Nr. ISS Zweites Blatt. Sonntag den 6. Juli 1884
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Gießen, 5. Juli.
In diesen Tagen erreicht die Emser Cmr des Kaisers ihr Ende und wird sich hieran wiederum ein mehrtägiger Aufenthalt bei den Großherzoglich badischen Herrschaften auf der Bodensee-Jnsel Mainau anschließen. Von Mainau aus begibt sich der Kaiser zur Nachkur nach Gastein, wo man seiner Ankunft für den 17. Juli entgegensteht. Die Emser Brunnenkur ist dem greisen Monarchen auch diesmal wiederum vortrefflich bekommen und dastelbe darf man auch von dem Gebrauch der Gasteiner Quellen hoffen. Der Aufenthalt in Ems wurde in dieser Woche in bemerkenswerther Weise durch den Besuch unterbrochen, den der Kaiser am Montag dem dänischen und venl griechischen Königspaare im Wiesbaden abstattete.
Die parlamentarischen Ferien haben sich noch nicht aus den Vundesrath erstreckt, denn derselbe hat erst am Dienstag wieder eine Plenarsitzung abgehalten. Dieselbe ist durch die gefaßten Beschlüsse wichtig, denn in derselben wurde zunächst die Unfallversicherungs-Vorlage genehmigt, mit Ausnahme der vom Reichstage beschlossenen Resolution bezüglich der Entschädigung der durch das Gesetz betroffenen Privatgesellschaften, welche an die. Ausschüsse zurückgelangte. Weiter stimmte der Vundesrath dem vom Reichstage ebenfalls genehmigten Anträge Windthorst auf Aushebung des Expatriirungsgesetzes zu, was um so bemerkenswerther erscheint, als der Bundesrath sich diesem Anträge gegenüber früher ablehnend verhalten hatte. Endlich erhielt auch die Novelle zum Actiengesetz in der vom Reichstage beschlossenen Fassung die Sanction des Bundesrathes. Ueber den bekannten Antrag Ackermann sollte in einer der nächsten Sitzungen Beschluß gefaßt werden. — Im Uebrigen tritt jetzt in der Discussion der politischen Tagesfragen Die Postdampfer- und Colonialsrage all- mälig zurück, da sich infolge des Scheiterns der Dampfersubventions-Vorlage im Reichstage in dieser Sache vorläufig doch nichts weiter thun läßt. Dafür macht sich jetzt die „Militairfrage" geltend. Das Septenatsgesetz vom Jahre 1880, das im Reichstage damals durch das Compromiß zwischen den Conservativen und den Nationalliberalen zu Stande kam und welches die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres festsetzt, läuft am 31. März 1888 ab. Man kann aber mit Sicherheit annehmen, daß die Reichsregierung nicht diesen äußersten Termin abwarten, sondern das Gesetz schon dem nächsten Reichstage wieder vorlegen wird. Im Reichstage ist aber längst nicht mehr die conservativ-nationalliberale Mehrheit vorhanden und die Aussichten für die Aufrechterhaltung des Sep- tenatsgesetzes sind daher vorläufig noch ziemlich zweifelhafter Natur. Jedenfalls wird neben der Postdampferangelegenheit auch die Militärsrage bei den kommenden Reichstagswahlen eine hervorragende Rolle spielen.
Die Gerüchte über eine bevorstehende Entrevue des russischen Kaiserpaares mit dem deutschen Kronprinzen in Danzig haben sich als unbegründet herausgestellt.
Geheimrath Dr. Koch ist am Dienstag nach Paris und Toulon abgereist, um sich im Auftrage Der Reichsregierung der französischen Regierung behufs Bekämpfung der Cholera zur Verfügung zu stellen. Die glänzenden Resultate seiner Studien über die Cholera in Egypten und Indien berechtigen zu der Erwartung, daß der berühmte Gelehrte auch seiner neuen Aufgabe gewachsen und hierbei hoffentlich auch die neidlose Unterstützung seiner französischen Collegen finden wird.
Für das eisleithanische Oesterreich bildete in dieser Woche der Erlaß des neuen Organisations-Statutes für die österreichischen Staatsbahnen ein crwähnenswerthes Ereigniß. Durch dasselbe hat der Kriegsminister seine Forderungen den Wünschen der Nationalen gegenüber durchgesetzt, die in der unbedingten Unterordnung der Generaldirectionen unter das Kriegsministerium im Mobilisirungsfalle gipfeln. Andrerseits enthält das neue Statut aber auch bedeutende Zugeständnisse an Czechen, Polen und Slovenen.
