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Np. 27. Freitag den 1. Februar 1884
Gießener Anzeiger
Amts- uub Anzcigeblatt für dm Kreis Gießen.
■ ——— ~ PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Bureau r bchuistraße 7. Erichemt täglich mit Ausnahme des Montag-. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hhcil.
Betreffend: Das Ersatzgeschäst für 1884. Gießen, am 1. Februar 1884.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Groh herzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir fordern Sie auf, nunmehr mit der Ausstellung der Stammrollen sofort zu beginnen und dieselben mit denjenigen für 1882 und 1883 ungesäumten;usenden. bie bem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau zu beachten, insbesondere alle Bestrafungen -c. unter Rubrik
„Bemerkungen" einzutragen.
Reclamationen sind baldigst einzureichen, bezw. die aus früheren Jahren zu erneuern.
Dr. Boekmanv.____________
' Betreffend: Die regelmäßigen Ergänzungswahlen des Kreistages des Kreises Gießen.
Bekanntmachung.
Bei den regelmäßigen Ergänzungswahlen des Kreistages des Kreises Gießen find gewählt worden:
A. Bon den Bevollmächtigten der Gemeinden:
Im I. Wahlbezirk (Gießen) die Herren
Bramm, Bürgermeister von Gießen,
Homberger, Meyer, Fabrikant von Gießen, Keller, Beigeordneter von Gießen;
„ IV. „ (Alt-Buseck) Herr Bürgermeister Wagenbach von Alt-Buseck;
„ V. „ (Groß-Buseck) Herr Heinrich Adam Lindenstruth HL von Beuern;
„ VII. „ (Eberstadt) Herr Bürgermeister Roth von Muschenheim;
„ VIII. „ (Lich) Herr Bürgermeister Walz von Lich.
B. Don den SO Höchstbesteuerten:
1) Herr Georg Buderus, Hüttenbesitzer in Lollar, 3) Herr Hirschhorn, Rechtsanwalt von Gießen,
2) „ August Heß, Beigeordneter von Gießen, 4) „ Adolf NoN, Eommerzienrath von Gießen.
Gießen, den 28. Januar 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. __________
Politische Ueberficht.
Gießen, 31. Januar.
Nachdem der preußische Volkswirthschastsrath die Grundzüge des Unfallgesetzes durchberathen hat, wird die Reichsregierung noch die Gutachten der einzelnen Bundesregierungen abwarten, um dann ungesäumt an die endgiltige Feststellung des Gesetzentwurfes heranzutreten. Man sieht diesen Gutachten für die Zeit bis etwa 8. Februar spätestens entgegen und hofft dann die Vorlage noch so zeitig vor den Bundesrath zu bringen, daß ihre Feststellung durch diese Körperschaft früh genug erfolgen kann, um sie dem Reichstage alsbald bei seinem Zusammentritte vorlegen zu können. Im Uebrigen sollen, wie wir hören, die Motive für den Unsallgesetzentwurs bereits fertig sein, die natürlich weit eingehender gehalten sind, als die für die Grundzüge.
Am Montag hat in Berlin unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängniß Eduard Lasker's stattgesunden. Der Beisetzung aus dem israelitischen Friedhöfe ging die Trauerseier in der Synagoge voraus. Hier waren die politischen Freunde Lasker's aus Reichstag und Landtag vollzählig zur Stelle, das Präsidium des Reichstages war durch Den Präsidenten v. Levetzow und den zweiten Vicepräsidenten, Geh. Hosrath Ackermann, dasjenige des preußischen Abgeordnetenhauses durch die beiden Vicepräsidenten v. Heeremann und v. Benda vertreten; auch sonst waren zahlreiche Abgeordnete zugegen, darunter auch der Führer deö Centrums, Dr. Wmdthorst. Zahlreiche Rotabllitäten aus Staat, Stadt und Gesellschaft wohnten außerdem der Trauerfeierlichkeit bei. In der Synagoge sprachen nur Rabbinats-Affeffor Dr. Frankl und der secessio- nistische Reichstags-Abgeordnete Friedrich Kapp. Nach der Feier in der Synagoge bewegte sich der wahrhaft imposante Leichenzug nach dem jüdischen Fried- Hofe. In demselben waren u. A. die fortschrittlichen Wahlvereine, der sechs Berliner Reichstagswahlkreise, die Bezirksvereine, der große Berliner Handwerkerverein, der Berliner Arbeiterverein, sowie verschiedene andere Vereine vertreten. In der Trauerhalle des Friedhofes sprach noch Rabbiner Dr. Maibaum ; während der Sarg in das Grab gesenkt wurde, defilirte an demselben der Zug unter Neigung der Banner und Standarten vorüber, womit die würdige Feier ihr Ende erreichte.
Auf Anordnung des Reichskanzlers findet die Ersatzwahl im zweiten Meiningen'schen Reichstagswahlkreije für Lasker am 17. März statt. Ueber etwaige Candidaten verlautet noch nichts Bestimmtes.
