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Ax. 79, Mittwoch den 2. April 1SS4L

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bttrtrrnr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Ireis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohru mrch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pz.

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Betreffend: Den im März 1884 vorzunehmenden Wiesengang. Gießen, am 1. April 1884

Das Großherzogliche Kreiscmtt Gießen

<12$ die Grotzherzsqlichen Bürgermeiftereierr des Kreises.

Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 13. März 1884 binnen acht Tagen.

vr. Boek mann.

DMtifche WeLesAcht.

Gießen, 1. April.

Die parlamentarische Oflerpause hat nun Lheilweise begonnen, indem der Reichstag am vorigen Freitag bis Dienstag, den 22. April, vertagt worden ift. Die letzten Sitzungen desselben vorn Donnerstag und Freitag boten nur wenig Interesse dar; die auf der Tagesordnung stehenden Vorlagen, der Nachtrag zum Marine-Etat, das Gesetz über die Prisen-Gerichtsbarkeit und die Literar-Convention mit Belgien wurden ohne wesentliche Discusfton behandelt und am Freitag definitiv genehmigt. Am Schluß der Freitags-Sitzung richtete noch Präsident v. Levetzow an die Commissionen, deren bisherige Thätigkeit keine besonders große gewesen sei, die Bitte, während der sreien Zeit ihre Arbeiten möglichst fördern zu wollen. Auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung steht die zweite Berathung der Novelle zum Hülfskaffengesetz. Der Reichstag hat demnach den kleineren Theil seiner gegenwärtigen Session hinter sich und in Anbetracht dessen, daß während dieser Zeit die ersten Lesungen sämmtlicher wichtigeren Vorlagen erledigt worden find, kann man mit seiner bisherigen Thätigkeit zufrieden sein. Das Schwergewicht derselben liegt aller­dings in dem noch kommenden Theile der Session, derenpiece de r^sistence die weitere Berathung über das Socialistengesetz bilden wird. Man sieht de» t Ausgang der bezüglichen Debatten mit allfeitiger Spannung entgegen; weüu wan aber geglaubt hatte, aus den Verhandlungen der Socialrstengesetz-Commission einen Schluß aus den Ausgang der Plenar-Berathungen zu ziehen, so ist das eine Täuschung gewesen, denn die genannte Commission hat sich nach ihrer ersten am Donnerstag abgehaltenen Sitzung ebenfalls vertagt und zwar bis zum 24. April. Aus dieser einen Sitzung ist lediglich die wichtige Erklärung des Staatsministers v. Puttkamer hervorzuheben, die verbündeten Regierungen müßten darauf bestehen, daß die Vorlage über die Verlängerung des Soiialisten- gesetzes. ohne irgendwelche Abänderungs-Anträge angenommen oder abge- lehnt werde.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck tritt am heutigen Tage, den 1. April, in sein 70. Lebensjahr ein. Der leitende Staatsmann kann diesen Tag in ungeschmächter geistiger Spannkraft von der wir ja täglich Zeugen sind und erfreulicherweise au$ in wieder zurückgekehrter körperlicher Rüstig­keit begehen und dies erweckt die freudige Hoffnung, ihn noch lange an der Spitze der Geschäfte stehen zu sehen, zum Wohle Deutschlands in jeder Beziehung.

Im diplomatischen Corps von Berlin steht abermals eine Ver­änderung bevor, indem Mr. Sargent, der amerikanische Gesandte, von der Washingtoner Regierung seine Abberufung erhalten hat. Es wurde in dieser Beziehung weiter gemeldet, daß Mr. Sargent der amerikanische Gefandtschasts-. Posten in Petersburg übertragen worden sei, nunmehr wird aber versichert, daß Mr. Sargent überhaupt aus dem diplomatischen Dienst treten werde. Daß die Abberufung desselben in Folge der Rolle, welche er in derSchweinesleisch- Affaire" gespielt, erfolgt, ist nicht zu bezweifeln.

