Mögen gerade bei demjenigen Akte, welcher eS für alle Zeiten einer weiteren Besteuerung entzieht, noch einmal mit dem höchsten Steuersatz zu treffen, so würde dagegen der jenseitige Beschluß eine vollständige Neuerung in den seitherigen gesetzlichen Bestimmungen deS GroßherzogthumS involvtren.
Weiter aber auch möchte bet Anwendung deS Artikels bezüglich des Begriffs von .wohlthättgen Zwecken" fortwährend der größte Zweifel entstehen.
Die übrigen bet Berathung deS Entwurfs Seitens hoher 1. Kammer entstandenen Meinungsverschiedenheiten sind weniger allgemeinen Inhalts und beruhen auch thetl- wetfe auf den schon vorher erwähnten Ursachen.
Italien.
Neapel, 29. Mai. Der Soldat Misvea, welcher vor Kurzem 5 seiner Kameraden tödtete und 5 andere schwer verwundete, ist vom Militärgericht zum Tode verurtheilt worden.
Telegraphische Depesche«.
WoMS trtsgr. EsrrMorrLsm-Drrreatt.
Berlin, 30. Mai. Se. Maj. der Kaiser hat heute bei der Parade in Potsdam den Erbgroßherzog von Baden zum Major ernannt.
— Die Fürstin Bismarck und der Gras Herbert Bismarck sind heute Nachmittag nach Friedrichsruhe abgereist.
— Der Minister v. Puttkamer hat sich nach Nauheim zum Besuch seiner dort weilenden Gemahlin begeben. Von Nauheim aus wird derselbe eine Dienstreise unternehmen, von welcher er .etwa in 12 Tagen nach Berlin zurückzukehren gedenkt.
— Der Minister v. Bötticher hat sich nach der Provinz Sachsen begeben.
— Se. Maj. der Kaiser besuchte nach der Potsdamer Parade mit der Großherzogin von Baden Babelsberg und empfing nach seiner Rückkehr in Berlin den zum Major ernannten Erbgroßherzog von Baden; Abends besuchte er das Schauspielhaus und sah dann eine kleine Theegesellschaft bei sich, wozu Prinz und Prinzessin Hohenzollern nebst dem Fürsten Thurn geladen waren. Die Beschwerden beider Paradetage haben den Kaiser durchaus nicht angegriffen.
Potsdam, 30. Mai. Se. Maj. der Kaiser hielt heute Vormitttag 11 Uhr die Parade über die hiesige Garnison ab. Von den Fenstern des Staotschlosses aus wohnten Ihre K. K. Hoheiten die Kronprinzessin, die Großherzogin von Baden, die Prinzessin Wilhelm und die Erbprinzesstn von Meiningen der Parade bei. In der Parade standen das 1. Garderegiment zu Fuß, das Gardejäger-Bataillon, das Lehrbataillon, die Unterofficiersschule, das Regiment Garde du Corps, das 1. und 3. Garde-Ulanen-Regiment und das Garde- Husaren-Regiment. Rach dem darauf folgenden Döjenner im Schlöffe kehrte Se. Maj. der Kaiser nach Berlin zurück.
Baden-Baden, 30. Mai. Die Kaiserin von Rußland, die Königin von Dänemark, die Prinzessin von Wales und Prinz Waldemar von Dänemark nahmen gestern bei Ihrer Maj. der Kaiserin das Dejeuner ein, an welchem vuch der Großherzog und Prinz Ludwig von Baden theilnahmen. Nach dem Dejeuner reisten die fürstlichen Gäste nach Rumpenheim zurück.
Rüdesheim, 30. Mai. Die von Rüdesheim aus den Niederwald führende Zahnradbahn ist heute feierlich eröffnet worden.
Wien, 30. Mai. Der Kaiser empfing Nachmittags 2 Uhr den Fürsten von Bulgarien in mehr als viertelstündiger Audienz.
London, 30. Mai. Der vorgestern in Dover wegen Verdachts eines gegen den Herzog von Cambridge beabsichtigten Attentats Verhaftete ist wieder in Freiheit gesetzt worden. Die Untersuchung ergab keinerlei Grund zur gerichtlichen Verfolgung.
