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Mv. 282. Samstag den 8. November 1S81
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit »ringerkhn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.
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Erscheint mit de« StenUf».
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Politische Ueberficht.
Gießen, 7. November.
Seiten« de« deutschen Handelsministeriums ist man in letzter Zeit der Abstcht näher getreten, nach dem Vorbilde des in Eisenbahn-Angelegenheiten geschaffenen, auch ein Auskunfts-Bureau für Zollfragen in's Leben zu rufen. Zweck deffelben würde sein, allen deutschen Export-Firmen jederzeit über Zollbestimmungen und Zollposttionen der verschiedenen Länder geschäftliche Auskunft zu ertheilen. Da bei den Interessenten das Projekt Anklang findet, so liegen die Aussichten für das Zustandekommen deffelben recht günstig. Wie wir hören, wird der Centralverband deutscher Industrieller in seiner Äusschußsitzung vom künftigen Januar sich mit dieser Angelegenheit eingehend beschäftigen.
Prof. Windscheid in Leipzig, der bis vor Kurzem Mitglied der Commission zur Ausarbeitung des bürgerlichen Gesetzbuchs gewesen, soll sich dahin ausgesprochen haben, daß dieses Gesetzbuch schwerlich vor dem Jahre 1900 in Kra*t treten werde. An sich drängt ja nichts dazu, daß diese für ganz Deutschland bedeutungsvolle grobe Rechtsarbeit irgendwie übereilt werde. Die Verschiedenheit des Rechtes in Deutschland ist so mannigfaltig, daß es überaus schwierig ist. daraus jedesmal das Beste und Entwickelungsfähigste für die zu schaffende Rechtseinheit auszuwählen und organisch zu gestalten. Dagegen bleibt allerdings zu beklagen, daß die Arbeiten der Commission so überaus geheim bleiben. ES wäre dringend zu wünschen, daß man sich entschließen könnte, die ersten Entwürfe, soweit sie fertig sind, endlich einmal zu veröffentlichen und im Buchhandel Jedem, der sich dafür interefsirt — und das sind nicht blos die deutschen Rechts- Gelehrten — zugängliche zu machen.
Die vom „Wölfischen TelegrapHen-Bureau", also halbamtlich, verbreitete Nachricht, daß keine Anträge auf Zollerhöhungen Seitens des Bun- desrathes zu erwarten feien, wird auch in den hochosficiösen „Berl. Polit. Nachr." unter Berufung auf die „competenteste" Stelle wiederholt.
Die braunschweigische Erbfolgefrage wird für jetzt schwerlich mehr zur osficiellen Erörterung gelangen. Mit den Audienzen, welche die beiden Mitglieder des braunschweigischen RegentschaftSrathes, Graf Görtz - Wrisberg und Baron v. Veltheim, während ihrer neulichen Anwesenheit in Berlin beim Kaiser und beim Reichskanzler gehabt haben, kann man die Affaire als zu einem vorläufigen Abschluß gelangt betrachten. Dem Vernehmen nach ist beiden Herren die kaiserliche Anerkennung für ihr taktvolles Verhalten, das sie in der so schwierigen Lage gezeigt, ausgesprochen worden und gleich anerkennend soll sich auch Fürst Bismarck geäußert haben.
An dem Zusammentritt der Congo -Conferenz für den 15. November ist jetzt kaum mehr zu zweifeln. An dem genannten Tage wird voraussichtlich nur die Tagesordnung für die Conferenz festgestellt werden, die eigentlichen berschenden Sitzungen, bei denen Fürst Bismarck den Vorsitz zu fuhren gedenkt, werden wohl erst einige Tage später ihren Anfang nehmen.
Das politische Leben des österreichischen Kaiserstaates concentrirt sich augenblicklich in den Commissions-Sitzungen der in Budapesth versammelten österreichischen und ungarischen Delegationen. Mit besonderem Jntereffe sieht man den Berathungen in der Commission für die auswärtigen Angelegenheiten entgegen, es ist jedoch zweifelhaft, ob in derselben hochpolitische Fragen zur Verhandlung kommen werden, da sich Kaiser Franz Joses ja erst kürzlich gelegentlich des Empfanges der Delegationen in so bemerkenswerther Weise über die politische Lage geäußert hat. Im Heeres-Ausschuß der ungarischen Delegation gab der Kriegsminister am Montag Erklärungen ab, welche die Wichtigkeit des Heeresbudgets für einen Staat, wie die habsburgische Monarchie, obgleich sie zu den Nachbarstaaten in den freundlichsten Beziehungen stehe, betonten und die Nothwendigkeit hervorhoben, die Wehrkraft in anderen Staaten aufmerksam zu verfolgen. Besonderen Nachdruck legte der Kriegsminister auf den Gesichtspunkt der Sparsamkeit, indem er darauf hinwies, daß in Oesterreich-Ungarn die Erhaltung eines Mannes am wenigsten koste.
