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Nb» 104* Zweites Blatt. Sonntag den 4. Mai 1884
Gießener Anzeiger
Amts- md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochenschau-
Gtetzerr, 3. Mai.
Aus den Plenar-Verhandlungen des Reichstages in dieser Woche verdient die Mittwochssitzung hervorgehoben zu werden, in welcher der deutsch-freisinnige Antrag auf Entschädigung unschuldig Verurtheilter zur Be- rathuug gelangte. Bekanntlich bildet diese Frage schon seit längerer Zett einen Gegenstand ernster Erörterungen auch in weiteren Kreisen und ihre princtpieüe Wichtigkeit mußte daher schließlich auch zu einer parlamentarischen Behandlung führen. In beredten Worten legte der Mitantragsteller Abg. Dr. PhllippS die Nothwendigkeit dieser Entschädigung unter Anführung zahlreicher Fälle dar und betonte zugleich, daß die Entschädigung von den Regierungen nicht als Gnadensache, sondern als Pflichtsache zu betrachten sei. Nachdem die Abgg. Kayser und Schröder (Wittenberg) ihre Sympathie mit dem Antrag bekundet, wurde der Antrag an eine besondere Commission verwiesen, an welche auch die Anträge Munckel-Lenzmann und Reichensperger (Olpe), betr. die Abänderung des Gerichtsverfassungs-Gesetzes und der Strafproceß-Ordnung gelangten.
Aus den Verhandlungen der Unfallversicherungs-Commission ist zu erwähnen, daß dieselbe am Dienstag die §§ 9 bis 11 (Versicherung und Deckungsversahren), welche die Grundlage des ganzen Unfallversicherungs-Gesetzes bilden, in der von den conservativen und Centrums-Mitgliedern der Commission befürworteten Fassung genehmigt hat. Die Privatversicherung und die Versicherung auf Gegenseitigkeit sind demnach abgelehnt und sind die territorial abgegrenzten BerufSgenossenschasten zur Basis der Versicherung gemacht worden. — In Bezug auf das preußische Abgeordnetenhaus ist der parlamentarische Wochenbericht dahin zu ergänzen, daß dasselbe die Jagdordnung mit den vom Hause vorgenommenen Abänderungen in dritter Lesung genehmigt und die Anträge Straßmann-Zelle und Bachem erledigt hat, von denen der erstere (Abänderung der Städte-Ordnung für die sechs östlichen Provinzen) in der Commissionssaffung, der letztere (Abänderung der Städte-Ordnung für die Rheinprovinz) in etwas modificirter Fassung angenommen wurde.
Die Nachrichten über das angeblich bei der Niederwald- Feier geplant gewesene Dynamit-Attentat stellen sich als stark übertrieben heraus, dock ist eine nähere Aufklärung noch abzuwarten.
In Darmstadt hat am Mittwoch die Vermählung der Prinzessin Victoria von Hessen-Darmstadt mit dem Prinzen Ludwig von Battenberg stattgefunden. Außer den Mitgliedern der Großh. Familie wohnten dem Trauakte die Königin von England und die Prinzessin Beatrix, das deutsche Kronprinzenpaar, Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich, sowie die Prinzessin Victoria von Preußen, die Erbprinzessin von Meiningen, der Prinz und die Prinzessin von Wales nebst ihren älteren Kindern, der Landgraf und die Landgräfin von Hessen, der Erbprinz von Anhalt und der Fürst von Bulgarien bei.
Nach vierzehntägiger Abwesenheit ist das österreichische Kronprinzenpaar am Dienstag von seiner Orientreise nach Wien zurückgekehrt. Der Ausflug des künftigen Herrscherpaares von Oesterreich-Ungarn nach der Balkanhalbinsel hat demselben die glänzendsten Ovationen, ganz abgesehen von bem sympathischen Empfange in Konstantinopel, in Varna, Bukarest und Belgrad — also aus bulgarischem wie auf rumänischem und serbischem Boden — gebracht und wird daher die Reise unzweifelhaft dazu beitragen, das Freund- schäftsverhältniß zwischen Oesterreich-Ungarn einer- und den Balkanstaaten anderseits zu befestigen. — In den Wiener parlamentarischen Kreisen macht die Mandatsniederlegung des deutsch-liberalen Reichstagsabgeordneten Dr. Josef Kopp großes Aufsehen. Eine Versammlung seiner Wähler im Wiener Bezirke Mariahilf wollten dew genannten Abgeordneten bestimmen, gegen seine Ueber- zeugung für die unbedingte Verstaatlichung der Nordbahn einzutreten, in Folge dessen Dr. Kopp resignirte; sein Schritt findet die Billigung aller Parteien.
