Sonntag den 29 Oktober
S.882
Drittes Blatt
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Amts- und Anzeigeblatt für bcn Kreis Gießen
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vermischt« s.
Mainz, 23. Oktober. Am Samstag sind hier zum ersten Maie 9 französische Transportwagen für Wem ,m Zollhofe angekommen. Diese Wagen führen die B-- r-'cbnung^V»ggon ä vin« und enthalt leder Wagen zwei Ri-s-nsäss-r von je 5000 Lsier Inhalt. Dw beiden Fässer nehmen, bis auf einen schmalen Durchgang, den ganzen Raum der Eisenbahnwagen -In; gleichzeitig enihält jeder Wagen das Ablatzgeschtrr für d°n W-in, welcher durch eine leichte Einrichtung, dt- sich unterhalb des Eisenbahnwagens b-stndet, bequem in> kleinere Fässer abg-lassen werden kann. Sind die Fässer ?antLro rb bur^ e " Thürchen, welches jedes Faß besitzt, der Bodensatz entfernt und der Wagen geht wieder nach Frankreich zurück. Di- Einrichtung bringt eine bed-utende Ersparmß an Transportkosten mit sich. - In Folge der In manchen Gegenden etngctretencn ungünstigen Kartoffelernte haben hiesige Lieferanten Verträge
Berlin, 25. Octbr. Durch Entscheidung des bayerischen Staatsministeriums ist auch in Bayern der Zusatz von nimm Zucker zur Verbesserung des diesjährigen Weines steuerfrei erlaubt. Die ministerielle Entscheidung besagt:
„Werden bei der Kelterung eingeherbsteter Trauben durch den Weinbauer (Winzer) Vorkehrungen getroffen, welche nichts anderes bezwecken, als den Most schlechter Jahrgänge durch Entziehung eines Theiles seiner Säure und durch Zusätze von reiner Zuckerlösung zu verbessern, bezw. markt- oder verkaussfähig zu machen, so ist ein derartiges Verfahren nicht als unter den Begriff der Herstellung künstlicher Weine im Sinne der Tarisnuminer 135 zum Gewerbesteuer- Gesetz fallend zu erachten. Eine Herstellung künstlicher Weine mit der Folge der Einreihung unter die erwähnte Tarifnummer ist aber dann anzunehmen, wenn mit einer solchen Verbesserung gleichzeitig eine Vermehrung der Menge des Erzeugnisses erzielt und herbeigeführt wird, oder wenn die Verbesserung in einer Weise erfolgt, daß hierdurch der durch den Standort bedingte Charakter des Gewächses sich ändert."
— Wie richtig die vor Kurzem an dieser Stelle ausgesprochene Ansicht war, daß das Eintreten Englands zu Gunsten Arabi's nicht sowohl durch Erwägungen theoretischer Humanität, sondern durch das eigene Interesse dictirt werde, zeigt die Entwickelung, welche der Proceß zu nehmen beginnt. Den englischen Agenten ist ein Hauptcoup geglückt, als sie die geheime Correspondenz des Angeklagten in ihre Hände brachten. Es sind Briefe beschlagnahmt worden, die aus der unmittelbarsten Umgebung des Sultans herrühren und von recht compromittirendem Inhalt sein müssen, da alsbald das Gerücht in die Welt gesetzt wird, als habe der Sultan die Niederschlagung des ganzen Proceßverfah- rens verlangt. Die seiner Zeit oft genug gehörte Behauptung, daß die Pforte in Egypten ein Doppelspiel treibe, und sich Arabi's als Werkzeug bediene, erhält auf Grund der neuesten Kairenser Depeschen einen pikanten Commentar. Wie es demnach um den Charakter der augenblicklichen englisch-türkischen Beziehungen bestellt ist, braucht wohl nicht des Näheren dargelegt zu werden.