Die Staatsleistungen für oie Erzdiöcese Köln sind wieder ausgenommen worden.

lieber das Treiben und die Verbindungen der österreichischen Socialiften und Anarchisten wird der demnächst in Pesth beginnende Anarchiften- Proceß jedenfalls genügende Aufklärung verbreiten. Zm Ganzen wurden in der ungarischen Hauptstadt 17 Anarchisten verhaftet und sind dieselben in voriger Woche der Staatsanwaltschaft eingeliefert worden. Schon der hierüber an die Strasbehörde erstattete Bericht des Pesther Ober-Stadthauptmannes enthält sehr interessante Daten. Es geht aus demselben z. B. hervor, daß zwischen der Witter und der Pesther Socialistenpartei seit Jahren ein ununterbrochener Ver­kehr stattgefunden hat und daß die an Hlubek und Eifert u. s. w. begangenen Mordthaten das Werk der Anarchisten sind.

Seit dem vorläufigen glücklichen Ausgange der Tongking- Expedition scheint der Stern des französischen Ministerpräsidenten Ferry in Hellem Glanze erstrahlen zu wollen. In der Deputirtenkammer hat Herr Ferry in voriger Woche kurz hinter einander zwei bedeutende Erfolge davon getragen: Einmal genehmigte die Kammer mit überwältigender Majorität am Donnerstag die von Ferry verlangte Tagesordnung anläßlich der Madagaskar- Interpellation, welche Tagesordnung den Entschluß ausspricht, die Rechte Frank­reichs in Madagaskar, energisch zu wahren. Das andere Mal wurde an^ dem­selben Tage die von tzem radikalen Deputirten Barodet gestellte Dringlichkeits- Erklärung für seinen Antrag auf Revision der Verfassung auf Verlangen Ferry's von der Kammer abgelehnt. Namentlich letzterer Vorgang bedeutet einen entschiedenen Erfolg Ferry's in der inneren Politik, der seine Stellung

trotz des partiellen Mißerfolges, den das Cabinet bei den Wahlen zur Budget- Commission verzeichnen mußte, wesentlich kräftigen wird.

Das englische Königshaus ist von einem schweren Verluste be­troffen worden, welcher bei der bekannten Anhänglichkeit des englischen Volkes an seine Herrscherfamilie im ganzen Jnselreiche große Theilnahme hervorgerufen hat. Der jüngste Sohn der Königin Victoria, Prinz Leopold, Herzog v. Albany, geboren den 7. April 1853, ist in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag in dem südsranzösischen Badeorte Cannes an den Folgen eines Sturzes verschieden, den er am Abend zuvor im nautischen Club gethan hatte. Noch in der Freitags- Sitzung des englischen Parlaments wurde die Trauerkunde bekannt und gaben im Oberhause Lord Carnarvon, im Unterhause Northcote den Gefühlen der Trauer und der Theilnahme den wärmsten Ausdruck. Im Oberhause wurde die schmerzliche Botschaft durch den Minister des Auswärtigen, Granville, im Unterhause durch den Kriegsminister Hartington mitgetheilt; beide fügten indessen ihrer Mittheilung hinzu, daß sie eine Vertagung der Sitzungen nicht beantragten, da ein Präeedenzfall dafür nicht vorliege. Die Königin und die Prinzeß Beatrix haben in Folge des Ablebens des Herzogs v. Albany ihre Reise nach Darm­stadt aufgegeben.

Nach schweren Wehen ist endlich die Wiedergeburt des italienischen Ministeriums erfolgt. Dasselbe ist folgendermaßen zufammengestellt: Präsidium und Inneres de Pretis, Auswärtiges Mancini, Finanzen Magliani, öffentliche Arbeiten Gemala, Marine del Santo. Die Genannten gehörten schon dem bis­herigen Cabinet an; neu hinzugetreten sind: Ackerbau Grinaldi, Justiz Ferracini, Krieg Viale, Unterricht Coppino. Einzelne Abänderungen sind indessen noch nicht ausgeschlossen.

