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$tt. AS. Erstes Blatt. Sonntag den 10. Februar 1884
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
• . . ~ m " Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Aringerlohn.
Vnreau r Schulstraße 7. Erscheint töftltd) mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 5ü Pf.
Amtlicher Hheit. Gefundene Gegenstände:
4 Portemonnaie mit Inhalt, 2 Taschentücher, 2 einzelne Handschuhe, 1 Muff, 1 Strickzeug, 1 schwarzes Einpacktuch für Schneider, 1 leeres Portemonnaie, mehrere Schlüssel.
Gießen, den 9. Februar 1884. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius. _____
Deutschland.
Darmstadt, 8. Februar. Se. Königs. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 30. Januar den außerordentlichen Professor Dr. Adolf Birch, Hirschselo zu Gießen zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Landes-Universität, insbesondere für das Fach der neueren Sprachen, zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen.
—1. Darmstadt, 8. Februar. (Zweite Kammer der LandstLnde.^ Heute Morgen kam der Amrag des Abgeordneten Metz, die Abänderung deS Gesetzes vom 8. November 1872 über die Wahlen der Abgeordneten und die Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände betr., zur Berathung. Abg. Metz tritt In seinen Ausführungen mH der Ansicht hervor, die Stände deS GroßherzogthumS feien nur eine Art Wirthschaftsautzschuß, jedoch mti größeren Competenzen und bedeutenderem Einfluß aus die Gesetzgebung wie sonstige Provinzialausschüsse. Dieser Einfluß fei durch eine Vereinigung beider Kammern zu einer Körperschaft nur noch zu vergrößern. Er weist an dem Characler der ersten Kammer nach, daß der zweiten Kammer eigentlich nur eine abwehrende Thättgkeit übrig bleibe und will, beweisen, daß sein Antrag durchaus nicht die schon viel erwähnte Aussichtslosigkeit auf Annahme habe, wie es scheine. StaatsmMister Frhr. von Starck ist der Ansicht, wenn immerwährend an der Verfassung deS Landes gerüttelt werde, könne kein guter, dauernder Zustand Platz greifen. Derselbe vergleicht daS Verhältntß zwischen BundeSrath und Reichstag mit dem Zweikammersystem, wendet sich eingehend gegen die Aussührungen des Abg. Metz und meint, der Antragsteller würde sich wohl kaum der Hoffnung hingeben, daß unter den jetzigen Verhältnissen sein Antrag selbst bet Zustimmung der zweiten Kammer Aussicht auf Erfolg habe. Abg. Muhl spricht sich gegen den Antrag aus, während Abg. Wasserburg zwar die erste Kammer beibehalten will, aber statt der von der Krone ernannten lebenslänglichen Mitglieder eine Vertretung der großen Jntereffen des Handwerkerstandes, der Arbeiter und der kleineren Landwirth- schast wünscht. Abg. Metz empfiehlt als Antragsteller nochmals den Antrag der AuSschußminorität, zu besten Gunsten er seinen Antrag zurückgezogen hat, und wird derselbe auch von der Kammer angenommen, also der Großh. Regierung der Antrag deö Abg. Metz auf Abänderung des Gesetze« vom 8. November 1872 über die Zusammensetzung der beiden Kammern der Stände rc. auf Grundlage des Einkammersystems im Sinne einer Vereinfachung unseres zu breiten und schon darum durchaus entbehrlichen Gesetzgebungsapparats zur Erwägung anheimgegeben.
Die Kammer beschloß hierauf nach einem empfehlenden Wort des Abgeordneten Wasserburg bezüglich dessen Anträgen wegen der Matnüberschwemmungen bei Offenbach: die Großh. Regierung zu ersuchen: 1) auf dem Verwaltungswege dahin zu wirken, daß, wenn technische Bedenken nicht entgegenstehen, der den Ueberschwemm- ungen ausgesetzte Straßenthetl zwischen Offenbach und Bürgel entsprechend erhöht oder geschützt und ebenso die durch den Austritt des Mains überfluthete Straßenstrecke -wischen Numpenhetm und Mühlheim entsprechend erhöht werde; 2) die Frage deS Schutzes des linken MainuferS gegen Ueberfluthung nach den demnächst Seitens deS Reichs für die Regulirung deS Rheins und seiner Nebenflüsse festzustellenden Principten zur Erledigung zu bringen, sowie die Anträge des Abg. Wasserburg damit für erledigt zu erklären.
Der 3. Gegenstand der Tagesordnung bildete der Antrag Dittmar auf Revision bezw. Erweiterung deS Gesetzes vom 26. Juli 1848, die Ausübung der Jagd und Fischerei in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen betr.
