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Me. 1S3

Freitag den 4. Juli

1884

iehener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberflcht.

Gieße«, 3. Juli.

Kaiser Wilhelm beendet, soweit dies bis jetzt bekannt, am 6. Juli seine Brunnenkur in Bad Ems und dürfte sich sodann, wie in früheren Jahren, über Mainau, dem Sommer-Aufenthaltsorte der Großherzoglich Badischen Familie, zu der gewohnten Nachkur nach Bad Gastein begeben. Was die aufregenden 1 Gerüchte anbelangt, denen zufolge für die diesjährigen Sommerreisen des Kaiser- ganz besondere und bemerkenswerthe Vorsichtsmaßregeln ergriffen worden seien, jo müssen dieselben als große Uebertreibungen bezeichnet werden. DieNat.- Ztg." erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß kein Anlaß vorgelegen habe, um außer­gewöhnliche Maßregeln zum Schutze des Monarchen zu ergreifen. Richtig möge aber sein, daß in Hinblick auf verschiedene Vorkommnisse im Auslande den EisenbahN'Verwaltungen eine verschärfte Controls bezüglich sorgfältiger Ueber- wachung verdächtiger Gepäckstücke zur Pflicht gemacht worden ist.

Mit dem Schlüsse der Reichstags-Session und der am Montag erfolgten Abreise des Reichskanzlers nach seinem pommerischen Tusculum Varzin ist in unserer inneren Politik Sommerwetter eingetreten. Vorläufig wird sich dasselbe aber noch nicht so recht bemerklich machen, denn die Nachklänge aus den letzten Sitzungstagen des Reichstages sind noch zu frisch und lebhaft, als daß ihre Wirkung nicht noch geraume Zeit verspürt werden sollte. Vornehmlich wird die Dampfer-Subventions-Frage noch nicht gleich aus der politischen Dis­kussion verschwinden; ein Zug tiefen Unmuthes über das vorläufige Scheitern der Dampfer-Subventions-Vortage gebt durch alle Kreise, in denen man das Zustandekommen dieser vorzugsweise in nationaler Beziehung bedeutungsvollen Vorlage wünschte.

Zweiundzwanzig deutsche Kriegsschiffe sind jetzt in der Bucht von Zoppot bei Danzig vereinigt, um in der Ostsee Uebungen -vorzunehmen. Am Montag wurde das stattliche Geschwader von den Prinzen Heinrich und Wilhelm von Preußen besichtigt, welche sich an Bord der Panzer^ KorvetteHansa" befanden.

Die Cholera-Berichte werden nunmehr eine ständige Rubrik in den Zeitungen bilden, da von der französischen Regierung selbst nunmehr die asia­tische Cholera in Toulon und Marseille constatirt ist. Das leider! von den französischen Behörden bis jetzt für gut befundene Vertuschungs-System hat sich also nicht weiter durchführen lassen und das ist trotz der ernsten Situation immerhin ein Gewinn und die europäischen Regierungen wissen nun, woran sie find. Von allen Seiten werden denn auch die umfassendsten Maßregeln getroffen, um die Thätigkeit ves furchtbaren Würgers aus Asien auf einen möglichst engen Raum zu beschränken und Spanien ist hierbei am Weitesten vorgegangen, indem 18 die Ziehung eines Militär-Lorbons längs der Grenze nach Frankreich hin angeordnet hat. Auch Deutschland ist mit Vorsichtsmaßregeln gegen den unheim­lichen Fremdling hinter den andern Staaten nicht zurückgeblieben und hat die Ausführung derselben und alles Weitere die in Berlin unter dem Vorsitze Dr. Koch's und Dr. v. Pettenkofer's zusammengetretenen Cholera-Commission übernommen. Wie aus Berlin vom 1. d. Mts. gemeldet wird, geht Dr. Koch unverzüglich nach Paris, und demnächst nach Toulon, um behufs Feststellung des Charakters der Epidemie feine Dienste zur Verfügung zu stellen und weitere Studien über die Natur der Seuche und deren Fortpflanzung zu machen.

Im cisleithanischen Oesterreich ist am Montag der Reigen der Neuwahlen zu neun Landtagen durch die Landgemeinden Mährens eröffnet wor­den, denen am Dienstag die Städte dieses Kronlandes folgten. Am Freitag treten die ländlichen Wähler Nieder - Oesterreichs an die Wahlurne. Mit größtem Interesse sieht man dem Ausfälle der Wahlen in Mähren entgegen, wo die Czechen alle Anstrengungen gemacht haben, um wenigstens einige Wahl­bezirke zu erobern, nachdem diesmal für sie noch keine Aussicht vorhanden ist, die Majorität in der Brünner Landstube zu erringen.

