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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Ministerium ihr Vertrauen bewahre. Das Ministerium beabsichtige, aus dem bisher innegehaltenen Wege zu verharren. Schließlich äußerte sich der Minister noch kurz über die Sudansrage. L f ... . ..
Zwischen der englischen Regierung und Abyfnnten sind Unterhandlungen behufs eines gemeinsamen Vorgehens gegen die Sudanrebellew im Gange. Träger derselben ist Admiral Hewett, welcher in vergangene Woche nach der abyssinischen Hafenstadt Massauah (Massowa) abgereist ist uM sich von hier aus nach der Residenz des Königs Johannes begiebt.
Auf den definitiven Friedensschluß zwischen Chile und Perir ist nun auch ein Waffenstillstand zwischen Chile und Bolivia, dem Alliirten. Perus, gefolgt; derselbe ist einstweilen auf unbestimmte Zeit abgeschlossen.
Vermischte-.
— lDle Stenographie als Mittel gegen die Kurzsichtigkeit] Auf einerinDanzls stattgehabten Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte berichtete Professor Dr. Cohn aus Breslau in seinem von den anwesenden ärztlichen Collegen mit lautem Beifall aufgenommenen Vortrage über Schrift, Druck und Ueberhandnahme der Kurz- fichtigkett: «Die Hauptsache bleibt, das Schreiben aus möglichst kurze Zett zu beo schränken. Da das viele Schreiben erfahrungsgemäß die Kurzsichtigkeit befördert, so würde ich es für einen wesentlichen Fortschritt halten, wenn in den Schulen, wenigstens von Tertia an, wo das Vielschretben beginnt, die Stenographie obligatorisch gelehrt würde. Die Erlernung ist eme äußerst leichte und die Zettersparnltz ist wie ich aus sechszehvjähriger Praxis versichern kann, ein? so gewaltige, daß Gegengründe nicht M die Wagschale falLn können. Wie viele Stunden häuslicher Arbeit würden die Primaner- und Secundaner ersparen, wenn sie die Entwürfe und PiävaraUonen ihrer Arbeittrr nicht current, sondern stenographisch niederschreiben können. Und wie besorgnißerregend gerade in diesen Klassen die Kurzsicht gkeit zuntmmt. zeigt die Erfahrung" Redner schloß mit dem Wunsche, daß Ticjenigen, die als Leiter von Anstatten Einfluß haben, für den Fall, daß ihnen Gelegenheit geboten wird, ihren Schülern Stenographie lehren zu lassen, dies nicht in Hochmuth van der Hand weisen möchten. „Seien Sie versichert. Sie werden sich damit ein, wenn auch nur geringes Verdienst für Abh lfe der Ueber- bürdung unserer Schüler erwerben. Besser ein Anfang, als gar Nichts "
— Die abnorme Wärme des Nachwinters und Vorfrühlings 1884 haben vielfach die Frage angeregt, ob und wann in den letzten Decennien eine gleich abnorme Temperatur dieser Periode in unserer Gegend beobachtet worden sei r Bis jetzt gelten Nachwinter und Vorfrühling von 1846 als die absolut wärmsten, allein sie sind nun von der gleichen Periode in 1884 übertroffen. Aus dem uns vorliegenden reichen und vollständigen Beobachtungsmaterial von 1838 an wurde bte Periode vom 1. Februar bis 4. April, die ganz besonders in den Jahren 1846, 1859, 1862 unb 1871 große Wärmeanomalien zeigte, einer Untersuchung unterzogen und es ergab sich, daß die Mitteltemperatur für die angegebene Zeit in 1846 6,47« 6, 1859 6,32° C., 1862 6,38° C. 1871 5 26° C. und in 1884 6,93« C. betrug; der Vorfrühling des lausenden Jahres tft also, was abnorme Wärmeentwickelung, der