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32. Donnerstag den 7. Februar 188L

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für bett Kreis Gießen.

Erscheint ttifllid) mit Ausnahme des Montags.

Bureau r Schulftraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Telegraphische Depeschen.

Wolf?'» telegr. Eorrefporrdem-Gureau.

Berlin, 5. Februar. Se. Maj. der Kaiser befindet fich nach dem gestrigen Hofball vollkommen wohl und frisch. Heute Vormittag nahm er Vor­träge entgegen, empfing den commandirenden General deö 8. Armee-Corps, Generallieutenant v. Loe, und arbeitete mit dem Mllitär-Cabinet. Nachmittags wurde eine Ausfahrt unternommen.

Im Abgeordnetenhaus, bei der Fortsetzung der Berathung des Cul- tusetats, constatirte der Regierungs-Commisiar Stander dem Abg. Kantak gegen­über einen erfreulichen Fortschritt der polnischen Schüler im Deutschen. Die Frequenz der polnischen Schüler im Posener Manen-Gymnasium erreichte eine

Vermischte».

München 4. Februar. In unserer Stadt herrscht momentan wieder eine Art von Selbstmordmante. Nachdem sich eben erst daS Grab über dem-Swdentender Medicin geschlossen, welcher sich aus unglücklicher Liebe« den Tod gegeben werden heute bereits wieder nicht weniger al3 bret ©elbfimorbe ß^elb . ein 16 äfrt 0er Gymnasiast hat sich heute früh, angeblich von einem Balle heimkehrend, in einer Droschke erschoßen: auf bie gleiche WUse tödtete sich im englischen Garten einSchlosser- aeselle wie ber Polizeibericht sagt, »aus Schwermuih", und aus bem Wasser zog man die Leiche eines Mannes, der sich dem Anschein nach ebenfalls selbst den Tod gegeben bat. während allerdings auch behauptet wird, es lägen Anzeichen eineS an demftlbm begangenen Verbrechens vor. Das ist ein wenig o.cl für einen Aag und bie »gemüth- liche ^^^^^ürzlich in Frankfurt a. O- verstorbene königliche Musikdirector Gottfrteb Piefke war eine htstonsche Persönlichkeit. Seine Bebeuwng für bit Entwickelung ber preußischen Militarmusik sichert ihm ein dauernbeS Andenken, je

1. Darmstadt, 5. Februar. (Zweite Kammer ber Lanbstände.^ Die heutige Sitzung war der Bekanntmachung v-rsu-lebener Interpellationen Seiten« Großh. °^^D?/^?ei'^rsten Interpellationen, bie beS Abg. Schröder, bie ousgegebenen Fahrpläne der Main-Neckar-Bahn und ber Hessischen ^bwigSbahn-Gesellschaft mit Wirkung vom 1. Juni 1883 bctr.; bie ber Adgg. Kugler und Bohm, betr. Anschluß der Küge der Localbahn Ofsenbach-Loutsa an die Züge der Main-Neckar-Bahn und diejenige des Abg. Mathäi, betr. die Abänderung eines ZugS auf der Alze,-Bingener Bahn, boten in ihrer Beantwortung wenig Interessantes.

