Ausgabe 
12.6.1884
 
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Nr. 131 Donnerstag den 12. Juni 1881

Gießen« Anzeig«

Amts- md AkzeiMrtt für den Kreis Gießen.

BteeMWt Sch»!straß« 7. Erschsmt tägtt«, mit Auinahm« d-z M«nta«s. PrM vieritljührlich 2 Mark 2V Sßf. mit »ringeriote,

1 p ' B Durch bte Post bezogen vrerteljährlich 2 Mar? 50 Pf.

Kwllicher Pheit.

Betreffend: DaS Ober-Ersatz-Geschäft für 1884.

Bekanntmachung.

Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1884 wird im Kreise Gießen

Montag den 7. Juli, im Rathhause zu Lich, Vormittags V29 Uhr,

Dienstag den 8. Juli, in dem alten Nathhause zu Gießen, Vormittags V28 Uhr,

Mittwoch den 0. Juli, daselbst, Vormittags V28 Uhr,

Donnerstag den 10. Juli, im GasthausZum Rappen" zu Grünberg, Vormittags V28 Uhr, stattfinden.

Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade in sämmtlichen ÄushebungSorten zu gestellen:

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c. die zur Ersatz-Reserve I. Klasse in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen;

d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen; e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Soldaten;

f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.

Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militärpflichtigen f. H. zugehen, welche den.Betreffenden unverzüg­lich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 8 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen find außerdem anzuweiseu, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen.

Die zur Beurtheilung von Reklamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.

Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.

Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober-Ersatzgeschäste selbst anwesend zu sein und sich darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen rechtzeitig zur Stelle sind.

Gießen, am 12. Juni 1884. Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.

Dr. Hoffmann, Regierungsrath.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 11. Juni.

Die Grundsteinlegung zum neuen Reichstags-Gebäude, welche am Montag in Berlin unter entsprechenden Feierlichkeiten vor sich ging, ist mit einem geschichtlich denkwürdigen Datum auf das Innigste verknüpft. Am 9. Juni 1871 unterzeichnete Kaiser Wilhelm das Gesetz, welches die Ver­ewigung Elsaß-Lothringens mit dem deutschen Reiche aussprach. Die Wieder­gewinnung dieser Provinzen, hieß es in der betr. Denkschrift, sei das erhebende sichtbare Ereigniß der gemeinsamen kriegerischen Action, durch welche Deutsch­land in Abwehr des französischen Angriffes aus seine Unabhängigkeit seine Ein­heit und Größe wiedergewonnen habe; jene Länder seien der Siegespreis der Kämpfe, in welchen alle deutschen Stämme mit- und nebeneinander geblutet hätten; sie seien das äußere Pfand der Einheit des deutschen Reiches, mit ver­einter Kraft errungen, mit vereinter Kraft zu vertheidigen. Dreizehn Jahre sind seit diesem bedeutungsvollen Tage verfloffen und in diesem Zeitraum ist dem äußerlichen Aufbau des deutschen Reiches der innere Ausbau gefolgt und wenn auch diese Periode nicht ohne große parlamentarische Kämpfe vorüber- gegangen ist und außerdem dieser Ausbau noch keinesfalls seinen Abschluß erreicht hat, so ist innerhalb dieses Zeitraumes doch schon Bedeutendes erreicht worden. Mit Recht hat sich daher die Grundsteinlegung zu dem neuen Gebäude, in welchem dereinst das oberste Parlament seine Thätigkeit ausüben wird, in dem Rahmen einer auch äußerlich eindrucksvollen und würdigen Feier vollzogen und je größer die Schwierigkeiten gewesen sind, welche dem Bau des neuen Parlaments-Gebäudes in mannigfacher Beziehung entgegentraten, um so freu­diger begrüßen wir es, daß es gelungen ist, alle diese Schwierigkeiten zu besei­tigen. Unser greiser Kaiser selbst hat die ersten Hammerschläge zu dem Grund­steine des neuen Gebäudes gethan und diese symbolische Handlung giebt nach einer großen und bewegten Zeit einer neuen Epoche für das deutsche Reich die rechte Weihe. Und diese feierliche Handlung, sie vollzog sich unter dem Eindrücke jener glänzenden Erfolge, welche die deutsche Politik seit der Gründung des neuen Reiches vornehmlich nach Außen bis aus den heutigen Tag aufzuweisen gehabt hat, denn keinen Erdenwinkel giebt es, auf welchem sich der Einfluß Deutschlands nicht geltend machte; bis hinunter nach Südafrika erstreckt sich derselbe und recht bezeichnend für diese Machtentwickelung ist es, daß dem Feste der Grundsteinlegung die Abgesandten der Transvaal-Republik beiwohnten, welche nach Berlin gekommen sind, um mit dem deutschen Reiche einen Han­delsvertrag abzuschließen. Mögen die parlamentarischen Vertreter unseres Volkes dieser Bedeutung Deutschlands und seiner Politik für den gesammten Erdkreis stets eingedenk sein und die kleinlichen Partei-Jntereffen, welche immer und immer wieder störend in die gedeihliche Entwickelung unseres Vaterlandes ein­greifen, hintenan setzen es wird dann auch die parlamentarische Arbeit noch schönere und segensreichere Früchte zeitigen.

