das Abgeordnetenhaus motiviren die Ausnahmemaßregeln und werden dieselben diesen Dienstag einen Gegenstand der Verhandlungen des Hauses bilden. — Das Abgeordnetenhaus beendete am Freitag die Berathung des von Herbst gestellten Antrages, betr. die von der - Regierung für Böhmen und Mähren erlassene Sprachenverordnung, und nahm hierbei den Antrag der Ausschuß- Majorität auf Uebergang zur Tagesordnung mit 175 gegen 161 Stimmen an.
In der französischen Deputirtenkammer, welche noch immer über die wirthschastliche Krifis debattirt, hat sich endlich am Donnerstag der Ministerpräsident Ferry über die Lösung der Nothstandssrage vernehmen lasten. Herr Ferry stellt das „Help your selves“ als einen Hauptfaktor bei dieser Lösung hin, er will, daß zunächst die Privat-Initiative und die Bestrebungen der Einzelnen die Schwierigkeiten beseitigen und daß der Staat nur die Ungleichheiten, welche auf der Arbeiterklaffe lasten, ebnen soll. Mit diesen Vorschlägen war jedoch der Sprecher der radikalen Linken, Herr Clemenceau, nicht einverstanden, er zog den Kreis der socialen Pflicht und socialen Competenz des Staates viel weiter, er verlangte die directe Einmischung des Staates in die wirthschaftlichen Angelegenheiten; speciell wünschte Clemenceau die Ersetzung der Verzehrungssteuer durch die Einkommensteuer. — Aus Tongking sind in neuerer Zeit Nachrichten von Belang nicht eingelaufen; das Gerücht, die französischen Truppen seien bei einem Angriff auf Bacninh zurückgeschlagen worden , wird vfficiöferseits mit dem Bemerken dementirt, daß ein Angriff auf Bacninh vor Ankunft der französischen Verstärkungen überhaupt nicht stattfinden könne.
Englische Blätter lenken jetzt die Aufmerksamkeit der Londoner Regierung auf den Umstand, daß es in Tunis 11,000 englische Unterthanen giebt. Durch die Abschaffung der englischen Consular-Gerichtsbarkeit (was übrigens auch für die andern Länder gilt) in der Regentschaft Tunis sind die daselbst domicilirendcn Engländer plötzlich der sranzösischen Gerichtsbarkeit verfallen und es heißt, daß die französischen Behörden in Tunis gerade mit den Engländern sehr wenig Umstände machten, während sie von Paris stritten Befehl hätten, die in Tunis lebenden Italiener gewissermaßen mit Glace- Handschuhen anzufaffen. Man beabsichtigt daher in beteiligten Londoner Kreisen, dem Auswärtigen Amte eine Denkschrift zu unterbreiten, welche die Hanze Angelegenheit vom geschichtlichen Standpunkte aus beleuchtet und das Recht der französischen Wirthschast in Tunis in Frage stellt.
In den Madrider Kreisen betrachtet man die politische Stellung Spaniens als eine durchaus befriedigende. Das Verhältniß zu Deutschland sei ein entschieden freundschaftliches und die Beziehungen zu Frankreich seien in derselben Weise geregelt, wie dies schon in der erstell Amtsführung des Cabinets Castillo der Fall gewesen sei (?) Die der Regierung feindlichen spanischen Flüchtlinge sollen in Frankreich internirt werden. Weiter meldet man aus Madrid, daß die Anhänger Zorilla's, des Chefs der spanischen Radikalen, sehr entmuthigt seien, wahrscheinlich, weil das jetzige conservative Ministerium in Spanien die Zügel scharf in die Hand nimmt.
Hesterreich.
Wien, 4. Februar. Der Mörder des Detectives Blöch gestand soeben ein, der 30 Jahre alte Hermann Stellmacher aus Grottau zu sein. Derselbe wurde beim sächsischen zweiten Grenadier-Regiment Nr. 101 fahnenflüchtig, schloß sich den schweizer Socialisten Most'scher Richtung an und wohnte 4 Monate lang unter falschem Namen in Wien. (Frkstr. Journ.)
Wien, 4. Februar. Die Eruirung der Persönlichkeit des Mörders Blöch's ist der Dresdener Polizei zu verdanken, welche durch den Amtsconcipisten Rößler auf die Spur führte. Stellmacher war vor Monaten aus der Schweiz, wo er der Most'schen Partei angehörte, nach Wien gekommen, wo er unter falschem Namen in einer entlegenen Vorstadt wohnte.
