Nr. 284 Zweites Blatt Donnerstag den 4. December 1884
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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der GeAeralverfammlung des landwirthfchaftliehen Bezirksvereins Gießen vom 28. August 1884 zu Grünberg.
Der Director des Vereins theilt bei Eröffnung brr ungewöhnlich stark besuchten Versammlung zunächst mit, daß der Präsident der landwtrthsckaftltcben Centralstelle, Herr Mlntstertalrath Dr. Jaup, der Präftdent deS landwirthschaftlichm Prooinzialververeins Herr Adalbert o. Nsrdeck, Freiherr zur Rabenau, und der (Seneralsecretär der landwirthschaftlichen Vereine des Gcoßhcrzozthums, Herr Oeconomierath Dr. Weidenhammer, heute wegen Unwohlseins, beziehungSwe.se anderwelter Verhinderung, hier nicht hätten erscheinen können und sich deshalb entschuldigt hätten. Hierauf berührt er die am Morgen desselben Tages statto.ehadte Prämiirung, welche der Verein zur Züchtung undVeredluna der reinen Vogelsberger Rtndoiehrasse gelegentlich des hiesigen Vtchmarktcs abgehalten hatte. Es sei Über Erwarten viel Vieh der Vogelsberger Raffe aufgetrieben worden, 29 Bullen, 33 Kühe und 177 Rinder, darunter recht schöne Exemplare. Mit besonderem Danke müsse erwähnt werden, daß die Sparkasse Grünberg welche so viele gemeinnützige Unternehmungen unterstütze, zu dieser Prämitruag 100 JL verwtlligt habe. Diese Thierschau beweise, daß man in hiesiger Gegend der Vogelsberger Rmdviehraffe hoben Werth beilege und daß man der Zucht dieses ViehschlogcS immer mehr Aufmerksamkeit schenke.
Es erhält bterauf boS Wort zum angekünbiaten Vortraae über die Frage: Welche Bedeutung Haven Molkereigenossenschaften für den kleinen Mann 7
Gutsbesitzer Schiente vom Hardthofe:
In der Ausschußsitzung des landw. ProoinzialoeretnS vor ca. 1 Jahr handelte eS sich um die Frage, ob die Molkereiausftellung tn München, die am 1. Ocioder d. I. stattfinden soll, von Seiten des landw. ProvtnztalveretnS mit Geldmitteln unterstützt werden solle oder nicht. In der lebhaften Debatte über diese Frage fiel auch die Acußerung — und diese schien vielfach Beifall zu finden: DaS Molkereiwesen hat nur Lwrck für die Großen, für den kleinen Mann hat es kein Juteresse.
Untersuchen wir, ob diese Behauptung berechtigt ist.
Die unrichtige Bezeichnung eines Unternehmens oder eines Gegenstandes erweckt oft Vorurthetle, die dann schwer zu beseitigen sind. Nichts z. B. hat der Einführung der Hülfsdünger mehr geschadet als die Bezeichnung derselben als „künstliche" Dünger. In der richtigeren Bezeichnung „Hülssdünger" liegt schon die Weisung, wie sie angewandt werden sollen, nämlich als Unterstützung, als Beihülfe zu dem im Stalle gewonnenen Dünger. „ „ _ . .
So erweckt auch die Bezeichnung Dampfmolkerei falsche Vorstellungen bei den Landwtrthen. Sie denken, mit Dampf können nur große Herren arbeiten, der kleine Mann hat dazu weder Mittel, noch Material. Man sollte allein schon um diese falschen Vorstellungen zu vermeiden, bei der richtigeren Bezeichnung Sammelmolkerei oder Molkereigenossenschaft blctben. Aus dieser Bezeichnung findet auch der einfache Mann den Sinn heraus, daß es sich baium handelt, Milch zu sammeln, um sie so in großen Quantitäten zu verarbeiten. , , , e ,,, „
Wenn es sich also darum handelt, viel Milch -usammenzubringen, so heißt eS auch hier wie bei allen Sammlungen: jeder, auch der kleinste Beitrag ist willkommen. Somit ist also der kleine Mann nicht von der Sammelmolkerei ausgeschlossen und die Sammelmolkerei und Alles waS diese fördert, also auch das Ausstellungswesen, haben für den kleinen Landwirth dieselben Vorthetle, dasielbe Interesse wie für den Bewirth- fchafter eines großen Gutes. „
Nun wird mir freilich mancher der hier Anwesenden entgegnen wollen: Wozu brauchen wir Sammelmolkereten? Das biSchen vorhandene Milch verarbeitet meine Frau und die macht die beste Butter von der Welt und den besten Käse dazu.