Inder auswärtigen französischen Politik ist die Tongking- srage ganz in's Hintertreffen gerathen; deren Platz nehmen jetzt die Erörterungen über die Conferenz ein, welche augenblicklich vom französischen Ministerium gepflogen werden. Augenscheinlich ist letzteres entschlossen, nicht eher in eine ÄMnähme an derselben zu willigen, bevor nicht England ausreichende Garantie gegen eine etwaige Annexion oder auch nur bezüglich eines Protectorates Egyptens gibt. Sehr bemerkt wird auch der Umstand, daß Baron Courcel, der französische Botschafter in Berlin, welcher eine Urlaubsreife nach Paris angetreten hat, hier am Dienstag eine längere Unterredung mit dem Conseilpräsidenten Ferry hatte und nimmt man an, daß Courcel hierbei dem Con- sellpräsidenten Ferry Mittheilung von den Anschauungen des Fürsten Bismarck über die egyptische Frage gemacht habe.
Das englische Unterhaus hat sich in den letzten Tagen fast nur mit den beiden Bills über die Vieh einfuhr und über die Wahlreform beschäftigt, während die brennende egyptische Frage merkwürdigerweise gar nicht zur Erörterung gelangt ist. Allerdings haben Ober- wie Unterhaus dieses Thema in den letzten Wochen unzählige Mal variirt, ohne daß etwas Besonderes dabei herausgekommen wäre. Man sollte aber doch meinen, daß das Cabinet Gladstone angesichts der geradezu verzweifelt gewordenen Lage Gordon's dem Parlament endlich die so viel begehrte Aufklärung über das, was es nun in Egypten thun oder lassen will, geben werde. Ob die nächsten Tage nicht nur dem englischen Parlamente, sondern überhaupt Europa diese Aufklärung bringen werden, ist noch sehr fraglich. — Einer Meldung der „Agence Havas" zu
folge wird Waddington in London erwartet, um die Antwort Frankreichs auf den Conferenzvorschlag zu überbringen. Es verlautet, die Antwort erkläre, daß Frankreich im Princip die Conferenz acceptire, aber hoffe, die Verhandlungen würden nicht nur die finanzielle, sondern auch die allgemeine Situation Egyptens betreffen. Voraussichtlich werde die französische Antwort eine neue Erklärung Englands Hervorrufen.
DieNachricht, daßBerberin dieHände d er aufständisch en Sudanesen gefallen ist, hat sich als verfrüht.erwiesen, doch kann der Fall von Berber nur noch eine Frage von Tagen sein.
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Vermischtes.
Darmstadt, 30. April. (Unsere Dienstboten — und Herrschaften.^ Die Familie X. erhält per Telegramm btt Nachricht von dem Tode einer alten, steinreichen Erbtante. Sofort hüllt sich der weibliche Theil der „trauernden Hinterbliebenen" in Wolken von Crepe, kauft pechrabenschwarze Hüt- und dampft nach G. zum Begrabniß, der im Dienst ergrauten Küchenfee die Wiederkehr nach Verlauf dreier Tage an- kündigend. In G. angekommen, erfährt man jrdoch alsbald, daß es mir der Erbschaft nichts ist und besondere Umstände das zur Schau tragen der Trauerkletder nicht noth- wcndtg erscheinen lassen, wrßhalb der nächste Zug bereits die Familie der Hetmath wieder zuführt. Leider hatte man in sicherer Voraussicht eines dreitägigen „Flannerts" keinen Hausschlüssel mitgenommen und da die Ankunft bet nachtschlafender Zeit erfolgte, waren Thor und Thüren verschlossen. Die »Babett" in der Dachkammer kann natürlich von dem weithinschallenden Poltern nichts vernehmen, dafür erbarmte sich eine mitleidige Hausbewohnerin der Harrenden und wirft ihnen, vorsorglich in einen wollenen Strumpf gehüllt, den Hausschlüssel zu. Doch an den Stubenthüren gibt's neue Verlegenheit, denn auch diese find ohne Schlüssel nicht zu öffnen und auf dem Boden in der Region der dienstbaren Geister weiß Niemand Bescheid: erstens nuS Mangel an Licht und zweitens, weil man bis dato ben Boden nur von der Straße aus gesehen hatte. Wieder hilft die mitleidige Schlüsselspenderin mit einer Leuchte und dem nöthigen Feuerzeug und nun geht es an ein regelrechte« Absuchen der Dach- kammerv. Doch .hinter allen Thüren ist Ruh, nach Tag<s Rühren hörest du kaum einen Hauch. Die Mägde schlafen und träumen. Klopfe nur, klopfe nur, bald findest die richtige du!" Leider ist auch dieses Auskunftsmittel vergeben«, daher neues Rütteln an den Zimmerthüren, das in Verbindung mit dem übrigen Lärm nach und nach das ganze Haus allarmirt, jedoch wieder ohne Erfolg. Was thun? Auf dem Gang kann man nicht campiren und der nahe Gssthof — doch das ist unmöglich, der Affront und die theuren Logirpreise verbieten ein solches AuslunftSmittel. Endlich kommt man zu dem verzweifelten Entschluß, die Thüre etnzutreten, als diese — sich geräuschlos öffnet und die „treue, dienstergraute Babett" im rosigen Schimmer der Prttoleumbeleuchlung auf der Bildfläche erscheint, nicht im tiefsten Neglige, aber doch eben erst dem molligen Federnbette der Herrschaft entstiegen. Tableau! Die Begrüßung zwischen Herrschaft und Dienstboten war kurz, aber herzlich. Nach kaum zehn Minuten stieg Babett, etwas von Nachtruhe und Ueberrumpelung zwischen den Zahnlücken hervormurmelnd, eine Treppe höher.