In der Beantwortung der Interpellation der Abgg. Heinzerling, Bohm, Geier, Muhl und Neinbart, die Vor- und Fortbildung ber Lehramts- accesstften und jüngeren Lehrer betr., erklärte die Regierung, sie erachte eS für wünschenSwertb, den jungen Lehramtsaspiranten eine bessere praktische Vorbildung zu Tbeil werden zu lasten und zwar außerdem für wünschenSwertb, daß solches durch da- iu bestimmte Anstalten geschehe, sie habe auch deßhalb tu Gießen ein Seminar einge- rtchtet, in welchem jetzt schon ca. 4 junge Lehrer jährlich praktische Ausbildung genössen. Um jedock allen Anforderungen zu genügen, fei ein jährlicher Kostenaufwand von un­gefähr 5000 JL zur Errichtung einer besonderen Anstalt erforderlich und beabsichtigt daher die Großh. Regierung, bet nächstem Budget diese Anforderung zur Genehmigung zu unterbreiten. Abg. Heinzerling anerkennt daS Vorgehen der Regierung In dieser Angelegenheit und glaubt, daß eS sich empfehle, auf dem nun einmal in Gießen vor­handenen Grundstein weiter zu bauen. Die angeforderte Summe fei, im Hinblick aut die bedeutenden Vorthelle, die daraus erwüchsen, sehr geringfügig zu nennen. Abg. Wolf stehl kommt auf die Ueberbürdungsfrage zu sprechen und meint als nicht er­wiesen betrachten zu können, daß diese Frage im Zusammenhang mit der mangelhaften Ausbildung junger Lehrer stehe, da man die Erfahrung gemacht habe, daß die Ueber- bürdung meist durch das Bestreben einzelner Lehrer, sich hervorzuthun, um damit festen Fuß für ihre demnäckstige Carnere zu fassen, entstanden sei Ec hält die Errichtung einer besonderen Anstalt nicht für röthig, sondern glaubt, es sei bester, es bet dem fett; berigen Zustande zu belassen und die jungen Lehrer an die einzelnen Gymnasien rc. Zwecks ihrer wetteren Ausbildung zu verthetlen. Dies scheine ihm richtiger, als eine solche Centralstation, wie sie von der Regierung beabsichtigt. Außerdem scheine es ihm an ber Zeit, bezüglich ber Ueberbürbung zu schweigen und Im Interesse der Lehran­stalten die Schüler nicht immer neu baran zu erinnern, baß sie nicht mehr überbürdet werden sollen. Abg. Osann wendet sich ebenfalls gegen die event. Verwtlligung von 5000 JL zu dem erwähnten Zweck und sucht das Gegengewicht gegen Arbeitsbelastung in freier Ausbildung des Körpers, indem ein kräftiger Kötper bann auch geistigen Anstrengungen gewachsen fet. Abg. Metz hält Viele« tn dt-s-r Bkj'ehung für über- trieben und spricht sich ebenfalls gegen berartige Gelbverwilltgungen au«. Ebenso Abg. Muhl, ber die Aufmerksamkeit ber Lehrer auf freiwillige Ueberbürbungen Testens einzelner Schüler zu lenken sucht. . . ..

An bie nun folgenbe Beantwortung einer Interpellation deS Abg. Racks die Ausführung bes R-ichsimpfgefetzes im Großherzogthum betr, knüpfte sich ed-nfalls eine ausgedehnte Besprechung. Die meisten Rebner, wie die Abgeordneten Racks, v. Rabenau, Frank, Arnold. Heinzerling und Osann, wandten sich gegen die zu strenge Handhabung des $ 4 des betr. Gesetzes, wie dies eben von hessischer Seite geschehe und finden eine einmalige Bestrafung im Jahre für den Fall der Renitenz für angemessen unb ber Absicht bes Gesetzgebers entsprechend. Die Re­gierung suchte sich durch die Urtheilssprechung hessischer, wie auswärtiger Gerichte zu vertheidigen, zeigte sich aber einem Vorschläge deS Abgeordneten Heinzerling, eine authentische Interpretation, event. Abänderung des GrsetzeS an gehöriger Stelle anzu- regcn, nicht abgeneigt. , , p c cr_,

Staatsminister Frhr. von Starck beantwortete sodann noch in sehr ausführ­licher Weste die bekannte Interpellation des Abg. Racks, die kirchen- politische Lage unseres Landes betr. . f .

Insbesondere wird in dieser Antwort die Seitens des bischöflichen Ordinariats unterlassene Anzeige bei Besetzung geistlicher Stellen hervorgehoben, sowie die Bedenken bezüglich ber Vorbildung junger Geistlicher angeführt. Zwar, so heißt es, sei Preußen mit einem Gesetz sehr entgegengekommen, aber dasselbe habe doch nicht den Erfolg gehabt, welchen man sich von einem solchen versprach; die katholischen Behörden ver» darrten nach wie vor auf ber Verweigerung der Anzeigen bet Besetzung katholischer Kirchcnämter.