Das mag in einzelnen Fällen zugestanden sein. Eine recht tüchtige Hausfrau bringt das zuwege, wenn sie die nöthrge Zeit dazu hat. Im großen Ganzen ist es aber durchaus nicht der Fall. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß im ganzen deutschen Reiche gerade in den kleinen landwirthschaftltchen Haushaltungen auch nur die ersten Vorbedingungen fehlen, um eine gute Butter zu produciren. Oder ist etwa beim Aufbau des Wohnhauses, wenige Ausnahmen abgerechnet, ein Raum vorgesehen, in dem bei angemessener Temperatur die Milch aufrahmt, in dem der Rahm aufbewahrt wird, in dem die Butter gewonnen werden soll? In den meisten Fällen steht die Milch im Sommer im Keller, wo daS Sauerkrautfaß, die eingelegten Käse und sonstige mehr oder weniger stark riechende Vorräthr aufbewahrt werden, im Wmter im Wohnzimmer. Der Ofen desselben muß die nöthige Temperatur auch für die Milch schaffen. Im Ofen wird aber auch gewöhnlich gekocht, im ungünstigen Falle steht auch noch das Ehebett in dem wohldurchwärmten Raume. In diesem Raume rahmt nun die Milch auf, der Rahm wird hier aufbewahrt, gesammelt und aus dem ausgesammelten Rahm in der Woche ein-, höchstens zweimal Butter gewonnen. . . r „ , ,
Daß diese Butter von Anfang nicht gut schmecken kann, daß sie unhaltbar, nach einigen Tagen ranzig ist, daß sie nur zu geringsten Preisen verkäuflich ist, bedarf keines Nachweises. , ,, . ..
Durch eine solche Vrraibeitung der Milch wird sie nur gering vcrwerthet, die Folge davon ist, daß man, da ja doch nichts dabei herauskommt, auf die Fütterung und Haltung des Viehes nicht genug Werth legt, daß die Aufzucht und endlich der Futterbau lässig betrieben wird.
Allen diesen Ucb-lständcn helfen gut geleitete Sammelmolkereien ab.
Die Sammelmolkerei ist in einem entsprechend eingerichteten Gebäude unter- gebracht und sollte stets so gelegen sein, daß sie von den Landwtrthen, von deren Besitzungen die Milch gesammelt werden soll, mit den wenigsten Umständen leicht zu erreichen ist.^^ Sammelmolkerei liefern die Landwirthe die von gut genährten Kühen gewonnene Milch jcdm Tag im frischesten besten Zustande. Die gesammelte Milch wird auf eine bestimmte gleichmäßige Temperatur gebracht und im frischen Zustande durch die Centrifuge entrahmt. Der süße Rahm wird verbuttert und daraus süße Butter von gleichmäßigem Geschmack gewonnen. Die noch süße blaue M'lch dagegen, falls sie nicht weiter verkauft werden kann, wird zu Käse verarbeitet, der weitere Rückstand die Molke als Schweinefuiter verwerthet. Alle diese Arbeiten gehen in gut gelüfteten'sauber gehaltenen Räumen unter sachkundiger Lettungund mit Dampfbetrieb vor sich. Es werden mehrere taufend Liter Milch täglich verarbeitet.
Die Vorzüge dieses Verfahrens bestehen aber vor Allem darin, daß vorzügliche Butter von gleichmäßigem Geschmack jahraus, jahrein gewonnen wird, daß mtt den Kaufleuten in den Städten feste Lteferungsverträge für längere Zeit auf bestimmte
daS nicht, der Geschmack seiner Butt» wechselt, die Quantität ist zu gering und wechselt. Butter von fortwährend wechselndem
Geschmack kann aber der Kaufmann in der Stadt nicht absetzen, so wenig wie er Kaffee abfetzen kann, der heute so und morgen anders schmeckt.
Meine Herren, sie glauben vielleicht, ich hätte den Unterschied zwischen der Butter, wie sie tn landwirthschaftlichen Haushaltungen gewonnen wird und der Butter, wie sie btc gut geleitete Sammelmoltcrei herstellt, zu schroff markrrt.
