Gießen, 6. October. Dle gestern Nachmittag in Wenzel'S Saalbau ein- berufene Wählcrversammlung, in welcher Herr Hugo Buderus zu Hirzenhain sein Programm entwickelte, war so zahlreich besucht, daß die Local'täten nicht auSreichten, die Hörer zu fassen.
Herr Rechtsanwalt Dr. Dittmar eröffnete die Versammlung und erthetlteHerrn Bu der uS das Wort. Letzterer sprach seinen Dank für dre freundliche Begrüßung auS und für das Vertrauen, ihm eine Candidatur im Reichstage übertragen zu wollen. Er süble sich verpflichtet, seine politische Anschauung darzulegen. Er selbst stehe auf dem Boden des Heidelberger Programms, er erachte dte Erhaltung und Stärkung des deutscken Reichs, seine innerliche Entwickelung auf dem bundesstaatlichen Boden der Verfassung für die wichtigste Aufgabe des deutschen Reichstags. Eingedenk der großen Erfolge, dte die auswärtige Politik des deutschen Reiches erzielte, welche, unterstützt durch dte hohe Achtung, dte man unserer Heereöoerfassung zollt, uns bis heute dte Segnungen des Friedens erhalten habe, trete er ein für ein starkes deutsches Heer, nickt bekümmert um Diejenigen, welche hier Ersparn sss etntreten lassen wollen. Er billige die Bestrebungen unseres Reichekanzlers, welche auf Verbesserungen drr materiellen Lage unseres Volkes gerichtet seien, wenn er auch die Schwierigkeiten anerkenne, welche dieses Gebiet darbtete. Redner wünscht, daß auf wirthschaftltchem Gebiete keine Störungen stattfinden, und steht in der Zollpolitik auf bsm Standpunkt, daß dte nationale Arbeit und nationale Production mit dem Schutzs ausgestattet werde, dessen sie dem Auslande gegenüber zu ihrer Prosperität bedürfe. Auf dem Gebiete der Zollvolit.k wolle er nicht nach hergebrachten Theorien handtln, sondern stets von Fall zu Fall, unter steter Würdigung der Verhältnis.'. Man müsse prüfen, welchen Produktionen ein Schutzzoll zu gewähren und welchen em solcher zu versagen sei. Schon jetzt sei er gegen eine Ermäßigung der Kornzölle. Er sei kein Anhänger von Staatsindustrien, er s.t ein Gegner dis Tabakmonopols. Er begrüße freudig die vom Reiche eingeletttte Eolontalpoltttk und sei sich darüber klar, daß Deutschland hier nicht zurückstehen dürfe und daß ein besonnenes Vorgehen auch hier zu seiner Wohlfahrt gereichen müsse. Dte geplanten Dampferoerbtndungen seien gesicherte Verkehrswege zwischen dem deutschen Vaterlande und den überseeischen Besitzungen und stfhe deßhalb dte Dampfervorlage tm engsten Zusammenhang mit den Eolonialbesirebungen. Dte Aufrechterhaltung des Socialistengesetzes hält Redner zur Zeit noch für eine Rothwcndtgkett aus denselben Gründen, welche die Vertreter der nationalen und liberalen Partei geltend gemacht hätten. Redner sprach sodann über ferne Stellung zur Reichsregierung. Es sei nur zu beklagen, wenn dte Stimmung in unseren politischen Parteien sich mehr und mehr auf das „für oder wider Bismarck" zusp'tze. Für ihn sei das „wider Bismarck" ein Ausdruck der Undankbarkeit einem Manne gegenüber, der so außerordentlich D el für Deutschland gethan habe. Er danke der Vorsehung, daß sie uns tn ihm einen solchen Mann an dte Sp'tze des Vaterlandes gestellt habe, sein Name werde noch genannt werden nach Jahrhunderten; er sei mit ur.vertilgbarer Schrift tn die Tafeln der Geschichte eingetragen. Redner lasse sich durch dte Bestrebungen der Gegerpartrt seine Freude