Ausgabe 
1.6.1884 Zweites Blatt
 
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Amts- md AMigettM für den Kreis Gießen.

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Gchnlftraße 7.

Erscheint TMgDich mit Ausnahme Iwi Mo«Lag-.

BrsiS vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mer? 50 Pf.

Darmstadt, 30. Mai. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Wergnädigst geruht:

Am 28. Mai den Wirkt. Geheimerath, SLaatsminister und Minister des Innern und der Justiz, Dr. Julius Rinck Freiherrn von Starck, auf sein Rachsuchen und mit dankbarer Anerkennung seiner treuen und ausgezeichneten Dienstführung mit Wirkung vom 1. Juni d. Js. an in den Ruhestand zu versetzen.

Se. Königs. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 28. Mai den Geh. Staatsrath im Ministerium des Innern und der Justiz, Jacob Finger, zum Präsidenten dieses Ministeriums mit Wirkung vom 1. Juni d. Js. an zu ernennen, auch denselben zu beauftragen, vom 1. Juni d. Js. an bis auf Weiteres die mit dem Amte des Staatsministers mnd Die mit dem Vorsitze im Staatsministerium verbundenen Geschäfte wahr­zunehmen.

Darmstadt, 29. Mai. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben heute Mittag 1 Uhr den von Sr. Maj. dem Kaiser von Rußland zum außer­ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am hiesigen Hofe ernannten Geheimerath, Grafen von Osten-Sacken, behufs Entgegennahme seines Be­glaubigungs-Schreibens in besonderer Audienz zu empfangen geruht.

Darmstadt, 30. Mai. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 11) enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Brandversicherungs-Commission, die Ausbrin­gung des Bedürfnisses der Großh. Landes-Brandverstcherungs-Anstalt für 1883 betreffend.

2. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Friedberg, die Erhebung einer nachträglichen Umlage in Der israeltttschen Religions-Gemeinde Butzbach für 1883/84 betreffend.

3. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Rechnungsjahr 1884/85 zur Bestreitung der Communal - Bedürfnisse der israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Offenbach genehmigten Umlagen.

4. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal-Bedürfniffen in den Ge­meinden des Kreises Friedberg für das Jahr 1884/85.

5. Dienstnachrichten:

Am 6. Mai wurde dem Schulamtsaspiranten Johann Heinrich Andres aus Mittel-Gründau eine Lehrerstelle an der erweiterten Volksschule zu Nidda übertragen; am 12. Mai wurde dem Adolph Heim aus Oppenheim das Patent als Geometer 1. Klaffe für den Kreis Mainz, am 15. Mai wurde dem Ernst Hensing aus Darmstadt das Patent als Geometer 2. Klaffe jür den Kreis Darmstadt ertherlt.

6. Concurrenzeröffnungen:

Erledigt sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Arheilgen mit einem Gehalt von 1000 «M. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu -Ebersheim mit einem Gehalt von 900

Vermischtes.

Das Anerbieten von Geschenken an einen Schaffner einer Prlvateisenbahn, um diesen zu bewegen, daß er das Fahren auf der Bahn als Passagier, ohne das sonst erforderliche Fahrb-llet gestatte, Ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, 3. Straf­senats, vom 24. März dss. IS., als Amtsbestechung nach 8 333 deS Strafgesetzbuches zu bestrafen.

