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Der Vorstand.

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fhs 109, Samstag den 10. Mai 18S1

Sießener Anzeiger Amts- und Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.

: Gchulstraße 7.

, J5 1 iv - r <3 m Breis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Dringer!eh?t,

Erscheint täglich mit Ausnahme des MorrtsgS. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pi.

Amtlicher Hheil.

Gesandten in Marokko, Ortega, die Absetzung des franzosenfeindlichen Gouver­neurs von Wazan verlangt, welche Forderung aber der Sultan von Marokko entschieden zurückgewiesen hat. In Folge dessen ist von Ortega der diplomatische Verkehr mit der marokkanischen Regierung abgebrochen worden und der Streit in ein akutes Stadium getreten.

Dem Cabinet Gladstone steht bezüglich seiner egyptischen Politik wieder eine schwere parlamentarische Stunde bevor. Am Montag findet im Unterhause die Berathung des Antrages Hicks-Beach statt, der als ein scharfes Tadelsvotum für die egyptische Politik Gladstones zu betrachten ist. Zwar treffen die Anhänger der Regierung Vorkehrungen, durch mildernde Amendements die Wirkung des Antrages möglichst abzuschwächen, trotzdem sieht man in diesen Kreisen der Debatte Nichte ohne Sorgen entgegen, dies um so mehr, als Gordon in einem neuerlichen Telegramm seine Preisgebung durch England aus's Schärfste verurtheilt und somit der Opposition eine neue Handhabe zu ihren Angriffen auf das Cabinet Gladstone gewährt-

Nachdem die Opposition in der italienischen Deputirten- f am in er in ihrem Sturmanlaufe auf die Beccelli'sche Reform der höheren Lehranstalten nur teilweise reussirt hat, versucht sie, auf andere Weise dem inzwischen reconstruirten Cabinet de Pretis beizukommen. Als Zielpunkt ihrer Angriffe hat sich jetzt die Opposition die von der italienischen Regierung mit verschiedenen Eisenbahn-Gesellschaften abgeschlossenen Verträge erkoren. Es ist hierüber von den Gegnern der Negierung bereits eine Interpellation eingebracht worden, welche vermuthlich zu einer erregten Debatte sühren wird.

Die Präsidentschafts-Wahlbewegung in der nordamerikanischen Union ist bereits im vollen Flusse. Die Conventionen der verschiedenen Staaten haben fast sämmtlich ihre Deputirten bereits gewählt und werden demnächst die Delegirten der republikanischen Conventionen in Chicago zusammenkommen, um die Candidaten der republikanischen Partei für Den Präsidenten-, resp. Viceprä- sidenten-Posten zu nominiren. Man glaubt, daß bezüglich des ersteren Senator Blaine die meisten Stimmen auf sich vereinigen werde.

Zur Bekämpfung oder vielmehr zur Eindampfung des Aufstandes im Sudan greift man jetzt in Kairo zu einem seltsamen Mittel. Es soll nämlich eine englisch-egyptische Recognoscirungs-Expedition, von Beduinen escortirt, am Nil aufwärts gehen, um die Bewegungen des Mahdi zu beob­achten. Die Beduinen sollen einen Kordon von Assuan bis Dongola bilden, um die Emissäre des Mahdi zu verhindern, nach Ober-Egypten vorzudringen.

Großherzoalicheö Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Pferdemarkt - Comit^ zu Fritzlar dre Erlaubnrß ertheckt, die Loose einer von dem­selben am 17. Juli d. I. in Fritzlar zu veranstaltenden Verloosung von Pferden, Wagen, Fahr- und Reit-Requisiten und sonstigen Gegenständen m den weisen Gießen Alsfeld und Lauterbach zu vertreiben. Nach dem von dem Königl. Preuß. Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau genehmigten Verloosungsplane dürfen 6500 Loose ä 3 ausgegeben und müssen 13800 «X zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden.

Gießen, den 8. Mai 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 9. Mai.