an den großen Schöpfungen dieses Mannes nicht trüben, aber er frage sich oft, warum so viele gehässige Anfechtungen dem Manne gegenüber geschehen, der mit seinen besten Kräften und außerordentlichen Erfolgen dem Vaterlande gedient habe. Wo sei es besser als bet uns tn Deutschland? Welches Land stehe geachteter da und zeige geordnetere Verhältnisse, in welchem finde man mehr Verständniß für die Bedürfnisse des Volkes? Wo seien die wirthschaftltchen Verhältnisse in bessere Bahnen gelenkt, als in unserem deutschen Vaterlande? Wir dürften stolz zum Reichskanzler emporfehen, um so mehr, wenn wir nicht vergessen, was wtr noch vor kaum zwei Jahrzehnten gewesen sind. Nächst unserem Kaiser verdankten wir dies unserem weitsichtigen Staatsmanne, dem Fürsten Bismarck, den man im eigenen Vaterlande so vielfach verkannt und angefochten bade, während ihn das Ausland bewundert und uns um denselben beneidet, Redner sei ein warmer Anhänger her großen Bestrebungen unseres Reichskanzlers und halte es für seine Pflicht, ihn hierbei thaikräfttg zu unterstützen. Diese volle Anerkennung verhindere ibn jedoch nickt, feine eigene Ueberzeugung und fein eigenes Urthetl zu wahren und jeder Bestrebung entgegenzutreten, welche auf Schmälerung der Rechte des deutschen Volkes bedackt sei. Auf dem Boden der Verfassung und unter der bewährten Leitung unserer Führer müsse man arbeiten für Kaiser und Reich zur Ehre und Größe unsere« deutschen Vaterlandes.
Dr. Gutsleisch erhält sodann das Wort. Derselbe führt aus: Es müsse einen eigenthümlichen Eindruck machen, wenn heute die gegnerische Parteiagitation eröffnet werde unter dem Vorsitz eines Mannes, der vor drei Jahren der letzten Versammlung zu seinen Gunsten präsidirt habe; einen eigenthümlichen Eindruck, wenn man bedenke, daß dieser Mann seit sechs Jahren schon drei verschiedene Candidaten mit seinem Ansehen zu unterstützen versucht habe. (Rechtsanwalt Dr. Dittmar übergiebt den Vorsitz Herrn Professor Oncke n und verkündigt, daß er durch diese persönliche Angriffsweise nachher das Wort zu ergreifen genöthigt sei.) Dr. Gutfleisch fortfahrend: Vor sechs Jahren habe Herr Dr. Dittmar die Candidatur des Herrn v. Rabenau lebhaft unterstützt, vor drei Jahren sich ihm (Redner) zugcneigt, um heute nun wieder einen Dritten zu begünstigen. Es entspreche nicht seinen Wünschen, diesen Hinweis aus persönlichen Gründen zu unternehmen, aber das Verhalten des Vorsitzenden sei characteristisch für die heutigen Verhältnisse. Es sei anfänglich Redners Absicht gewesen, nicht in dieser Versammlung zu erscheinen, allein er habe dem Ansinnen vieler Wähler stattgegeben, und in der That hätten diese Wähler hiermit das Nichtige getroffen. Denn wenn ein Candidat, der sich fals liberaler Candidat bezeichne, darauf ausgehe, einen liberalen Candidaten mit Verdächtigung seiner Partei zu verdrängen, so dürfte dieser zur Gegenwehr nicht fehlen. Was nun den Herrn Gegencandidaten anbetrisst, so habe er erwartet, daß Momente thatsächlicher Art, welche beide Candidaten trennten, abgegeben würden. Dasjenige aber, was er gehört habe, sei zu seinem Erstaunen nichts weiter, als die Wiederholung des Programms, welches man in den „Oberhessischen Nachrichten" gelesen habe. Dieses Programm aber wiederhole im Wesentlichen fast wörtlich das Heidelberger Programm. Es sei farblos, präcisire nicht im