Man schreibt der3L Fr. Pr." auS Olmütz: Der hier wohnhafte Anthro- Pologe Dr. Wankel hat jüngst einen interessanten Fund in der Nähe von Prerau gemacht. Dr. Wandel glaubt dort einen Lagerplatz des prähistorischen Menschen in «ntr Diluvialschtcht aufgefundm zu haben, aus einer Zett, in welcher die bereits aus- gestordenrv Dickhäuter und Thiere der Eiszeit noch lebten. Auf dem Fundorte zieht iiütkn durch den Löß eine mehr oder weniger mächtige Culturschicht, bestehend aus Asche und Knochenresten, in welcher viele von Menschen behauene und bearbeitete K-rochen und Zähne vom Mammuth, Höhlenbär, Höhlenlöwen, Höhlenwolf, Höhlen- Aielfraß, Rennthier, Pferd, Eisfuchs und anderen der nordischen Zone angehörigen Th'ercn sammt Hunderten von Steinwerkzeugen und Waffen, aus Feuerstein geschlagen, sowie Messer, Pfeilspitzen, Steinnadeln, LUxte, Sägen u. s. w-, ferner Werkzeuge aus Knochen und Elfenbein nebst vielen andern interessanten Gegenständen lagen. Der Fund gewinnt noch mehr an Jnterksse durch die Auffindung einer menschlichen Unter- ktrferhälfte, die unter einem riesigen, mehr als einen Centner schweren, mit der Steinaxt mannigfach behauemn Oberschenkelknochen log. Herr Dr. Wankel hat die ganze Samm­lung dem Museum in Olmütz einverleibt.

[Ein Gewobnheitsmörder) Ueber die Aufsehen erregende Verhaftung des Besitzers derNeuen Welt" in Gleiw tz wird denGörl. Nachr." geschrieben: Gtllner, rin schr jShzornig<r Mann, erschoß vor 13 Jahren auf der Wilddieberei im Streite seinen Knecht. Nach vollbrachter Mordthat vergrub er die Leiche und gab an, der Knecht sei nach Polen ausgewandert. Ein zweiter Knecht hatte die That jedoch gesehen. Bei eitum Zank zwischen Herrn und Knecht drohte letzterer mit Anzeige. Am selben Tage erschoß Gillner den Aermsten und scharrte ihn ein. Auch hierbei war aber der Mörder beobachtet und zwar von seinem achtjährigen Sohne. Derselbe erzählte es andern Tages seiner Mutter und Gillner und ein Dienstmädchen, die in einem Neben­zimmer weilten, hörten das. Tags darauf war der arme Junge eine Leiche; das Scheusal von Vater hatte ihm Grft gegeben. Der Arzt conftatirte als Todesursache Rachenbräune. Der Mörder unterhielt schon zu dieser Zeit mit der vorgenannten Dienstmagd ein Verhältniß, das nicht ohne Folgen blieb; vor 8 Jahren gab sie einem Kinde das Leben und auch dieses wurde von Gtllner vergiftet. Die Mutter war Mit­wisserin der That. Die ganze Reihe von Verbrechen ist nun durch Denunciation des Dienstmädchens ans Tageslicht gekommen. Dieselbe wollte sich jetzt verheirathen und erbot von G-llner 900 Jt, der aber sehr geizig ist und das Geld verweigerte. Aus Rache ging das Frauenzimmer zur Polizei und zeigte Alles an. Die Aufregung in der ganzen Gegend ist eine ungeheure; der Verhaftete benimmt sich vollständig ruhig.

Dem Manne sind in den tetzttn 10 Jahre» sämmtliche Kinder, 6 an der Zahl, gestorben. Man möchte fast an ein Verhängniß glauben.