Aus Frankreich werden Symptome gemeldet, welche auf ein bedenkliches Anwachsen der Opposition gegen das Ministerium Ferry hindeuten. Nicht nur die monarchistischen und radikalen Preßorgane überschütten den Conseil- Präsidenten mit Angriffen, deren Ausgangspunkt gewöhnlich die chinesische Affaire bildet, sondern auch gemäßigt-republikanische Blätter beginnen jetzt aus gleichem Anlaß gegen Herrn Ferry in das Horn zu stoßen. In der Thal rückt aber auch der Streit, oder wenn man will, der Krieg Frankreichs mit China nicht vom Flecke. Auf Formosa ist Admiral Courbet durch die ausgezeichneten Ver- theidigungs-Maßregeln der Chinesen festgenagelt und in Tongking will dem General Briöre de l'Jsle ebenfalls kein entscheidender Schlag gegen die Chinesen und die wieder ausgetauchen Piratenbanden der Schwarzflaggen gelingen. Zwar meldete eine Depesche des genannten Heerführers vom 30. October, daß eine französische Abtheilung die Nachhut der Chinesen erreicht und derselben beträchtliche Verluste zugefügt habe, während eine andere Abtheilung die Gegend von Thainguysn von Zersprengten säubere und ferner, daß die Lage der Dinge am Weißen Flusse eine „gute" fei — aber offenbar bedeuten alle diese kleinen Erfolge für die Franzosen noch keinen entscheidenden Wendepunkt in Tongking. —
Der theilweise Erfolg, den die belgischen Liberalen durch die Einsetzung de« Cabinets Bernaert errungen haben, hat auch die belgischen Republikaner kühner gemacht. Am Sonntag fand in Brüssel eine größere republikanische Versammlung statt, in welcher sich die Redner entschieden für die Republik, als die beste Regierungsform in Belgien, aussprachen. Unterdessen hat das Cabinet
Bernaert die Beziehungen zum Vatikan wieder angeknüpft, indem Baron Pitteeurs van Hiegarts, bisher Gesandter in Stockholm, zum Vertreter Belgiens beim Vatikan ernannt worden ist.
Der jüngste Versuch Zorilla's, des bekannten Chefs der spanischen Republikaner, jenseits der Pyrenäen einen Putsch in Scene zu setzen, ist gescheitert. Zorilla hat sich, wie verlautet, nach diesem mißglückten Unternehmen nach London begeben. Madrider Blätter meinen freilich, daß die Nachrichten über von Zorilla versuchte Ruhestörungen lediglich auf Börsenmanöver zurückzuführen feien.
Die auf regende Meldung des egyptischen Telegraphen von dem Falle Khartums und der Gefangennahme Gordon's durch den Mahdi wird durch die jüngsten Depeschen aus dem Sudan erheblich reducirt. Ihnen zufolge ist der Mahdi mit starken Streitkräften in Obmurman angekommen und hat General Gordon zur Ergebung aufgefordert, was Letzterer mit der Bemerkung zurückgewiesen haben soll, er werde Khartum noch 12 Jahre halten. Der Mahdi habe sich daraus nach Emmek, eine Tagereise südlich von Khartum, zurückgezogen, ohne einen Angriff aus letzteres zu wagen. Jedenfalls scheint aber das Haupt der Sudan-Rebellion wieder die Offensive ergriffen zu haben. — General Wolseley ist in Dongola angekommen und vom Mudir mit besonderen Ehren empfangen worden; Wolseley überreichte dem Mudir den St. Michaels- und den St. Georgs-Orden.
Am Dienstag haben in der Union die Wahlmänner-Wahlen für die Präsidentenwahl stattgefunden. Ausschlaggebend sind diejenigen des Staates New'Dork, das Resultat ist zwar noch zweifelhaft, doch scheint es, als ob die Demokraten gesiegt hätten.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'» telegr. Torrefpoirdem-Birrea«.
