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7.9.1884 Zweites Blatt
 
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Nr. 209, Zweites Blatt. Sonntag den 7. September 188L

Gießener Anzeiger

Amts- und Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Srschemt tLgttch «N Mtnchme M SUnUg».

VreiA vist-IMrlich 2 Dort L4 W. «N Bringok^n.

Durch btt Post bezogen Viertel jährlich 2 Mark M Pf.

Amtlicher Hheil.

Betreffend- Die durch eine im Kriege 1870/71 erlittene innere Dienstbeschädigung invalide gewordenen, aus dem activen Militärdienste aus- geschiedenen Unterofsiciere und Mannschaften, denen ein Recht zur Geltendmachung einer Verforgungr-Anspruch« nach den gesetz- lichen Bestimmungen nicht zur Seite steht.

Bekanntmachung.

Nachstehende Bekanntmachung der Königlich Preußischen Kriegsministeriums vom 1. b. Mts. wird hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht. Darmstadt, den 6. August 1884.

Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz.

Finger. de Beauclair.

Nachstehender Allerhöchster Erlaß Seiner Majestät des Kaisers und Königs:

Um denjenigen Teilnehmern an dem Kriege von 1870/71, welche in Folge erlittener innerer Dienstbeschädigung invalide geworden, wegen Ablaufs der gesetzlichen Präclufivfrist aber zur Geltendmachung von Versorgungsansprüchen nicht berechtigt sind, durch Gnaden- bewilligungen zu Hülse zu kommen, bestimme Ich, daß die Unterstützungsgesuche der bezeichneten Invaliden einer wohlwollenden Prüfung unterzogen und mir zur Guadenbewilligung aus Meinem Dispositionsfonds bei der Reichshauptkasse unterbreitet werden, sofern Thatsachen nachgewiesen sind, welche die Ueberzeugung von dem ursächlichen Zusammenhang der Krankheit mit der im Kriege erlittenen Dienstbeschädigung zu begründen vermögen. Sie haben hiernach das Weitere zu veranlassen.

Bad Gastein, den 22. Juli 1884.

gez- Wilhelm.

An ben Reichskanzler. 8g-r- von Bismarck.

wirb hierburch mit bem Bemerken zur öffentlichen Kenntniß gebracht, baß Unterstützungsgesuche ber bezeichneten Jnval'.ben bet benjentgen Bezirks-Conimanbos b»ro. Bezirks-Felowebeln anzubringen find, in beten Bezirk bie Betreffenden wohnen. Derartige Gesuche werben unter ber Voraussetzung, daß ein Lebens- toanbel be, Bittstellers vorliegt, welcher diesen einer Allerhöchsten Gnabenbewilligung nicht unwürbig erscheinen läßt, nur bei Erfüllung folgenber Sebingungen a. einer burch Krankheit aufgehobenen ober eerminberten Erwerbsfähigkeit, welche eine Unterstützungsbedürftigkeit begründet,

b. dem Nachweis von Thatsachen, welche die Ueberzeugung von dem ursächlichen Zusammenhang der Krankheit nut einer im Kriege von 1870/71 erlittenen inneren Dienstbeschädigung zu begründen ^ve^dae.» .

©einer Maj-stSt b-m Kaisers ^^zbMM'lseneral-Sommandor durch besondere Superrevisions-Commisfionen bie Gesuchsteller militärärztlich untersuchen lasten unb vorher Zeit unb Ort ber Untersuchung bekannt machen. Vom nächsten Jahre ab dagegen finb etwaige derartige Gesuche so frühzeitig bei den Veürkr-Commandos beziehungsweise BezirkSfeldwebeln anzumelden, daß dte Prüfung derselben bet dem Etsatzgeschaft vorgenommen werden kann. Ueztris *-omnt^^ ^der thatsächlichen Begründung fehlt, werden schon in ber Instanz ber Bezirks-CommaNdos abgewiesen.

Serlin, ben 1. August 1884. KriegS-Mimsterium.

In Vertretung: v. Hartrott.

Wocheuscha».

Gieße«, 6. September.

Die nationale Feiet bes 2. September verlieh bet abgelaufenen Woche ein besonbetes Relief, um so mehr, als sich im Rahmen bieset Feter die aroße Herbstparabe bes Garbe-Corps vor bem obersten Kriegsherrn vollzog. Ueberall in den deutschen Gauen ist bie Wieberkeht bes Tages, an welchem vor NUN 14 wahren die deutschen Heere bei Sedan einen tu feiner Art einzigen Sieg über den Feind errangen, auch diesmal in patriotischster Weise gefeiert und so Zeugniß davon abgelegt worden, daß die Erinnerung an die großen Ereignisse vor 14 Jahren in unserem Volke noch frisch und lebendig ist.