— Die „Corresp. Wilh." ersucht soeben die Blätter, sie mögen alle Notizen, welche über Geständnisse des Mörders Blöch's ausgeschickt würden, zurück- ziehen, da die Staatsanwaltschaft sonst die Journale confisciren müßte.
Dußland.
Petersburg, 2. Febr. Wie die russische „St. Petersb. Ztg." erfährt, beschränken die chinesischen Behörden die Freizügigkeit der russischen Kaufleute in Kaschgarien auf die Stadt Kaschgar und untersagten die Thee-Einfuhr aus dem russischen Gebiete in das chinesische Jligebiet. Was die chinesischen Festungen an der Grenze anbelange, so fei die Festung Tschimpandsi fast fertiggestellt und würde außerdem auf dem Berge Diedinsschan ein neues Fort errichtet.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eocrcspondenr-Burea«.
Berlin, 4. Februar. Unser Kaiser nahm heute die regelmäßigen Vorträge ent- gegen, machte Nachmittags eine Ausfahrt und gedenkt heute Abend dem Hofballe, zu welchem 1650 Einladungen ergangen sind, beizuwohnen.
— Die PetitionS-Commission deS Abgeordnetenhauses berieth über die Petition deS Prinzen Friedrich Wilhelm zu Hanau und der übrigen Allodtalerben des ver- ftorbenm Kurfürsten von Hessen, betreffend die Auszahlung des nicht verausgabten ThetlS der während der Sequestration vereinnahmen Revenuen, und beschloß den Uebergang zur Tagesordnung.
— Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Berathung des Cultusetats fort. Bei dem Ausgabetttel für die Universität Bonn griffen die Abgg. Windthorst und Bachem die Verwaltung des Bonner Curators an, unter welchem die Mehrzahl der Professoren dem deutschen Vereine angehört hätten und dessen Retseapostel gewesen wären. Diesen Ausführungen wurde jedoch von den Abgg. Cuny, Virchow, Enneccerus und Eynern evtgegengetreten. Der Kultusminister sprach der Verwaltung des verdienstvollen Curators volle Anerkennung aus und fügte hmzu, daß nach der ganzen Verfassung der Universitäten die Curators niemals die Stellung politischer Aufsichtsbeamten etnnehwen könnten; er wünsche hierin nichts zu ändern. Auf die Beschwerden des Abg. MoLler über bte Lehrtätigkeit des Professors Spicker zu Münster, welche dem katholischen Character der Akademie widersprechen solle, entgegnet der Minister, daß er keine Veranlassung habe, diesen Professor wegen seiner Lehrthättgkeit zu dts- eiplintren; auch sei die Anstellung nur katholischer Lehrer kaum erreichbar, weil die hierauf bezüglichen Verhandlungen stets daran scheiterten, daß diese Professoren nicht nach Münster, wo sie sich zu gebunden fühlten, gehen wollten. Zur Befriedigung der von den katholischen Theologen erhobenen Ansprüche werde er die Anstellung eines Professors für katholische Philosophie beantragen. Das Etatskapital für die Universitäten wird hierauf unverändert genehmigt.
Die Fortsetzung der Berathung des Kultusetats findet morgen statt.
Dresden, 4. Februar. Der Zustand der Prinzessin Georg ist nicht befriedigend. In der verflossenen Nacht stellten sich wieder Delirien ein, der Schlaf fehlte gänzlich, das Fieber hat sich wenig vermindert und leidet die Patientin an ziemlich großer Kurzatmigkeit.
— Nach hierher gelangten Nachrichten aus Wien scheint die Identität des Mannes, welcher in Wien den Dttettiv Blöch ermordete, mit einem früher hier auch auf dem Güterbahnhof in Arbeit gestandenen ehemaligen Schuh- machergefeiten Namens Stellmacher festgestellt zu fein.
London, 4. Februar. Wie bie „Times" erfährt, wäre in einem am Freitag im Kriegsministerium abgehaltenen Ministerrathe beschlossen worden, das Parlament um einen Credit von 2 Mill. Psd. Sterl. anzugehen, um die Häsen Englands und der britischen Kolonien in Vertheidigungszustand zu fetzen.
2 o f a l e ♦♦
Gießen, 5. Februar. Oeffentliche Sitzungen des Provinztalausschusses der Provinz Oderhessen finden statt und kommt zur Verhandlung:
Montag den 11. l. M.:
1. Wildschaden zu Deckenbach.
2. Der Wtrthschufisbetrleb des Karl Hofmann zu Rödgen im Kreise Friedberg: hier Antrag auf Entziehung der Wlrthschaftsconcession.
