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Rx. 183 Freitag den 8. August 1881

ichener Anzeiger Aülts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

und Trohe gebildet wird.

Dr. Boekmann.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 Pf.

Vrrreau: Schulstraße 7.

Betreffend: Die Anstellung der Bezirksbauaufseher. Gießen, am 6. August 1884.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die GroHherzoglichen Bürgermeistereien Albach, Allendorf a. d. Lahn, Annerod, Dorf-Gill, Garbenteich, Großen- Linden, Grüningen, Haufen, Heuchelheim, Holzheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Oppenrod, Rödgen, Steinbach, Trohe und Watzenborn.

An Stelle des in den Staatsdienst übertretenden Bezirksbauauffehers Seuling in Gießen ist der Bauführer Hugo Rohrer von Waldmöfstngen (Württemberg) zum Bezirksbauaufseher für den I. Baubezirk mit dem Sitz in Gießen ernannt und wird seinen Dienst am 18. d. M. antreten. Bei diesem Anlaß haben wir im Interesse des Dienstes die Gemeinden Rödgen und Trohe dem IV. Baubezirk (Bezirksbauausseher Senßfelder in Gießen) und die Gemeinde Dors-Gill dem I. Baubezirk zugetheilt, welcher demnach in Zukunst durch die sämmtlichen obengenannten Gemeinden mit Ausnahme von Rödgen

politische Ueberfkcht.

Gießen, 7. August.

Das große politische Ereigniß der letzten Tage ist das Scheitern der Londoner Conferenz. Nachdem die Chancen einer positiven Verständigung zwischen den differirenden Interessen der beiden hauptsächlichst beteiligten Par- leien, Frankreich und England, schnell auf ein Minimum herabgesunken waren, machte man sich bei Zeiten mit dem Gedanken eines resultatlosen Auseinander­gehens der Conferenz-Theilnehmer vertraut, so daß die eingetretene Thatsache als solche kaum irgend Jemandem überraschend gekommen sein dürste. Die englische Regierung sucht sich nun in allerlei gewundenen Redensarten über den Mißerfolg der Conferenz herumzudrücken. Hauptsächlich schiebt sie Frankreich die Schuld an dem Scheitern der egyptischen Finanzregulirung zu, da Frank­reich nicht in die Verminderung der Zinsen für Die egyptischen Bonds gewilligt und durch seine Gegenanträge nur eine noch größere Verwirrung in den egypti- schen Finanzverhältnissen erzeugt haben würde. Durch den Mund derTimes- läßt die englische Regierung aber auch durchblicken, daß die anderen Großmächte, zumal Deutschland, Oesterreich und Rußland an dem Scheitern der Conferenz Schuld feien, da diese Großmächte nichts gethan hätten, um die Differenz Eng­lands und Frankreichs zu beschwichtigen. Auf diese Anklage hat inbeffen die Rordd. Allg. Ztg." in einem offenbar vom Fürsten Bismarck infpirirten Artikel eine geharnischte Antwort gegeben, worin es vornehmlich heißt: England ver­trete noch immer den Standpunkt, daß es in Egypten und auf der ganzen Welt nur englische und vielleicht noch französische Interessen gäbe und andere Mächte erst in zweiter Linie in Betracht kämen, dies sei der wahre Grund des Schei­terns der Conferenz. Da viele egyptische Bonds in deutschen Händen seien, habe Deutschland auf der Conferenz auch finanzielle Interessen zu vertreten gehabt und diese hätten Deutschland mehr aus die Seite der französischen, als der englischen Anschauungen gebracht. England habe aber wohl geglaubt, Deutschland und auch die anderen Großmächte würden es sich zur Ehre an- rechr.en, in der Conferenz zu Gunsten Englands gegen Frankrich auszutreten, es hätte indessen Niemand Lust gezeigt, für England die Kastanien aus dem fran­zösischen Feuer zu holen. Am allerwenigsten sei dies aber von Deutschland zu erwarten gewesen, welches mit Frankreich in Frieden lebe, trotz der systemati­schen Hetzereien der englischen Presse, welche es sich zur Hauptausgabe gestellt habe, Deutschland als den unversöhnlichen Gegner Frankreichs hinzustellen. Man darf wohl in dieser Aeußerung DerNordd. Allg. Ztg." eine bedeutsame Kundgebung der auswärtigen deutschen Politik überhaupt erblicken und anneh­men, daß eine starke Erkaltung in den deutsch-englischen Beziehungen in Folge der anmaßenden und selbstsüchtigen Haltung der englischen Regierung einge­treten ist.