— Wie die „Niederrh. Vztg." auS Xanten berichtet, gerieth bei der Feier der ersten hl. Communion am vorletzten Sonntag der Schleier eines Mädchens in Brand, so daß in einem Augenblick d'e Helle Flamme über seinem Kopfe emporschlug. Ein markerschütternder Schrei — und im nächsten Augenblick zerstob die ganze Schaar von 240 Kindern in unbeschreiblicher Verwirrung durch die Kirche, zum Thetl die brennen- den Kerzen von sich schleudernd. Es ist fast wunderbar, daß dadurch nicht neue Brand-Unfälle entstanden. Durch die Geistesgegenwart des Herrn Hauptmanns L., drr in einem Augenblick dem armen Kinde den Schleier abriß, wurde dieses vor fast sicherem Tode gerettet. So kam es mit einer allerdings erh-dliche« Brandwunde und dem Schrecken davon.
- Wenn in Rußland ein Eisenbahnunfall geschieht, so scheint er immer noch ein eigenes Localcolorit zu haben. Beispiel der folgende, am 28. März bei Jekaterinas- law passirte. Auf dieser Linie, so erzählt „R. Wedom.", wurden die alten verfaulten Schwellen durch neue ersetzt, wobei der Bahnmeister verpflicht^ war, auf beiden Enden der Strecke Signale aufzuftellen, damit der Maschinist den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen könnte. Diese Vorschrift war aber nicht eingehalten worden. Weber wehte die rothe Flagge, welche das Halten dcS Zuges, noch die grüne Flagge, welche Verlaug- samuna der Fahrgeschwindigkeit verlangt. Ein Güterzug passirte nun mit der gewöhnlichen fahrplanmäßigen Geschwindigkeit und die Katastrophe war unvermeidlich. Die Locomotive stürzte mit dem Tender die Böschung hinab, grub sich tief in die Erde ein und riß noch vier Güterwagen mit sich, die sich von den übrigen loSgelost hatten und in Splitter zerschellt wurden Zum Glück kam von dem Zugpersonal Niemand zu Schaden. Sofort wurde Nachricht auf die Station gegeben, von wo auf einem HÜlss- zuge der Chef des Jekaterinoslawsschen DepoiS mit Arbeitern zur Freimachung der Linie eintraf. Von der andern Seite kam auf einer Locomotive der Distanzchef aus Ssintknikowo; aber wie waren sie Überrascht, als sie auf der Unglücksstätte alle Bahn- Beamten und die Remontearbeiter besinnungslos betrunken vorfanden. Es war nicht ein einziger Mensch am Platz, der seiner Zunge Herr gewesen wäre. Betrunken hatten sie fich mit Branntwein, Wein und Meth aus den Fässern, die sich in ben zertrümmerten Waggons befanden. Der erste, gleich auf den Tender folgende Waggon war ganz mit Spirituos-rr gefüllt gewesen. Fast das sämmtliche Geschirr war zerbrochen. Wein, ßiqueur, Meth, Branntwein flössen in Strömen. Am Bahndamm hin lagen ganze Fäßchen zwischen Kohlen, Salz und sonstigen überall umhergeschleudertcn Waare». Die Aufi-iumuna der Bahn wurde also damit begonnen, daß man alle Betrunkenen Mann für Mann zur Seite trug und wie Leichen zu einer Gruppe zusammenlegte.
Berlin, 25. April. Ein Schwindel im großen Stile ist gegen eine Bankfirma auSgesÜhrt worden. Ein Dresdener Bankier erhielt am 16. d. Mts. früh von der hiesigen Deutschen Bank die Mitthrilunz, daß ein Amerikaner Riegel auS Philadelphia 2000 Mark bei ihm für Rechnung der Deutschen Bank erheben würde. Bald nach dieser Nachricht kam um 10Vr Uhr Vormittags in das Dresdener Bankgeschäft ein ungefähr 42 Jahre alter Mann von mittlerer Statur, mit schwarzem Haar und Vollbart, er sprach fließend deutsch, vermischt mit englischen Worten. Er zeigte einen amerikanischen Paß und eine Adreßkarte vor, lautenb: Riegel Scott a. Co,, Importers a. Jobbers of Dry Goods No. 333 Market Street, Philadelphia und nannte sich Arthur Riegel. Nachdem ihm hieraus die 2000 Mark ausgezahlt waren, fragte er bei der Firma an. ob sie einen sehr guten Check annehwen würde und präsentirte einen solchen auf das Bankhaus Seligmann Brothers in London über 700 Pfd-, der am 24. März 1884 von I. S. Seligmann in Newport ausgestellt war. Obgleich der Chek a vist» ausgestellt war und als ein Prima-Check sich erwies, somit eine Secunda noch erifttren mußte, ließ der Dresdener Bankier mit Rücksicht auf den guten Eindruck, den Riegel machte und seine Einführung durch den Avisbrief der Deutschen Bank d.e


