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11.5.1884 Drittes Blatt
 
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I. Blitz.

Ne. HO* Drittes Blatt Sonntag den 11. Mai Ü8KL

Gießener Anzeiger

Amts- Md AnzeiMatt für den Kreis Gießen.

Vmersur Schulstraße 7.

Erscheint tLKtki^ mit Ausnahme des Montag-.

Preis vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit BringettoLn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar? 50 Ps.

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Amtlicher Theit.

Gießen, am 9. Mai 1884.

Betreffend: Anfrage der französischen Regierung über die gewerblichen Verhältniffe des Großherzogthums.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grost her Möglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Die französische Regierung hat um Auskunft über die gewerblichen Verhältnisse des Großherzogthums ersucht. Wir beauftragen Sie demgemäß, zu-- folge Auftrags Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, alsbald zu berichten, wie viel

1) Vereine, welche die Unterstützung ihrer Mitglieder im Falle von Erwerbsunfähigkeit bezwecken,

2j Creditgenossenschaften (Vorschuß- und Ereditvereine, Darlehnskassenvereine u. dgl.),

3) Sparkassen und Sparvereine,

4) Consumvereine (Vereine zum gemeinschaftlichen Einkauf von Lebensbedürfnissen im Großen und Ablaß in kleineren Partieen an ihre Mitglieder),

5) Produetivgenoffenschaften (Vereine zur Anfertigung von Gegenständen und zum Verkauf der gefertigten Gegenstände auf gemeinschaftliche Rechnung) sich in Ihren Gemeinden befinden, welche, bezw. wie viele von diesen nur von Arbeitgebern, oder nur von Arbeitnehmern, oder von Personen dieser beiden Kategorien gebildet werden, und welche bezw. wie viele eine besondere behördliche Genehmigung erhallen haben.

Dr. Boekmann.

Betreffend: Die Ableistung des Verfassungseides. Gießen, den 10. Mai 1884.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen, welche noch im Rückstand sind, erinnern wir an die alsbaldige Erledigung unseres Ausschreibens vom 26. v, M , enthalten in Nr. 99 des Gießener Anzeigers.

Dr. Boekmann.

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Darmstadt, 8. Mai. Auf Grund Allerhöchster Entschließung Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs vom 3. Mai l. Js. ist dem Herrn Jul. Adolph Fehr d»s Exequatur als Königlich Portugiesischer Viceconsul in Mainz ertheilt worden.

Darmstadt, 8. Mai. Die am Dienstag den 13. Mai, Vormittags 91/2 Uhr, stattfindende 15. Sitzung der ersten Kammer der Stünde hat folgende Tagesordnung:

I. Reue Eingaben.

II. Berichterstattungen.

III. Berathung und Abstimmung über:

1) den Gesetzentwurf, die Enteignung von Grundeigenthum betr.;

2) Gesetzentwurf, die Erbschafts- und Schenkungssteuer betr.;

3) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag der Abgg. Herren Schröder und Genossen aus Aushebung des Gesetzes vom 3. Mai 1858, die Bildung der Ortsvorstände betr., und des Abs. 3 des Art. 1 des Gesetzes vom 22. November 1872, die Mitwirkung der Forensen bei der Festsetzung des Gemeinde-Voranschlags betr.;

4) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag der Abgg. Herren Wasserburg, Franck und Pennrich aus Abänderung der Gesetzgebung bezüglich der Wahlen der Abgeordneten zur zweiten Kammer der Stände, sowie über verschiedene auf diesen Antrag bezügliche Petitionen, betr. die Einführung des directeu Wahlrechts bei den Landtagswahlen;

5) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag des Abg. Herrn Metz, die Abänderung des Gesetzes vom 8. November 1872 über die Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände und die Wahlen der Abgeordneten betr.;

6) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag des Abg. Herrn Schröder auf Einführung einer Scala der Prämiensätze bei der Lan- desbrandversicherungs-Anstalt;

7) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag des Abg. Herrn Dittmar aus Revision, bezw. Erweiterung des Gesetzes vom 26. Juli 1848, die Ausübung der Jagd und Fischerei in den Provinzen Star­burg und Oderheffen betr.;

8) Mittheilung der zweiten Kammer über den Antrag der Abgg. Frhrn. v. Nordeck zur Rabenau und Genossen, die Errichtung einer Landes- Kreditkasse betr.;

9) Recommunication der zweiten Kammer bezüglich der Beschwerde-Vor­stellung des bischöflichen Domkapitels zu Mainz in Betreff der Anord­nung und Ertheilung des katholischen Religions-Unterrichts in den Schulen des Großherzogthums;

10) Recommunication der zweiten Kammer bezüglich des Antrags der Abgg. Herren Franck, Betz, Geier, Pennrich und Racke auf Vorlage eines auf Aushebung der Art. 16, 17 und 23 des sog. Schulgesetzes (der obligatorischen Fortbildungsschule) gerichteten Gesetzentwurfs;

11) Recommunication der zweiten Kammer:

1. bezüglich des Gesetzentwurfs, die Gewann- und Parzellen-Ver- messung und die dazu gehörigen Anträge betr.;

2. den Antrag des Abg. Frhrn. v. Nordeck zur Rabenau, die Landes­kultur-Gesetzgebung betr.;

3. den Antrag der Abgg. Frhrn. v. Nordeck zur Rabenau und Schade, die Herstellung eines die Landeskultur-Gesetzgebung umfassenden Sammelwerks betr.

Zur Auswanderungsfrage.