[(Sin künstliches Gesicht ! In Favrot bei Landrectes im Norddepartement lebt so erzählt man der »Voss. Ztg." auS Parts der frühere Artillerist Joseph Moreau, welcher während deS deutsch-französischen Krieges wohl die schrecklichste aller Verwundungen erlitten hat, deren Heilung gelungen ist. Em Granatsplltter riß ihm am 3. Januar 1871 bet Vapaume, rechts von oben kommend, daS ganze Gesicht weg; Augen, Nase und Oberkiefer waren zerrissen, der Unterkiefer verrenkt. Man ließ ihn für lobt liegen. Eme halbe Stunde später stand er jedoch von selbst auf und da das linke Auge noch einen Rest Sehvermögen zeigte, kam er, öfters sollend und auf den Kn een rutschend, bis ErvillerS. Am folgenden Tage ließ ihn ein Oberst nach ArraS fahren und ins Lszareth bringen, wo er erst am 4. October entlassen werden konnte. Während dieser neun Monate war die Vernarbung Nicht vollständig geworden. Man schaffte Moreau nach dem Lazareth Val de Grace in Parts, wo er bts zum 26. März 1872 blieb. Hier wurde er sorgfältig gepflegt und Gegenstand lebhafter w ssevschaftltcher Erörterungen. Im April wurde er alsvollständig geheilt" entlassen. Diese traurige Vollständigkeit besteht darin, daß man ihm ein künstl'ches Gesicht aufgesetzt hat. Da alle Wetchtherle seines Gesichts durch die Granate abgerissen und sogar die Knochev- theile vielfach gequetscht worden waren, gl'ch das Antlitz fast einem Todtenkopfe; zwei leere Augenhöhlen, eine Höhle an Stelle der Nase und ein offener Mund. Hierauf hat man eine WachsmaSke angelegt, welche alle fehlenden Thetlc begreift. Der Zahn­künstler Delalain legte einen künstlichen Gaumen an, um das Gebiß deS Oberkiefers wieder herzustellen. Die MaSke paßte ganz genau, die Augen derselben sind geschloffen; sie hält sehr fest, besonders da ollmälig an ihrem Rande eine kleine Hautwulst ange­wachsen ist. Der Patient athmet durch die Löcher der falschen Nase; in den inneren Augenwinkeln der falschen MaSke sind zwei kleine Luftlöcher angebracht. Die Höhlung bet der Nase ist mit Charpie unterlegt, um die innere Nasenhaut zu schützen. Em kleines Schwämmchen nimmt den Nasenschleim auf und verhindert das Eindringen fremder Körper. Alle Functionen sind jetzt gesichert. Moreau athmet frei, ißt ohne Beschwerde, vermag selbst Hartes zu beißen, spricht so deutlich wie früher, riecht, ver­mag sogar Flöte zu spielm Er erfreut sich jetzt vollstänbtger Gesundheit, erzählt bereite willig seine Erlebnisse und bethättgt die allen Blmden eigene Ergebung in sein Schicksal. Sein Gchör und besonders der Tastsinn und daS Gefühl haben sich außerordentlich entwickelt; von wett und breit kommen Leute, um ihn zu besuchen. Er hat daS Ehren­kreuz und eine erhöhte Pension.

[Telegraphische Druckfehler.) In einer nächst Wien gelegenen Bahnstation P. gewärtigte der Telegraphist Graf ein dringendes Telegramm von seiner in der Residenz wohnenden Gattin. Dasselbe langte jedoch erst nach seiner Ablösung ein und sein Nachfolger im Dienste laS und schrieb auS Versehen die Adrepe:Graf, Station P." mit einemb.fl Die Depesche wurde in die Villa deS unrichtigen Adressaten zugestellt und in dessen Abwesenheit der jungen Gräfin eingehändtgt. Man kann sich ihre lieber» raschung vorstellen, als sie auS dem Inhalte erfuhr, daß die ihr gänzlich unbekannte Marianne von einem gesunden Knsben entbunden wurde und derliebe Mann" sehnltchst erwartet werde. Die hierauf folgende Scene sich auSzumalen, überlassen wir der Phantasie unserer Leser und fügen nur hinzu, daß die Angelegenheit nach peinlichen 2 Stunden durch die von der Aufgabestation echaltene Rectification in befriedigendster Weise gelöst wurde. Ein noch fatalerer Telegraphtrfehler, der zu einer gerichtlichen Entscheidung Anlaß gab, kam unlängst in Amerika vor. Einem Gärtner in Quebeck wurde Folgendes telegraphirt:Senden Sie mir zur morgigen Hochzeit zwei Hand-BouquetS . Durch zufällige Hinzufügung eines Punktes wurde in der AdreßstationHund-Bouquets" gelesen. Der Telegraphist, der gut Deutsch verstand, meinte, das unzweifelhaft die BuchstabeneitÄ ausgeblieben sein müßten und schrieb:Zweihundert Bouquets". Sie wurden geliefert, deren Bezahlung aber verweigert. DaS Gericht entschied gegen die Telegraphenverwaltung, weil die eigenmächtige Abänderung deS verstümmeltem WorleS nach amerikanischem Gesetze absolut unstatthaft war.

