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Nr. s

Freitag den 4. Januar

1884

I MA Ic.

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint t^<zktch mit Ausnahme des MorzLags.

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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 3. Januar.

Die Jahreswende findet uns, was unsere innere Staatsentwickelung anbelangt, wenigstens aus einem Gebiete in ganz entschiedenem Fortschritte be­griffen, auf dem des wirthschastlichen Lebens. Mit Genugthuung ist zu con- statiren, daß in Deutschland im Lause des vergangenen Jahres ein erfreulicher Aufschwung in fast allen Zweigen der wirthschastlichen Thätigkeit stattgefunden hat und daß deutscher Gewerbfleiß, deutscher Geschmack und deutscher Unter­nehmungsgeist in der ganzen Welt fortdauernd friedliche Eroberungen gemacht haben. Entsprechend diesem wirthschastlichen Aufschwünge ist auch die finanzielle Lage des Reiches wie der Einzelstaaten eine durchaus günstige und hierin äußert sich ohne Zweifel der wohlthätige Einfluß der von mancher Seite so viel ge­schmähten Steuer- und Wirtschaftspolitik des Reichskanzlers. Daß aber diesem Wiederemporblühen unseres gewerblichen und industriellen Lebens ein gesunder Kern innewohnt, beweist schon der Umstand, daß selbst die Parteistreitigkeiten diese gedeihliche Entwickelung nicht zu hindern vermochten, während doch sonst die gegenseitigen Anfechtungen der politischen Parteien mehr oder minder von nachtheiliger Wirkung aus das wirthschastliche Leben des betr. Staates zu sein pflegen. Jndeffen, man muß auch vor einem zu weitgehenden Ovtimismus in dieser Beziehung warnen und ist namentlich zu betonen, daß noch immer jene gefährliche gesellschaftliche Unterströmung besteht, wie sie durch die socialistische Propaganda repräsentirt wird und e» wird auch im neuen Jahre mit ein vor­nehmlicher Zweck der Reichsregierung sein müssen, dieser Propaganda entgegen- zuarbeiten. In ihren Bestrebungen, den Umsturz-Tenornzen der Socialdemo­kraten entgegenzuarbeiten, hat die Regierung im verfloffenen Jahre mit der Annahme des Krankenkassen-Gesetzes Seitens der Reichstages einen anerkennens- werthen Erfolg zu verzeichnen; hoffentlich wird das neue Jahr durch das end­liche Zustandekommen des Unfallversicherungs-Gesetzes uns um einen Schritt auf diesem schwierigen Wege weiterbringen.

Der Besuch des deutschen Kronprinzen beim Papste beschäf­tigt die deutsche Presie in hervorragendem Maße. Besonders ist der Bericht »erNat.-Ztg." über die Unterredung zwischen dem Kronprinzen und Leo XI1L, »in Gegenstand eifriger Erörterungen und wird von verschiedenen Seiten die Authenticität dieses Berichtes angezweifelt. Auch dieRordd. Allg. Ztg." giebt Zweifeln über die Richtigkeit deffelben Ausdruck, während dieNat.-Ztg." ihre Mittheilungen ausrecht erhält; eigenthümlich berührt es auf jeden Fall, daß man sich auf officiöser Seite über den Inhalt der Unterredung so beharrlich ausschweigt" und doch wäre eine Wiedergabe dessen, was der deutsche Thron­erbe und das Oberhaupt der katholischen Christenheit mit einander verhandelt haben, von competenter Seite von Wichtigkeit. Es kommt bei dieser Geheimniß- krämerei niemals etwas Gescheutes heraus und wäre es in dieser wichtigen An­gelegenheit nur dringend zu wünschen, daß hierüber von zuständiger Stelle reiner Wein eingeschenkt würde.

Dem nächsten Reichstage werden bei seinem Zusammentritte u. A. auch verschiedene Nachtrags-Etats zugehen. Es befindet sich darunter eine For­derung für die Umwandlung der deutschen Gesandtschaft in Madrid in eine Botschaft, die künftige Dotation des dortigen Vertreters würde 100,000 Jt. betragen. Weiter sollen für 19 neue Torpedoboote 3,800,000 JL gefordert werden, um das Mißverhältniß einigermaßen auszugleichen, in dem sich Deutsch­land in dieser Beziehung gegenüber den andern Großmächten befindet.

DieGegensätze im kroatisch-slavonischen Landtage, wie solche noch jüngst gelegentlich der durch die Starevicszianer hervorgerusenen Tumulte hervortraten, scheinen sich allmälig wieder auszugleichen. Wenigstens haben am Samstag die Deputirten aus der ehemaligen Militärgrenze eine Erklärung ab­gegeben, in welcher sie unter dem Ausdruck der unerschütterlichen Treue und Loyalität gegenüber dem Staatsoberhaupte die staatsrechtliche Grundlage accep- tiren. Zugleich verlangen sie aber die Gleichstellung der ehemaligen Militär­grenze mit dem übrigen Lande und die verfassungsmäßige Abänderung der ohne Mitwirkung der Grenzdeputirten geschaffenen und für die Grenze nachtheiligen Bezirke. Die Bemühungen der radikalen Partei, die Grenzdeputirten zu sich herüberzuziehen, sind demnach gescheitert.