Es müßte unter diesen Umständen von Erlaß eines diesbezügl. Gesrtzes abge­sehen werden, weil nicht angenommen werden könne, daß dadurch Abhilfe geschasten werde. Es sei dem bischöflichen Ordinariat zu erkennen gegeben worden, daß die Regierung bereit sei, einen Gesetzentwurf einzubringen, durch welchen man die Anzeige- pflicht bei dm KaplanSstellcn erlasse, wenn von anderer Seite aus Sicherheit gegeben werde, daß man ber Anzeigepflicht bei Pfarrstellen nachkomme, bas Weitere müsse ber kirchlichen Behörde anheimgegeben werben. ,, o ...

Wegen Besetzung des bischöflichen Stuhls könne von hier aus nicht vorgegangen weiden, weil das Ordinariat ber Regierung zu rotff en Methan habe, ihm sei von Rom aus verboten worden, eine Wiederbesetzung vorzunebmen. Man werde sich gegebenen Falls von hier aus entgegenkommend verhalten. Bisher seien verschiedene Berhanb- lungen mit Rom baran gescheitert, baß von Rom aus eine Fortsetzung berfclben nicht verlangt worben wäre.

Eine Besprechung ber Antwort würbe bis nach bem Druck biefer umfassenben Arbeit verschoben.

Schluß ber Sitzung.

Berlin. 4. F-bruar. DieNordd. Allg. Big." druckt den Artikel der Elsaß-Lothr. Zeitung" ab, worin dieselbe alle Mittheilungen der Blätter über Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Statthalter Manteuffel und Bismarck für vollständig grundlos erklärt.

bisher nie gesehene Höhe. Auf eine Anfrage des Abg. Eynern erwidert der Ministerial-Director Greif, daß die Verhandlungen über die Vertheilung der Schullasten auf den Staat und auf die Communen fortbauerten, jedoch die größte Vorsicht erheischten. Die Neuregelung werde eine Mehrausgabe von an­derthalb Millionen verursachen. Das Etatskapitel über die höheren Lehran­stalten wurde demnächst unverändert angenommen. Bei dem Kapitel über das Elementarunterrichtswesen brach das Haus die Berathung ab und vertagte sich bis morgen. r

Dresden, 5. Februar. Nach einem Bulletin von heute früh 21/? Uhr bat sich der Krankheitszuftand der Prinzessin Georg wesentlich verschlimmert.. Der Puls ist sehr frequent und kaum fühlbar, während sich die Temperatur beträchtlich erhöht hat. Die Kräfte lassen nach.

Der Zustand der Prinzessin Georg ist fortdauernd ein höchst besorg- nißerregender. Seit 1 Uhr Mittags verweilen der König und die Königin im prinzlichen Palais. Ein weiteres Bulletin ist noch nicht ausgegeben.

Die Prinzessin Georg ist Abends 10 Uhr 55 Min. gestorben.

Stuttgart, 5. Februar. DerStaats-Anz. für Würtlemb." meldet, ber Ministerpräsident v. Mittnacht fei in San Nemo eingetroffen und beab­sichtige, einige Tage daselbst zu verweilen, um dem König über den Stand der Staatsgeschäfte Bericht zu erstatten.

München, 5. Februar. In dem hiesigen Bankgeschäft von Wilhelm Brand wurde heute der Versuch gemacht, das Auslege-Fenster auSzurauben; hierbei wurden aus einen anwesenden Lehrling zwei Schüsse abgejeuert. Der Verbrecher wurde verhastet. ,

Der Mensch, welcher in das Brand'sche Bankgeschäft emgebrochen, heißt Boltenderger. Er ist gebürtig in Vohenstrauß (Oberpfalz) und em stellen­loser Commis. Er ist vollkommen geständig. Er giebt an, durch bie Seetüre ber jüngsten Einbrüche bei den Banquiers verleitet worden zu sein. Die ge­raubten 6000 <AL wurden bei dem Verhafteten, welcher dem Untersuchungs­richter bereits übergeben ist, gefunden.