Bei Rawitsch unb Ttachenbetg fanben am Mittwoch unb ben fo[flenben Tagen größere Kavallerie-Manöver unter Oberleitung der Prinzen Friedrich Karl statt, denen u. A. auch ber deutsche Kronprinz und Prinz Leopold von Bayern beiwohnten. ,n . . ... -

Gerade am Morgen des Sedantages ist in Bonn der älteste in der Reihe der großen Paladine, welche sich um die Heldengestalt unseres Kaisers aruppireu und in entscheidungsvollen Kämpfen ihre Namen in Die Jahrbücher der vaterländischen Geschichte eingetragen haben, aus dem Leben geschieden - General-Feldmarschall Herwarth v. Bittenfeld. 23on feinem kaiserlichen Herrn durch die Verleihung der höchsten Orden und zuletzt durch die Ernennung zum General-Feldmarschall ausgezeichnet, lebte Herwarth seit seiner 1871 erfolgten Pensionirung in Bonn. Das Hinscheiden dieses seines treu verdienten alten und durch echt soldatische Eigenschaften wie durch bürger­liche Tugenden gleich ausgezeichneten Waffengefährten wird beim Kaiser seines tiesschmerzlichen Eindruckes nicht verfehlen.

Als ein besonderes Ereigniß ist aus dieser Woche der zu Amberg in der bayerischen Oberpfalz stattgesundene Katholiken-Congreß ru registriren. Demselben wohnten von hervorragenden Persönlichkeiten u. A. der Fürst-Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Regensburg und Eichstätt, die Reichstags-Abgeordneten Dr. Windthorst und v. Franckenstein u. s. w. bei. Die Bedeutung des Congreffes ist in Hinblick auf die herannahenden Reichstags- wählen nicht zu unterschätzen und wurde auf der Versammlung von Herrn Windthorst als Wahlparoleunerbittlicher Kamps gegen den National-LiberaliS- nius" ausgegeben. , .. r

Der Besuch, welchen bas serbische Königspaar tn bieset Woche am Wiener Hofe abgestattet hat, wirb von dm Wiener Blättern tn hervorragender Weise commentirt. Jedenfalls sind bie häufigen Reisen bes serbischen Herrschers an bas Wiener Hoflcqer etn entfchtebener Beweis, daß sich bie Beziehungen zwischen Oesterreich unb Serbien immer freunblichet gestalten und gerade ber jetzige Besuch König Man's in der Katsechadt an bet Donan

whält dadurch noch eine besondere Bedeutung, daß ihm unmittelbar der Besuch >es König» von Rumänien am serbischen Hofe voranging. Inzwischen haben iie Reise-Dispositionen der serbischen Herrschaften eine Veränderung erfahren, nbem König Milan seine Gemahlin nicht nach Wiesbaden, sondern nach dem teiermärkischen Bade Gleichenberg gebracht hat, von wo der König am 6. Sep- eriber nach Wien zurückkehrt, um den alsdann beginnenden Manövern beizu- ivhnen. Die sich rum Thell widersprechenden Gerüchte, denen zufolge auf das irdische Königspaar während der Reise von Belgrad nach Wien ein Eisenbahn- »ttentat geplant war, bedürfen noch der näheren Aufklärung.

Die in den französischen Operationen in Ostasien einge- trtene Ruhepause ist bis jetzt durch keine weiteren Ereigniffe unterbrochen vrden. Die Zerstörung des Arsenals von Fu-tscheu, der Forts und der sötte haben aber offenbar die Chinesen noch nicht nachgiebiger gestimmt, da ir friedliebende Vicekönig von Kanton, Li-Hung-Chang, degradirt worden ist rd die chinesische Regierung ein sehr kriegerisches Edict gegen die Franzosen Lassen hat. FranzöstscherjeitS bereitet man sich denn auch auf eine nachdrück- he Fortsetzung des Kampfes vor und soll nach Befinden ein Corps in der tarke von 8600 Mann, zum Theil aus Marine-Truppen bestehend, nach sina gesandt werden. In Frankreich selbst haben dieser Tage zwei nationale Wchkeiten stattgefunden, als welche die Einweihung des in Belfort zu Ehren )iers' und des Obersten Denfert, des tapferen Vertheidigers Belforts, errich- en Denkmals und das in Vincennes abgehaltene erste französische Schützenfest betrachten sind. Es hat hierbei an patriotischen Deklamationen nicht gefehlt, ist scheinen aber beide Festlichkeiten ohne besondere Zwischenfälle verlaufen fein.

Aus England ist uns eine überraschende Kunde gekommen: Niemand rringeres als der englische Premier selbst hat die Gerüchte dementirt, daß igland die colonialen Unternehmungen Deutschlands mit Mißgunst und Eifer- ht betrachte. Im Gegenthell, Mr. Gladstone versicherte, daß England auf se Bestrebungen Deutschlands, so lange durch sie nicht die älteren Rechte )erer Nationen verletzt würden, mit Befriedigung und Sympachie blicke, ese Erklärung kommt ein wenig post festum, aber immerhin noch früh ge- z, um die Verstimmung zwischen Deutschland und England wieder beseitigen helfen, und mit lebhafter Genugthuung wird man daher in Deutschland die adstone'schen Worte aufnehmen.

Noch in dieser Woche sollte der Czar feinen Einzug in Warschau ten, doch liegen bis zür Stunde bestimmte Nachrichten über dieses Ereig- noch nicht vor- In Hinsicht auf etwaige Attentatsversuche liegt die Heimhaltung der Reisedispositionen des russischen Herrschers bis zur letzten, .mbe allerdings sehr nahe.

Die Cholera breitet sich im südlichen Europa leider immer weiter