Die Session der französischen Kammern ist am Samstag ge­schloffen morden, doch treten dieselben bereits am 8. Januar wieder zu ihrer neuen Session zusammen. Die letzte Sitzung der Deputirtenkammer war noch eine recht bewegte; es handelte sich um die vom Senate vorgenommenen Ab­änderungen des Budgets, die sich der Hauptsache nach auf den Cultusetat be­ziehen. Bon radikaler Seite wurde das Ministerium heftig angegriffen und der radikale Deputirte Roche ließ sich zu beleidigenden Ausfällen gegen den Ministerpräsidenten Ferry hinreißen, wurde sogar von der Sitzung ausge- schlosseu. Schließlich genehmigte die Kammer mit 270 gegen 183 Stimmen die Wiederherstellung des Gehalts des Erzbischofs von Paris in der Höhe von 45,000 Frcs. und mit 268 gegen 195 Stimmen die Position für die Freistellen in den Seminarien. Alsdann wurde das Gesammtbudget mit 326 gegen 25 Stimmen genehmigt, wobei sich die Rechte der Abstimmung enthielt. Die Franzosen haben bei der Erstürmung von Sontay bedeutend mehr Verluste gehabt, als sich nach den ersten Depeschen vermuthen ließ. Ihr Verlust an Todten und Verwundeten beläuft sich auf nahezu 1000 Mann und 36 Officiere, derjenige derSchwarz-Flaggen" wird auf 6000 Mann beziffert; der größere Theil derSchwarz-Flaggen" hat sich aus Honghoa und Namdinh zurückge­

zogen. Ueber das Resultat der englischen Vermittelung in Sachen der Tong- kingfrage verlautet noch nichts Näheres. Der Oberanführer derSchwarz- Flaggen", Lian-Fong, soll bei der Vertheidigung Sontays schwer verwundet worden sein.

In Petersburg ist wiederum ein allem Anscheine nach politischer Mord begangen worden. In der Nacht vom Freitag zum Samstag wurde der GenSd'armerie-Oberstlieutenant Ssudejkin in einem Hause nächst dem Newsky- Prospect ermordet aufgesunden. Ssudejkin war Ches der Abtheilung für Auf- rech erhaltung der öffentlichen Ordnung in der Kanzlei des Petersburger Stadt­hauptmannes; ein ihn begleitender Beamter erhielt tödtliche Verletzungen. Von den Mördern scheint noch jede Spur zu fehlen.

Aus Athen wird ein parlamentarischer Erfolg des griechischen Cabinets signalisirt. Nach wochenlangen heftigen Debatten ist der Negierung von der Deputirtenkammer ein Vertrauensvotum mit 126 gegen 79 Stimmen, also mit einer Majorität von 47 Stimmen, ertheilt worden. Die Stellung des Cabinets Tricupis gilt durch diesen Erfolg wesentlich befestigt und für längere Zeit gesichert.

Ueber die neue, unter Baker Pascha gegen den Mahdi abge­sandte egyptische Expedition verlautet bis dato noch herzlich wenig. Es heißt nur, daß sie jetzt von Suakim gegen den Sudan aufgebrochen sei, über ihre Stärke und ihren Operationsplan verlautet aber noch so gut wie nichts. Es. ist der letzte verzweifelte Schlag, den die Regierung des Khedive gegen die Re­bellen im Süden Egyptens führt und die letzten Truppen, ja, selbst die Gentzd'ar- merie, find hierzu zusammengersfft worden. Mißlingt auch dieser Schlag, dann ist Egypten den Horden desfalschen Propheten" preisgegebm und nur die Engländer können das siegreiche Vordringen deffelben aushalten. Vorläufig scheint die englische Regierung noch keine große Neigung zu haben, dem Khedive mit ihren Truppen unter die Arme zu greifen.