— Abends kurz nach 9 Uhr fanden im Sanct James Square in der Nähe des Pall-Malls drei unzweifelhaft von Dynamit herrührende Explosionen statt; zwei auf der einen Seite des Squares, die brüte auf der anderen. Zwei fast gleichzeitig, die dritte einige Minuten später. Die Fenster des Armyna- Clubs, des Carlton-Clubs und des dem Deputirten Wynu gehörigen Hauses wurden zertrümmert. Personen sollen nicht verletzt sein. Große Volksmengen am Thatorte waren in lebhafter Erregung.
— Abends 9V2 Uhr erfolgte eine weitere Dynamit-Explosion in Scotland Iard im Hauptpolizei-Bureau; mehrere Fenster wurden zertrümmert, einige Personen verletzt.
Kopenhagen, 30. Mai. Die Zustimmung deS Reichstags zum spanischen Handelsvenrage wurde nicht erzielt; im Landsthing wurde der Vertrag selbst zwar pure genehmigt, aber die Zollreform, welche das Folkethmg als Bedingung der Ver- Icagsannahme stellte, abgelehnt. Schluß des Reichstags morgen. Gerüchtweise verlautet, daS Folkethtng würde Anfang Juni aufgelöst und die Neuwahlen würden Ende Juni stattfinden. Der Reichstag solle im August, wo die Cortes über den Handelsvertrag entscheiden, zur anderwetten Berathung des Vertrags zusammentreten.
London, 31. Mai. (Privat-Depesche.) Kurz nach den gestrigen Dynamit-Explofionen in St. JameS Square und Scotland Uard wurde eine Tasche mit TI Packeten Dynamit und Zunder, anlehuend an die Nelsonsäule, in Trasalear Square ausgefunden und von der Polizei beschiaguahmt.
Lokales.
— Gießen, 31. Mai. Zum Dtrector der hiesigen Realschule ist der bisherige Director der Realschule 11. Ordnung tu Groß-Umstadt. Herr Nodnagel ernannt worden.
Gießen, 31. Mat. [4. Sitzung der Großh. Handelskammer am 23. Mat.j Anwesend die Herren Ed. Stlbereisen, Ad. Ztntzer, A. Katz, F. C. B. Koch nnd R- Scheel.
Stach Einweisung des neuen Secretärs der Kammer in sein Amt durch den Präsidenten kommen die Eingänge Nr. 44 btS 92 zur Vorlage.
1) Es ist von der Retchsbank-Nebenstelle Gießen die Geschäftsübersicht für daS Jahr 1883 eingegangen; daraus ist ersichtlich, daß auch im vorigen Jahre wieder eine Zunahme des Geschäftsverkehrs genannten Instituts eingetreten ist.
2) Auf eine Anfrage der Ferber'jcken Buchhandlung dahier um Angabe hiesiger Exportfirmen beschließt die Kammer die Aufgabe der betr. Firmen.
3) Bezüglich der Offerirung deS früheren Handelsvereins dahier, ihr Archiv der Kammer zum Geschenk zu machen, ist die Kammer bereit, dasselbe vorbehaltlich einer Modification anzunehmen.
4) Der Kammer ist Mittheilung betr. einiger Schwtndelfirmen in Griechenland (Athen), in der Moldau und in Moskau geworden. Sie nimmt davon entsprechende Kknntvtß.
5) Bei Erledigung des Eingangs Nr. 72 wird von dem Kammermüglied Herrn A. Kotz die Frage der Schiffbarmachung der Lahn angeregt; es wird beschlossen, die Erörterung der Angelegenheit auf die nächste Tagesordnung zu setzen, wofür von Herrn Katz ein diesbezügliches Referat übernommen wird.
6) Von dem deutschen HandelStag war eine Erhöhung des Beitrages Seitens der Handelskammern lspeciell der hiesigen von 30 Jl. auf 75 JL) für dieses Jahr beschlossen worden. Nachdem bereits früher von dem Präsidenten der Kammer ein diesbezügliches Schreiben an den Handelstag gerichtet worden war, des Inhalts, daS
Plenum der Kammer werde kaum geneigt fein, eins solche Erhöhung zu bewilligen, soll nunmehr eine Bewilligung deS erhöhten Beitrages von dem Vorgehen der übrigen hessischen Handelskammern abhängig gemacht werden.