die Entwickelung der Vegetation entsprechend ist, anlangt, von keinem in den vorausgehenden 47 Jahren erreicht, geschweige derm übertrEm^worden. ber gßclt JU sein, darf sich der bekannte Newyorker Eistv- bahnkönig William H. Vanderbilt rühmen. Am Schluffe eines jeden Jahres zieht er, wie jeder ordentliche Geschäftsmann, seine Bilanz und wenn er ftä au* gerne mit seinen Reichthümern brüstet und jeden seiner Mitmenschen über die Achsel ansieht, der nicht mindestens eine Millwn im Vermögen hat, so war es bisher doch noch keinem Sterblichen vergönnt, in die Verhältnisse Mr. Vanderd.lts einen tieferen Embl'ck zu gewinnen. Dennoch soll schon vor Jahresfrist Herr Vanderblld einem vertrauten Freunde btt Tisch erzählt haben, daß er 194.000,000 Dollars besitzt und sich daher reicher schätze als der Herzog von Westminster, der reichste Grundbesitzer Londons und Großbritanniens überhaupt. Was Vanverbilt selbst nicht angab, aber andere Leute berechnet haben, ist der Umstand, daß dieser Erzmtllionär alle Stunden einen Eßlöffel boö — Reichthum im Betrage von Doll. 1186.50 seinen Schätzen beifügt, weil er eben ein sehr umsichtiger Geschäftsmann ist und seine Capitalien mindestens zu 6pEt. verzinslich anlegt. Die Probe zur Berechnung seines unerhörten Wohlstands hat der Urheber jenes berüchtigten Ausspruchs: „the public be d-d“, der in Newyork zum geflügelten Worte geworden ist, jedoch unwillkürlich selbst geliefert, irchem er lüngst einem Geschäftsfreund eine Anzahl Papiere sandte, unter welche durch Zufall oder Unachtsamkeit seine eigenhändig geschriebene Vermogens-Uebersichr gerathen war. In den ersten Wochen des Jahres pflegt nämlich, wie wir im Emgang bereits angedeutet» Mr. Vanderbilt groß- Revue über seine geöffneten Geld-und Effecten-Schranke zu. hatten und darüber eine Aufstellung zu machen, wie viel Geld ober Geldeswnth sich dem Riesengebirge seines Vermögens im Laufe des Jahres h nzugefül;t hat. So war denn die letzte zufällig einem Reporter in die Hande gefallene VermögmSüberstcht (bte sich unter den obenerwähnten Papieren befunden) vom Januar d. I. datirt. ES geht daraus hervor, daß das Vermögen des „modernen Midas jetzt am Üoer 200 Mill. Doll, angewachjen ist, wovon riesige Summen in zinstragenden Bonds angelegt sind^ so z. B. 54 Mill, in 4proc. Ver. St.-Bonds, die letzt 124 Mr Cours stehen. Dazu kommen 4 Mill. 3Vrproc. und etwas über 1 Million 6proc. Bonds. Der größte Therl seines Vermögens steckt aber in Eisenbahnpapieren, mit deren An- ober Verkauf in ungeheuren Posten der glücklich- Besitzer mächtige LVellen-Bewegungen in den Strömungen des Börsenlebens Hervorrufen kann. Den Gesammtwerlh seiner Eisen- hnbnnrtniere gibt er__seiner Bilanz zufolge — auf nahezu 124 Mill. Doll, in Actien
und $doritäten (barunter 240,000 Shares der Michigan Central-Bahn, 300,000 Sbares der 66icafl0 und Northwestern Bahn. 200,000 Shares der Lake Shore und Michigan Bahn, 120,000 Share« der Newpaik Centtal Bahn u. st ro.) an. Nur au, lumpige 3 Millionen Werth schätzt er dagegen sein Grund-lg-nthurn mit Einschluß des Pracht- gebäudes, das er in der sashionablen 5. Avenue in Newpork besitzt. Auf eine weitere Million schlägt er - nach von Autoritäten eingeholtem Urthefl - feine ®£malbe=’ gallerie an. Die Vanderbilstschen Stallungen, aus einem der werthvollsten