Der Kaiser wohnte am Montag der Besichtigung des ersten Ba­taillons des ersten Garde-Regiments z. F. in Potsdam bei; Commandeur des genannten Bataillons ist bekanntlich Prinz Wilhelm von Preußen. Der Kaiser war von einer ungewöhnlich starken Suite fremdländischer Militär-Attaches und Osficiere unter denen namentlich die zur Zeit in Berlin weilenden spanischen Militärs ausfielen begleitet, was dem Umstande zuzuschreiben ist, daß die Bataillons-Vorstellung Die erste der diesjährigen Musterungen war. Nach Been­digung der Besichtigung folgten Parademarsch und Gefechts-Sxercitien des Bataillons, worauf schließlich das ganze Regiment vom Kronprinzen seinem kai­serlichen Vater vorgeführt wurde. Das gesummte militärische Schauspiel, gelegentlich dessen das gute Aussehen und die Rüstigkeit des greifen Monarchen allseitig bemerkt wurden, nahm einen äußerst glänzenden Verlaus. Der Kaiser begab sich über Babelsberg und Neu-Babelsberg nach Berlin zurück und ist ihm dieser erste größere Ausflug nach seinem jüngsten Unwohlsein vortrefflich be­kommen. lieber die Abreise nach Wiesbaden find zur Stunde noch keine bestimmten Dispositionen getroffen.

Die Vereinigung der Fortschrittspartei und der Secessio- nisten zu einer neuen parlamentarischen Fraction hat erklärlicher Weise ihre Rückwirkung auf die gesummte Parteilage geäußert. Nut.'onolliberalerseits wurde die fortschrittlich -secessionistische Fusion durch die Versammlungen und Erklä­rungen von Heidelberg und Neustadt beantwortet, denen der auf den 18. Mai verschobene allgemeine nutionalliberale Parteitag in Berlin folgen wird. Ander­seits beginnen Conservative und Freiconservative einen gegenseitigen engeren Anschluß zu erörtern, wahrend auch zwischen Den Gemäßigt-Liberalen und den Gemäßigt-Conservativen Verhandlungen über ein eventuelles Zusammengehen bei der nächsten Reichstugswahl-Campagne im Gange sind. Mit besonderer Span­nung sieht man dem Berliner Parteitage der Nationulliberalen entgegen, da derselbe ergeben muß, ob die norddeutschen Nationalliberalen dem Heidelberger und dem Neustädter Programm ihrer süddeutschen Gesinnungsgenossen voll und ganz zustimmen. Dem Parteitag wird auch Herr v. Bennigsen beiwohnen, doch hat es erst der dringenden Vorstellungen angesehener ehemaliger Parteigenossen Bennigsen's bedurft, um denselben zur Aenderung seines früheren Entschlusses, der Berliner Versammlung fernzubleiben, zu bewegen.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich am Dienstag bis zum Samstag vertagt. Am erstgenannten Tage genehmigte das Haus in dritter Lesung die Anträge Zelle - Straßmann (Abänderung der Städte-Ordnung für die sechs östlichen Provinzen) und Bachem (Abänderung der rheinischen Gemeinde- Verfassungsgesetze), sowie die neue Eisenbahn-VerstaatlichungZ-Vorlage, erledigte mehrere Petitionen urd erklärte schließlich das Mandat des Unterstaatssecretärs Marcard trotz dessen Beförderung zum Wirkl. Geheimrath für nicht erloschen. Mr Samstag steht die dritte Berathung des Noth-Communalsteuer-Gesetzes auf her Tagesordnung.

Die englischen Gäste des Darmstädter Hofes, die hier anläß­lich der Vermählungs-Feierlichkeiten versammelt waren, haben die hessische Haupt­stadt am Dienstag wieder verlassen. Die Prinzessin von Wales hat sich mit den Prinzessinnen Luise, Victoria und Maud nach Gmunden (Oesterreich) be­geben , während ihr Gemahl nach Potsdam abgereift ist ; die Königin Victoria und Prinzessin Beatrice sind nach England zurückgereist. Vorher war der Königin noch ein Schreiben Kaiser Wilhelms zugegangen, in welchem der hohe Herr sein Bedauern ausspricht, daß es ihm unmöglich gewesen sei. der Königin auf deutschem Boden einen Besuch abzustatten.

