkauft werden und somit dem Vater Einkünfte verschaffen, einer besonderen Achtung ihres glücklichen Ehegatten.

Staatliche Einrichtungen fehlen bet den Kamerungern fast vollständig. Die ein­zelnen Ortschaften haben ihre Häuptlinge, welche durchaus unabhängig einander gegen- überstehen, soweit nicht der mächtigere einen Einfluß auf die Nachbarn zu üben im Stande ist. Beständiger Hader und Streit wird natürlich die Folge solcher zerrütteten Verhällwsse, so daß auch die Ortschaften desselben Stammes in dauernder Fehde mit­einander liegen. Da der Tod eines freien Mannes, auch wenn letzterer im Kriege ge­fallen, Blutrache fordert, solche aber wieder eine neue seitens der Gegenpartei nach sich zieht, so können die Kämpfe niemals beigelegt werden. I« dieser Weise stehen in Kameruns die beiden mächtigsten Häuptlinge, die .Könige" Bell und Aqua in fast be- itändtgem Ringen einander gegenüber, an welchem die kleineren Häuptlinge, die in der Mehrzahl zu jenen verwandtschaftliche Beziehungen haben, mehr oder minder An- rheil nehmen. Die starke Einfuhr von Schußwaffen aller Art durch die Europäer hat die einheimischen Waffenarien, Lanzen, Speere und Pfeile, vollständig verdrängt. Meistentheils sind Feuerschloßgewehre im Gebrauch, natürlich ganz elende Schießprügel, die kaum begreiflich die ungeheure Ladung groben PuloerS aushalten, welche die Neger hineinsenken. Daneben findet man aber auch Hinterladerbüchsen. Trotz solcher Be­waffnung bleiben die Kämpfe recht harmlos, da die Neger mit den Gewehren nicht uwzugehen lernen. Das Ausblitzen deS PuloerS in der Pfanne fürchtend, wendet der Schütze beim LoSdrstckeu den Kopf weg; an ein Treffen ist da natürlich nicht zu denken. So werden denn m den Gefechten nur wenige Leute verwundet und zwar in der Regel nicht solche, welche in der Schlacht stehen, sondern Uvbethetltgte, die eine fehlgegangene Kugel zufällig erreicht. Auch kleine Böller werden benutzt. Da dieselbm keine Löffelten haben, so Überschlagen sie sich gewönlrch nach dem Schüsse durch die Rückwirkung der starken Ladung und erscheinen deßhalb den Negern höchst respekteinflößend. Nur die muth:gsten Leute wagen eS, die Böller zu bedienen. Weil aber auch diese ihr werth­volles Leben nicht tollkühn einer Gefahr auSsetzen, so stecken sie auf daS Zündloch einen Propfen angefeuchteten Pulvers, welcher angezündet langsam abbrennt und so dem betreffenden Kanonier Zeit gibt, sein kostbares Ich hinter einem Baume oder Wall in Sicherheit zu bringen, um dort dir Wirkung seiner kühnen That abzuwarten. Zur Kriegstracht gehört neben dem Gewehr einer Kürbtsflasche zur Aufnahme deS Pulvers und einem Lederbeutel für das Blei, was beides an einem Gehänge über die linke Schulter getragen wird, auch eine KrlegSkappe, welche aus Flechtwerk hergestellt, mit Ziegenfell überzogen oder mit rothen Papageifedern geschmückt wird. Während meines Aufenthalts in Kameruns fungtrten als KrtegSkappen auch einige preußische Pickel­hauben und sogar ein alter Damenstrohhut, den die Tochter eines englischen Missionars abgelegt hatte und um welchen der Besitzer sehr beneidet wurde. Beide kriegführende Parteien nehmen nun in der Regel Defrnsivstellungen ein. verschanzen sich gegen ein­ander und schießen erfolglos auf die gegenseitigen Verhaue, wochenlang, ohne Fort­schritte zu machen, wenn eS nicht der ejnen Partei gelingt, durch Ueberrumpelung einen Vorthetl Über den Gegner zu erringen. Auch zu Wasser werden Gefechte geliefert. Die ungeheuren KrtegSkanoeS, deren sich die Neger hierbei bedienen, fassen 50 btS 60 Mann, von welchen der größte Thetl das Ruder führt, während die Übrigen mit Büchfen bewaffnet sind. Zwei feindliche Kanoes halten sich, einander beschießend, in respectvoller Entfernung. Sobald aus dem einen ein Schuß fällt, liegt die Bemannung des Gegners in der Regel auf dem Boden detz Fahrzeugs oder springt auch wohl über Bord, wenn die Kugel allzu nahe über die Köpfe htnzischte. Aus solche Weise werben die Kriege zwecklos monatelang geführt. Hin und wieder erhäft die Erbitterung durch das Abfangen einzelner Leute, denen natürlich sofort der Kopf abgeschnitten wird, neue Nahrung; schließlich ermüden die Parteien oder werden durch den Verlust hervor­ragender Personen entmuthigt und es tritt eine längere Ruhe ein, bis der ungesühnte Tod eines im Kriege gefallenen wieder Vorwand zu einem Morde und damit Anldß zu neuen Kämpfen wird.

Die europäischen Kaufleute haben waS breitS angedeutet wurde in Kameruns, wie in den meisten sog.OelflÜssen" an der westafrikanischen Küste, keine Faktoreien am Lande, sondern wohnen mit Hab und Gut auf Schiffen, welche im

Fluffe verankert sind. ES geschieht dies einmal and dem Grunde, weil man den Auf­enthalt auf dem Flusse für gesünder hält als das Wohnen auf dem Lande, und dann auch der Sicherheit wegen zum Schutze gegen Belästigungen seitens der Neger, gegen deren unvermeidlichen Diebereien und gegen die Störungen, welche der beständige Hader der Schwarzen untereinander bereitet.

