Mr. 130 Samstag dm 7. Juni 1884
Gießener Anzeiger
Amts- mb AszeigeMtt für den Kreis Meßen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MorrLchZS.
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r Schul st raße 7.
Wotttische Ueberficht.
Gissten, 6. Juni.
Das politische Räderwerk, welches während der Pfingstpause Lheils -ganz still gestanden, theils sich nur in leisen Schwingungen gedreht hatte, beginnt jetzt allgemach wieder stärker zu arbeiten. Die regelmäßige Thätig- fett auf dem Gebiete der inneren Politik wird sich in ihrem vollen Umfange allerdings erst in kommender Woche mit dem Wiederbeginn der Plenarverhandlungen des Reichstages bemerklich machen, doch wird die parlamentarische Arbeit noch in dieser Woche von mehreren Bundesraths-Ausschüffen und der Actiengesetz-Commission des Reichstages von Neuem ausgenommen. Mit großer Erwartung sieht man allseitig der feierlichen Grundsteinlegung zum neuen Reichstagsgebäude am Montag entgegen, deren Programm vom „Reichs- und Staats-Anzeiger" mitgetheilt wird. Hiernach geht das Fest unter Theilnahme bes Kaisers, des Kronprinzen und der Kronprinzessin, sowie des gesummten königlichen Hauses vor sich und wird für die hohen Herrschaften vor dem Grundstein ein Pavillon errichtet, von welchem aus der Blick den Festraum bis zur Siegessäule hin beherrscht. Zur. Rechten und zur Linken des Grundsteines gruppiren sich der Reichskanzler, die Vertreter der Bundes-Regierungen, der Vorstand des Reichstages, Vertreter der Armee u. s. w. Dem Pavillon gegenüber stellen sich die Abgeordneten auf; links und rechts reihen sich sodann an den Pavillon je zwei Tribünen, auf denen die Mitglieder des Vundesrathes, des diplomatischen Corps, der Reichsbehörden u. s. w. placirt werden, vor diesen Tribünen nehmen die Generalität und die Wirklichen Geheimen Räthe ihren Stand. Schließlich folgen noch weitere Tribünen für das Publikum mit circa 800 Plätzen. Nach diesen Vorbereitungen zu schließen, wird die ganze Feier einen imposanten Eindruck machen und denjenigen Verlauf nehmen, welcher ihrer Bedeutung entspricht. Die eigentliche Festrede wird der Oberhof- und Domprediger Dr. Kögel halten.
Das Reichstags-Plenum wird sich in seinen beiden ersten Sitzungen nach den Pfingstferien mit den conservativen Anträgen auf Umgestaltung des 8 1106 der Gewerbeordnung (Innungen) und auf Errichtung von Gewerbekammern, sowie mit dem Anträge Windhorst auf Aufhebung des Gesetzes über die unbefugte Ausübung von Kirchenämtern — in der Montagssitzung — und am Dienstag mit der Dampfer-Subventions-Vorlage beschäftigen. Im Uebrigen herrscht über die parlamentarische Situation, wie sie sich für den Rest der Session gestalten wird, noch ziemliche Unsicherheit und gilt das namentlich bezüglich des Termins für den Schluß des Reichstages. Jedenfalls hat die in Aussicht stehende Vermehrung der parlamentarischen Arbeiten durch die Vorlagen über die Abänderung des Zolltarifs, über die Stempel- und über die Luckersteuer die Hoffnungen auf einen baldigen Schluß der Reichstags-Session wieder einigermaßen erschüttert. Da indessen die zweiten Lesungen der Unfallversicherungs-Vorlage und des Actiengesetzes den Reichstag so wie so bis tief in den Juli hinein beschäftigen werden, so ist kaum anzunehmen, daß er dann auch noch die drei oben genannten Vorlagen in Angriff nehmen wird.
Die Kaiserin von Rußland ist, begleitet von der Großfürstin .Xenia, auf ihrer Rückreise von Schloß Rumpenheim nach Petersburg am Mittwoch Mittag in Berlin eingetroffen. Der Aufenthalt der hohen Frau in der Reichshauptstadt mar jedoch nur ein beschränkter, da sie bereits gegen Mitternacht die Reise nach Petersburg wieder fortsetzte.