Frankreich hat bekanntlich von China die Inseln Hainau und For­mosa und die Gruppe der Schusan-Jnseln als Faustpfänder verlangt und es wendet sich das Interesse nunmehr diesen Inseln zn. Hainan enthält 157 Qua­dratmeilen mit 2 Vs Millionen Einwohnern; die Insel ist reich an heißen Quellen, an Gold, Silber, Kupfer und dicht bewaldet; sonst ist aber über die­selbe wenig bekannt und ebensowenig über die Insel Formosa. Letztere umfaßt ein Areal von 704 Quadratmeilen mit über 3 Millionen Bewohnern; sie ist reich an werthvollen Producten, besonders an großen Steinkohlen-Lagern, Reis, Mais und Bauholz bilden schon seit Jahrhunderten Exportartikel nach China. Die Bewohner der Berge im Innern gehen fast noch unbekleidet, sind mit Pfeil und Bogen, Degen und Lanze bewaffnet und werden als ein höchst bar­barischer Menschenstamm geschildert. Die felsigen Schusan-Jnseln endlich zählen auf ca. 150 Quadratmeilen 1 Million Einwohner. Diese drei Inseln blldeu für eine europäische Macht ein Pfand gegen Feindseligkeiten Chinas, ohne daß es hierbei nöthig wäre, die chinesische Küste zu bekriegen und dem internatio- nalen Handel Schaden zuzufügen.

1. Darmstadt, 2j Januar. Der 4. Ausschuß"'der zweiten Kammer der Stände wird Montag den 7. Januar, Vormittags 9 Uhr, Nachmittags 3 Uhr und. die folgenden Tage Sitzungen abhalten. , m ,

Auf der Tagesordnung stehen folgende Berathungsgegenstände: 1. Antrag der Abgg. Schröder und Böhm auf Erlaß eines Gesetzes, die Unterbringung verwahr­loster Kinder bett. 2. Antrag Wasserburg, die Erhöhung der Straße von

Offenbach nach Bürgel betr. 3. Antrag Wasserburg, Errichtung von Schutz­dämmen gegen Mainüberschwemmungen oberhalb Offenbachs brtr. 4. Rrcom- munication erster Kammer über den Antrag des Abg. Arnold, bte Erbauung einer Staatsstraße von UnterabtsteMach auf die Kretdacker Höhe betr. 5. Antrag Möllinqer, das Landstreicherwestn betr. 6. Antrag Dtttmar, Ertheilung von Pensionen rc. an Gemetnveforftwarte betr. - 7- Rccommuntcatton 1. Kammer über den Antrag der Abgg. Frank und Genossen aus Vorlage einer auf Aufhebung der Art. 16, 17 und 23 des sog. Schulgesetzes gerichteten Gesetzentwurfs, sowie dis darauf bezüglichen Eingaben. 8. Antrag Möbn und Genossen, die Errichtung einer 4. Gestütsftotton in Rbeinh-ssen b*tr. zufolge Recommmttcatton 1. Kammer- 9 Antrag Matthäi, die Landgestüisstationen betr. 10. Antrag Schade und Genossen auf Erh bvnqen über bte Lage der kleinen und w'ttleren Grundbesitzer und 11. Antrag der Abgg. v. Rabenau und Genossen, die Errichtung einer LandeS- kredtikasse betr.

Aus Starkenburg. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, an deren Lösung sich olle Parteien bttheiligen können und wollen, ist die, dem Vag antenthum zu steuern. Die Mittel dazu sind sehr verschieden und sie müssen vom Staate, von den religiösen Gemeinschaften, von Gemeinden und Privaten in Anwendung gebracht WetbCtUm nun diejenigen, welche auf der Wanderschaft ehrlich Arbeit suchen und die­jenigen, welche sich durch Darluetung von Arbeit zu einem geordneten Lebenswandel führen lassen, in chrem redlichen Bemühen zu unterstützen, hat man Arbetter-Eslonim gegründet und zwar nach dem Vorgänge des Pastors von Bodelschwingh mit der Colonte Wilhelmsdorf in Westfalen, solche in Hannover, Brandenburg, Schleswig-Hol­stein, Schlesien, Württemberg u. s. w. Die Grundsätze btefcr Kolonien sind kurz ge­faßt diese: Freiwilliger Eintritt; Arbeit, insbesondere landwttthschaftliche; Ordnung und siucht: religiös-sittliche Einwirkung unter Berücksichtigung der verschiedenen con- fessionellen Bedürfnisse; mäßiger Arbeitsverdienst; Vermittelung von A, bett ft nach dem Berufe bet dem Austritt. Die auS christlicher Barmhcr-tqkm und uneigennütziger Menschenliebe gegründeten und geleiteten Anstalten erfreuen sich guter Erfolge. Diese sind auch von Sr. K. Hoheit dem Kronprinzen des deutschen Reichs anerkannt worden und sollen jedem Gebiete des deutschen Reichs, das eine Colonte gründet, aus dec Frtedrich-Wtlhelm-Stiftung 10,000 JL zugewiesen werden. Die Erkenntniß, daß für jeden Freund des Volkes eine Mitarbeit an der Erhaltung des Staatslebens möglich ist, wenn diese Kolonien gemehrt werden, hat eine namhafte Anzahl von Männern unseres Großherzogthums veranlaßt (vergleiche den beiliegenden Aufruf), die Gründung des Vereins zur Errichtung einer Arbeiter-Kolonie für das Großherzogthum Hessen zu