Kaiser Wilhelm hat in einem aus Gastein batirten Erlaß in hoch­herziger Weise erneute Fürsorge für die Invaliden des deutsch-französischen Kriegs getroffen. Die Versorgungs-Ansprüche der Invaliden waren bekanntlich an eine gesetzliche Anmeldefrist gebunden, der Kaiser hat nun aber bestimmt, daß auch alle diejenigen Theilnehmer am Kriege, welche nach dieser Anmeldefrist innere Beschädigungen bei sich wahrgenommen haben, Versorgungs-Ansprüche geltend machen können. Aus Anordnung des Kaisers sollen die General-Commandos derartige Gesuche, denen der ursächliche Zusammenhang der Krankheit in einer Beschädigung im Kriegsdienste beigefügt sein muß, in wohlwollender Weise prüfen und bei Gutbesund dem Kaiser zur Gnadenbewilligung aus dem Dispofitions- fonb unterbreiten. Die betreffenden Gesuche sind bei den Bezirks- feldwebsln einzureichen.

Neben der Verstimmung Deutschlands und Englands wegen des Scheiterns der Londoner Conferenz hat sich auch noch eine andere, sehr drastische Ursache zu einem deutsch-englischen Zwischenfall gefunden. Die längst bekannte Unverschämtheit englischer Fischer in Der Nordsee hat sich nämlich in voriger Woche bis zu einer förmlichen Seeräuberei verstiegen. Der deutsche, der Firma Radien in Geestemünde gehörige KutterDietrich" ist in der Nähe der Doggerbank von der Mannschaft von drei englischen Kuttern listig über­fallen worden, indem die Engländer tgaten, als wollten sie auf dem deutschen Kutter Lebensmitteln kaufen. Mit plötzlich hervorgezogenen Dolchen und Todt- schlägern setzten sie indessen die schwache Besatzung des deutschen Kutters außer Wehr und raubten denselben vollständig aus. Die später wieder freigegebene

Mannschaft des deutschen Kutters hat sich aber die Merkzeichen der englischen Kutter gemerkt und die exemplarische Bestrafung der Piraten dürste nicht ausbleiben

Die österreichische Monarchie war in den letzten Tagen Zeuge einer zwar schon oft ftattgefunbenen, aber immer noch an Bedeutsamkeit gewin­nenden Begegnung. In Ischl, der Sommerresidenz des Kaisers von Oesterreich, fand am Mittwoch dessen Begegnung mit dem Kaiser von Deutschland statt. Ischl ist derselbe Ort, in welchem sich die beiden erlauchten Monarchen in Den letzten Jahren schon zusammenfanden, es ist daher wohl überflüssig, über den reizenden Gebirgsort und die Art der dortigen Kaiserbegegnung nochmals Einzel­heiten zu berichten. Gedenken wollen wir aber bei dieser wiederholten Begegnung der edeln Monarchen, daß ihre erhabene persönliche Freundschaft, die, wie wir wissen, sich auch längst auf die beiderseitigen Thronfolger übertragen hat, ein Pfand der Freundschaft auch für Die Völker Oesterreich-Ungarns und Deutsch­lands ist und daß dieses freundschaftliche Verhältniß zwischen Oesterreich und Deutschland nicht wenig zum Frieden und Fortschritte in Europa beiträgt. Wie bereits gemeldet wurde, wird Kaiser Wilhelm am Donnerstag seine Rück­reise antreten und am Freitag in Schloß Babelsberg bei Berlin eintreffen.