Dienstag den 12. I. Mts.:
3. Reclamation gegen die Gemetnderathswahl zu Udenhausen.
4 „ „ Bürgermetsterwahl zu Groß-Felda.
5. „ „ „ Bürgermetsterwahl zu Ober-Efchbach.
6. Beanstandung der Bürgermetsterwahl zu Stamwhetm.
7. „ „ Betgeordnetenmahl zu Ruppertsburg.
8. Reclamation gegen die Bürgermeisterwahl zu Mittel-Seemen.
9. „ „ „ Bürgermetsterwahl zu Heblos.
10. „ „ Bürgermetsterwahl zu Grüntngen.
Gießen, 5. Februar. (Aus dem Leben unseres Heimgegangenen Rendant Bieler.) Adolph Bieler, geb. am 27. Februar 1791, besuchte das Gymnasium zu Gteßrn bis zur Prima. Dem Beispiele feiner Mitschüler folgend, die sich dem Milltärdkenste mit Erfolg gewidmet hatten, betrat auch er mit Liebe und Eifer diese Laufbahn. Am 9. April 1810, in einem Alter von 19 Jahren, trat er als Cadet tu daS Großh. Lelbregtment ein. Nachdem er mit vielen feiner Kameraden die Vorlesungen des Major Cämmerer mit günstigem Erfolge besucht, wurde er schon nach einem Vierteljahr zum Cadet-Corporal befördert.
Als der corsische Tyrann das deutsche Volk zur Heeresfolge zwang, marschtrte auch unser Biettr in der Eigenschaft eintS Cadet-Fouriers nach Rußland. Der Weg ging über Magdeburg, Steitln, Alt-Damm bis Danzig, wo das Bataillon den Winter Über verblieb; dann von der Frischen Nehrung (Verschanzung Neuttef) nach Kowno, wo das Heer unter den Augen Napoleons am 24. Juni 1812 den Ntemm passirte.
Das Bataillon wurde unter General Jouffroi zum großen Armeepark commandirt und thetlte alle Gefechte und Mühseligkeiten mit der „Großen Armee" bis Moskau, woselbst unser Bieler von Major Dunker zum Batatllonsschreiber ernannt wurde.
Hier blieb das Bataillon, in Fyhle, V« Stunde von Moskau, vom 18. September bis 16. October 1812, dann wurde eS zum Transpott von Blrssirten commandtrt und nach einigen Tagen dec französirtm Junggard zugeiheilt.
Btt GraSnoi, am 17. November, wo das sehr zusammengeschmolzene Regiment schon von Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht bet der bittersten Kälte und mit leerem Magen im Feuer stand, verlor dasselbe unter Andern 11 Offiziere. Mit der größten Anstrengung gelang es Bieler, seinen schwer blessiiten Hauptmann Raabe vom Schlachtfeld nach Grasnot zu bringen.
AlS da« fast aufgelöste Bataillon unter andere Truppenkörper getheilt wurde, wurde er der Compagnie deS tapferen und berüchtigten Hauptmanns Meyer zugewiesen. Am 26. November wurde Bonfow erreicht und da alles Zuwarten nutzlos war, so wurde mit gefälltem Bajonnet der Uebergang über die Beresina erzwungen. Am 31. December 1812 gelangten die Truppen nach Königsberg.
Später wurde er, unter Major Kraft, mit einem kleinen Rest Hessen, als Quartiermacher nach der Heimath commandtrt, er konnte aber nur Gotha erreichen, woselbst er wegen gänzlicher Erschöpfung 20 Tage im Hospital zubrachte. Am 25. Februar 1813 traf er wieder in Gießen ein.
Nachdem beifelbe unter dem kranken Hauptmann Kraus die Wiederherstellung neuer Truppenkörper — etwa 400 Mann — fast allein thätig, betrieben hatte, marschtrte er als Cadetfcldwebel mit dem 1. Bataillon des Leibregiments bei der Compagnie des Hauptmanns Hettinger am 28. März 1813 von Gießen aus und zwar nur auf den dringendsten Wunsch seines Hauptmanns, weil er die ihm gewordene Zurücksetzung tm Avancement nicht verschmerzen und in Holländische Dienste treten wollte.
Er machte den Schlesischen Feldzug vollständig mit und wurde am 19. Octbr. 1813 in Leipzig, indem er sich ranziontrte, leicht blesstrt. am 27. October 1813 kam er nach Gießen zurück.