Nach kurzer Berathung, an welcher sich die Abgg. Heinzerltng, Weith, v. Rabenau (welcher die Einrichtung der Reichswaffenpässe wünscht), El len berg er. Maurer und Qf ann betheil gen und bet der man meistens sich entgegenkommend gegen d'n rubr. Antrag aussprach, nahm die Kammer den Ausschußantrag an, zu dessen Gunsten Abg. Dittmar seinen Antrag zurückzog. Derselbe lautet: „Großh. Regierung zu ersuchen, die auf die Ausübung und den Schutz der Jagd bezüglichen dessischen Vorschriften in dem Sinne erschöpfender, einheitlicher, gesetzlicher Regelung einer Revision zu unterziehen.
Einer Vorstellung unb Sitte deS vensionirten Zollaufsehers Peter A. Gärtner aus Mainz, die Mainzer Pupillarmasse, insbesondere Auszahlung von Zinsen betr., wurde dem Ausschußantrag gemäß keine Folge gegeben.
Bei der nun folgenden Berathung über die Recommunication I. Kammer, die Vorlage Großh. Regierung, die Gewann- und Parzellenvermessung betr., suchte Ministerialrath Müller Namens der Negierung zum Beitritt zu den Beschlüssen I. Kammer zu bewegen und kam man nach längeren Ausführungen der Herren v. Rabenau, Heinzerling, HaaS, Dittmar, v. Wedekind, Baur und Schade dahin, d'e Bedenken bezüglich aller Differenzen fallen zu lasten und nur auf dem neulich schon berichteten Antrag Haas zu beharren, daß mit Ausübung dtesis Gesetzes bis zum Erlaß eines Consolidattonsgesetzes gewartet werde.
Nächstdem genehmigte die Kammer dem Ausschußantrag entsprechend die Verwendung von weiteren 500,000 JL zur Bestreitung der Kosten für die Wiederherstellung der durch Hochfluthen zerstörten oder beschädigten Landdämme und sprach zugleich Abg. Baur seine Ueberzeugung dahin aus, daß es für den Schutz des hinterliegenden Geländes der einschlägigen Gemarkungen von erheblichem und dauerndem Werthe sein würde, wenn eine Zurückoerlegung deS Dammes stattfinde, sodaß die entstandenen Kolke nach der Rhetnseite zu liegen kämen.
Ein Gesuch der Stadt Alsfeld um Erhöhung der Hausmtethe von dem Rentamtsgebäude zu Alsfeld wurde einem Ausschußminoritätsantrag gemäß nach einigen Ausführungen der Abgg. Osann und Franck, gegenüber den Abgg. Grünewald, Heinzerling, Schade und List, der etwaigen Consequenzev wegen abschläglich beschieden.
Schluß der Sitzung.
Kranstreich.
Pari-, 6. Februar. Die hiesigen Blätter, die sich heute fast alle mit der Thronrede der Königin von England und der Niederlage Baker Pascha's beschäftigen, können kaum ihre Zufriedenheit verbergen, daß die Dinge in Egypten sich für England so schlecht gestalten. Einige verhöhnen geradezu die Engländer, wie „Paris", das schreibt: „Im Augenblicke, wo die Thronrede der Königül im Parlament verlesen wurde, kam in London die Nachricht von einem neuen Unglücksfall an. 2000 Mann sind bei Tokar niedergemetzelt worden und Baker Pascha mußte vor den Unterbefehlshabern des Mahdi den Rückzug antreten. Was wird unter diesen Bedingungen Gordon in Khartum machen können, wenn er überhaupt hingelangen kann? Unserer Ansicht nach wird „die Hülse des Allmächtigen", welche Ihre sehr huldreiche Majestät dem Gebrauch gemäß am Schluß ihrer Thronrede anrust, nöthig sein, um die Minister Großbritanniens aus ihren Verlegenheiten herauszuziehen." Der „National", der mit dem Cabinet Ferry gleichfalls in enger Beziehung steht, sucht zu beweisen, daß Englano, und nicht blos der Khedive, schuld an der schlimmen Lage Egyptens sei, und von England werde Europa Rechenschaft über das Loos der in Khartum zurückgebliebenen Europäer verlangen. Was das eigentliche Egypten selbst anbelangt, so meint der „National", daß Europa sich unbeugsam zeigen werde, wenn man die Hand an die Rechte der Gläubiger Egyptens legen und diese verkürzen wolle. Die „France" ruft den Engländern zu: „Europa hat feine Blicke auf euch gerichtet und erwartet, daß ihr eure Pflicht thut." Ich könnte H.'MM von Beweisen anführen, daß der Franzose schlechtweg die Engländer iUu£ viel weniger haßt, als die Deutschen, was auch erklärlich ist, da die Deutschen nur deutsches Land zurücknahmen, Die Engländer aber das große Kolonialreich Frankreichs fast vollständig vernichteten und auch gegenwärtig verhindern möchten, daß Frankreich neue Kolonien erwerbe.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorrrsporrdem-Brrrear».