In Oesterreich ist die Wahlbewegung durch die Auflösung der Landtage von Mähren, Nieder- und Ober-Oesterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Bukowina, Schlesien und Vorarlberg nun auch diesseits der Leitha erwacht und finden die Neuwahlen zu den betr. Landtagen schon im Laufe des nächsten Monats statt. Jenseits der Leitha ist der Wahlkampf anläßlich der Neuwahlen zum ungarischen Reichstage bereits im vollen Gange und hat jüngst wieder eine jene „Eigenthümlichkeiten" gezeitigt, durch welche sich die Wahlen im Reiche der Stefanskrone von jeher auszuzeichnen pflegen. In Klausenburg (Siebenbürgen) attakirte der Pöbel den Candidaten der liberalen Partei, Alexander Hegedues, und dessen Freunde, die ihn zu Wagen in die Stadt geleiteten, am Pfingstmontag mit Steinwürfen, wodurch gegen 60 Personen mehr oder weniger schwer verletzt worden sind. Auch in Doroszma ist es am gleichen Tage zu argen Wahlexcessen gekommen, die von der sog. Unabhängigkeits- Partei ausgingen. In Gyergyoalfalu (Siebenbürgen) hat die Wahlbewegung ebenfalls zu einem blutigen Zusammenstöße der Parteien geführt. Die einschrei- tende Gensd'armerie, mit Steinwürfen empfangen, gab Feuer, wodurch 8 Personen getödtet wurden. Auch zwei Gensd'armen erhielten schwere Verletzungen.
Für die französische Regierung nimmt die Entwickelung der Dinge in Ostasien einen immer günstigeren Verlauf. Jetzt hat auch der Hof von Huö den mit Frankreich abgeschloffenen Vertrag von Huö, welcher die französischen Beziehungen zu Anam regelt, im Princip angenommen und soll die definitive Unterzeichnung desselben erfolgen, sobald die hiermit zusammenhängenden Fragen untergeordneter Bedeutung gelöst seien. Die Anerkennung des Vertrages von Huö Seitens Anams würde in Verbindung mit dem französisch-chinesischen Abkommen von Tientsin die militärischen und diplomatischen Erfolge der Franzosen in Ostasien endgültig abschließen und die Position des französischen Cabinets auch gegenüber dem franzosenseindlichen Mandarinenthum in Anam wesentlich stärken.
In den Londoner politischen Kreisen ist ein Artikel der „Fort- nightly Review" das Tagesereigniß, hinter welchem selbst das Interesse an den
letzten Dynamit-Explosionen zurücktritt. Der Artikel behandelt Englands auswärtige Politik und ist besonders bemerkenswerth durch eine geradezu beleidigende Sprache gegen den Fürsten Bismarck und anderseits durch ein stark aufgetragenes Lob des französischen Minister-Präsidenten Ferry. Der großer Aufsehen erregende Aufsatz ist mit G. unterzeichnet und glaubt man deshalb, daß er von Gladstone verfaßt oder von ihm wenigstens inspirirt sei. Der englische Premier hat sich freilich beeilt, erklären zu lassen, daß er mit dem betr. Artikel nichts zu thun habe, welche Erklärung aber vielfach auf Unglauben stößt. Falls Mr. Gladstone dem betr. Artikel wirklich nicht fernsteht, dann dürfte hierdurch auch die Haltung Deutschlands auf der Conferenz beeinstußt werden und- zwar keinenfalls zu Gunsten der englischen Pläne. Im Uebrigen ist über das Zustandekommen der Conferenz bis dato noch immer nichts Gewisses bekannt. Die Nachricht, daß die französisch-englischen Vorverhandlungen bezüglich der Conferenz dem Abschluffe nahe seien, wird jedoch von Paris aus bestätigt.
