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Der Wiederholung derartiger Unzukömmlichkeiten würde sich nur vorbeugen lassen, wenn Fürst Bismarck aus dem preußisch n Staatsministerium ganz ausscherde, indem er nicht nur auf den Vorsitz und das Portefeuille für Handel, sondern auch auf die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten Preußens garz verzichtete. Nur auf bfi-fe Weise würde er diejenige Erleichterung von der Verantwortlichkeit für die zu- künftlge Gesetzgebung Preußens wirklich erreichen, deren er im Interesse seiner Gesund­heit so dringend bedarf.

Zu den bisherigen Hauptkonkurrenten auf dem europäischen Getreidemarkt, dem amerikanischen, russischen und ungarischen Getreide, hat sich seit zwei Jahren in rapide anwachsendem Umfange als neuer Faktor das indische Getreide gestellt. Bisher hatte das indische Getreide fine bemeikenswerlhe Rolle auf dem europäischen Markte gespielt, aber die Landwirthe Indiens haben dies zu ändern gewußt und zwar mit glänzendem Erfolg; sie produc'ren so billig, daß sie über Marseille den Norden, Westen und Süden Deutschlands verproviantiren können und zwar trotz der Etsenbahntrans- portkosten. Dieses Auftreten des indischen Getreides ist keine vorübergehende Erscheinung; man muß vielmehr auch künftig damit rechnen, umsomehr, als der indische @<*tretbe$ Export noch in seinen Anfängen zu stehen scheint und ganz andere Größenoerhältnisse gewinnen dürfte, wenn erst die getreideproductrenden Gegenden durch bessere E'.senbahn- Eommuntcationen aufgeschlossen fein werden. Daher trachten denn auch die indischen Getreideinteressenten vornehmlich nach Ausdehnung des Bahnnetzes. Von der Handels­kammer zu Bombay ist dem Vicekönig eine Denkschrift unterbreitet worden, welche für den Zeitraum der nächsten zehn Jahre den jährlichen Ausbau von 3000 (englische) Meilen Bahn mit einem Kostenaufwand von jährlich 20 Mill. Pid. Sterl. (400 Mill. «X) fordert- Das Geld soll mittelst Anleihe beschafft werden, die sich nach Meinung her Petenten unschwer zu günstigen Bedingungen realisiren ließe. Man sieht, es handelt sich hier um eine Speculotion riesigsten Maßstabes, die immerhin zeigt, welcher Aus­dehnung das indische Getreidegeschäft für fähig gehalten wird.

Wie immer in ähnlichen Fällen, hat dieses Auftreten eines neuen Concurrenten eine Krisis herbeigesührt und Hot den Marseiller Getreidehandel in Aufregung versetzt; bereits sind mehrere in der Hsusseposition befindliche dortige Häuser mehr oder weniger geschädigt worden.

Arankreich.

Paris, 30. März. Nach einer Meldung aus Lille dauert die Strike- dewegung in Anzin noch immer fort; heute wurden zwei Häuser, in denen Grubenarbeiter aus Wallers wohnten, welche die Arbeit wieder ausgenommen hatten, von den Strikenden in Brand gesteckt und vollständig niedergebrannt.

England.

London, 30. März. DerObserver" meldet in einer Extraausgabe aus Kairo von heute, General Gordon habe aus Khartum einen Ausfall aus die Aufständischen gemacht, die unter seinem Befehl stehenden egyptischen Trup­pen hätten aber in Folge einer unter ihnen entstandenen Panik die Flucht er­griffen, General Gordon sei deshalb gcnöthigt gewesen, sich zurückzuziehen und' nach Khartum zurückzukehren.

Aegypten.

Alexandrien, 30. März. Nach aus Khartum efngeganpcnen Nachrichten verließ General Gordon Khartum am 16. d. Mts. mit 3000 Mann Infanterie, 2 Ge­schützen und einigen berittenen Bashtboschuks, um die Aufständischen zu zerstreuen, die die Stadt bedrohten. In der Nähe von Halfiyab stieß Gordon auf den Feind, seine Bashiboschuks wurden von etwa 60 Reitern der Aufständisch n angegriffen und flohen eilig davon, die Infanterie Gordontz, von einer Panik ergriff n. begab sich unter Zurücklassung der Geschütze gleichfalls auf die Flucht und wurde von den Reitern des Feindes verfolgt. Dieser Schlappe ungeachtet soll General Gordon erklärt haben, für Khartum sei durchaus keine Gefahr.

Amerika.