Die Prinzessin Georg vonSachsen, Gemahlin des Thronfolgers, ist an einem nervösen Fieber ernstlich erkrankt; am Montag wurde Geh. Medi- cinalrath Prof. Dr. Wagner in Leipzig telegraphisch an das Krankenbett der hohen Frau berufen.
Die Ermordung des Geheimpolizisten Blöch in Floridsdorf bei Wien läßt selbst die große Sprachendebatte im österreichischen Abgeordnetenhause etwas in den Hintergrund treten. Die Erklärungen des Mörders, der hartnäckig alle Aussagen über seine Person verweigert, lassen keinen Zweifel daran, daß man es hier mit einem politischen Verbrecher zu thun hat und diesen Charakter trug auch entschieden Die Ermordung des Polizei-Commissars Hlubek. Der Verhaftete selbst gesteht, daß er die Schreckensthat im Auftrage
Anderer ausgesührt hat, aber den angestrengtesten Bemühungen der Wiener Polizei ist es noch nicht gelungen, die Hintermänner des Mörders zu eruiren. Ein als der Mitwiffenschaft um die Ermordung Vlöch's verdächtig verhafteter Arbeiter, Namens Brüllmayer, mußte wieder entlassen werden, da sich seine gänzliche Schuldlosigkeit herausstellte. Einstweilen hat die blutige That dazu geführt, daß sich die österreichische Regierung mit dem Erlaß von Ausnahme- maßregeln beschäftigt, welche das Vereins- und Versammlungsrecht und die bestehenden Preßvorschriften wesentlich eineiigen sollen. — DaS österreichische Abgeordnetenhaus beendigte am Montag in Folge Antrages der Rechten die Generaldebatte über den Wurmbrandt'schen Svrachenantrag und trat am Dienstag in die Specialdiscussion ein.
Die Frage vom „armen Mann" beschäftigt-in Paris fortdauernd das politische Tagesinteresse. Im Parlamente spielte dieselbe in den letzten Tagen ebenfalls eine hervorragende Rolle, denn seit vorigen Donnerstag debattirte die Dcputirtenkammer ohne Unterbrechung bis in diese Woche herein über den Nothstand der Pariser Arbeiterbevölkerung, ohne daß indessen die Debatte ein praktisches Resultat gezeitigt hätte. Die verschiedensten Vorschläge sind zur Beseitigung der herrschenden Roth gemacht worden, unter Anderm schlug der radikale Devutirte Laisant vor, 3 Mill. Frcs. aus Staatsmitteln zur Einlösung Der in den Leihämtern versetzten geringeren Pfänder zu gewähren, was indessen nur dem Tropfen auf den heißen Stein gleichen würde. Das richtigste Mittel zur Besserung der Lage dürste wohl der bekannte Volkswirth Leroy-Beaulieu gefunden haben. Derselbe veröffentlicht im „Journal des Dö- batS" eine interessante Studie über die gegenwärtige wirthschaftliche Krisis, in welcher er sagt, das einzige Mittel zur dauernden Beseitigung der Noth liege nicht in der Herausgabe der Pfänder unter 10 Frcs. und nicht in der Gründung von Nationalwerkstätten, sondern in einer weiseren und gesunden Verwaltung der Staatsfinanzen. , L , ,I£T
Jn England befindet man sich am Vorabend Der Parlamentseroffnung, denn das Parlament tritt am 5. Februar wieder zusammen. Die Session verspricht sehr lebhaft zu werden. Die Opposition bereitet sich vor, der Regierung sowohl in Fragen der inneren Politik, als auch in der auswärtigen Politik energisch entgegenzutreten. In ersterer Beziehung wollen die Conservativen namentlich die Bill über die Reform der Londoner Mumcipal-Verwaltung bekämpfen und ebenso gegen jeden Vorschlag, auch Irland in die beabsichtigte Ausdehnung des allgemeinen Stimmrechts hineinzuziehen, stimmen. Was bie auswärtige Politik anbelangt, so wird es jedenfalls wegen der egyptischen Angelegenheiten zu kräftigen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Conservativen kommen und letzteren bietet die merkwürdige unentschlossene Haltung des Cabinets Gladstone gegenüber den Vorgängen im Sudan auch eine geeignete Handhabe zu ihren Angriffen. r,r .
W^it einem schweren Sack voll Geld hat sich General Gordon Pascha nunmehr von Kairo aus die Reise nach Khartum gemacht. Hunderttausend Pfund sind ihm zu seinen Zwecken von der egyptischen Regierung zur Verfügung gestellt worden, von denen er 40,000 Pfund baar mitbekommen hat. Mit Hülfe dieses goldenen Mittels wird Gordon wohl eine eindringliche Sprache mit den aufständischen Stämmen des Sudan führen können, zumal die Vermuthung