OrunbRüefe ber 51. Straße gelegen, sollen allein mit 200 000 Doll, zu Buche stehen während die in diesen mit luxuriösem Raffinement ausgestatteten Stallen untergebrachten Vollblutpferde kaum für weniger feil sein dürften. „Maud S ", das berühmte Rennpferd z.B. würde sicherlich bei einem Zwangsverkauf nickt unter 75,000 Doll, einbrürgen. Bei all dieser bisher unerreichten Große des Vermögens, d. h. bei etwa 12 2Btn. ©ott- Rente und der erfahrungsmäßigen lahrlichen Ausbeute von ca. 2 Mill. Doll, aus guten Verkäusen" — lebt dieser KrösuS doch verhältriißmSßig bescheiden, indem er nttht mehr als 200,000 Doll, im Jahr ausgibt, wobei bie 40,000 Doll., welche sein sährlicher großer Ball zu kosten pflegt, nicht eingerechnet sind. Sein beschewener Anzug hat Nickis Krösusartiges. Auch seine Gemablin treibt keinen elgenilichen Kleiderluxus, wenn sie sich auch elegant und mit Geschmack kleidet. Jbr Juwelen-Kastchen wird auf kaum 150,000 Doll, geschahst Diese und andere Angaben über den "s°l»reichsten
Tänzer ums goldene Kalb" werden in großer Behaglichkeit von der amerikanischer»
Politische Ueberficht.
Gießen, 9. April.
Von einschneidender Bedeutung für die weitere Entwickelung unserer gejammten inneren Politik sind die Erklärungen, welche die preußische Regierung in Sachen der ReichSministerium-Angelegenheit tn der Bundesraths- Sitzuna vom 5. April abgegeben hat. Die preußische Regierung spracht sich m denselben unumwunden gegen die von der deutschen freisinnigen Partei nut aus ihr Programm geschriebene Forderung eines verantwortlichen Reichmintstenums aus und erblickt^hierin vor Allem eine Beeinträchtigung der Rechte des Bundes- rathes Rach der Ansicht der preußischen Regierung würde das Rercys- ministerium die wesentlichsten Rechte der Bundesstaaten absorbiren und dre Regie- rungsgewalt unter die Mehrheits-Beschlüsse des Reichstages setzen und hierdurch wieberuin könne nur die Einheit des Reiches gefährdet werden.
In der Centrumspartei treten die Gegensätze zwischen der demokratischen und der aristokratischen Richtung immer schärfer hervor. Es giebt kaum eine politische und wirthschastliche Frage, in welcher nicht das Centrum gespalten wäre, abgesehen von den allerengsten kirchenpolitischen Fragen und nur unter Ausbietung seines ganzen Einflusses ist es bisher Herrn Windthorfl gelungen, seine Partei äußerlich wenigstens zusammenzuhalten. Allem Anschein nach wird dies aber bezüglich der augenblicklich im Vordergründe stehenden Angelegenheit der Verlängerung des Socialistengesetzes nicht mehr gelingen, die demokratischen Elemente der Centrumspartei opponiren offen gegen bufelbe, währenb bie „Aristokraten" unb „Diplomaten" des Centrums unter Führung des Herrn Wmdthorst ber genannten Maßregel zustimmen wollen. Die Manner ber elfteren Richtung sind es auch, welche auf den Ostermontag eine große Versammlung nach Köln einberufen Haden, in welcher unter Anderem auch gegen die „Versumpfung des Culturkampfes" protestirt werden soll. Alan wird dieser Versammlung Angesichts der obwaltenden Verhältniffe mit ganz besonderem Interesse entgegensehen können; sie wird die Scheidung der Geister befördern, denn wenn nicht alle Anzeichen trügen, so ist sie zugleich ein Protest ber rheinischen klerikalen Demagogie gegen bie aristokratischen Elemente im Centrum.