Berlin, 5. August. Die Ernennung des Professors Dr. Echwennioger, des Letbarztes des Fürsten B-Srnarck, zum außerordentlichen Professor an der hiesigen Friedrich-WilhelmS-Universität. wirb heute amtlich veröffentlicht. Eine vorherige Be­fragung der medictntschen Facultät scheint nicht erfolgt zu sein. Eine solche findet zwar In der Regel, aber nicht ausnahmslos statt, und in diesem Falle scheint der Minister von seinem Rechte Gebrauch gemacht zu haben, einen außerordentlichen Pro­fessor auch ohne vorherige Verständigung mit der Facultät zu ernennen. Wie man hört, wird Herr Schwenninger über Hautkrankheiten lesen. Eine zweite medicinische Persönlichkeit, die zur Zeit die Blätter beschäftigt, ist die deS GehetmrathS Dr. Koch. Manche haben ihn bereits in Gedanken und Worten zum Direktor deS RetchSgesund- hettSamtS ernannt, andere wollen ihn zum Leiter eines neu zu schaffenden »hygienischen Instituts- machen. Die erstere Nachricht ist durchaus unwahrscheinlich. Herr Dr. Koch dürfte am wenigsten selbst Luft haben, eine solche Stellung einzunehmen, die ihn sehr mit Verwaltungsangelegenheiten überhäufen und von wissenschaftlichen Arbeiten tn erheblichem Maße fernhalten würde. Auch die zweite Nachricht dürste stch in dieser Form schwerlich bestätigen. Es Ist allerdings, wenn auch nicht neu, so doch noch immer richtig, daß man im Unterrichtsministerium m't dem Plane umgeht, ein neues .hygienisches Institut" zu schaffen, für daS man hoffentlich einen vernünftigen deutschen Namen finden wird. Der künftige preußische Landtag wird voraussichtlich mit dieser Braßt befaßt werden und die erforderlichen Mittel dafür zu bewilligen haben. Der Ian dieser Neuschaffung stützt sich auf Wünsche und Erfahrungen, die bet Gelegenheit oer vorjährigen Berliner Hygiene - Ausstellung zu Tage getreten stad und tte auf Gründung einer stch ausschließlich mit der Lehre von der öffentlichen Gesundheits­pflege befassenden Zweiganstalt der Universität hinausliefen. Minister v. Goßler, der für solche Fragen ein sehr großes Verständniß besitzt, hat jetzt diese Frage aufgegrtffen und scheint sie verwirklichen zu wollen. Bis zur Erörterung der Personenfrage ist aber der Plan bisher noch nicht gekommen. . _ .

In unfern amtlichen Kreisen steht man dem Scheitern der Conferenzkühl biS an'S Herz hinan" gegenüder. Entschieden bestritten wird nur, daß Deutschland mit seiner Anregung hinsichtlich der Besserung des egyptischen Gesundheitswesens etwa die Absicht gehabt habe, das Scheitern der Conferenz herbetzuführen. Deutschland habe vielmehr ebenso ehrlich wie jede andere Macht, England vielleicht ausgenommen, eine befriedigende Lösung der egyptischen Finanzfrage gewünscht. Aber freilich habe sich Fürst BtSmarck gehütet, noch einmal die undankbare Rolle einesehrlichen Maklers' zu übernehmen, wie man vielleicht im Auswärtigen Amte zu London erwartet hatte, und seinen großen Einfluß zu Gunsten einer Lösung um jeden Preis in die Wagschale zu werfen. Schon allein die schlimmen Erfahrungen, die er damit bet der Berliner Conferenz gemacht hat, hätten Ihn davon zurückgehalten. Wie er sich damals die Feindschaft Rußlands zugezogen habe, so würde er diesmal die öffentliche Meinung Frankreichs gegen sich aufgebracht haben, und dazu habe er nicht die geringste Luft verspürt. Vergebens werde die englische Regierung den Versuch machen, die Verant­wortlichkeit auf andere Schultern abzuwälzen. Im Uebrtgen gedenkt sich Deutschland vorläufig ganz auf die Rolle eims Zuschauers zu beschränken und abzuwarten, welche Schritte Herr Gladstone thun wird, um sich aus der selbstverschuldeten Verlegenheit herovszuarbeften. (Köln. Ztq.)

Telegraphische Depeschen.

WoLsf's telegr. Corresporrderrz-Dvreav»

Salzburg, 8 Auauft. Se. Majeität ber Kaiser machte heute früh einen Abschiedsbesuch bei der Prinzessin Heinrich der Ni derlande und reiste sodann um 9V2 Uhr mit einem Cxtrazuge, welcher von dem Präsidenten Czrdik und dem Hofrath Claudy gcfvhrt wurde, nach Ischl ab. Auf der Fahrt Zum Bauhöfe wurde Se. Majestät von dem Publikum mit lebhaften Hochrufen begrüßt. Zur V^"dschiedung waren auf dem Bahnhöfe erschienen der Stattbalter Graf Thun, ber. ^^^auptmann @raf ChormSky, der Militärcommandant General v. Knopfer der Vürgermeister Bieble. Der Botschafter Prinz Reuß bifanb sich im Gefolge Sr. Maiestat des Kaisers.