Die Eröffnung der egyptischen Conferenz in London hat am Samstag in durchaus geschäftsmäßiger Weise stattgefunden, lieber ihre Thätigkeit läßt sich vorläufig noch nichts berichten, als daß sie den englischen Entwurf zur Regelung der egyptischen Finanzfrage entgegengenommen hat. Der­selbe läuft darauf hinaus, die egyptischen Steuern um eine ganz beträchtliche Summe 60 bis 70 Mill. «X zu vermindern, aber gleichzeitig die Zinsen der egyptischen Staatspapiere, auch die der privilegirten Schuld, um ein halbes Procent herabzusetzen. Dies ist der Punkt, in welchem die öffentliche Meinung Frankreichs Widerstand leistet und es dürfte schon darum die Conferenz nicht ganz glatt verlaufen. Weiter werden aber auch von Rußland Schwierigkeiten befürchtet, da dasselbe gesonnen sein soll, für die egyptischen Suzeränitätsrechte der Pforte auf der Conferenz voll einzutreten, welche England bis jetzt gänzlich ignorirt hat und in Anbetracht aller dieser Schwierigkeiten kann sich die Con­ferenz bis tief in den Sommer hinein erstrecken.

Der Strike der italienischen Schnitter im Venetianischen wie in Calabrien und einzelnen Gegenden der Marken dauert noch immer an und kann der Regierung noch ernste Verlegenheiten bereiten. Die ländlichen Ernte- Arbeiter in Italien sind allerdings recht kärglich bezahlt, denn in manchen legenden beträgt der Tageslohn nur 50 bis 60 Centesimi (40 bis 50 H). Freilich sollen die Schnitter außerdem noch 10 pCt. des ausgeschnittenen Ge­treides erhalten, aber gerade dieser ihr Antheil an der Ernte ist ihnen bis jetzt vorenthalten worden und dies bildet eben die Grundursache des Strikes. Bis etzt weigern sich die ländlichen Grundbesitzer, den Forderungen der Strikenden

Telegraphische Depeschen.

Wolff'- teilegr. Lorrejpou-em-Bttrearr.

Ems, 2. Juli. Se. Maj. der Kaiser nahm gestern vor dem Diner den Vortrag des Wirkt. Geh. Legationsrathes v. Bülow entgegen. Zu der kaiser­lichen Tafel waren geladen: Die mecklenburgischen Herrschaften nebst Gefolge, Prinz Nikolaus von Nassau und General v. Werder. Abends wohnte Se. Majestät mit seinen hohen Gästen der Theatervorstellung bei. Heute früh setzte Allerhöchstderselbe die Brunnenkur fort, machte eine Promenade und empfing später den Hofmarschall Grafen Perponcher und den Wirkt. Geh. Rath v. Wit- mowski zum Vortrage.

Berlin, 2. Juli- In der unter dem Vorsitz des StaatSministerS v. Bötticher am 1. Juli abgehaltenen Plenarsitzung des BundesrathS gelangten zur Vorlage an die Versammlung die Beschlüsse des Reichstags über die unveränderte Annahme der Ge­setzentwürfe, betreffend Beschaffung eines Dienstgebäudes für das Generalkonsulat in Shanghai und betreffend die Feststellung eines zweiten Nachtrags zum ReichshaushaltS- Etat für das Etatsjahr 1884-85; den von dem Reichstag in veränderter Fassung an­genommenen Gesetzentwürfen, betreffend die Unfallversicherung der Arbeiter, und betreffend die Commandttgesellschaften auf Actten und die Acttengesellschasten, erthetlte die Versammlung in der von dem Reichstage beschlossenen veränderten Fassung die Zustimmung. Den zuständigen Ausschüssen wurden zur Vorberathung überwiesen die Beschlüsse deS Reichstags über: Die Gesetzentwürfe wegen Abänderung der Gewerbe­ordnung (Antrag Ackermann), und wegen der Fürsorge für die Wittwen und Waisen von Angehörigen des ReichSheeres und der Marine; tn Betreff von Petitionen wegen Schadenersatzansprüchen an die Militärverwaltung und wegen Pensionserhöhung, sowie die Resolution des Reichstags, betreffend die Entschädigung der durch den gesetzlichen Ausschluß der privaten Unfallversicherungsgesellschaften tn ihrem Erwerbe veeinträch- ttgten Bediensteten dieser Gesellschaften. Die von Preußen beantragte, nach § 4 des RetchSgesetzes vom 4. Mat 1874 erforderliche Genehmigung zur Verleihung der Staats­angehörigkeit an mehrere auSgewtesene Geistliche, wurde erthetll Den Anträgen der Ausschüsse wegen Credttirung der Tabakgewichtssteuer; in Betreff der -ur Ausführung des Gesetzes über die Anfertigung und Verzollung der Zündhölzer vom 13. Mat 1884 erforderlichen Ausführungsbefttmmungen, sowie wegen der Aufnahme von Fabriken zum Vernieten eiserner Röhren, zur Herstellung eiserner Brücken rc. unter die nach S 16 der Gewerbeordnung genehmigungspflichtigen Gewerbeanlagen, gab die Versamm­lung Folge. Die bet einer kaiserlichen Dtscipltnarkammer erledigte MttgliedSstelle wurde wieder besetzt; dem Entwürfe eines Gesetzes für Elsaß - Lothringen, betreffend Deklaration zum Jagdpolizetgesetz vom 7. Mat 1883, die Zustimmung ertheil^ Eine Eingabe, betreffend die Ermittlung des Raummaßes bei der Verzollung der zu Brettern geschnittenen Holzblöcke, wurde ablehnend befchteden; eine auf Abänderung der Civll- uvd Strafproceßordnung gerichtete Eingabe an den Reichskanzler überwiesen. Schließ­lich faßte die Versammlung Beschluß über die geschäftliche Behandlung mehrerer Em- gaben von Privaten. f