In Frankreich zittert noch die anläßlich der Wahlen zu den Gememde- rathen hervorgerufene Bewegung nach. Die Conservativen, die Opportunisten aber ehemaligen Gambettisten, die Radikalen und Intransigenten kurz, alle Parteien stellen sich gleichmäßig entzückt über das Wahlresultat; die Radikalen, weit sie namentlich in Paris einen durchschlagenden Erfolg errungen haben, die gemäßigten Republikaner, weil sie in der Provinz im Allgemeinen im Vortheil geblieben sind und die Monarchisten und Bonapartisten, weil ihnen ihre uner- hzrte Agitation hie und da wirklich einen neuen Sitz gewonnen hat. Ein ab- Wießendes Urtheil über die Gemeinderathswahlen läßt sich indessen noch nicht abgeben, da sowohl aus den entfernten Alpen-Gemeinden und Pyrenäen- Departements die Resultate des ersten Wahlganges noch lückenhaft sind, als auch der Ausfall der zahlreichen Stichwahlen abzuwarten ist. Mittlerweile ift <bie französische Regierung wieoer einmal in Verwickelungen mit einem auswär- igen Staate geraden, nämlich mit Marokko. Frankreich hatte durch seinen

Deutschland.

Darmstadt, 8. Mai. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 3. Mai dem Director der Realschule zu Mainz i. P. Professor Fer­dinand Albert das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienst-Ordens Philipps des Gcoßmüthigen und

am 7. Mai dem Bürgermeister der Bürgermeisterei Gadern, im Kreise Heppenheim, Johannes Gölz, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: Für langjährige treue Dienste" zu verleihen.

1. Darmstadt, 8. Mai. sZwrite Kammer der Landstände-1 Betr. die Bitte mehrerer Civtlbeamten wegen nochmaliger Eröffnung der in den Bekanntmachungen vom 4. December 1874 bezüglich der Berechnung der Dienstzeit der nach dem Edikt vom 12. Avril 1820 penstonsbsrechttgten Civtlbeamten vorbestimmten Fristen.

Auf eine Eingabe verschiedener Pensionäre in obigem Betreff wurde neuerdings, nachdem der Großh. Regierungscommtsfär in einer Ausschußsttzung erklärt hatte, daß durch die Wiedereröffnung der Präklusivfristen muthmaßltch keine wesentliche Belastung des Budgets stattfinden würde, vom 3. Ausschuß der zweiten Kammer beantragt: Hohe Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, die in dem Gesetz vom 12. November 1874, Art. 12, vorgeschrtebenen Präklusivfristen nochmals auf drei Monate zu eröffnen."

Wetter hat sich derselbe Ausschuß bezüglich des Gesuchs des Stadtoorstandes zu AlSfeld. betr. Uebernahme der Schwalmbrücke Seitens de8 Staats, schlüssig gemacht. Großh. Regierung hatte in einem Schreiben ihre Geneigtheit zur Uebernahme von nächster Finanzperiode ab erklärt, jedoch die Bedingungen daran geknüpft, daß unter Mitwirkung der Baubehörde die Stadt Alsfeld das schadhafte Mauerwerk und die zu schmale Fahrbahn in einen vollständig ordnungsmäßigen Zustand versetze. Der Aus­schuß kommt zu der Resolution, daß, wenn auf der einen Seite Rücksichten der Billig­keit für Entlastung der Stadt Alsfeld sprechen, noch mehr das Interesse der Staats- straßenverwaltung eine Abänderung des gegenwärtigen annormalen Zustandes geboten erscheinen lasse, da die Brücke weit außerhalb des Weichbildes der Stadt und innerhalb bc6 und nach Lage der Sache, welcher Großh. Re­

gierung bereit ist. Rechnung zu tragen, insbesondere nach einer im Ausschuß abgegebnen Erklärung des Großh. RegterungScommissärs Namens der Regierung von einer Ver­bretterung der Fahrbahn gänzlich absehen zu wollen, glaubt der genannte Ausschuß das