London, 27. Mai. Im GrafschaftS-Gefängniß in Lincoln wurde heute eine ältliche Frau Namens Mary Lefley durch den Strang hingerichtet, die wegen Ver­giftung ihres MonneS zum Tode verurtheilt worden war. Sie hatte ihm Arsenik in einen Reispudding gemischt, nach dessen Genuß er unter fürchterlichen Schmerzen den Geist aufgab.

Eine telegraphische Unterhaltung auf 11,000 Kilometer Entfernung fand vor Kurzem zwischen London und Calcutta statt. Der Herausgeber der englischen Zeit­schriftThe Telegraphist" hatte schon häufig die vortteffliche Linie zwischen London und Teheran (Persien), deren Länge 6080 Kilometer beträgt, d. h. mehr als das Anderthalbfache des transatlantischen Kabels, rühmen hören, glaubte indessen bezweifein zu müssen, daß man auf solche Längen mit dem Morse-Apparat noch deutliche Zeichen erhalten könne. Einer Einladung folgmb, b'gab er sich an die Londoner Endstation und sprach zuerst m't dem deutschen Telegraphisten in Emden, in den nächsten Minuten mit Odessa und kurz darauf mit Teheran und Agra. Um den Triumpf der Telegraphie zu ootlenber, wurde in Agra die Leitung nach Calcutta eingeschaltet und in kurzer Zeit unterhielt sich feer Herausgeber desTelegraphist" mit seinem Landsmann in Calcutta. Der letztere wollte Anfangs gar nicht glauben, daß er wirklich mit der englischen Hauptstadt in Verbindung sei. Wenn man bedenkt, daß diese Unterhaltung auf eine Entfernung von 11,000 Kilometer, der dreifachen Länge des transatlantischen Kabels, ftattfand und die Zeichen (etwa 14 Worte in der Minute) dabei sehr deutlich waren, so muß man wirklich staunen über einen derartigen Triumph der Telegraphie, der Wissenschaft überhaupt, welche unS so zu Herren über Roum und Zeit gemacht hat.

[Ein seltsames Correspondenzmittel.l Unter diesem Titel erzählen Pariser Blätter folgenden Roman: Vor nicht langer Zeit wurde ein Raritätensammler in Paris, der bedeutende Summen ausgab, um verschiedene Banknoten aus aller Herren Länder zu erholten, Besitzer einer englischen Fünf-Pfundnote, an welche sich eine ganze Geschichte knüpft. Diese Note wurde vor 61 Jahren auf einem Handelscomtoir zu L verpool in Zahlung gegeben und der Cousin der Firma, der sie in Empfang nahm, bemerkt»', als er die Note gegen das Lickt hielt, um ihre Aechtheit zu prüfen, einige blaßrothe Zeichen auf d > selben, welche sich bei näherer Uvtersuchung als halb verwischte Buchstaben herausstelltm, welche zwischen die gedruckten Zeilen und auf das weiß gebliebene Papier geschrieben waren. Nack unsäglicher Mühe gelang eS, Folgendes zu entziffern:Wenn diese Note tn die Hände von John Dean in Carlisle fommm sollte, so mag er aus diesen Zeilen entnehmen, daß sein Bruder in Algier in Sclaoen- ketten schmachtet." Genanntem Dean wurde Mtttheilung von dieser Entdeckung gemacht und er rief sofort die Hilfe der Regierung an, um seinen Bruder befreien zu helfen. Der Gefangene hatte, wie sich später ergab, mit einem Holzsplitter, den er in sein Blut tauchte, obige Mtttheilungen geschrieben und war bereitst seit zehn Jahren Sclave des Bey von Algier, als sein sonderbarer Brief endlich an die richtige Adresse kam. Seine Familie und Bekannten wähnten ihn bereits längst gestorben. Es glückte seinem Bruder mit Hilfe der englischen Behörden, ibn gegen Erlegung eines Lösegeldes frei zu machen und nach England zmückzublingen, wo er aber die erlangte Freiheit nicht lange genießen sollte. Geist und Körper waren durch die an­dauernden Entbehrungen und die schwere Arbeit auf den Galeeren des Beys gänzlich gebrochm.