Der Reichstag hat am Dienstag seine Verhandlungen zunächst mit der Berathung des conservativen Antrages auf Abänderung des § lOOe (Innungen) der Gewerbeordnung wieder ausgenommen. Der Antrag gipselt br.rin, daß Innungen, welche in der Lehrlingsfrage praktische Erfolge zu ver­zeichnen haben, befugt sein sollen, solchen Meistern, welche der Innung nicht angehören, das Halten von Lehrlingen von einem gewissen Zeitpunkte an zu

I untersagen. Ein ähnlicher Antrag war im Reichstage schon früher einmal ein* ! gebracht, aber ab gelehnt worden und dies,-wie uns dünkt, mit Recht, da der­selbe bedenkliche Consequenzen nach sich ziehen müßte; leider ist der jetzige Antrag in der gestrigen Sitzung mit 157 gegen 144 Stimmen angenommen worden.

Der am Sonntag in Karlsruhe abgehaltene badische national­liberale Parteitag war von mehr als 3000 Theilnehmern besucht und hat eine von Kiefer und Eckhardt (Mannheim) begründete Resolution, welche die volle Zu­stimmung der badischen Nationalliberalen zu den in Heidelberg und Berlin be- schloffenen Resolutionen ausspricht, einstimmig angenommen.

Der kroatische Landtag, welcher erst in voriger Woche zusammen­getreten ist, hat bereits wiever eine jener Scandalscenen gezeitigt, welche gerade in der Agramer Landstube keine seltenen Erscheinungen sind. Wie üblich, ging der Scandal auch diesmal von der unter Führung des Abg. Starcevic stehen­den radikalen Partei aus und hatte sogar eine Forderung des Abg. Starcevic von Seiten des der Regierungspartei angehörigen Abg. Josipovic zur Folge. Ein Duell sand indeß nicht statt, da Starcevic erklärte, daß er nicht die Absicht gehabt habe, die Majorität zu beleidigen und daß er bereit sei, Abbitte zu leisten.

Die erregten Verhandlungen der sranzösischen Deputirtenkammer über die Verwaltung Korsikas haben am Samstag mit der Annahme der vom Conseilpräsidenten Ferry verlangten einfachen Tagesordnung geendet. Herr Ferry hat sonach den Angriff, welchen die vereinigten Gruppen der Radikalen und Monarchisten gegen ihn unternahmen, abgewiesen, aber allzuglänzend ist dieser Erfolg nicht. Die Kammer-Verhandlungen haben dargethan, daß in der korsikanischen Verwaltung Manches faul ist und dieser Eindruck ist auch durch die ministeriellen Erklärungen nicht abgeschwächt worden. Wenn trotzdem die Kammer-Majorität der Regierung ihr Vertrauen ausgedrückt hat, so ist das eben ein Beweis, wie feste Wurzeln das gegenwärtige französische Ministerium auch auf dem schwankenden parlamentarischen Boden gefaßt hat und dies liegt in der erfolgreichen auswärtigen Politik Ferry's begründet. Dieselbe feiert soeben einen neuen Triumph, denn nach übereinstimmenden Meldungen aus Paris und London ist nunmehr in der Conferenzsrage ein Einverständniß zwischen Frankreich und England erzielt worden. Dem Vernehmen nach basirt dasselbe auf einer Fixirung der Dauer der englischen Occupation in Epypten und der Annahme einer internationalen Finanzcontrole, was also die Annahme der fran­zösischen Forderungen Seitens Englands bedeutet.

Die diplomatische Action, welche die englische Regierung beim König Johannes von Abyssinien eingeleitet hatte, um denselben zu einer Diver­sion zu Gunsten der egyptischen Garnisonen im Sudan zu bewegen, scheint volt­ständig gescheitert zu sein. Admiral Hewett, welcher mit dieser Mission beauf­tragt war, soll von dem abysstnischen Herrscher gar nicht vorgelassen worden sein. Wie das in Kairo erscheinende Journal:Der egyptische Bosporus" meldet, hat König Johannes erklärt, er müsse es bestimmt ablehnen, den Garni­sonen im Sudan durch seine Truppen Hülfe zu bringen.und ebensowenig könne er den Durchmarsch englischer Truppen durch abyssiuisches Gebiet gestatten. Das ist ein empfindlicher Schlag für die Gladstone'sche Politik, um so empfind­licher, als gerade jetzt osficielle Meldungen aus Suakim besagen, daß sich Berber den Aufständischen ergeben habe. Ein Theil der egyptischen Garnison sei hierbei vom Feinde niedergemacht worden, der andere zum Feinde übergegangen. Man