7) Gegen die Firma Georg Grieb II. dahier soll behufS Beitreibung des verweigerten Beitrags zu den Kanzleikosten der Kammer etn Zahlbefehl erlassen werden.
8) Ja einem Schreiben der Handelskammer Mainz war die Handelskammer Gießen ersucht worden, sich über die Frage der Aufhebung deS Octrots für Stein- tobten zu gewerblichen Zwecken schlüssig zu machen. Die Kammer beschließt, die Sache auf die nächste Tagesordnung zu setzen.
9) Der Beschluß des Vereins der Tabaktnteressenten vom Rheinland und 9Beflr ffllen, betr. die Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Prox!8 für Taraoergütung soll den abwesenden Mitgliedern, Herren L. Georgi und @. H. Schirmer, mttgetherlr werden.
10) Die Verhandlungen über das Budget der Handelskammer Güßen per Etatsjahr 1883/84 werden der vorgerückten Zett halber und wegen der Abwesenheit einer größeren Anzahl der Kammermttglieder auf die nächste Sitzung verschoben.
B e t m i f $ t e t
Kassel, 28. Mai. Ein erschütternder Unglücksfall hat sich heute Morgen zu- getragen. Der 12jährtge Sohn des Küfermeisters Müller dah.er befand sich gegen 8 Uhr auf dem Wege nach der Schule. Als er am Feldftein'schcn Hause am Martins- platz vorüberkam, stürzte etn Kübel mit Kalk von dem am fraglichen Hause angebrachten Gerüst tn der Höhe der dritten Etage herab und dem unglücklichen Knaben auf den Kopf, so daß er alsbald bewußtlos zusammenstürzte. Schwer verletzt wurde er in ein benachbartes Haus gebracht, wo der schnell herbeigerufene Arzt, Herr Dr. Jost^ einen doppelten Schädelbruch konftattrte. Der Knabe wurde nachher nach Hause trans- porttrt, wo er hoffnungslos darntederltegt.
— Der Erfinder des neuesten Witzes über Sarah Bernhardts Magerkeit will wissen, daß die Schauspielerin plötzlich von einer Manie ergriffen worden sei, die Liste ihrer künstlerischen Fertigkeiten durch daS Flöten-Spiel zu vervollständigen. Sie übe zu diesem Zweck neuerdtngS mehrere Stunden auf diesem schwer zu handhabenden LieblingSinstrument Friedrich des Großen, sei dabet jedoch genöthigt. sich durch eine seidene Schnur an das nächste Fensterkreuz anbtnden zu lassen, damit sie nicht durch die Gewalt ihres eigenen Athems in eines der Flötenlöcher htnetngeweht werde und auf Nimmerwiedersehen in dem hohlen Innern des Instruments verschwinde.
- sEine Kathederblüthe j Berlin entbehrt zwar zur Stunde noch der Reize der Gebirgslandschaft; wenn man aber bedenkt, daß selbst die Schw iz erst seit der jüngsten Tertiärzeit sich der Errungenschaft ihrer Alpenwelt erfreut, so darf man wohl mit Recht sagen, daß auch für die Metropole der Intelligenz der Besitz einer gletscherhaften Umgebung nur noch eine Frage der Zett ist.
Auszug aus den Standesamtsregistern des Standesamts Gietzm
Aufgebote.
Mai: 27. Diätar Andreas Peter vom Wirdum zu Gießen mit Johanna Jacobine Wilhelmine Post zu Emden.
Eheschließungen.
Mat: 30. Tapezier Johannes Kltnkerfutz mit Helene Weißmüller, Tochter des- verstorbenen Schuhmacyermeifters Peter Weißmüller zu Gießen.
Geborene.