Newyork, 30. März. Die Ruhestörungen in Cincinnati erregen aller Orten in der Union großes Aufsehen. In einer Depesche aus Cmc'nnaii w'rd die Zahl der Tobten am etwa 100, die Zahl der Verwundeten auf etwa 300 angegeben. Die Truppm sollen in der rücksichtslosesten Weise mit einem Gatlinggesckütz auf die Menschenmcrsff. geschossen haben. Als Ursache der Ruhestörungen wird wiederholt angegeben, in dem Gefängniß von Cincinnati sei eine größere Anzahl von Personen detinirt gewesen, die wegen mehrerer Mordthaten angeklagt gewesen seien, die Bevölkerung habe Im Hinblick auf ein in einem früheren Processe ergangenes Urtheil gefürchtet, daß die Ang klagten -nicht die Strafe erhalten würden, die sie verdienten, und sie habe dieselben deßhalb lynchen wollen.

Telegraphische Depeschen.

Worff'S telegr. Corresporrdem-Bttrearr.

Berlin, 31. März. In dem Abgeordnetenhause stand heute zunächst die Jnter- Vellation Jazdzewski, die Gehaltssperre im Erzbisthum Posen-Gnesen betreffend, auf der Tagesordnung. Der Cultnsminister v. Goßlar erklärte, daß die Regierung nicht gesonnen fei, für Posen-Gnesen die gleichen Anordnungen zu treffen, wie für Cöln, und daß sie es ablehnen müsse, die hierfür maßgebenden Gründe darzulegen. An der Be­sprechung der Interpellation nahmen nur Mitglieder des Cenlrums Thetl und zwar v. Stablewslt, v. Schorlewer und Windthorst. Dieselben griffen die Haltung der Re- gterung, welche keine Lehre aus dem Culturkampf ziehe, heftig an. Der Abg. Wtndt- horst forderte die Katholiken auf, die legale Haltung zwar nicht zu verlassen, aber auch auf die Regierung, welche kettle Rücksichten gegen die Katholiken übe, ihrerseits keine Rücksicht zu nehmen. DieKatholikm würden, wenn der Culturkampf auch noch Jahr­zehnte dauern sollte, siegen oder ehrenvoll untergehen.

Bet der darauf folgenden Fortsetzung der zweiten Lesung der Jagdordnung wurde der Rest der letzteren mit unwesentlichen Aenderungen, vorwiegend nach den Beschlüssen Der Commission, angenommen. Der Abg. Eneccerus erklärt Namens der National- liberalen, daß diese bet der dritten Lesung gegen die Eingatterung des Roth- imb Damwildes stimmen würden, weil der Wildschadenersctz für ausreichend unö die Eingatterung des Roth- und Damwildes daher nicht mehr für nothwendig er­achtet würde.

Durch ein von dem Oberpräsidenten v. Achenbach an den Stadtverordnelen- Vorsteher Straßmann gerichtetes Schreiben wird es diesem bei 300 at. Strafe unter­sagt, den Antrag Singer, betr. die Petition um Vermehrung der Zahl der Abgeordneten W Berlin, auf die Tagesordnung zu setzen.

DiePost" äußert anläßlich des morgen ftattfinbenben Geburtstags des Fürsten Bismarck: Die 22jährige ununterbrochene Führung eines so ungeheuren Ge- schäftskreises mit einer ebenso ungeheuren Fülle von Initiativen und Erfolgen fei ohne Beispiel. Fürst Bismarck sei mck der Richtung seiner Politik auf dem Boden der öffent­lichen Meinung überall siegreich durchgedrungen, was sich aus einem Vergleich der öffentlichen Meinung im Jahre 1875 und der heutigen bezüglich-der Social-und Steuerreform ergebe. Wenn aber die Stellung Deutschlands auf Generationen hinaus befestigt werden soll, so müßten dem Reichskanzler weniger Hindernisse be­reitet werden.

Wien, 31. März. DieNeue freie Pr." meldet den Ausbruch eines 'Ausstandes in Dschakowa (Ober-Albanien); 3000 bewaffnete Mohamedaner Drangen in die Stadt ein und drohten den Commandanten, sowie die Garnison niederzumetzeln, falls sie die Stadt nicht räumten. Weitere Nachrichten fehlen.

Nom, 31. März. Das amtliche Blatt veröffentlicht das neue Ministe­rium in der bereits gemeldeten Zusammensetzung.

Christiania, 31. März. Das Reichsgericht hat den Staatsrath Schweigaard, auf den sich der erste Punkt der Minister anklage nicht mit erstreckt, gleichfalls zu einer Geldstrafe von 8000 Kronen und zu den Proceßkosten im Betrage von 200 Kronen verurtheilt.