Auch die nördlich st ePositionderSchwarz-Flaggen in Tong- king, Tuyenquan, ist jetzt den französischen Truppen nach kurzem Kampfe in die Hände gefallen. General Millot meldet, daß er in Tuyenquan eine Garnison zurücklaffen und dann nach Hanoi zurückkehren werde; eine Abtheilung der Schwarz-Flaggen habe ihre Unterwerfung angeboten. Die Orte Langson, Chatke und Caobang sollen ebenfalls französische Garnisonen erhalten.
Das meiste Interesse an den jüngsten über die Sudan-Rebellion emgelaufenen Nachrichten erregt unstreitig diejenige von einem angeblich in der Landschaft Darfor ausgetauchten neuen Mahdi. Der alte Mahdi, Achmet Mohammed, soll gegen seinen Concurrenten Truppen ausgesandt haben, die aber von diesem vollständig geschlagen worden seien.
Darmstadt, 5. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 25. Mai den Steuercommissär des Steuercommiffariats Worms, Sle'Errath Ludwig Pfannmüller, auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen treugeleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. Juli d. I. an in den Ruhestand zu versetzen;
an dems. Tage den Steuercommissär des Steuercommiffariats Langen, Johann Heinrich Clotz, in gleicher Diensteigenschaft mit Wirkung vom 1. Juli d. I. an in das Steuercommissariat Worms zu versetzen;
an dems. Tage den Districtseinnehmer der Districtseinnehmerei Schotten, Friedrich Lehr, sowie den Steuercontroleur des Steuercontrole-Bezirks Dieburg, Steuerinspector Ernst Naumann, zu Steuercommiffären der Steuercommissa- riate Heppenheim bezw. Langen, mit Wirkung vom 1. Juli d. I. an zu ernennen.
Darmstadt, 4. Juni. Dienstag Nachmittag hatten einige Damen des Vorstandes des Alice-Vereins für Frauenbildung und Erwerb die Ehre, von Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Elisabeth empfangen zu werden, um Höchstderselben als Zeichen der Erinnerung eine Handarbeit (Schmuckdecke in altdeutscher Leinenstickerei) zu überreichen, wie die Gleiche auch Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Ludwig von Battenberg von dem Vorstand avzunehmen geruht hatte.
Darmstadt, 5. Juni. Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Elisabeth treten in Begleitung der Großherzoglichen Familie heute Nachmittag um 6 Uhr 40 Minuten Ihre Reise nach Rußland an.
Darmstadt, 5. Juni. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 10 enthält:
Bekanntmachung Großherzoglich Hessischer Ministerien des Innern und der Justiz und der Finanzen, die Aufstellung der Grundbücher zur Sicherung des Grundeigenthums und des Hypothekenwesens betreffend.
Nachdem die bisher in Geltung gewesenen Taxen für die Aufstellung der Grundbücher und die Fertigung der dazu gehörigen Karten-Copieen sich als unzulänglich erwiesen haben, wird unter Aufhebung Der in der Bekanntmachung vom 26. April 1837 (Reg.-Bl. S. 326) angegebenen Taxen, für alle von nun an zur Ausstellung gelangenden Grundbücher und für die dazu gehörigen Karten die nachstehende neue Bezahlung festgesetzt:
1) Für Aufstellung des Grundbuchs und des alphabetischen Namensver- zeichniffes von jeder Parzelle . . . . . 6
2) Für die Copie der Parzellenkarten mit Angabe der Ackerbreiten und für die Fertigung der Supplementkarten:
von jeder Parzelle.......7 „
von jedem Hectar.......16 „
3) Für die Covie der Parzellenkarten ohne Angabe der Ackerbreiten und für die Fertigung Der Supplementkarten:
von jeder Parzelle.......5 „
von jedem Hectar.......16 „
Außerdem sind die Kosten für Die Formulanen und den Einband noch besonders zu vergüten.
Telegraphische Depeschen.
Wolsf'S Srlegr. Eorr-spondenz-Brrres«.
Berlin, 5. Juni. Seine Majestät der Kaiser empfing heute den Besuch Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl, welcher aus Marienbad zurückgekehrt ist. Mittags fuhr Allerhöchstderselbe mit der Frau Großherzogin von Baden nach Potsdam, um daselbst im Reuen PalaiS bei den KronprinzUchen Herrschaften das Diner: eivzunehmen.


