Ne. 133 Mittwoch den 11. Juni 1881
Gießener Anzeiger
Amts- mb AszeiZeblatt für bett Kreis Meßen.
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AwLticher HhZil.
Nr. 16 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr. 1545.) Gesetz, betreffend die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie vom 21. October 1878. Vom 28. Mai 1884.
(Nr. 1546.) Gesetz, betreffend die Abänderung des Gesetzes über die eingeschriebenen HAfskaffen vom 7. April 1876. Vom 1. Juni 1884.
Gießen, den 10. Juni 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
WoUtische Weberficht.
Gießen- 10. Juni.
Unter dem Eindruck einer erhebenden und bedeutungsvollen Feier, als welche sich bte Grundsteinlegung zum neuen NeichstagSgebäude charakterifirt, tritt der Reichstag an diesem Dienstag für den Nest seiner Session wieder zusammen. Wie in dem vorangegangenen Sessions-Abschnitte das Socialistengesetz die piece de resistence, den Kernpunkt der Verhandlungen, bildete, so ist dies jetzt mit der Unfallversicherungs-Vorlage der Fall und ihr gegenüber tritt das Interesse an den übrigen Gesetzentwürfen, welche bett Reichstag in dem letzten Abschnitte der Session noch beschäftigen werden, verhältnißmäßig weit zurück. Schon jetzt ein bestimmtes Urtheil über das endgültige Schicksal der Vorlage abgebe«, wäre verfrüht, zumal wenn man die überraschenden Wandlungen, welche dieselbe in den Commissions-Berathungen durchgemacht hat, in Betracht zieht. Indessen läßt sich aber doch die begründete Erwartung aussprechen, daß dieses wichtige Gesetz schließlich die Zustimmung des Reichstages finden wird, da ja alle staatserhaltenden Parteien, selbst die deutsch-freisinnige Partei nicht ausgeschlossen, die Rothwendigkeit desselben anerkannt haben und selbst wenn der Reichstag in dem Zeitraum, während dessen er noch versammelt sein wird, weiter nichts zu Stande bringen würde, als eben die Unfallversicherungs- Vorlage, wäre dieses Resultat mit Freuden zu begrüßen.
In Berlin hat am Donnerstag die Conferenz von Vertretern deutscher Handelskammern stattgefunden, welche von dem Aeltesten-Collegium der Berliner Kaufmannschaft einberufen worden war, um ihr Urtheil in Sachen des neuen Börsensteuer-Gesetzentwurses abzugeben. Die von mehr als 30 Repräsentanten kaufmännischer Korporationen besuchte Versammlung war in der Zurückweisung der Vorlage einig und wurde die Absendung einer Petition an den Bundesrath beschlossen, in welcher die neue Steuer-Vorlage in ausführlichster Weise beleuchtet und vom Bundesrathe die vollständige Ablehnung des ganzen Gesetzentwurfes verlangt wird.
Heber den Stand der Verhandlungen zwischen Preußen und Rom bringt ein Telegramm der „Germania" aus Rom nähere Aufklärung. In demselben heißt es: „Nachdem die preußische Regierung die drei vom Papste für den erzbischöflichen Stuhl in Gnesen-Posen vorgejchlagenen Can- didaten abgelehnt hatte, schlug sie einen neuen Candidaten vor. Der Vatikan erklärte, der Kandidat sei nicht absolut unmöglich, doch müsse Preußen vorerst erklären, was es für den Frieden thun wolle. Herr v. Schlözer verweigerte dies, indem er vorschützte, die Ledochowski-Frage sei für sich allein zu behandeln. Es trat eine Krisis ein. In den letzten Tagen machte Herr v. Schlözer wiederholte Versuche. Der Vatikan nimmt eine abwartende Stellung ein."