London, 31. März. Der Premier Gladstone ist heute Nachmittag 2 Uhr wieder hier eingetroffen und in seiner Amtswohnung in der Downing Street abgestiegen.

Die Beisetzung der Leiche des Herzogs v. Albany wird nicht, wie zuerst bestimmt war, im Mauseleum zu Frogmore staltftnden, sondern in der St. Georges-Kapelle in Windsor, und zwar wird die Feierlichkeit am Samstag um 1V2 Uhr Nachmittags beginnen.

London, 31. März. Ein Telegramm derTimes" aus Khartum be­stätigt die Niederlage der Truppen General Gordon's in allen Stücken, angeb­lich soll dieselbe durch die Verrätherei zweier egyptischer Ossiciere herbeigesührt- worden sein. Wie verlautet, wird Suakim eine Garnison von 2 Bataillonen der egyptischen Armee erhalten, die von englischen Osficieren commanoirt wer­den, außerdem soll ein englisches Kriegsschiff bei Suakim stationirt werden.

New-Uork, 31. März. Nach weiteren Meldungen aus Cincinnati fanden auch gestern Abend noch thätliche Zusammenstöße zwischen dem Militär und der Bevölkerung statt, wobei von den Schußwaffen Gebrauch gemacht wurde, es sind abermals mehrere Personen getödtet worden. Seit heute früh beginnt die Volksmenge sich zu zerstreuen. In der Stadt befinden sich augenblicklich gegen 3000 Mann Truppen. Eine von angesehenen und einflußreichen Bürgern ab­gehaltene Versammlung beschloß die Organisation einer besonderen Poüzeimacht zur Aufrechterhaltung der Ruhe.

L o E a I e

Gießen, 1. April. Schwurgerichtsverhandlung am 31. März l. I. gegen Johann Heinrich Körber von Herbstem und Wilhelm Traudt LI. von oa wegen Brandstiftung resp. Anstiftung dazu.

Dieselben waren angeklagt und zwar:

I. Johann Heinrich Körber, Dienstknecht,

baß er in der Nacht vom 10. zum 11. Januar l. I. die Wolfsmühle Bet Herbstein, ein zur Wohnung von Menschen dienendes Gebäude, vorsätzlich in Brand gesetzt habe;

II- Wilhelm Traudt II. von Herbstein, Müller und Schreiner, daß er den Johann Heinrich Körber zu der oben bezeichneten That durch Inaussichtstellung einer Belohnung und durch Drohen mit Todtschlagen vor­sätzlich bestimmt habe.

Die Geschworenen erkannten beide Angeklagten für schuldig und wurde demgemäß 1. Johann Heinrich Körber in eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren,

2. Wilhelm Traudt II. in eine besgl. von 5 Jahren 6 Tagen, wovon 1 Monat 6 Tage Untersuchungshaft in Abzug kommen,

verurtheilt. Gleichzeitig wurden den beiden Lerurtheilten die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren aberkannt.

Die Pasflonsmusck von Heinrich Schuh.

II.

Schon im 12. Jahrhundert wurde die Passionsgeschichte zum Gegenstände musi­kalischen Vortrages gemacht, besonders in der Sixtinischen Kapelle zu Atom- Die Reden Jesu wurden vom Priester, der Evangelist, das jüdische Volk u. s. w- von anderen Personen recitirt; an einzelnen Slellen werden schon früher allgemeine Gesänge ein­geschoben worden fein. Passionsmusikwerke ähnlicher Art finden sich im 16. Jahr­hundert auch in Deutschland- Heinrich Schütz hält nun in seiner Passionsmusik an dieser überlieferten Form fest, aber mit jener technischen Vervollkommnung, die wir neulich erwähnten.

Die alte Form der Passionsmusik hält sich an die nackte Erzählung des betreffen­den Evangeliums, nur zu Anfang derselben gaben die für Chor componirte Ueberschrist und am Schluß ein etwas ausgeführtererChor der Gemeinde" Vorwurf nt religiösen Betrachtungen. S eh ü tz hat nun eigentlich die 4 Passionserzählungen (der 4 Evangelisten) ein,rin componiert. Die Ausgabe aber, nach welcher seine Compontiou bei uns zur Aufführung kommt, hat aus bestimmten technischen Gründen die schönsten Chöre ans den 4 Passionen von Schütz ausgewählt und nach dem Faden der Erzählungin Reihenfolge gebracht, sowie mit den nöthigen von Schütz componirten Recitativen versehen-