Wien, 5 Februar. Der gestern in den prachtvoll geschmückten Festsälen ber Hofburg adaehaltene Hofball nahm einen überaus glänzenben Verlauf. Vor Beginn bes Balles hielten ber Kaiser unb die Kaiserin, umgeben von sSmmtlichen in Wien anwesenden Erzherzogen unb Erzherzoginnen, ben Prinzen unb Prinzessinnen von Nassau, Sachsen-Weimar und Sachsen-Koburg Cercle unb fanden die Vorstellungen der neu eingetreienen Mitglieder bes biplomatischen Corps und Frember von Distinction statt. Nach ber ersten Quadrille ließ sich die Kaiserin einige Damen und Herren vorstellen, mit denen sie sich huldvoll unterhielt- Der Kaiser conversirte längere Zeit mit bem deutschen Botschafter Prinzen Reuß, ferner mit bem Präsidenten bes Abgeorbneten- hauses, Dr. Smoika, den Feldzeugmetstern Freiherrn von Bauer, Freiherrn von Philippovic, Freiberrn von Rodick u. A- Das glänzende Fest endete erst nach 12 Uhr.

L o f al e

G. Gießen, 6. Februar. sSterblickkett in Gießen-j Die Zahl der Todesfälle belief sich während der Woche vom 27. Januar bis 2 Februar tm Ganzen auf 8. Es wurden 5 erwachsene Personen und 3 Kinder betroffen. Die Letzteren befanden sich alle noch im ersten Lebensjahre und es starben 2 von denselben an Krampfen, eins an allgemeiner Abzehrung. Bei den Erwachsenen wurden Rose, Lungenschwindsucht, Gallensteine, Wassersucht, Brand als Todesursache bezeichnet-

sWenzels Masken-Ball.j Wie man uns mittheilt, sind die Vor­bereitungen zu diesem Maskenfeste so praktisch und dem ganzen Arrangement ent­sprechend getroffen, daß ein Ball zu erwarten ist, wie er hierorts wohl noch mcht abgehalten worden- Unlautere Elemente finden absolut keinen Zutritt, so daß Besucher, welche am Maskenscherz Freude haben, aber doch einen gewissen Scrupel gegen einen Subscriptionsball hegen, vollständig beruhigt sein dürfen. Zahlreiche Gruppen sind bereits angemclbet unb viele Damen und Herren werden in Copümen erscheinen, welche an Pra»t unb Relchlhum nichts zu wünschen übrig lauert

Gießen, 6. Februar. Die am nächsten Sonntag, den 10- b. MtS., im hiesigen Clubsaaie nattfinbenbe musikal scye Production, welche b-r Manne, quartettverein zu Gunsten bes Gleiberg-Baufonds veranstaltet, wird einen Gesangsvortrag (mit ver­bindendem Text) bieten, her wohl geeignet ist, die Sympathien, welche der genannte Quartctioerein bereits in den Kreisen der Kenner, namentlich wegen seiner tüchtigen Schulung besitzt, in weite Kreise zu tragen. Das zur Aufführung gelangende Thema führt ben Titel:Gesellenfahrten", das ist: anmutbige und curiose Hfftoria von fünf wackeren Handwerksburschen, so des Leben deutschen Vaterlandes Gauen gar treulich mitsammen durchzogen, unb was des Edentheuerlichcn sich wl^ei\* In Reime gebracht unb zu Nutz und Frommen deS wackeren deutschen Handwerker­standes ebiret und ans Licht gestellt von einem Leipziger Studioso. Die Sffietfeu hat gesatzet derer Stadivfeifer zu Dresden benebtt derer Currendanorum der Gymnafit allda Meister und D'rector ErnestuS Julius Otto, artismusicae pentus. Wanderlied unb Liebeslied, Ernst unb Scherz, Tanzlied Schloß er sang, ^r Dom Wein und von ber Liebe zum Vaterlande, kurz des Trefflichen Vielerlei wechselt in anmu hig ver­bindendem Zusammenhänge mit einander ab unb ertnnern rotr unT bee biesem Pro­gramme der trefflichen und wohlgeübten Kräfte welche dasselbe duich-uführen.bie @üte haben werben, so können wir ben Genuß, ben bas Sonntagsconcert bieten wirb, einst­weilen wenigstens wohl ahnen. __