Der lange Streit der Pforte mit dem griechischen Patriarchen in Konstantinopel wegen der demselben zukommenden Privilegien hat endlich seine Erledigung gesunden. Es ist dem Patriarchen in diesen Tagen ein den früheren Berats vollständig gleichlautender Juvestitionsberat ausgehändigt worden, wo­mit die Pforte die verschiedenen Privilegien des griechischen Patriarchen aber­mals anerkannt hat.

Zum dritten Male sind und zwar wiederum bei Tamanieb die Schaaren Osman Digma's am Donnerstag von den Truppen General Graham's auseinandergesprengt worden, diesmal beinahe kampflos. Osman Digma selbst ist, von nur wenig Mann begleitet, wieder entflohen, unbekannt, wohin. Bereits am folgenden Tage ist das englische Corvs nach Suakim zu­rückgekehrt, wo sich bald da auf ein Kavallerie-Regiment und mehrere Bataillone Infanterie auf dem Transport-DampferJumna" einschifften. Die Ab­sicht der englischen Heeresleitung wenn sie überhaupt bestanden hat dem bedrängten Gordon Hülfe von Osten zu bringen, ist also nicht ^ausgesührt worden und doch thut Gordon schleunigste Hülse uoth,-da nach einem Telegramm des englischen General-Consuls Baring in Koiro sich die Lage Gordon's bedenk­lich verschlimmert hat.

Deutschland.

Berlin, 30. März. DieBer!. Polit. Nachr." schreiben: Die in der Presse verbreitete Nachricht von dem Rücktritt des Fürsten Bismarck von dem Präsidium des preußischen Staatsministeriums ist ohne Zweifel verfrüht und nicht ganz korrekt. That- fache ist aber, daß der Gesundheitszustand des Reichskanzlers eine wirksame Entlastung von der Fülle der auf ihm lastenden Geschäfte und Verantwortlichkeit gebieterisch er­heische. Der Gedanke liegt nahe, diese Entlastung in dem Ausscheiden des Fürsten Bismarck aus der Leitung der preußischen Landesangelegenheiten zu suchen. Daraus weist auch der Vorgang in dem Jahre 1873 hin, wo bekanntlich der Vorsitz in dem Staatsminifterium mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck auf den Grafen Roon überging. r t t , . _ . .

Inzwischen würde eine einfache Wiederholung des damaligen Vorgangs den Zweck, den Fürsten Bismarck von der Verantwortlichkeit für die Angelegenheiten Preußens zu befreien, nicht erfüllen. Fürst Bismarck war damals m*t Rücksicht auf die nicht völlig homogene Zusammensetzung des StLatsmmiftermms als Minister Präsident ous- geschreden, in seiner Eigenschaft als preußischer Minister der auswärtigen Angelegen­heiten jedoch Mitglied des preußischen Slaatsministeriums geblieben.

Würde Fürst Bismarck in der gleichen Weise jetzt auch nach Niederlegung des Präsidiums fortfahren, dem preußischen Staatsminifterium anzugehören, so würde er der Mitverantwortung für die Gesetzgebung sich nicht völlig entziehen können, wie denn auch sein Name unter den publicirten Gesetzen stehen müßte. Jo, es steht zu erwarten, daß, wie immer verhältnißmäßig gering die Einwirkung des Ressort-Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten auf die innere Landesgesetzgebung naturgemäß sein mutz, gleichwohl dem Fürsten Bismarck die Hauptoerantworil chkeit für die Akte der Gesetz­gebung aufgebürvet werden würde. Wenigstens führen die Erfahrungen aus der Periode von 1873 und den folgenden Jahren mit Sicherheit zu diesem Schlüsse. So hat der Fürst Bismarck beispielsweise an der kirchenpolitischen Gesetzgebung jener Jahre, wie nützlich und berechtigt dieselbe immerhin zu rhrer Zett gewesen sein mag, lediglich tn seiner Eigenschaft als preußischer Minister der auswärtigen Angelegenheiten mttgew.irr. T--otz dieses bescheidenen Maßes der Mitwirkung wird aber die Hauptverantwortung für jene Gesetzgebung dem Reichskanzler nach wie vor aufgebürdet.