Oftmals ist es auch vorgekommen, daß die Neger, unzufrieden mit den ihnen für daS Palmöl gebotenen Preisen, eine Handelssperre eftfführten, nicht allein den Verkehr mit den Kaufleuten abbrachen, sondern diese auch verhinderten, mit ihren Booten den Fluß zu befahren oder an das Land zu kommen, eine Maßregel, welcher die Europäer machtlos gegenüber standen, so lange Kameruns freies Gebiet war und nicht eine Staatsgewalt sich einmischen konnte.

Die schwimmenden Depots und Wohnungen der europäischen Kaufleute sind zweierlei Art. Entweder werden die mit Tauschwaaren einlaufenden Seeschiffe im Strome verankert, abgetakelt, ihre Decks zum Schutze gegen die glühenden Sonnen­strahlen mit einem Dache versehen und bleiben so lange liegen, bis alle Maaren ver­kauft und der Schiffsraum dafür mit Palmöl, Elfenbein, Palmkernen, Rothholz und anderen Ausfuhrartikeln gefüllt ist, oder aber es werden wie das sittenS der deutschen Käufer Wörmann und Jauffen u. Thormäblen, welche neben einigen englischen Firmen den Handel in Kameruns in Händen haben, geschieht eigens für den Zweck ein­gerichtete Schtffsrumvfe, sogenannteHulks", dauernd v-rankert, in welche die je nach Erforderniß mehrmals im Jahre eintreffenden Schiffe die für den Tauschhandel ein- geführten Güter ablöschen, um dagegen die eingehandelten Exportartikel in Empfang zu nehmen. Zu ihrer Bedienung und zur Arbeit auf den Schiffen haben die Kaufleute, da die Eingeborenen von Kameruns zu träge und zu jeder Arbeit unbrauchbar sind, Kruneger im Dienste.

Es sind dies die Eingeborenen vom Cap Palmad, welche sich stets auf mehrere Jahre auf den Schiffen vermtethen, um nach Ablauf dieser Zelt von Landsleuten abgelöst zu werden. Als Köche werden hingegen die Eingeborenen von Ackra an der Goldküste gern beschäftigt. In ihren schmalen Kanoes bringen die Neger die LandeS- producte die werthvollsten sind Palmöl und Elfenbein an Bord der Hulks, um sie gegen Baumwollenzeuge, Rum, Tabak, Gewehre, Pulver, Salz, Seife, Perlen, Bandeisen, Messer und andere Erzeugntffe europäischer Industrie umzutauschen. Dieser Tauschhandel ist sehr langwierig, da die Neger die Bed-utung des Wortes Zeit nicht kennen, lange Überlegen, aber auch viel Schlauheit entwickeln, um einen möglichst hohen Preis zu erzielen. Bedeutenderen schwarzen Händlern machen die Kaufleute, um deren Kundschaft sich zu sichern, oft werthvolle Geschenke und nicht selten findet man daher in den armseligen Mattenhüiten große, mit Goldrahmen versehene Spiegel, prächtige Vasen und andere Luxuögegenstände, welche der Neger kaum zu würdigen versteht.

Die Wichtigkeit der Colovie Kameruns als Handelsplatz ist nicht zu unter­schätzen. ES werden ganz bedeutende Quantitäten von Elfenbein und Palmöl exportirt, und die Ausfuhr hot sich in den letzten Jahren stetig gesteigert. Ob es aber gelingen wird, hier eine Straße in daS innere Afrika zu eröffnen, ist eine Frage, welche in Hinsicht auf die Kürze des Kamerunflusses als schiffbare Wasserstraße entschieden verneint werden muß. Viel günstiger ist in dieser Hinsicht her Kalabarfluß. Die natürliche Verbindung der Westküste mit dem centralen Afrika aber bildet der Niger, dessen Nebenfluß Binue bis Adamaua und die Grenzen des centralafrikanischen Reiches Boruu führt. Der Lage im Centrum der westafrikanischen Besitzungen entsprechend, kann Kameruns als Flottenstation für Deutschland Werth erlangen. Es wird auch möglich werden, Kaffee- und Cacaoplantagen anzulegen, obwohl derartige Versuche bei der Unbrauchbarkeit der Eingeborenen alS Arbeiter auf nicht unbedeutende Schwierig­keiten stoßen müffen. Niemals aber wird dort eine Ackerbau-Colonie im gebräuchlichen Sinne des Wortes, eine Ansiedelung für Auswanderer geschaffen werden können; beim in dem afrikanischen Tropenkllma vermag der Europäer sich nicht zu accltmattsiren und Kameruns ist voa allen Punkten der mit Recht verrufenen Westküste Afrikas einer der gefährlichsten. Malariafieber und Leberkcankheiten treten hier in höchst bösartiger Form auf. In England hieß eS früher von den westafrikanischen Colonien, daß für dieselben stets zwei Gouverneure unterwegs seien, der eine, welchen man tobt zurück­bringe und der andere, welcher hinausfahre, um des Verstorbenen Stelle einzunehmen. Wenngleich nun in neuerer Zeit durch-richtigere Behandlung der Krankhestcn, mancherlei Erfahrungen hinsichtlich der Lebensweise und eine gesündere, dem Europäer zusagendere Ernährung, wie sie die Conservrn gestatten, die Verhältnisse sich günstiger gestaltet haben, so ist doch noch immer die Sterblichkeit unter den in Kameruns lebenden Kauf­leuten eine erschreckende und die Wahrscheinlichkeit, innerhalb weniger Jahre in fremder Erde gebettet zu liegen, wird für den hinausgehenden Europäer stets größer fein als die Aussicht auf eine glückliche Heimkehr.

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