In Frankreich beanspruchen die Cholera-Nachrichten aus dem Süden des Landes noch immer den Löwenantheil am Tagesintereffe. Weder die in der Deputirtenkammer in dieser Woche wieder aufgenommene Revisionsdebatte, weder die Conserenz, noch der neue Zwischenfall mit China sind im Stande, die öffentliche Meinung so zu fesseln, wie es die Cholera-Depeschen aus Toulon und Marseille thun. Die Sucht der Journale, sich in Sensationstelegrammen über die Epidemie zu überbieten und das Bemühen der Börse, aus derselben Capital für ihre Hausse- und Baisse-Manöver zu schlagen, tragen das ihrige mit dazu bei, das Publikum in dieser Angelegenheit in fortwährender Spannung zu erhalten. Im Uebrigen ist der Stand der Cholera nicht besser, aber auch nicht schlimmer geworden und in den osficiellen Berichten hierüber macht sich daher bereits wieder ein gewisser Optimismus geltend, der uns aber noch nicht recht am Platze dünkt. Wie eine Depesche aus Paris vom 2. Juli meldet, soll die Pariser Nationalfeier am 14. Juli trotz der Epidemie im Süden nicht hinausgeschoben werden, wie dies ursprünglich im Plane der Regierung lag. Es ist im Gegentheil sogar bereits das Festprogramm veröffentlicht worden. Zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther würde die Abhaltung des Nationalfestes an dem bestimmten Tage ohne Zweifel wesentlich beitragen.
Aus England war in dieser Woche nichts besonderes zu verzeichnen, wenn man nicht das Zurückziehen des von den Conservativen gegen das Ministerium Gladstone in beiden Häusern beantragten Tadelsvotums als einen wichtigen Vorgang betrachten will. Die Führer der conservativen Opposition haben klüglicherweise eingesehen, daß im Parlamente noch immer keine rechte
Stimmung für das Bestreben der Opposition vorhanden ist, dem Cabinet wegen seiner egyptischen Politik ein Bein zu stellen. Die vorauszusehende Ablehnung des Tadelsvotums hätte aber nur eine Stärkung der Regierung Gladstone's bedeutet, und so zogen es denn die Conservativen vor, ihren Antrag einstweilen fallen zu lassen. Was die Conferenz anbelangt, so scheint dieselbe eine Art Stillleben zu führen, wenigstens ist noch nicht bekannt, oaß dieselbe seit ihrem Zusammentritte wieder eine Sitzung abgehalten hätte.
Die lebhaften Verhandlungen, welche dieser Tage in der italienischen Deputirtenkammer über das italienisch-französische Verhältniß stattgefunden haben und die schließlich die gesammte auswärtige Politik des Cabi- nets Depretis-Mancini berührten, haben gezeigt, daß letzteres auch in seiner auswärtigen Politik auf den Widerstand der Opposition stößt. Die Erfolge des gegenwärtigen italienischen Cabinets auf diesem Gebiete sind in letzter Zeit allerdings ziemlich fragliche gewesen, namentlich was die marokkanische Angelegenheit anbetrifft und wenn hier, wo Italien mit Frankreich, Spanien und England concurrirt, Herr Depretis nicht bald einen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen haben wird, so kann dieser Umstand wohl bedenklich für die Stellung des Cabinets zunächst dem Parlament gegenüber werden.
Das militärische Rußland hat durch das am Dienstag zu Bad Soden bei Frankfurt erfolgte Ableben des berühmten Ingenieur - Generals Grafen E. v. Totleben einen empfindlichen Verlust erlitten. Totleben ist durch seine ruhmvolle Vertheidigung von Sebastöpol in ganz Europa bekannt geworden und ihm hauptsächlich verdanken auch die Russen im jüngsten Kriege mit der Türkei die Einnahme Plewnas und hiermit die Gefangennahme Osman Pascha's und seines Heeres.
Bezüglich der Nachrichten aus wem Sudan lautet die Parole auch für diese letzte Woche: Nichts Neues! Die Hitze soll alle größere Bewegungen verhindern und so dürste der Sudan einstweilen wohl aus den Spalten der Blätter verschwinden.
Auch in Tongking hindert die eingetretene heiße Jahreszeit die Franzosen an der Fortsetzung ihrer militärische Operationen. Nachrichten aus Tongking bestätigen, daß unter den französischen Truppen auf dem Marsche nach Langson zahlreiche Fälle von Sonnenstich vorgekommen sind. — Die Verluste der Franzosen in dem Kampfe bei Langfon stellen sich nunmehr aus 22 Todte und 53 Verwundete heraus.
Die Balkanländer.