Berlin, 8. Februar. In dem Prozeß gegen Banquier Sternberg, Kaufmann Lauge und Graf Hcssenstcin wegen falscher Angaben über die zehnprocentige Einzahlung bei der Gründung der Vereinsbank und wegen Verschleierung des Standes der Gesellschaft, erkannte die Strafkammer des Landgerichts Sternberg des ersten Vergehens für schuldig und oerurtheilte denselben zu 14tägigem Gefängniß. Die beiden Mitangeklagten werden gänzlich, Sternberg von der Anklage der Verschleierung frei- gesprochen.
— Das Abgeordnetenhaus nahm heute nach einer unerheblichen Debatte von dem Cultusetat die drei Kapitel: Kunst und Wissenschaft, technisches Unterrichtswejen, Cultus und Unterricht an- Im Laufe der Debatte erklärte der Eultasminffter v Goßler, daß die Absicht des Neubaues der Museen durchaus nicht aufgegeben sei; bezüglich der Vermehrung der zu Erwerbungen für die Bibliothek bestimmten Fonds hege er die weitgehendsten Plane, welche das Bibliothekwesen des ganzen Landes umfassen- Das Gesetz über die Erhaltung der Kunstdenkmäler könne wegen der in dieser Sache bestehenden Schwierigkeit zur Zeit noch nicht vorgelegt werden und seien die inzwischen hierzu verwendbaren Mittel nur geringfügig. — Die Fortsetzung der Berathung des Eultusetats wurde für morgen auf die Tagesordnung gesetzt. . . ..
DreSden, 8. Febr- Zu den Beisetzungsfcierlichkeiten stnd bis letzt elngetroffcn : Prinz Friedrich von Hohenzollern als Vertreter Sr- Majestät des Kaisers Wilhelm, Oberhosmeister I. Majestät der Kaiserin, Graf o. Nesselrode, Graf v. Seckendorf Kammerherr der kronprinzlichen Herrschaften, Herzog Ernst Gunther zu Schleswig- Holstein, Erzherzog Ludwig Victor, Freiherr v- Soden als Vertreter des Königs von Württemberg, Prinz Philipp von Eoburg, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg- Schwerin, Herzog Georg Alexander von Mecklenburg-Strelitz, der italienische Botschafter in Berlin, Graf de Launay mit Gemahlin, die Gesandten Spaniens, Schwedens und der Niederlande in Berlin: Graf Benomar, Baron v. Bildt und v- d. Hoven.
— Abends 7 Uhr erfolgte die feierl. Beisetzung der Prinzessin Georg in der kathol. Hofkirche unter dem Trauergeläute aller Glocken und großer Teilnahme der Bevölkerung. Der König, Prinz Georg und Prinz Friedrich August gaben bis zur Grust das Geleite- Die kirchliche Feier nach der Beisetzung begann nut dem „Salve regma“- und schloß mit Gebet. . a , 3 , _
Paris, 8. Febr. Die zum Kreuzen im Osttheüe des Mittelmecres bestimmte Abteilung des Levantegeschwaders ist angewiesen, ihre Fahrten bis in das Rothe Meer auszudehnen. — Ein Telegramm Courbet's vom 2. ds. meldet, die Expedition nach der Provinz Namdinh und Sontay sei beendet. Die Aufständischen wurden zerstreut und erlitten beträchtliche Verluste. Ihr Führer Dedoc wurde verwundet und ist nach Bacninh entflohen. Zwischen den chinesischen Truppen und den Anamiten in Bacmny herrscht Uneinigkeit. Die Beziehungen zum Hose von Hus sind fortgesetzt die besten-
— Ein dem Unterrichtsmiuister zugegangenes Telegramm meldet, daß Brazza am 14. December sich in Fraukooille befand. Ueber seine Ankunst am Congo ist vor dem 1. März keine Nachricht erwartbar. — Der Marineminister erhielt deute eine Depesche aus Saigun, worin es heißt, die beiden Abgesandten, welche der König von Anam vor einiger Zeit nach Peking geschickt habe, feien sehr enttäuscht zurückgekehrt.
London, 8. Februar. Zwei Infanterie-Regimenter im Lager bet Aldershot erhielten Befehl, sich zum sofortigen Abmarsch bereit zu halten. Das eine Regiment ist, um für die Eventualitäten in Egypten bei der Hand zu sein, für Malta, das andere für Gibraltar bestimmt.