Paris, 2. Juli. Der ehemalige Botschafter Tlffot ist gestorben. - Die Nationalfeier vom 14. Juli wird nicht hinausgeschoben, das Festprogramm wurde heute veröffentlicht.

Der Gesundheitszustand in Paris ist vorzüglich. Die genaue Zahl der bei Langson erlittenen Verluste umfaßt 22 Todte und 53 Verwundete.

Das JournalParis" will wissen, die Regierung werde eine Ent­schädigung von 500 Millionen für die Verletzung des Vertrags von Tientsin von China verlangen. Nachrichten aus Tongking bestätigen, daß auf dem Marsch nach Langson zahlreiche Sonnenstichfälle bei den Truppen vorgekom- mm Toulon, 2. Juli. Von gestern Abend 10 Uhr bis heute Vormittag 10 Uhr sind hier 5 Personen an der Cholera gestorben.

nachzugeben. Bezeichnend ist es übrigens, daß in der italienischen Deputirten- kammer des Strikes, der doch mehr als 10,000 Arbeiter feiern läßt, noch mit keiner Sylbe Erwähnung gethan wurde, während neulich die hohe Politik die Kammer eine ganze Sitzung hindurch beschäftigte.

Die Constituirung des Ministeriums Sverdrup bedeutet für Norwegen das Ende des langen Verfassungskampses zwischen Regierung und Volksvertretung in diesem Lande. Bereits ist dem König Oskar der äußere Dank des norwegischen Volkes dafür, daß er durch Genehmigung des Cabinets Sverdrup den Wünschen des Landes nachgegeben hat, abgestattet worden. Denn diese Bedeutung hatte der große Festzug, welcher sich am Sonntag durch die Straßen Christianias bewegte und vor dem Schlosse dem Königspaare begeisterte Ovationen darbrachte.

Nichts Neues aus Egypten! Dies ist die Parole der letzten Tage für den Sudan gewesen und ob diese relative Ruhe für die anglo - egyptische Regierung Gutes oder Schlimmes bedeutet, wird sich wohl bald Herausstellen. Auch über die Lage Gordon's in Khartum liegen seit nun beinahe 2 Monaten keine positiven Nachrichten vor.__________________________________________________

Aus dem Großherzogthum Hessen, 2. Juli. Die Wahlen für den 25. Landtag werden am 24. Juli d. Js. stattfinden. DieM. Nachr." thellen bezüglich der Reichstags-Candidaturen mit: Oberlandesgerichts-Präsident Görz candidirt im Wahlkreise Friedberg. Gegen-Candidat Bamberger's wird voraussichtlich Dr. v. Strauß, München, fein. Candidat der socialdemokrati- schen Partei für den Wahlkreis Mainz ist v. Vollm ar, München. Nach demMümlingboten" beabsichtigen die Nationalliberalen im Kreise Höchst den früheren Minister v. Starck aufzustellem

Darmstadt, 2. Juli. Die Nationalliberalen beabsichtigen hier in Darm­stadt den bisherigen Abg. Herrn Otto Wolfskehl und den Oberbürgermeister Ohly als Candidaten aufzustellen. Von deutsch-freisinniger Seite wird beab­sichtigt, Herrn Rechtsanwalt Schödler als Candidaten aufzustellen.