Berlin, 6. November- Se. Maj. der Kaiser nahm Vormittags die regelmäßigen Vorträge und Meldungen entgegen, empfing den Besuch Sr. K. K. Hoh des Kronprinzen und arbeitete später mehrere Stunden allein. Um 2 Uhr empfing Se. Majestät den Herzog von Oldenburg und schließlich den Geheimen Hosrath Borck. Das Befinden Sr. Majestät ist durchaus zufriedenstellend; an der contusionirten Stelle empfindet Höchstderfelbe nur noch geringe Schmerzen.
— Die neueste Nummer der deutschen medicinischen Wochenschrift enthält eine Abhandlung Koch's über die Cholera-Bacillen als Entgegnung auf verschiedene abweichende wissenschaftliche Darlegungen, wie die der Bonner Gelehrten Prior und Finkler und des englischen Gelehrten Lewis. Koch weist nach, daß die Cholera-Bacillen ausschließlich der astatischen Cholera angehörige Bakterien sind.
Pesth, 6. November. Der Heeres-Ausschuß der ungarischen Delegation votirte unverändert das Extra-Ordinarium der Heeres-Erfordernisse. Eine längere Debatte entspann sich bezüglich der Kosten für die Befestigungs-Arbeiten von PrzemySl - Krakau. Der Kriegsminister erklärte die rascheste Vollendung dieser in Angriff genommenen Bauten schon aus Ersparungs-Rücksichten für geboten und rechtfertigte die bezüglichen Mehrforderungen mit den außerordentlichen Verhältnissen des Lohnes und der Materialpreife um Krakau.
London, 6. November. Nach einem Telegramm des „Reuter'schen Bureas" aus Shanghai von heute wären die erneuten Versuche, in den zwischen China und Frankreich bestehenden Differenzen zu einer friedlichen Verständigung zu gelangen, als gescheitert zu betrachten.
— Generalpostmeister Fawcett ist in Cambridge gestorben.
Petersburg, 6. November. Die russische „Peterüb. Zeitung" meldet, daß vom 1. Januar 1885 ab die Gehälter an katholische Geistliche nur unter der Bedingung ausbezahlt werden, daß die Bischöfe die Gouverneure über alle Veränderungen im Persouale der Geistlichkeit in Kenntniß setzen und da, wo General-Gouverneure vorhanden sind, denselben über solche Veränderungen Vorschläge machen.
Paris, 6. November. Außer dem vom „National" und „Presse" erwähnten Cholera-Todesfalle in der in Rue Coquilliere sind dem „Temps" zufolge gestern und heute auch noch einige andere, wenn schon wenig zahlreiche Cholerafälle in hiesigen Hospitälern, überhaupt in der Stadt constatirt und demgemäß alle erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen worden.
— In Nantes sind an der Cholera gestern 5 Personen gestorben; in Oran starb eine Person.
Frankfurt a. M., 6. Nov.'mber. Bet der heutigen Stichwahl zum Reichstag erhielt Sonnemann 10,777, der Socialdemokcat Sabor 12,165 Stimmen.
Darmstadt, 6. November. Ulrich (not! ) gewählt.
Offenbach, 6. November. In dec Stadt Offenbach Liebknecht 3302, Schloß- macher 1747, in 6 Landorten bis jetzt Liebknecht 1539, Schloßmacher 155.
Mainz, 6. November. Stichwahl. Racke (C ) scheint mit kleiner Mehrzahl über Dollmar (Soc ) gesiegt zu haben.
Alzey, 6. November. Stichwahl zwischen Bamberger und v. Schauß. In 31 Gemeinden erhielt bis jetzt Bamberger 4383, v. Schauß 2871 Stimmen.
Elberfeld, 6. November. Der Soctalist Harm ist mit einer Mehrheit von 5800 Stimmen gegen Fabrt (fretconservativ) gewählt.
London, 6. November. Unterhaus. Fttzmaurtce erklärt, die Ratificationen des präliminären Abkommens mit Mexiko seien am 28- October in Mexiko ausgctausckt worden. Frankreichs Antwort auf die Erklärnng Englands, betreffend die Blokade Formosa's sei gestern etngetroffen und wird jetzt geprüft. Gladstone theilt mit, daß die Regierung einen detatlltrten Bericht Northbrook's noch nicht besitze, sondern nur prälimtnare Andeutungen seiner beabsichtigten Vorschläge; Gladstone beanttagt zweite