England hat in Egypten freie Hand gewonnen — das ist der eigentliche Sinn der Erklärung, welche Mr. Gladstone in der gestrigen Eröffnungssitzung des Unterhauses in Betreff seiner egyptischen Politik abgab. Gladstone's Worte galten zwar zunächst dem Oppositionsführer Northcote; mögen aber ebensosehr, wenn nicht in noch höherem Grade, als an die Adresse der Allgemeinheit gerichtet angesehen werden. Das ist immerhin ein Programm, wenn auch kein detaillirtes. Mit der Formulirung der Einzelpunkte dürfte es überhaupt noch gute Wege haben, da die bestehenden „delikaten und schwierigen Beziehungen" — der Premier drückt sich außerordentlich diplomatisch aus — sehr subtil angefaßt sein wollen. Man wird wohl nicht fehlgreifen, wenn man an die Stelle der citirten, gewundenen Redensart Gladstone's die kürzere und deutlichere Bezeichnung „Frankreich" setzt. So klar sich das Cabinet von St. James über das Endziel ferner egyptischen Aspirationen ist, so wenig sicher fühlt es sich ob des einzuschlagenden Weges. In Paris legt man eine desto größere Zurückhaltung an den Tag, je heimischer der Brite sich auf den egyptischen Boden einrichtet. Das Cabinet hegt gerechtfertigte Bedenken, seine Verantwortlichkeit in Drngen der auswärtigen Politik zu engagiren, und wartet auf den Zusammentritt der Kammern, von denen es die politische Directive empfangen will. Bis dahin dürfte in der Haltung Frankreichs zu der egyptischen Frage keinerlei Modificirung eintreten.
— In Berlin war in den letzten Tagen die landeskirchliche „evangelische Ver- etmgung" versammelt. Es ist d:es dle sogenannte Mtttelpartei, zu welcher auch Herr- mann der frühere Präsident des Oberk.rchenraths, gehörte. Der Oberkirchenrath hat seitdem durch die Trennung der Herren Kog.l und Baur einen anderen (Saarafter angenommen und diese Ernennung die gegen den Wunsch des Ministers erfolgte, war die elne der Ursachen zum Rücktr tte Fatt's Die evangelische Vereinigung hat ein- stimmlg, folgende Beschlüsse gefaßt : „Wir fühlen uns durch den Blick aus die kirchliche Zerllage gedrungen: 1) Aufs Neue zu protesttren gegen die Anmaßunader römischen Hierarchie, die von ihr beherrschte Kirche für die wahre christliche Kirche aus- zugebcn und anderen Confessionen den Charakter der Christlichkeit abzusprechen. 2) Zu erklären, daß jedes bundesgenossenschaftliche Zusammengehen evangel Christen mit den Vertretern des hierarchischen Systems zur Bekämpfung religiöser Zeitrichtungen und zur Erhaltung der staatlichen Ordnung aus einer Verkennung des wwerchristlichen und staatsfeindlichen Charakters dieses Systems beruht und sowohl mit der unserer evangelischen Kirche schuldigen Treue als mit ächt vaterländischer Treue unvereinbar ist. 3) Unser evangelisches Volk wachzurufen, daß es in dem treuen Festhalten an dem Bekenntniß und an den Grundsätzen der Reformation in gewissenhafter Mabruna der Rechte und Interessen unserer evangelischen Kirche, insbesondere auf dem Gebiete der Ehe und Kindererziehung und im energischen Kampfe für die unveräußerlichen Grundlagen unseres preußischen und deutschen Staatslebens und für die freie und aesunde S XÄe ‘’ttOnata &b£n8 9CBCn alIe ultramoman-n Bestrebungen -In-
mit ungarischen Häusern wegen der Liefeiung von Kartoffeln aus Ungarn abgeschlossen und sind bereits einige Waggonladungen hier eingetroffen. Die Kartoffeln sollen ganz vorzüglich von Geschmack sein und sich trotz der Ober 400 stehenden Transportkosten billiger wie hiesige Kartoffeln stellen.