Tiefster Friede herrscht in den Ländern und Staaten unseres Welttheils. Der deutsche Kanzler wacht darüber, daß jeder Funke, aus dem ein Brand entstehen könnte, noch rechtzeitig gelöscht werde. Ferry und Gladstone gehen jeder Anwandlung von nationalem Chauvinismus aus dem Wege, um wegen EgyptenS zu einer Verständigung zu gelangen; das Bedürfniß deS Friedens überwiegt allenthalben die nationalen Empfindlichkeiten, bändigt die Leidenschaften und Begehrlichkeiten. Aber während die alten Staaten Europas jeden Anlaß, der zum Bruche des Friedens führen könnte, sorgfältig vermeiden, gährt eS im Orient noch immer bedenklich. Die neuentftaudeven kleinen Staaten der Balkanhalbtnsel, deren Politik der Stütze der Traditionen entrathen muß, haben es noch nicht gelernt, sich mit Anstand in die neue Lage zu fügen.
In Rumänien hat das Ministerium Bratianu soeben seine Entlassung eingereicht; es scheint also doch nicht stark genug gewesen zu sein, um mit fester Hand die unzufriedenen Parteien im Zaume zu halten und den Glanz der neuen Krone zu erhöhen, welche durch Verwandlung einiger Staatsdomänen in Krongüter von der Laune eines noch unerfahrenen Parlamentarismus unabhängig gemacht werden sollte. Der Ausgang der gegenwärtigen Krisis läßt sich bis jetzt noch nicht absehen; jedoch wird es wohl noch langer Zett und einer festen Reflierung bedürfen, um die maßlosen Expansionsgelüste einzudämmen und es in Bukarest dahin zu bringen, daß sich das junge rumänische Königreich mit seinen bisherigen Erfolgen zufriedengtebt.
DaS Königreich Serbien hat in dieser Beziehung seine Aufgabe vernünftiger aufgefaßt und schreitet in fester Richtung vorwärts. Nachdem die revolutionäre Politik Rtfltc's zum Kriege mit der Türket geführt und den großen russischen Feldzug veranlaßt hatte, durch welchen Serbien seine Grenzen erweiterte und die Königskrone erhielt, gelangte in der äußeren Politik zum Vortheile des jungen Staates eine Strömung zur Geltung, welche allen Expansionsgelüsten für jetzt entsagt und sich ausschließlich mit der Organisation der Inneren Administration, sowie der Finanzen und dem Steuersysteme beschäftigt. Natürlich konnte sich ein solcher Umschlag in der serbischen Politik nicht ohne Unruhen vollziehen, da der ruisische Einfluß dem österreichischen nicht ohne Kampf Platz machen wollte. Der bewaffnete Aufstand, welcher vor Kurzem zum Ausbruch gelangte, wurde mit nicht alltäglicher Raschheit unterdrückt und die Treue und Verläßlichkeit der Armee hatte sich bet diesem Anlasse glänzend bewährt, was nicht wenig dazu beitrug und noch beiträgt, die Zukunft deS neuen Königreichs zu sichern, welches von Osten und Westen noch immer in bedenklicher Weise bedroht ist; denn in Bulgarien herrscht die mit dem russischen Einfluß Hand in Hand gehende revolutionäre Politik.
Die Bulgaren wissen es, daß die Vereinigung mit Ostrumelien nur eine Frage der Zeit sei, obgleich der Balkan eine natürliche Grenze zwischen den beiden Fürsten- thümern bildet; hier ist also eine unaufhörliche Agitation noch für lange Zett in Aussicht, eine Agitation, welche ganz gehörig durch russische Osficiere und den Einfluß des russischen Consuls genährt wird. Die Elemente der Unordnung auS der Nachbarschaft finden in Bulgarien allezeit ein sympathisches Asyl. Die flüchtigen Aufständischen von Serbien wurden nicht nur ohne Anstand gastlich ausgenommen, die Regierung versäumte sogar, trotz der Reklamation Serbiens, die Flüchtlinge von der Grenze zu entfernen. Dazu ward noch ein Grenzstreit vom Zaune gebrochen, mit einem Worte, es schien, als ob die neuen Balkanstaaten sich zu einem ernsten Kampfe gegeneinander rüsteten. Die Großmächte unterließen es jedoch nicht, den drohenden Cor.flict zu beseitigen und die vermittelnden Gesandten Deutschlands, Rußlands und Oesterrctch- UngarnS werden den Zwist so lange hintan zu halten wissen, als der Ausbruch desselben mit den Absichten und Interessen Europas im Widerspruch steht.
Daß aber die Ruhe auf der Balkan-Halbinsel eine sehr prekäre sei und der Same des Streits stets einen fruchtbaren Boden findet, leidet für den aufmerksamen Beobachter kaum einen Zweifel. Die Nachricht, daß der in Serbien seiner Würde entsetzte Exmetropolit Michael zum Metropoliten von Montenegro ernannt worden fei