Um Sie vom Gegentbeil zu überzeugen, lese ich Ihnen hier die Handelsberichte eines Butter- und Käse Großhändlers In Berlin vor. (Werden verlesen.)
Außerdem darf ich als wetteren Beweis onsübren die zunehmende Fabrikat'on der Kur.stbutt-r. Ed werden tn den großen Städten Deutschlands von oen Haushaltungen der kleinen Beamten, der Arbeiter rc. viele tausende Gentner Kunftdutter gegessen. Niemals würde sich diese so cingebürgert, so zahlreiche Abnehmer gefunden haben, wenn nicht die ächte Butter in d e Hände btefer kleinen Leute in einem ekel- crregenbtn Zustand käme. Diese Butter kommt schon ranzig cn b-n Kaufmann und dieser gibt die Butter wie sie ist in viertel und halben Pfunden cn den kleinen Kunden ab. Die Kunstbutter dagegen ist tadellos im Geschmack, holt sich lange genug und der kleine Mann zieht sie vor, weil sie nicht riecht, wenn er auch weiß, daß er ein Sammelsurium von Talg und sonstigen Fttten h nunterschlingt, statt aus Milch hergestellter Butter.
Ich bezweifle nicht, daß es noch eine ganze Reihe von Wenn's und Aber'S zu erledigen gibt, z B. wird mir entgegnet werden können, wie soll der kleine Mann das kleine Quantum Milch tn die Sammelmolker-i liefern, die vielleicht slundenwe.t entfernt liegt? Wollte allerdings jeder Einzelne dte 5 bis 20 Liter M'lch in die Molkerei schaffen, so würde das sehr kostspieltg, aber wie man einen gemeinschaftlichen Kuhhirten oder Schweinehlrten haben kann, so kann man auch einen gemeinschaftlichen Milchfuhrmann haben, der frühmorgens durch's Torf fährt, die verschlossenen Milchkannen sammelt und in die Sammelmolkerei abliefert. Beiaßt sich nach Beschluß der Thrilnehmer, die Sammelmolkerei dam t, geeignete Kraflfuttermiltel hmzulegen und dieselben ä Conto der eingelieferten Mllch zum Selbstkostenpreis an ihre Mitglieder abzugeben, so brächte der Milchfuhtmann als Rückfracht Kiastfuttermittel ins Dorf. Dieser Erfolg, auch den kleinen Landwirth zur Fütterung von Kraftfutter zu veranlassen, scheint mir nur auf diesem Wege erreichbar zu sein. Nur wenn der kleine Landwirth von heute auf morgen sieht, daß daß angewandte Geld rasch in seine Hand zurückflictzt, nur dann tritt er aus der Zurückhaltung gegen daS Neue heraus.
E n anderes Bedenken: Der kleine Landwirth sagt: Ich brauche meine Milch selbst, nur wenn ich einmal zu viel habe, nur dann mache ich etwas Butter zum Verkauf. Dies Verhältniß würde anders werden, sobald eine Sammelmolkerei da ist und baares Geld aud der Milch erlöst werden kann. Es würde in vielen Fällen kaum nöthig fein, den Viehstand zu vergrößern, durch sorgsamere und kräft'gere Fütterung allein könnte der Milchertrag so gehoben werden, daß eine Abgabe von Milch an die Sammelmolkerei, und seien es auch anfangs nur wenige Liter, möglich gemacht würde. Und ferner ist es denn durchaus nöthig oder nur rathfam, daß man die Butter und den Käse, die man esfen will selbst zubereitet, besorgt daS die Sammelmolkerei nicht besser? Der Schuhmacher macht seine Hosen auch nicht selbst, sondern überläßt daS dem geschickteren Schneider! Kann man nicht abgerahmte Milch, Butter. Käse im besten Zustande durch den Milchfuhrmann zurückbeziehen? Kanu man nicht auf demselben Wege Molke für die Schweine, abgerahmte Milch für die Kälber erhalten?