Frankfurt a. M-, 24. Oktober. H$lne kleine Panik im Schauspielhause.j Heute Abend bei Aufführung des Stückes „Pater Modestus" wurde der eiserne Vorhang nach dem Ende des vierten Aktes plötzlich vorgeschoben. Natürlich sprangen so und so viele von ihren Sitzen auf und drängten den Ausgängen zu, theils auch, weil sie glauben mochten, das Stück sei aus. Einige kräftige Männerstimmen hemmten den Strom und bald wurde verkündet zur allgemeinen Zufriedenheit und — Belustigung, daß die Feuerwehr geglaubt habe, das Stück sei aus und deßhalb den eisernen Vorhang vorgezogen habe. Im Uebrtgen wird wohl Jeder, welcher di-.' Scene mit angesehen hat, die Beruhigung nach Hause getragen haben, daß hier nicht so leicht etwas passiren kann.
Castel, 25. Oktober. Die Frau eines Steinbruchbesitzers machte gestern einem der Arbeiter Vorwürfe wegen eines Vergehens, das sich derselbe zu Schulden kommen ließ Hierdurch gerieth der Betreffende so in Wuth, daß er eine Mistgabel ergriff und diese der Frau in die Brust stieß. Die Verletzung soll lebensgefährlich sein; der Thäter ist geflüchtet.
Berlin, 25. Oktober. Heute früh brach im Gebäude des Auswärtigen Amtes, Ecke der Wilhelmsstraße, Feuer aus. Kurz nach 7 Uhr bemerkten Beamte des genannten Ministeriums in einem in dem Erdgeschoß gerade über dem Haupteingang belegenen Zimmer einen sehr auffälligen Qualm, der sie zum Herbeiholen der nächsten Feuerwache veranlaßte. Beim Eintreffen der ersten Spritzen stand bereits das ganze Znnnnr mit allem Inventar an Mobilien, Büchern und Manuscrtpten in Flammen, so daß sofort stärkere Löschabtheilungen durch die Meldung „Mittelfeuer" herangezogen werden mußten. Obwohl zugleich unter dem persönlichen Commando unseres Branddirectors eine Dampsspritze und mehrere große Handdruckspritzen, die aus den nächsten Hydranten mit Wasser versorgt wurden, in Thät-gkeit gesetzt wurden, so konnte doch nickt verhindert werden, daß der Fußboden des Zimmers durchbrannte und theilweise in das Vestibül herabstürzte. Eine weitere Ausdehnung des Brandes auf die angrenzenden Zimmer konnte glücklicherweise noch verhindert werden- Lösch- und Aufräumungsarbeiten zogen sich bis in die zehnte Stunde hin. lieber die Entstehungsursache, sowie über den angerichteten Schaden ließen sich genauere Einzelnhetten durchaus nicht feststellen.
Biebesheim, 25. Oktober. Gleichwie in Hofheim so steht auch in unserer Gemarkung alles unter Wasser. Die noch ausstehenden Kartoffeln muß man theil- weise in Rachen holen, theilweise ist den Aeckern gar nicht beizukommen Es ist dies für unsere Landwirthe um so empfindlicher, als die Kartoffeln dieses Jahr gute Preise haben und die Ernte an Getreide nicht nur schlecht ausgefallen ist, sondern auch von den Wenigsten bis jetzt an den Mann gebracht werden konnte.
Bern, 24. Oktober. Die Schulsynode hat sich mit allen gegen zwei Stimmen für die lateinische Schrift als Schreib- und Druckschrift ausgesprochen; ebenso für eine einheitliche, möglichst einfache Orthographie, anschließend an die deutsche Rechtschreibung. Die Erziehungsdirection wird ersucht, hierfür die geeigneten Schritte zu thun.
Newyork, 23. Oktober. Ein Dampfer, angeblich „Wambe", mit mehreren Hundert Kulis an Bord, von Hongkong nach Victoria unterwegs, ist 45 Meilen nördlich von der zwischen der Vancouveur-Jnsel und Washington Terntory gelegenen Meerenge von Juan de Fuca zu Grunde gegangen. Keiner der Kulis ist, so viel man weiß, gerettet worden und wurden drei Leichen aus dem Meere gefischt. Die Kulis sollten, wie es heißt, bei den großen Eisenbahnbauten in Victoria beschäftigt werden.
Aus Thüringen, 24. Oktober. In verwichener Nacht ist der bekannte thüringische Curort Ilmenau von einer großen Feuersbrunst heimgesucht worden; es sind 12 Scheunen und 3 Wohnhäuser abgebrannt.