Mai: 18. Dem Kaufmann Theodor Wehner eine Tochter. 18. Dem Restaurateur Georg Schäfer ein Sohn, Hanß. 19. Dem Häfnermeister Adam Dürr eine Tochter, Minna Margarethe. 19. Ein Sohn von auswärts. 20. Dem Schuhmacher Karl Orth ein Sohn, Ludwig Fritz. 21. Ein Sohn von auswärts. 24. Dem Schriftsetzer Alberr Wolff eine Tochter, Marte Susanne Margarethe. 24 Ein Sohn von auswärts, Heinrich. 24. Eine Tochter von auswärts, Emilie. 24. E'ne Tochter von auswärts, Elisabeth. 25. Dem Taglöhner Nicolaus Kramer eine Tochter, Katharine. 25. Etn Sohn von auswärts, Kasimir. 25. Eine Tochter von auswärts, Johanna. 26. Dem Matertaltcnverwalter Karl Richter etn Sohn. 27. Dem Post-Secrctär Karl Kaus eine Tochter, Therese. 28. Dem Staiionsassistent Philipp Blumenau ein Sohn, Bruno Heinrich Friedrich Curt. 28. Eine Tochter von auswärts, Elisabeth.
Gestvvhene.
Mai: 24. Hedwig Agnes, 5 Monate alt, Tochter des Kunstgärtners Gustav Lehmann. 24. Mox'mtlian Heinrich, 10 Monate alt, Sohn des Kaufmanns Johannes Schmücker. 24. Lisette, 13 Jahre alt, Tochter des Schneiders Christian Stichler von Ruppertenrod. 25. Wilbrlmme, 2 Jahre alt, Tochter des Meurers Philipp Lang. 26. Heinrich Otto, 7 Jahre olt, Sohn des Steigers Johannes Appel. 26. Kaufmann Georg Adam Wilhelm Busch, 32 Jahre alt, Sohn des verstorbenen BättermeisterK Georg Busch. 27. Anna Elisabeth, 6 Monate alt. Tochter des Bierbrauers Peter Worch. 29. Marie Margarethe Elisabeth Auguste, 1 Jahr alt, Tochter des Händlers Jacob Krauskopf. 29. Taglöhner Konrad Schaubach, 58 Jahre alt, von Nieder- Mockstadt.
Auszug aus bett Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getränte.
Den 25. Mat. Ludwig Adam, Bürstenmacher und Auguste Kuhl zu Gießen. Getaufte.
Den 25. Mai. Dem Bureaugehllfen Daniel Becker eine Tochter, Emilie Emma Katharina Lma Elise, geboren den 17. Avril.
Denselben. Dem Fabrikanten Wilhelm Gail ein Sohn, Friedrich Georg Karl, geboren den 20. April.
Den 26. Mai. Eine uneheliche Tochter, Karoline Auguste, geboren den 10. April.
Den 31. Mai. Dem Schneider Georg Koch eine Tochter, Anna Maria Karoline Margarethe, geboren den 17. Mai.
Beerdigte.
Den 28. Mai. Wilhelm Busch, Kaufmann, alt 32 Jahre, starb dm 26.
— ........— ■■............... ifflimr
Brodpreise
vom 1. bis 15. Juni 1884.
der Bäcker H
1 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod .... 28 bei M. Lenz u. C. Steinberger 27
2 „ (4 Pfd.) Weißbrod .... 56 bei M- Lenz u. C. Steinberger 54
1 „ (2 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 25 bei M. Lenz u. C. Steinberger 24
2 „ (4 Pfd.) Schwarzbrod 1. Sorte 50 bei M. Lenz u. C. Steinberger 48
1 ,, (2 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 22 bei M. Lenz, u. E. Steinberger 21
2 „ (4 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte 44 bei M- Lenz u. C. Steinberger 42
3 „ (6 Pfd.) Schwarzbrod 2. Sorte bei Gg. Müller, Konrad Haas, L. Schneider, Louis Keil, Fr. W. Hartmann ........ 66 Gießen, den 31. Mai 1884.
der Brodverkäufer $
1 Kgr. (2 Pfd.l Weißbrod . ... 28
2 „ (4 „ ) „ .....56
1 „ (2 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte 25 bei Hch. Rain 22
2 „ (4 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte 50
bei Hch. Rain 44
3 „ (6 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte —
1 „ (2 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 22
bei Hch. Rain 21
2 „ (4. „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 44 bei Hch. Rain 42
3 „ (6 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte 66
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.