Wie verwerthet sich die Milch in der Sammelmolkerei, was kann die Sammelmolkerei ihren Mitgliedern für das Liter guter Milch bezahlen? Man soll sich keine goldenen Berge vorrechnen, die Regsamkeit, das Streben nach Verbesserungen hat meiner Ansicht nach auch in der Landwirthschaft in den letzten Jahren sich besonders gezeigt und wird sich immer mehr zeigen. Damit wächst die Concurrenz und besonders im Molkereiwesen. Hat der kleine Landwirth bei dem bisherigen Verfahren die Milch mit 5—8 Pig. pr. ß ter verwerthet, ganz auönahmswe.fe auch wohl etwas höher, so ist die Sammelmolkerei heute in der Lage, ihm mindestens 9 Pfg. pr. Liter zu bieten, aber mit dem großen Vortheil, daß die Sammelmolkerei an jedem Tage im Jahre und jedes Quantum an Milch abnimmt, der Absatz an Milch zu 9 Pfg. würde niemals stocken und der Geldbetrag regelmäßig in die Hand de8 Landwirths fließen.
Ist die Sammelmolkerei tn der Lage, blaue Milch zu verkamen, so stellt sich dadurch der Preis, den die Sammelmolkerei dem Landwirthe bezahlen kann, auch wohl höher, vielleicht aus 10 ober 11 Pfg. pr. Liter.
ES ist natürltch sehr wesentlich, ob die Sammelmolkerei 9, 10 oder 11 Pfg. pr. Liter bezahlen kann. Aber auch der ziemlich niedrige Preis von 9 Pfg. sollte die Landwirthe nicht abschrccken, sich lebhaft für Sammelmolkereien zu interessiren, vorausgesetzt, daß sie nicht tn der Lage sind, dte Milch direct zu verkaufen.
Ich betonte schon vorher d'.e sehr große Annehmlichkeit und den Vortheil, daß die Sammelmolkerei dem Landwirth täglich jedes Quantum Milch zu einem bestimmten Preise abnimmt. Dieser regelmäßige Zufluß von baarem Gelbe gibt der Wirthschaft auch detz kleinen Landwirths ein ganz anderes Gesicht. Hat er bisher kaum das tägliche Milchquantuw aus seiner Wirthschaft gekannt, so fängt er i-tzt an, sorgfältig zu messen: geben dte Kühe bet regelmäßiger, sorgfältiger und besserer Fütterung mehr Milch, so wird die Aufmerksamkeit verdoppelt, da cs ja sofort baares Geld etnbringt. Jetzt wird der Landwirth auch in der Auswahl des Futters bedächtiger; wollten früher die Kühe den zu hart gewordenen Klee nicht fressen, nun bann mochten sie's lassen, die Stallibür wurde zugemacht, um das Gebrüll nicht zu hören. Nun schädigt es aber den Geldbeutel sofort. Die Strafe für die Unachtsamkeit kommt schon am folgenden Tage und die Frage, wie schaffst du für deine Kühe regelmäßig gutes Milchfutter, damit der Geldzufluß regelmäßig bleibt, führt ihn dahin, im Futteranbau tn der Zusammensetzung der Futterratilwen achtsamer zu werden. Der gewonnene besiere Dünger aus dem Kuhstall wird zu Rathe gehalten, gut behandelt und tu erster Linie zur Erzeugung von Futtergewächsen aller Art verwendet. Ein wenn auch kleiner Theil beS für Mrlch eingehenden Geldes wird zur Beschaffung von Kraftfutter ausgegeben und mit Staunen wird der kleine Landwirlh schließlich merken, daß, trotzdem ber Futterbau dte Flache der körnertragenden Aecker gemindert hat, die Körnerernte nicht geringer geworden, tm Gegentheil zugenommen hat. .... £1
So wird der Einfluß sich gestalten, den die Sammelmolkercien auf die Wirthschaft deS kleinen Landwirths ausüben und Sie, meine Herren, werden mit mir einsehev, welche große Bedeutung Sammelmolkereien auch für den kleinen Landwirth haben.
Nachdem der Dtrector für den anregenden Vortrag gedankt hatte, entsvmnt sich über denselben eine lebhafte Besprechung, aus welcher namentlich die Bemerkungen de« Directors der neuen Dampfmolkerei Gießen. Herrn Ereuz daselbst, -rw-bn«nSw°rth finb. Derselbe -ußerte ». A, daß d.e Gi-ß-ner Dawps- molker.I nach Ihrer groSatflgen Einrichtung sü- di- »«r6älln!fie »er Stadt Gießen, I nicht aber für den kletnen Mann eingerichtet sei- In Gießen solle iunSchst die M.lch