Geringsten das, was man von einem Candidaten verlangen dürfe. Was soll es denn heißen, daß Herr Buderus nicht in den Ruf einstimme: „Fort mit Bismarck"; sei das nicht eine ganz haltlose Anschuldigung gegen ihn (Gutfleisch) selbst, habe Jemand von ihm je diesen Ruf gehört? Stets habe er doch mit größter Ehrerbietung des Reichskanzlers gedacht; es sei ihm deshalb unverständlich, wie die Gegenpartei an die Spitze ihres Programms stellen könne, sie stimme nicht ein in den Ruf „Fort mit Bismarck!" Was solle es denn heißen, wenn Gegner sagen: Wir lasten uns nicht die Freude am Reich verderben? Derartige Redensarten nähmen eine eigenthümliche Färbung an, wenn sie von dem Gegencandidaten gegen den Gegencandidaten gesprochen würden. Es liege darin ein Vorwurf den er ernstlich zurückweise. Der Gegencandidat spreche davon, er wolle das Heidelberger Programm befolgen; was sei denn eigentlich das Heidelberger Programm? Der Herr Candidat möge sich doch über bestimmte Fragen, er möge sich namentlich darüber äußern, ob er für die Erhöhung der Getreidezölle sei oder nicht; eine ganze Anzahl der Freunde des Herrn Buderus scheinen in dieser Beziehung heut zu Tage Wünsche zu haben- er müsse daher darüber sich Aufklärung erbitten. ' '
Der Herr Gegencandidat spreche davon, es solle nicht gerüttelt werden an den bewährten Einrichtungen unseres Heeres; auch Redner selbst habe stets betont, daß die Kraft unseres Heeres ungeschmälert erhalten werden solle. Mit seinem Glauben an ein Genügen der zweijährigen Dienstzeit rüttle er nicht im mindesten an dieser Kraft. Der Herr Gegen- candidat behaupte, er wolle den Fürsten Bismarck in Allem unterstützen; da er indeß andererseits behaupte, Gegner des Tabaksmonopols zu sein, die von Bismarck gezeichnete kaiserliche Botschaft aber vom 17. November 1881 dieses Monopol für das geeignetste Mittel zur Ausführung der kaiserlichen Pläne halte, wie könne nun Herr Buderus sagen er sei für Bismarck und gegen das Monopol? Herr Buderus habe auch darüber gesprochen, daß er der Negierung die Mittel nicht versagen wolle, den anarchistischen Bestrebungen zu begegnen. Er (Dr. Gutfleisch) und seine Partei hätten doch auch niemals gesäumt, sich gegen diese Bestrebungen zu wehren. Selbst der Reichskanzler identificire anarchistisch und socialisüsch durchaus nicht. Redner und seine Partei seien es gewesen die den ersten Vorschlag gemacht hätten, ein Gesetz zu erlassen gegen den Mißbrauch von' Explosivstoffen zur Abwehr der Anarchisten. In Bezug auf das Socialistengesetz könne er den Bestrebungen seines Gegencandidaten nicht folgen; derselbe behaupte, er sei für einstweilige Fortbestehung des Socialistengesetzes. Da nun das Socialistengesetz auf 2 Jahre verlängert worden sei, so frage er den Herrn Candidaten, ob er für Verlängerung desselben stimmen würde oder nicht; er vermuthe fast, er sei für dieselbe; dann aber sei er kaiserlicher als der Kaiser. Die Negierung habe selbst noch nicht gesagt, daß sie das Socialistengesetz beibehalten wolle, sie habe sogar erklärt, es bestehe die Hoffnung, daß die ouf das Wohl der Arbeiter gerichteten socialpolitischen Bestrebungen eine solche Beruhigung