Die den Behörden in Preußen zugegangene Anweisung, bie Vorbereitungen für die nächsten Reichstagswahlen in die Hand zu nehmen, hat begreiflicher Weise vielfach Aufsehen erregt. Es geht hieraus mit Evidenz hervor, daß bie preußische Regierung die Eventualität einer Reichstags-Auflosung ernstlich in's Auge gefaßt hat und soll dieser Entschluß angeblich dadurch beschleunigt worden sein, daß sich Fürst Bismarck von der llnmöglichkeit überzeugte, die volle Zustimmung des CentrumS zur Verlängerung des Socialistengesetzes
»wischen den beiden Reichshälften der österreichischen Monarchie hat sich ein ernster Conflict erhoben. Der österreichische Acker- bauminister, Graf Falkenhain, hat bezüglich des Wiener Viehmarktes neue Bestimmungen erlassen, durch welche unter Anderem der Verkehr vom Preßburger Schlachtviehmarkte nach Wien unterbunden wird, was eine schwere Schädigung der Interessen ber ungarischen Viehmäster bedeutet. Ungarischerseits ist nun bte Angelegenheit zu einer sörmlichen Conflicts-Frage ausgebauscht worden, während man in Wien ruhiges Blut zeigt. Man hat sich in Ungarn in den Gedanken hineingesetzt, daß die betr. Verordnungen des Ackerbauministers, resp. der nieder- österreichischen Statthalterei eine Verletzung des österreichisch-ungarischen Zoll- und Handels-Bündnisses involviren und deklamiren Pesther Blätter bereits von der Errichtung eines ungarischen Zollgebietes. Vermuthlich werden die Ver- sügungen ber österreichischen Regierung wieder rückgängig gemacht werden, was alle sonstigen Weiterungen in dieser Frage verhindern würde; die ganze Astatre beweist aber wieder einmal, zu welchen sonderbaren Zwischensällen ber Dualismus in Oesterreich führen kann.
Aus Anzin wird neuerdings wieder ein Vorgang gemeldet, welcher für die ernste Situation spricht, die dort in Folge des Strikes der Kohlengruben- Arbeiter geschaffen worden ist. In dem Kohlengruben-Reviere von Anzin wurden am Samstag drei sinkende Arbeiter und eine Frau, welche Tags vorher einen Arrestanten den Händen der Gensd'armen entrissen hatten, verhaftet und von Dragonern abgesührt. Die escortirenden Mannschaften wurden hierbei von strikenden Mannern und Frauen mit Steinen und Koth beworfen, bewahrten aber trotzdem eine anerkennenswerthe Ruhe. Der Vorfall hat unter den Strikenden eine große Erregung hervorgerufen, welche durch die fortgesetzten Hetzereien der anarchistischen Agitatoren noch vermehrt wird. Die Pariser radikale und revolutionäre Presse schlägt einen äußerst heftigen Ton an und ermuntert förmlich die Strikenden zum Widerstande und zu Repressalien. Dem Vernehmen nach gedenkt die Regierung für Anzin unb Umgegend bie umfassendsten militärischen Maßregeln zu ergreifen.
In der Samstag-Sitzung der italienischen Deputirten- kammer vei breitete sich der Minister des Aeußern, Mancini, in längerer Rede über bie auswärtigen Beziehungen Italiens. Aus derselben ist als besonders intereffant das Faktum hervorzuheben, daß Italien in ber That der Dritte im mitteleuropäischen Friedensbunde ist, in welchen es mit vollkommener Parität und Gegenseitigkeit der Bedingungen eintrat. Mancini sagte ferner, daß die Annäherung Rußlands an Deutschland als ein Ereigniß begrüßt werden müsse, das den Frieden, den Hauptzweck der Allianz, nur noch besser zu verbürgen scheine Die Stellung Italiens in Europa habe sich in diesem Jahre in allen Beziehungen gebessert und werde sich noch mehr bessern, wenn die Kammer dem
HG. Zweites Blatt. Donnerstag den 10. April
Meßmer Anzeiger