Aus Vorstehendem sind die Eigenthümlichkeiten der Schütz'schen Passion und die von den späteren Oratorien unterscheidenden Merkmale derselben ersichtlich. Seine Passionsmusik stellt das erste oratorische Werk dar, das in die Handlung ein­greifenden Chören int wahren Oratorien st yl enthält. Alle Gefühlsregungen kommen in ihnen zu scharf gezeichnetem Ausdruck; ihr Werth ist für alle Zeit gesichert durch Frische, Lebendigkeit und eine so völlig freie Polyphonie, daß diese Chöre immer nur als Resultat vier durchaus selbstständig und melodisch geführter Stimmen erscheinen" (Riedel in der Vorrede zur Schütz'schen Passion). Dabei ist sie naturgemäß von größerer Einfachheit als die späteren Oratorien, besonders als die Bach'sche Passion. Kein vielverzweigtes Orchester begleitet den Gesang; nur die Orgel unterstützt maß­voll die ^menschliche Stimme. Keine gewaltigen Doppelchöre rauschen durch das Haus; nur einfache, kurze, aber contrspnnktisch auf's feinste ausgearbeitete Gesämmtgesänge bUben die Hauptglieder dieses Werkes. Keine Arien betrachten das Gehörte in an­dächtiger Reflexion; unaufhaltsam fließt her Strom der Erzählung fort, nur am Schlüsse jedes Haupttheils durch einen betrachtenden Schlußchor aufgehalten. Selten erhebt sich das Recitativ aber dann auch um so feiner aufgefaßt zu melodiöserer Form; aber um so tiefer empfunden sind die einzelnen Chöre, die zu lohnendem Ver­gleiche mit den dieselben Worte behandelten Bach'schen Passionschören ausfordern. So erscheint das Ganze in ehrwürdiger Einfachheit, wie eine Prophetie auf das größere Bach'sche Werk.

Wir haben die Zuversicht, daß die demnächstige Aufführung Jeden, der seine Erwartungen in den angebeuteten Rahmen hält, vollauf befriedigen wird, um so mehr als die Solopartien bei den Herren Diezel (Evangelist) und O- Müller (Jesus) in hier schon wohlbewährten Händen sind.

Vermischtes.

Berlin, 29. März. In einem Hause am Andreasplatze töbtete heute Mittag ein gewisser Gronack. welcher mit seiner Frau in Unfrieden lebt, seine Frau, deren Schwester und den zur Hülfe herbeigeetlten Vicewtrth des Hauses durch Messerstiche. Der Mörder überlieferte sich der Polizei selbst.

Straßburg, 25. März. Das in dem Städtchen Molsheim erscheinende Kreisblatt" enthält in seiner Nummer vom 19. d. M. den Abdruck eines Briefes, den ein bei den Franzosen in Tongking stehender junger Mann an seinen Vater gerichtet hat und der Die Grausamkeit der Kriegführung in Tongkmg neuerdings in greller Weise illustrirt. Der Briefschreiber gibt eine Schilderung der Einnahme von Son-Tay und schreibt hierbei:Wir machten 600 Gefangene, welche am anderen Tage alle mchossen wurden. Am 15. December war Ruhe, keinen Schuß hörte man, trotzdem wir nur 1 bis 2 Kilometer von der Stadt und Clladelle entfernt waren. Am 16. nahmen wir die Stadt mit Sturm, Abends 5 Uhr, mein Bataillon war das erste. Wir verloren über 135 Mann. Unser Capitän, Adjutant-Major Mehl aus Straßburg, erhielt eine Kugel durch das Herz im Augenblick, wo wir vor dem Thore standen. Er fand einen schönen Heldentod. Mit dem Ruf Vive la France sprang er vor das Bataillon, dm Revolver in der rechten Hand. Das ganze Bataillon folgte ihm auf dem Fuß; zwei Capttäne wurden blessirt und viele fielen Iheils tobt, theils verwundet. Doch mir batten die Stadt genommen durch unfern Muth. Es ging mir drei Mal hart am L-ben vorbei, bin aber, Gott sei Dank, unversehrt davongekommen. Als wir in der Stadt waren, kam die Ordre, daß wir plündern dürfen während 36 Stunden und alles Lebende niedermachen. Nun, lieber Vater, davon sind meine Hande rein. Wie manches Kind und unschuldige Frau und unschuldiger Vater, die ihre Hände rein vom Pulver hatten, sind niedergemacht worden. Geschossen wurde nicht mehr, nichts als erstochen oder mit dem Kolben todtgeschlagen, es war entsetzlich, in jedem Hause lagen Haufen von Tobten und Verwundeten ohne Hilfe. Natürlich, hätte der Feind gesiegt, so hätte er uns auch keinen Pardon gegeben. Wenn der Feind einen von uns erwischt, so wird er gemartert.

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