der Arbeiter erzielten, daß man nach Ablauf von zwei Jahren das Socialistengesetz entbehren könne. Wolle etwa auch in diesem Fall der Gegencandidat die Verlängerung Socialistengesetzes, wenn die Regierung selbst sie nicht haben wolle? Die Erklärung, Herr Buderus sei ein Mann von durchaus liberaler Gesinnung, sei ganz inhaltsleer. In dieser Richtung entbehre die nationalliberale Partei vollständig der Garantie, daß sie wirksam der Neaction entgegentreten wolle. In einer Zeit, wo selbst Herr v. Bennigsen erklärte, daß schwere Neactionsversuche zu bekämpfen seien, und wo das Programm der Nationalliberalen vom September 1881 ausdrücklich die Nothwendigkeit betonte, die Reaction mit gemeinsamen liberalen Kräften niederhalten zu müssen, in dieser Zeit bethätige Der keinen Liberalismus, der einen liberalen Abgeordneten von seinem Platz verdrängen wolle. Eine liberale Majorität im Reichstag werde jetzt wahrscheinlich, gerade in Folge der nationalliberalen Agitation, nicht zu Stande kommen. Wenn wir dann einen Reichstag erhielten, der freiheitsfeindlichen Bestrebungen diene, dann könne man später mit Recht auf die Herren Gegner Hinweisen und ihnen den Vorwurf machen, daß sie die liberalen Erfolge hinderten^ ihren besten Freunden den Frieden aufsagten. Den besten Beweis von Liberalismus hätte der Gegencandidat liefern können, wenn er nicht Gegencandidat geworden wäre.
Dr. Dittmar: Er könne die Erwiderung auf die Eingangsworte Vorredners dami einleiten, daß er ihm sage: so treibe die deutsch-freisinnige Partei ihre Wahltactik! Was habe mit seiner (Dr. Dittmar) unbedeutenden Person die Frage zu thun, welches der geeignetste Candidat für den Reich stag sei, was für einen Eindruck müsse es auf die Versammlung machen, wenn der Vorredner ihn als einen charakterschwachen Politiker hinstellen wolle. Er gehe als Politiker schon etwas länger als Vorredner mit und wisse sehr wohl, daß man auf Dank keinen Anspruch machen dürfe. Daß man aber seine Motive absichtlich mißverkennen wolle, und dies von einer Seite, von der er es aus persönlichen Gründen am allerwenigsten erwartet hätte, schmerze ihn tief. Redner nehme für sich das Recht in Anspruch, als ein guter Patriot beurtheilt zu werden und verlange dieses vor allem von seinem Vorredner, wenn dieser auch mit seiner politischen Handlung nicht zufrieden sei. Daß dies der 3. Candidat sei, den er befürworte, sei allerdings wahr. Es sei ein schweres Opfer, wenn Redner persönliche Rücksichten hintansetzen müsse gegen die Pflicht, dem Vaterlande selbstlos zu dienen. Er erachte es als eine schwere Beleidigung, wenn man ihm daraus einen Vorwurf machen wollte. Warum habe man ihm bei der letzten Wahl den Vorwurf nicht gemacht, als er an Stelle des Herrn v. Rabenau Herrn Dr. Gutfleisch vorgeschlagen? Wenn er heute von demselben Rechte Gebrauch mache, wie damals als er zu Gunsten Dr. Gutfleischs stimmte, warum wolle man ihm heute hierin eine Schwankung seines Characters vorwerfen! Nicht nur nach der Parteistellung, sondern nach der Lage der Sache ändere sich die Auswahl des jeweil geeigneten Candidaten. Er habe vor 3 Jahren die Candidatur Gutfleisch unterstützt weil kein anderer liberaler Candidat vorhanden gewesen sei und mit seiner Ansicht deckten sich die Ansichten der übrigen Wühler. Als das Verhältniß zwischen der nat.