— [Sin Gatte, der seine Frau verheirathet.j Ein reicher und höchst origineller Russe ist seit einigen Tagen wieder in Paris. Samuel Abramowitsch, in Odessa unter dem sonderbaren Namen „boeuf ä la mode“ bekannt, ist ein Anbeter Richard Wagner's. Seine Frau, die für eine der hübschesten Russinnen gilt, wurde es endlich müde, stets die 9tibelungen oorgezogen und sich Wagner's wegen vernachlässigt zu sehen und verliebte sich in den Neffen eines bekannten russischen Sportsman. Auf die Nachricht von diesem fatalen Ereignisse kehrte Herr Abramowitsch sofort nach Hause zurück; doch anstatt — wie viele Andere es gethan hätten — böse zu werden, beeilte er sich, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und als Trauungszeuge ihrer zweiten Vermahlung beizuwohnen. Um feiner Originalität jedoch die Krone aufzusetzen, hat er seiner ehemaligen Frau ein Hochzeitsgeschenk von 200 000 Rubel gemacht.
— Dem Berl Tgbl. wurde neulich, um Abwechselung in die bekannten „Ersten Veilchen, Blüthen, Maikäfer und Schmetterlinge" zu bringen, von einem Jäger der erste geschossene Hase zur „Ansicht und Verspeisung" übersendet, und dieser Tage wurden der Redaction desselben Blattes zwanzig auserlesene Krammetsvögel überschickt mit der Bitte, diese kleine Gabe dem „inneren Raritätenkabinet" einzuoerleiben, was Nachahmung verdient.
— Die chemische Untersuchung des Blumenstraußes, welcher dem Präsidentenmörder Gmteau am Tage vor seiner Hinrichtung von seiner Schwester, Frau Scoville übermittelt werden sollte, aber als verdächtig angehalten worden war, hat ergeben daß eine große, halbgeöffnete Rosenknospe desselben mebr als fünf Gran weißen Arsenik enthielt. Diftrictsanwalt Corkhill sucht letzt die Person ausfindig zu machen, welche das Gift in dem Strauße verborgen, um dieselbe in den Anklagezustand zu versetzen.
— sSeldstleuchtende EffenbahnwaggonS.j Aus London schrerbt man vom 18. ds.: Eine Gesellschaft von mehreren Herren, darunter Lord A. Churchhill, machte gestern eine kleine Tour In einem Eisenbahnwaggon, der innen an der Decke mit Bal- maints patentirter Leuchtfarbe angeslrichen war, um deren Leuchtkraft zu erproben. Da trübes Wetter war, batten die felbstleuchtenden Platten nicht so viel Lichtempsäng- lichkeit entwickelt, als dies bei Hellem Sonnenschein der Fall gewesen wäre; nichtsdestoweniger verbreitete sich, als der Waggon im BlaeckeathTunnel einfuhr, von der Decke des Waggons ein so sanftes und gleichmäßiges Licht, daß man die an den Seiten angebrachten Inserate ganz gut lesen konnte. Auch die Ziffern der Uhr, sowie die Köpfe der Zeitungsartikel waren deutlich lesbar. Da der Anstrich keinen Phosphor enthält, war auch nicht der m'ndcste Geruch zu verspüren. Das Experiment hat sich somit vollständig bewährt, was um so schätzenswerther ist, als die Waggons 3. Classe bisher vollständig unbeleuchtet waren.
— Die Löwen des Tages in Paris sind augenblicklich zwei junge Römer, die Herren Barucci und Ferrari, zwei Koryphäen des Rudersports, welche in ihren winzigen Schwertbooten vom Tiber aus längs der italienischen Küste nach Marseille und von dort durch die Rhone, die Saone und deren Verbindungs-Canäle bis in die Seine und nach Paris gerudert sind. Bei ihrer Ankunft am Quai de la Rapee, wo sie von Tausenden von Neugierigen erwartet wurden, fand eine Begrüßung seitens ihrer in Paris lebenden Landsleute statt. Seit dem Jahre 1867, um welche Zeit der Engländer