Hierauf nahm er an den beiden französischen Campagnen von 1814 und 1815, an der letzteren als Offizier, vollständig Anthetl.
Nach geschlossenem Frieden widmete er sich seiner Ausbildung behufs Eintritt« in den Civllstaatsdienst, besuchte mehrere Collegien, arbeitete em Jahr auf der Großh. Hoskammer zu Gießen, nahm dann 1820 seinen Abschied und wurde Districts-Em- nehmer zu Petterweil, dann zu Großkarben.
Im Jahre 1828 wurde er, wider seinen Willen, als Ober-Grenzcontroleur angestellt mit dem Wohnort in Stendal. Im Jahre 1829 nach Büdingen versetzt, wurde er bet dem Anschluß Kurhessens an den Zollverein (1833) nach Vilbel berufen und 1834 Vorstand des Zollamts Neuysenburg nut dem Character eines Rendanten.
AlS im Jahre 1836 Frankfurt dem Zollverein beitrat, wurde Bieler von einer Krankheit ergriffen, die ihn zwang, in feine Vaterstadt Überzusiedeln. Nachdem er wiederhergestellt war, bewarb er sich um die Zollamts-Rendantenstellen zu Bingen und Worms; doch wurde ihm — wie es scheint aus Mißgunst — keine derselben zuTheck. Nunmehr widmete er sich mit Liebe und Sorgfalt der Stelle eines Controleurs bet der hiesigen Spar- und Leihkasse. Er verwaltete bis zum Jahre 1878 dieses Amt und trat dann in den verdienten Ruhestand.
Unser Mitbürger endete ein in sich abgeschlossenes, thatenreiches Leben, ihm war eS vergönnt, seine Bahn bis zu der von dem Naturgesetze gesteckten Grenze zu durch- meffen. Sein Andenken fei gesegnet; leicht fei ihm die Erde!
Gießen, 5. Februar. Nächsten Donnerstag, den 7. Februar, beabsichtigt Fräulein Magda Plähn in der Aula des hiesigen Gymnasiums einen dramatischen Vortrag zu veranstalten. Die junge in Wien ausgebildete Künstlerin hat überall, wohin sie bisher kam, bedeutende Erfolge erzielt und ihr stehen bte besten Empfehlungen zur Seite, so daß man die Erwartung aussprechen darf, daß es ihr auch hier gelingen wird, das Publikum vollauf zu befriedigen. Die Kunst der dramatischen Recitatlon ist durchaus nicht leicht und eS gibt auf diesem Gebiete gar zu viele Mittelmäßigkeiten, so daß sich jeder Kunstverständige freuen muß, wenn, wie es hier der Fall ist, etwas Besonderes tn Aussicht steht. M G * '
Vermischtes.
Darmstadt, 1. Februar. Die VermählungSfeier der Prinzessin Victoria von Hessen mit dem Prinzen Ludwig von Battenberg ist nunmehr auf den 15. April d. I. festgesetzt. Die Königin von England wird dazu, wie die „N. H. V." melden, von ihrer Villa in Baden-Baden, wohin sie sich Ende März begibt, nach Darmstadt herüberkommen. Desgleichen werden der Prinz von Wales, der Herzog von Albany und der Herzog von Cambridge, erstere Beide nebst ihren Gemahlinnen, dem Akte beiwohnen.
m Februar. Aus Berlin, 1. Februar, wird gemeldet: „Der
Bundesrath hat in ferner gestrigen Plenarsitzung den Entwurf einer Uebereinfunft zwischen dem Reiche und der Schweiz wegen gegenseitiger Zulassung der in der Nähe ®omaiten ^ebfcinalper^onen zur Ausübung ber Prax-s, sowie ben Antrag Hes ens, betreffend bie Gleichstellung ber technischen Hochschule zu Darmstadt mit den deutschen Universitäten tm Sinne der Vorschriften über die Prüfung der Apothtker, den zuständigen Ausschüssen überwiesen.
z . ” Das Oberlandesgericht verkündigte in feiner gestrigen Sitzung das Urtheil in der Berufungsfache einer Anzahl Pflichtfeuerwehrleute aus Grünberg. Dieselben hatten sich geweigert, an den angeordneten Hebungen Theil zu nehmen, als sie deshalb bestraft werden sollten, focht ihr Vertreter die gesetzliche Gültigkeit des bezüglichen Localreglements an und erfolgte Berufung durch alle Instanzen. Das Oberlandes- gericht als höchste Instanz lehnte die Berufung ab und bestätigte damit das Urtheil,
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