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9.11.1884 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 9. November

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Frankfurt, 4. November. Als die Kaiserin Augusta vor etwa 10 Jahren durch Frankfurt reiste, kehrte sie in dem HotelZur Westendhalle" ein. In der Nacht ihres Aufenthalte? wurde dem Restaurateur Werner, dem dermaligen Pächter deS Hause?, ein Knabe geboren- Ihre Majestät nahm an diesem Fomtlieneretgntß, das sich während ihrer Anwesenheit vollzog, den herzlichsten Antbeil und hob, vertreten durch ihre Oberhofmeisterin, den Kleinen über die Taufe. So oft die hohe Frau nach Frankfurt kam. erkundigte sie sich nach dem Wohlergehen ihres blondlockigen Pathen- kindcs- Drr kleine hoffnungsvolle Knabe ist verwichene Nacht gestorben. Ein roher Bube batte ihm Tags zuvor einen heftigen Tritt gegen den Unterleib versetzt und ist hierin die Ursache des Todes zu suchen. Die beklagmswerthcn Eltern haben erst kürzlich ein Kind an der Divbtheritis verloren-

Berlin, 3. November. Die hohe Ehre, vor dem Kaiser sich produciren zu dürfen, wurde dem vielgenannten Gedankenleser Cumberland am Samstag Abmd zu Thetl. Fürst Radziwtll hatte den anlisvtrittsttschen Engländer anläßlich eines Geburts­festes in seiner Familie veranstalteten Festlichkeit zu Gaste gebeten und der Kaiser l' sich alsbald nach seinem um 9 Uhr Abends erfolgenden Erscheinen den Gedankenleser mit dem hochpolitischen Namen vorstellen. Der Kaiser reichte Mr Cumberland die Hand und sagte ihm tu französischer Sprache, er habe schon sehr viel von Cumberland

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UniverfitätS- Chronik.

Greifswald, 4. November. Der Privat - Docent an hiesiger Universität, Dr. Wilhelm Holtz, ist zum außerordentlichen Professor ernannt worden.

Im Lehrerkörper der Universität Berlin sind während der Herbstferten er« hebltche Veränderungen etngetreten, so daß da« offictelle Vorlesung«-Verzeichntß, daS am Ende des SommersemesterS auSgegeben wurde, nicht unwesmtlich zu modifictren ist. Die ktrchengeschichtlichen Vorlesungen deS Professors Müller, die rechtSgeschicht- lichcn des Professors L-wts und die physiologischen Collegien undzUebungen des Pro- fcfsorS Kronccker fallen in Folge anderweitiger Berufung der genannten Docenten aus. Neu hinzukommen entgegen find folgende Verlesungen: 1) Geschichte der neueren Phllo- sophte; philosophische Uebunqen, Dr. v. Stein; 2) Römische Staatsalterthümer, Uebungen in der lateinischen Epigraphik Dr. Dessau; 3) Geschichte der altfranzosischeu Literatur; Uebungen zur altfranzösischen Grammatik, Dr. Schwan; 4) Anfangsgründe der chinesischen Grammatik, Mandschu-Grammatik, Dr. Gruben. 5) Koran-Commentar, arabische Grammatik, Dr. Jahn; 6) Pflanzenphysiologie Dr. Krabbe; 7) medtcintscheS DiSputatorium, Professor Zuelzer; 8) CursuS der Zahnhellkunde und der zahnärztlichen Technik der Professoren Miller, Paetsch und Sauer. Dr. Schwentnger hat bisher seine Vorlesungen nicht bekannt gemacht- Anstatt deS erkrankten Professors Gustav Kirchhoff wird Dr. Glau über die Theorie deS Magnetismus und der ElectricttSt lesen; außer Kirchhoff sehen sich veranlaßt, die angekündigtm Vorlesungen abzusagen: der Zoologe Fritsch, der durch dringende Arbeiten s ine Lebrthätigkett zu fistiren ge­zwungen ist und der im Interesse deS Reichs nach Persien entsandte Egyptologe Brugsch. Ueber die Besetzung des Lehrstuhls der experimentellen Physiologie, der durch Kronnecker'S Fortgang erledigt ist. schweben zur Zett noch Verhandlungen-

Aus dem Geheimen Civilkabinet deS Kaisers ist an den Rector der Unl- verstiät Straßburg folgendes Schreiben gelangt:Berlin, den 28. Oktober 1884. Se. Majestät der Kaiser und König haben von dem Telegramm, in welchem Aller- höchstthm bet Gelegenheit der Einweihung der dortigen neuen UaioersitätS-Gebäude der Katser-WllhelmS-UntversitSt mit den versammelten Festgästen ihre Huldigung dar­bringt, mit Wohlgefallen Kenntniß genommen, ebenso wie Allerhöchstdieselbcn sich über das Telegramm der dortigen Studentenschaft gefreut haben- Se- Majestät lassen für diese Bez-ugung der Ehrfurcht unter der Versicherung br fortdauernden Huld freund­lichst danken. Der Geh. Cabinetsrath Wirk!- Geh. Rath v. Wilmowskr."