Von der Reichsregierung ist ein entscheidender Schritt in der Artilleriesrage gethan worden. Sie hat sich entschlossen, jede Feldbatterie anstatt der bisherigen vier Geschütze bereit sechs, und zwar bereits zu Friedenszeiten, führen zu lassen. In Regierungskreisen zweifelt man nicht an der Zustimmung des Reichstages, zumal in Hinblick darauf, daß die Geschütze selbst in der erforderlichen Anzahl vorhanden sind.
Die französische Deputirtenkammer hat sich in der letzten Woche wiederholt mit der Affaire St. Elme beschäftigt, welche die monarchistischen Gruppen und die Radikalen augenscheinlich gegen das Eabinet Ferry aus- Mbeuten bestrebt sind. Der Journalist St. Elme hatte s. Z. die Verwaltung Korsikas, welche der Mehrzahl nach aus Gambettisten besteht, scharf angegriffen, was ihm, wie die radikalen Blätter behaupten, von Seiten der Gambettisten schwere körperliche Mißhandlungen zugezogen haben soll, durch die angeblich fein Tod herbeigeführt worden ist. Die Kammerverhandlungen haben nichts erwiesen, was diese Anschuldigung bekräftigen könnte und Präfekt, Staatsanwalt und Polizei von Korsika protestiren dagegen, daß sie St. Elme, der übrigens als ein „Revolver-Journalist" der schlimmsten Sorte geschildert wird, förmlich aus der Welt geschafft hätten. Die Debatten über diesen Fall spielten sich schließlich auf eine Erörterung der allgemeinen Zustände auf Korsika hinaus, doch ist es der Opposition nicht gelungen, dem Ministerium gern) Bei dieser Gelegenheit mit Erfolg eins am Zeuge zu flicken.
Die englische Presse erörtert noch mit großer Lebhaftigkeit den bekannten „G."-Artikel der „Fortnightlp Review." Sehr bemerkenswerth erscheint eine Auslassung der „Pall Mall Gazette", welche entschieden gegen die in dem Artikel ausgesprochenen Anschauungen protestirt und betont, daß dieselben keineswegs denen der englischen Liberalen entsprächen. England müsse unter allen Umständen die Freundschaft Deutschlands höher schätzen, als diejenige Frankreichs, da die durch und durch friedliche deutsche Politik der unruhigen und aggressiven Politik Frankreichs entschieden vorzuziehen sei. Die englischen Interessen collidiren mit denen Frankreichs überall und dies sei für England genug Grund, die Freundschaft Deutschlands aufts Sorgfältigste zu pflegen. — In
der Unterhaus-Sitzung vom Freitag halte die Regierung wieder mehrere auf die Lage im Sudan bezügliche Anfragen zu beantworten, doch erhellt aus diesen Antworten, daß die englische Regierung über die augenblicklichen Verhältnisse im Sudan eigentlich ebensowenig wie die übrige Welt etwas Bestimmtes weiß. Anlangend die abyssinische Mission des Admiral Hewett, erklärte der Regierungs- Vertreter, Unterstaatssecretär Lord Fitzmaurice, daß Hewett in Adowa eine freundliche Aufnahme gesunden habe und daß Aussicht auf einen guten Erfolg vorhanden sei.
Die norwegische Verfassungs-Krisis ist trotz der Entlassung des bisherigen Ministeriums unter Selmer noch nicht als beseitigt zu betrachten. Es haben sich auch zwischen den neuernannten Ministern und der radikalen. Storthings-Majorität Differenzen ergeben, da das neue Ministerium den norwegischen Radikalen ebenfalls noch nicht nach dem Herzen ist; Professor Bloch soll daher aufgesordert werden, in das Ministerium einzutreten und einen Kompromiß anzubahnen. Gegenwärtig weilt König Oscar wiederum in Khristiania, ob aber seine wiederholten Besuche in der norwegischen Hauptstadt eine Verständigung zwischen Regierung und Storthing zur Folge haben werden, muß man vorläufig bezweifeln.