Mit Beginn der wärmeren Hett eines jeden Jahres steigt die Auswand'.ruug nach den überseeischen Ländern. So auch dieses Jahr wieder. Zeitiger eil sonst melden die Zeitungen von Auswanderermassen, die, veranlaßt durch baS zeitige Früh­jahr, heuer sich früher in Bewegung gesetzt haben, als dies andere Jahre geschehen ist. Äber auch im Allgemeinen steigt die deutsche Auswanderung. Aus vielen Gegenden laufen die Meldungen ein, daß allerorts weit mehr ^gerüstet wird, als in den Vor­jahren. Selbst aber Gegenden, die das WortAuswanderung" bislang nicht kannte», senden jetzt zahlreiche Kräfte über den Ocean, und so nimmt die zügellose, fort und fori steigende Auswanderung einen beinahe drohenden Charakter an.

Welches nun sind die Ursachen dieser in wirthschaftltcher, socialer und politischer Hinsicht gleich bemerkenSwerthen Erscheinungen? Unzweifelhaft ist, daß einer der wichtigsten Beweggründe bis noch vor wenig Jahren, und gewissermaßen noch heute, in demjenigen Lande zu suchen ist, nach welchem fast ausschließlich die brutschen Nus­wanderermassen htnströmen, das sind die Vereinigten Staaten von Nordamerika. ES Ist dieS auch ganz natürlich, daß sich die Auswanderung dorthin gedrängt hat. Nament­lich tn den Vereinigten Staaten bietet sich dem Unternehmungsgeist ein weit größeres Feld als in Europa. Dort entstehen alljährlich neue BevölkerungSanhäufungen, neue Städte und plötzliche Vergrößerungen älterer Städte. Es lag tn der Natur der Dinge, daß sich dort das Geschäft nach dem furchtbaren Bürgerkriege eher und schneller wieder erheben mußte, als dies im alten Europa, nach Verrauschen des Milltardenzaubers, möglich ist. Und fast möchte angezwerfelt werden, ob die frühere Blüthe deS euro­päischen Gewerbestandes, namentlich in Anbttrachr der Uebcrfüllung aller Erwerbs- zweige, wieder erlangt wird.

Seit einiger Zeit aber wird die Aufmerksamkeit der auswanderungslustigen Be­völkerung m?br auf Südamerika gelenkt und sind dies vorzugsweise die Staaten Arg.nttnten, Paraguay und die südlich gelegenen Ländereien von Brasilien. Auch dort hat ein verheerender Krieg fast alle Werthe und Besitzungen vernichtet. Der Bau neuer Städte, die Anlage von großen Gas- und Wasseranftalten, die Herstellung von Verkehrsmitteln zur Verbindung neuer Wohnplätze, dir Inangriffnahme neuer und Wiederherstellung alter Bergwerke und die Errichtung zahlloser gewerblicher Etablisse­ments, dies alles eröffnet aber nicht nur dem Unternehmer und Ingenieur, sondern hauptsächlich auch dem Arbeiter viel größere Chancen zu zufriedenstellendem Fort­kommen. Die Extstenzgarantie dort ist eben eine größere. Und so kommt es, daß unsere mit den hiesigen Verhältnissen und der gebotenen zu geringen Extstenzgarantie unzufriedene Arbetterbevölkerung dem heimathlichen Boden den Rücken kehrt. Es ist unzweifelhaft, daß sich der großen Bcvölkerungsmassen ein tiefer Mlßmuth bemächtigt hat, eine Stimmung, so trübe, daß ihnen die Verhältnisse des Vaterlandes, wenn nicht verleidet, so doch nicht mehr lieb genug sind, um Freude am fernen Weiterbleiben zu haben. Mangel/ oft auch Nolh, Arbeiterentlassungen, Lohnherabfftzungen trugen das Ihrige dazu bei, die Auswanderungslust zu erhöhen. Wenn auch tn der letzteren Zeit die geschäftlichen Verhältnisse sich gebessert haben, wenn sehr viele Industriezweige wieder vollauf Beschäftigung haben und in den meisten Branchen wieder gut bezahlte Kräfte gesucht werden, so hat dos den Auswcmderungsstrom doch nicht zu hemmen gewußt, und einmal im Fluß, bedarf es großer staatlicher Umwälzungen, um ihm einen anhaltenden Damm entgegevzusetzen. Die Wurzeln, welche den Arbeiter an die Scholle fesselten, find aber zu sehr gelockert worden. Nichts hält ihn mehr zurück. Lieber reißt er sich aus seiner bisherigen Lebensweise heraus und tritt tn ein Land und zu einem Volke über, dessen Sitten und Gebräuche ihm fremd sind und dessen Sprache ihm unverständlich ist.

Bringt aber nun die Auswanderung dem Mutterland Nutzen oder Schaden?

ES würde auf eine vollständige Berk nnung der Verhältnisse hinauslaufen, wollte man in der Auswanderung ein sthr großes Uebel erblicken, eine Volkskcankheit, die mit allen zu Gebote stehenden Mitteln unterdrückt werden müßte. Im Gegentheil ist zu behaupten, daß die Bluteniziehung, welche die Auswanderung für den socialen Körper bedeutet, nicht nur wohlthättg wirken kann, sondern in der That oft genug heilsam gewesen ist. Ein Blick in die Geschichte beweist uns dies tausende Male, die Lücken im Erwerbsleben, welche die aus derHelmaih Scheidenden zurücklassm, geben andern ver­mehrte und besser gelohnte Arbeitsgelegenheit, die Extstenzgarantien werden vermehrt. Auch in socialer Hinsicht ist zu beachten, daß die Lösung vieler gesellschaftlicher Be­ziehungen die Anknüpfung mancher andern gestattet, welche jedenfalls einen erfrischenden Einfluß auf das Volksleben ausüben. Die verheerenden Wirkungen eines großen Krieges gleichen fast genau der Auswanderung. Beide erstrecken sich in überwiegendem Grade auf daS männliche Geschlecht. Es ist nun eine oft wiederholte Erfahrung, daß