Professor Gyldän in Upsala, der, wie wir kürzlich mittheilten, einen Ruf als ordentlicher Professor und Director der Sternwarte zu Göttingen angenommen hatte, wird auf dtrrcten Wunsch König OSkar's in seiner bisherigen Stellung ver­bleiben. König Oskar hat aus seiner P-1vatschatulle 15.000 Kronen hergegeben und Private haben 10,000 Kronen gesammelt, um die Akademie der Wissenschaften tn den Stand zu setzen, von P-osessor Gyldän astronomische Vorlesungen in Stockholm halten lassen zu können. Durch Vermittlung des schwedischen Ministeriums deS Aeußern ist Professor Gyldän's Berufung von dem preußischen Cultusministerium rückgängig gemacht worden.

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Gießen, 8. November.

Kaiser Wilhelm ist Anfangs dieser Woche von einem Unfall betroffen worden, indem er sich durch einen Fall im Zimmer eine leichte Quetschung der rechten Schulter zugezogen hat. Glücklicher Weife ist die Verletzung ohne weitere Folgen für den greisen Monarchen geblieben und erledigt er nach wie vor in gewohnter Weise die regelmäßigen Regierungsgefchäfte. Nur hat der Kaiser in Folge des Unfalls den Jagdausflug nach dem Harze, zu welchem er von dem regierenden Grasen von Stolberg - Wernigerode eingeladen worden war, aufgegeben.

Die Wahlen zum Reichstage prägten, wenngleich der erste Wahl­gang schon mehr als eine Woche hinter uns liegt, doch auch der zu Ende gegangenen Woche ihre Signatur auf. Alle Parteien waren bemüht, das Facit aus dem ersten Wahlgange zu ziehen und da stellt sich denn für fast alle Par­teien bis jetzt gegenüber dem Besitzstand, den sie im vorigen Reichstage auszu­weisen hatten, ein Manco heraus. Nur die Deutsch-Conservativen können schon -jetzt einen absoluten Gewinn von etwa einem Dutzend Sitzen verzeichnen und derselbe wird sich jedenfalls durch die Stichwahlen noch vergrößern. Die Stich­wahlen aus sie richten sich hoffend auch die Blicke der anderen Parteien und für manche derselben ist der Ausfall der 98 engeren Wahlen von größter Bedeutung, da es nur durch sie noch möglich ist, die Verluste, welche einzelne Parteien, wie die Deutsch-Freisinnigen und die Volkspartei, bei den ersten Wahlen erlitten haben, wenigstens einigermaßen auszugleichen.

Die Verhandlungen des preußischen Staatsrathes, die unter der regen Theilnahme de» Kronprinzen raschen Fortgang nehmen, ferner die bevorstehende Reickstagssession und endlich auch die sich in immer bestimm­teren Umrissen zeigende Congo-Conserenz machen es erklärlich, daß in allen Neichsämtern und den hiervon reffortirenden Abtheilungen eine rege Thätigkeit herrscht und welche auch die Aufmerksamkeit unseres leitenden Staatsmannes vollauf in Anspruch nimmt. Glücklicher Weise erfreut sich Fürst Bismarck gegenwärtig wieder des besten Wohlbefindens und kann er seinen verantwor­tungsreichen und mannigfachen Amtspflichten in vollem Umfange Genüge leisten.

Die braunschweigische Thronfolge-Angelegenheit an und für sich ist jetzt vorläufig ad acta gelegt worden und kann man Deren weitere Entwickelung in aller Ruhe abwarten, nachdem Kaiser Wilhelm und sein^erster Rathgeber den Vertretern der provisorischen Regierung in Braunschweig wieder­holt zugesichert haben, die braunschweigische Frage im Einklänge mit den Wün­schen und Interessen des braunschweigischen Volkes lösen zu wollen. Im Uebrigen haben die von derNordd. Allg. Ztg." veröffentlichten Briefe, welche König Georg von Hannover nach der Katastrophe von 1866 in Sachen der Wiederherstellung" seines Königreiches geschrieben, abermals zur Genüge ge­zeigt, wessen sich das Reich von den welfischen Bestrebungen zu versehen hat.

Die Nachricht, ein deutsches Schiff, die GoeletteKarl August", sei auf der Fahrt von Hamburg nach Veracruz durch Dynamit in die Luft gesprengt worden, hat sich blS jetzt noch nicht bestätigt. Sie klingt überhaupt unwahrscheinlich, da ein Schiff gleichen Namens von Hamburg nach dem ge­nannten mexikanischen Hasen nicht unterwegs ist.