Die Dynamit-Epidemie scheint nun auch Spanien zu ergreifen. Nachdem Bahnfrevler im nördlichen Katalonien einige schüchterne Dynamit-Versuche in Scene gesetzt, wird jetzt aus Barcelona, der zweiten Stadt und dem größten Fabrikori des Landes, ein Dynamit-Attentat gemeldet, welches mittelst einer Höllenmaschine auf der Rambla ausgeftchrt wurde. Die Rambla ist ein breiter Boulevard, die Hauptverkehrsader der Stavt, welche dieselbe von Nordwesten nach Südosten bis zur Muralla del Mar ober Hafenbastei durchschneidet. Die Explosion scheint glücklicher Weise in ihren Wirkungen hinter Den Erwartung der Attentäter zurückgeblieben zu sein. Das Erscheinen des Dynamits mitten in Barcelona wird das Eabinet Eastillo jedenfalls zu besonderen Maßregeln veranlassen, da das spanische Manchester der Hauptsitz aller unruhigen Elemente jenseits der Pyrenäen ist.
In Khicago trat am Donnerstag die republikanische National- Konvention zusammen, um über die Eandidaten-Frage anläßlich der bevorstehenden Präsidentenwahlen Beschluß zu fassen. Es ist dies ein schweres Stück Arbeit, denn die Abstimmungen über die vorgeschlagenen 6 Kandidaten nahmen den ganzen Freitag in Anspruch. Schließlich wurde Senator Bla ine einstimmig zum Präsidentschafts-Kandidaten der Republikaner ernannt; Logan wurde zum VicepräsidentschaftS-Kandidaten nominirt.
IeBtschlünd.
Darmstadt, 9. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 29. Mai den Steuercommiffär des Steuercommiffariats Homberg, Steuerrath Wilhelm Langsdorf, mit Wirkung vom 15. Juli d. I. auf fein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 9. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog und hohe Familie sind gestern Mittag wohlbehalten in Peterhof bei St. Petersburg angekommen. Der hohe Bräutigam war bis an die Grenze entgegengefahren und begleitete die hohe Braut auf der Fahrt über Kowno, Wilna, Pekow nach Peterhof. Die hohen Reisenden wurden daselbst auf das Glänzendste empfangen.
Am nächsten Samstag, den 14. d. Mts., wird die hohe Braut von Peterhof aus Ihren Einzug in St. Petersburg halten und wird am Sonntag den 15. ds. die eigentliche Trauung und Hochzeitsfeier stattfinden.
Darmstadt, 9. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Heutigen Se. Königl. Hoheit den Erbgroß- herzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein zum Seconbe-Lieutenant L la suite des 1. Infanterie- (Leibgarde-) Regiments Nr. 115 zu ernennen geruht.
—1. Darmstadt, 10. Junt. [gmdte Kammer der LandstLnde.) Der Abgeordnete Metz hat unter dem 4. d. M. eine Interpellation bet dem Präsidium zweiter Kammer etngercicht, den Stand der Vorarbeiten wegen Erhöhung und Verstärkung der hessischen Rheindämme und sonstigen Ufer-Schutzbauten betreffend. — Derselbe führt aus:
»In der Sitzung der 2. Kammer vom 30. Januar L I. hat der Großherzogliche RegierungScommtssär erklärt, daß ein besonderer Techniker mit der Fertigung von Vorarbeiten für das Project eines vollständigen Dammsystems beauftragt und beabsichtigt sei, das Project vor Vorlage an die Stände auswärtigen Technikern zur Prüfung vorzulegen; diese Erklärung steht im Wesentlichen im Einklang mit früheren Erklärungen der Regierung, bezw. Beschlüssen der Stände wegen Beschleunigung der Arbeiten der Correctton des RheineS und seiner Ufer auS November 1880 und März 1881. Die 2. Kammer ersuchte noch am gleichen Tage einstimmig die Regterunr um baldigste Inangriffnahme der Vorarbeiten für endgültige Projette über die aut verschiedene« Rheinstrecken beabsichtigten Correctionsarbetten.