-liberalen und freikonservativen Partei ein wesentlich unfreundlicheres geworden sei und namentlich in Folge des Ausscheidens der etwas mehr liberal gefärbten Freikonservativen habe man es für nöthig gefunden, den liberalen Standpunkt zu betonen und den Candidaten zu acceptiren, der das einzige Mittel gewesen, aus der conservativen Bahn in eine etwas mehr liberale zu lenken. Er habe niemals etwas anderes gewollt, als ein praktischer Politiker zu sein und den Umständen gemäß für das Wohl des Vaterlandes zu handeln. Die Situation habe sich damals geändert gehabt auch insofern, als die Reichsregierung damals nicht mehr darauf ausging, liberale Forderungen zu fördern wie früher. Die Regierung werde heute wohl nicht mehr die Redefreiheit und Budgetbewilligung zu begrenzen suchen, wie früher geschehen. Das Ausschlag gebende für das heutige Abgehen von der Candidatur Gutfleisch aber sei: daß Herr Dr. Gutfleisch, welcher der Secession, wenn auch nur als Hospitant, angehörte, zur freisinnigen Partei übergetreten sei mit Eugen Richter an der Spitze. Nachdem ein lebhafter Streit zwischen der national-liberalen und deutsch-freisinnigen Partei ausgebrochen, wer wolle es Herrn Dr. Dittmar verargen, wenn er in diesem Streite lediglich auf Seiten seiner politischen Freunde getreten sei. Wer den Streit angefangen, sei irrelevant. Er (Dr. Dittmar) bekenne sich zum Verfasser des Wahlaufrufs ‘für Herrn Buderus, und als solcher dürfe er sich erlauben, auf die Anfragen des Vorredners zu antworten. Redner beantwortet sodann zum Theil die von Dr. Gutsleisch gestellten Anfragen und meint, die deutschfreisinnige Partei habe ein Programm, dessen Ausführung Fürst Bismarck sich nicht fügen werde. Letzterer werde nie in die Abkürzung der Dienstzeit einwilligen, und der Meinung erprobter Heerführer lege er mehr Werth bei, als derjenigen einzelner Parlamentarier. Redner kommt sodann auf das Sprengstosfgesetz zu sprechen, welchem er wenig Werth beimißt, vielmehr will er durch Handhabung des Sozialistengesetzes die Wurzeln des Anarchismus ausrotten. Wenn Dr. Gutfleisch sage, daß von Seiten der Reichsregierung Attentate gegen Volksrechte geplant würden, so möge er solche kundgeben, ihm sei z. Z. nur gegenwärtig, daß Minister v. Puttkamer im preuß. Landtage in Bezug auf Aufhebung der geheimen Wahl eine Aeußerung gethan habe, daß man die Redefreiheit des Parlaments beschränken und die Budgetperioden habe abkürzen wollen. Alle diese Rechte aber werde der Candidat Hr. Buderus vertheidigen.
Herr H. Buderus beklagt, daß man ihm so persönlich entgegengetreten sei. Man möge bedenken, daß er ein Neuling und kein geübter Parla-mentarier sei. Man mache ihm den Vorwurf, daß er als Liberaler einem Liberalen Candidaten entgegengetreten sei. Er hätte dies jedoch nur auf Drängen seiner politischen Freunde gethan. Er selbst habe keine Candidatur gesucht. Was die Erhöhung der Getreidezölle anlange, so erscheine ihm eine blühende deutsche Landwirthschaft als Grundlage unseres nationalen Wohlstandes und er trete deshalb für eine mäßige Erhöhung der Getreidezölle ein, und was die Jndustriezölle anlange, so glaube er sich klar darüber ausgedrückt zu haben, indem er für unsere deutsche Arbeit und Production einen Schutzzoll dem Auslande gegenüber errichtet wissen wolle. Alle diese Zollfragen wolle er aber nicht beurtheilt sehen nach Theorien, sondern je nach Bedürfniß von Fall zu Fall. Redner wolle rcactionären Bestrebungen «ntgegentreten und glaubt mit diesen Ausführungen die von Herrn Dr. G«t- fleisch gestellten Anfragen beantwortet zu haben.