Den Brennpunkt des politischen Lebens in der habsburgischen Monarchie bilden zur Zeit die Delegations-Berathungen in Budapesth. Aus ihnen ist als besonders bemerkenöwerth die Dienstags-Sitzung des Budget- Ausschusses der österreichischen Delegationen hervorzuheben, in welcher Graf Kalnoky sich in eingehendster Weise über den Stand der auswärtigen Beziehun­gen des Kaiserstaates vernehmen ließ. Die Aeußerungen des Ministers sind eine erneute und markante Bekräftigung der allgemeinen Annahme, daß die Drei-Kaiser-Begegnung von Skierniewice als ein eminentes Friedenswerk zu be­trachten sei, welches die volle Einmüthigkeit der drei Kaiser und ihrer Regie­rungen in dem Bestreben, den europäischen Frieden aufrecht zu erhalten, documentire. Speciell nahm Gras Kalnoky Veranlassung, das herzliche Ver- haltniß Oesterreich-Ungarns zu Deutschland zu betonen, dasselbe werde auch ferner die unverrückbare Basis für die gesammte auswärtige Politik Oesterreich- Ungarns bilden. Diesen so bedeutungsvollen Auslassungen gegenüber erscheint minder wichtig, daß Kalnoky auch das gute Freundschasts-Verhältniß Oester­reichs zu Italien erwähnte. Von Fragen allgemeineren Interesses berührte er noch die Angelegenheit der Orientbahnen, wobei Kalnoky die Verschleppungs- Politik der Pforte scharf angriff, und die Alexandrinische Entschädigungs-Frage, bezüglich welcher der Minister der Hoffnung Ausdruck gab, die Angelegenheit werde durch die Intervention Lord Northbrook's ihre Erledigung finden.

In Frankreich beherrscht nach wie vor die chinesische Affaire die Situation. Daß dieselbe für das Ministerium ungemüthlich zu werden an- fängt, geht aus mancherlei Anzeichen hervor; spricht man doch in den Couloirs der französischen Deputirtenkammer allen Ernstes von der Ersetzung des Ministeriums Ferry durch ein Cabinet Brisson- Ob die Dinge wirklich be­reits so weit gediehen sind, läßt sich zur Stunde noch nicht übersehen, jeden­falls hat aber der schneckenhaft langsame Fortgang der französischen Operationen Sin Ostasien selbst in den Kreisen der gemäßigten Republikaner eine für Ferry ungünstige Stimmung erzeugt und es ist noch sehr fraglich, ob dieselbe in Folge her neuerdings aus China gemeldeten Friedenssymptome wieder Umschlagen !' wird. Es wird nämlich aus Peking gemeldet, daß China die Insel Formosa auf 20 Jahre an Frankreich behufs Abschlusses des Friedens überlassen wolle,

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für welchen sich 21 Mandarinen ausgesprochen hätten; dem steht freilich die wiederum kriegerisch klingende Meldung gegenüber, daß an dem Kimpai- und Futscheu-Päffen Torpedos angelegt worden seien. Seinerseits scheint sich end­lich das Cabinet Ferry zu einem thatkrästigen Vorgehen gegen China ent­schlossen zu haben, indem es mit derCompagnie maritime" ein Abkommen wegen des Transportes von 5000 Mann nach Tongking getroffen hat.

Im englischen Unterlaufe ist am Mittwoch die Adreßdebatte nach beinahe 14tägiger Dauer in der Hauptsache beendigt worden, indem das Haus die Adresse in zweiter Lesung mit 134 gegen 18 Stimmen angenommen hat. In der sich hieran knüpfenden Debatte über die Bill, betreffend die Armenpfleger in Irland, wurde der irische Abgeordnete O'Donnel, welchem wegen nicht zur Sache gehörigen Bemerkungen ein Ordnungsruf ertheilt worden war, dem sich O'Donnel nicht fügen wollte, aus der Sitzung aus­geschlossen.

Die Nachrichten von dem Falte Khartums haben sich zwar nicht bestätigt, trotzdem hat sich unleugbar auf dem Schauplatze der Sudan- Rebellion ein abermaliger Umschwung zu Ungunsten Gordon'ö vollzogen. Der Mahdi hat offenbar seine Streitkräfte wieder bedeutend verstärkt und wird man darum wohl bald von neuen Angriffen des sudanesischen Jnsurgenten- sührers auf Khartum hören.

In der nordamerikanischen Union sind am Dienstag die Würfel in dem langen Wahlkampfe anläßlich der Präsidentenwahl gefallen. Ob sie aber zu Gunsten des Demokraten Cleveland oder des Republikaners Blaine gefallen sind, darüber herrscht noch Ungewißheit, da die Wahlresultate aus den westlichen Staaten nur sehr langsam eingehen. Die Südstaaten haben zwar sämmtlich demokratisch gewühlt, aber Blaine hat dagegen in dem an­scheinend den Ausschlag gebenden Staate Newyork eine Majorität von 10,000 Stimmen; bis jetzt schreiben sich die Blätter beider Parteien den Sieg zu.