Herr Dr. Gutfleisch erwidert, er habe mit Interesse vernommen, daß, während das Heidelberger Programm auf dem Gebiete der Zollpolitik Ruhe wünsche und während Herr Dr. Dittmar noch am 19. April d. I. seine Genugthuung darüber ausgesprochen habe, daß die schutzzöllnerischen Agrarier in der Minderheit bei den Nationalliberalen seien, nun der Schutzbefohlene des Herrn Dr. Dittmar doch für Erhöhung der Getreidezölle eintrete. Auffallend sei ihm, daß Herr Buderus nicht jetzt schon sich bestimmt für diese Erhöhung ausspreche, sondern sich Prüfung des Bedürfnisses vorbehalte; ob ein solches vorliege, müsse ein Reichstags-Candidat jetzt schon wissen. Ucbrigens gebe er Herrn Buderus zu bedenken, daß, wenn überhaupt der Zoll der Landwirthschaft helfen solle, eine mäßige Zollerhöhung keinenfalls zur Ausgleichung der durch die Concurrenz des Auslandes entstehenden Nachtheile genüge. Redner bestreitet wiederholt, daß seine Partei an der Kraft des Heeres rüttele und unfruchtbare Opposition gegen die Negierung treiben wolle. Dieser Vorwurf enthalte die schwerste Verdächtigung, die man politischen Männern zufügen könne. Nicht verstehen könne er, wie Herr Buderus seine Zustimmung zu einer etwaigen Verlängerung des Socialistengesetzes davon abhängig mache, ob die Regierung diese Verlängerung für nöthig halte. Nicht das Ermessen der Regierung, sondern die pflichtmäßige eigene Erwägung des Abgeordneten habe diesen zu bestimmen. Wenn die Vorredner die Neactionsversuche der Neichsregierung bestritten, so verläugneten sie ihren eignen Führer, Herrn v. Bennigsen und das nationalliberale Programm vom September 1881. Er erinnere übrigens daran, daß sogar der Führer der hessischen Nationalliberalen, Herr Dr. Osann^ von der Nothwendigkeit der Beschränkung des Parlamentarismus gesprochen habe. Das. errege keine große Hoffnung dafür, daß die Nationallibcralen für die Rechte des Parlaments sehr eifrig eintreten werden. Was Herr Dr. Dittmar darunter verstehe, daß man das Liberale das eine mal mehr „betonen" müsse als das andere mal, sei nicht verständlich. Der wirklich Liberale habe stets gleichmäßig den liberalen Standpunkt festzubalten. Er bestreite, daß der Kamps der Liberalen unter einander durch die freisinnige Partei verursacht sei. Herr Dr. Dittmar und der ganze Vorstand seiner Partei sei noch in diesem Frühjahr, nachdem bereits lange die freisinnige Partei gebildet, für Redner eingetreten; feine spätere Wandlung sei unverständlich, wenn man nicht annehme, daß das conservative Element in der Partei die Oberhand gewonnen habe. Er weise den Vorwurf, seine Gegner persönlich angegriffen zu haben, entschieden zurück; er stehe in freundlichen Beziehungen zu Herrn Buderus und achte ihn hoch; das entbinde ihn aber nicht von der Pflicht, sachliche Kritik am Verhalten des Gegners zu üben. Dieselben griffen ihn viel schärfer an und möchten sich daher dieselbe Hartschlägigkeit angewöhnen, die sie von ihm verlangten. Die- ganze Agitation der Gegner würde übrigens Wegfällen, wenn dieselben die politische Toleranz besäßen, die er selbst zu üben pflege. Er mißbillige die Fractionssucht der Gegner, die über dem Bestreben, die parlamentarische Fraation zu vergrößern, das liberale Ziel, das Allen gemeinsam sein sollte, aus den Augen verloren- Durch den derzeitigen Fractions
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