Ausgabe 
26.3.1882 Drittes Blatt
 
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1882.

Sonntag den 26. März

Drittes Blatt.

Sir. 73

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Dienstag erteilten Abfchiedsaudienz äußerte, sollen jedenfalls der Befriedigung des italienischen Herrschers darüber Ausdruck verleihen, daß die Beziehungen zwischen Italien und Frankreich wieder die ungetrübtesten sind. Der König dankte dem scheidenden Botschafter warm für die Sympathien, welche er Ita­lien bezeugt habe, betonte dann seine (des Königs) freundlichen Gesinnungen gegen Frankreich und schloß mit der Versicherung, daß Italien lebhaft den Frieden wünsche. Hoffentlich wird Frankreich diese königlichen Worte richtig würdigen und die Italiener nicht abermals vor den Kopf stoßen.

Am russischen Hofe dauert der Minenkrieg zwischen dem Mini­ster des Innern, Grafen Jgnatieff, dem Haupte der panslavistischen Partei, und dem Leiter des Auswärtigen Amtes, Staatsrath v. Giers, dem Vertreter desWestens", mit ungeminderter Lebhaftigkeit fort. Bis jetzt ist es den Jn- triguen Jgnatieff's noch nicht gelungen, die Stellung Giers zu erschüttern, da dieser hauptsächlich durch den jetzt in Petersburg anwesenden russischen Bot­schafter in Paris, Fürsten Orlow, gehalten wird. Sobald dieser aber wieder abge­reist sein wird, dürfte Giers, wie man in Petersburg allgemein anninimt, dem Ansturm der Panslavisten nicht mehr lange widerstehen, so daß die Uebernahme der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands durch Jgnatieff nur noch als eine Frage der Zeit erscheint. Der Czar hat an Kaiser Wilhelm em Telegramm gerichtet, in welchem es heißt, daß der Czar und seine Gemahlin mit Herz und Sinn zum Geburtstage des Kaisers gegenwärtig seien. Das Telegramm schließt mit den beachtenswerthen Worten:Möge Gott noch für lange Jahre Ihr so ruhmgekröntes Leben erhalten, zum Wohle Deulschlands, für den Frieden Euro­pas und zur Befestigung der Freundschaftsbande zwischen Uns und Unseren Reichen." _

Was nun die Vorgänge auf dem Gebiete unserer inneren Uolitik während der zurückgelegten Woche anbelangt, so ist es noch immer Me am vorigen Dienstag im Plenum des preußischen Volkswirthschastsrathes mit 33 gegen 31 Stimmen erfolgte Ablehnung des Tabakmonopol-Entwurss, tuf welches Ereigniß sich das hauptsächlichste Interesse concentnrt. ^e weniger rin ablehnendes Votum von Seiten gerade dieser Corporation erwartet wurde, »esto überraschender war die Nachricht hiervon. Der Volkswirthschastsrath hat iwar noch eine Resolution angenommen, in welcher er sich mit 48 gegen U Stimmen für eine höhere Besteuerung des Tabaks aussprach, aber diele Resolution ändert an der Thatsache nichts, daß der Volkswirthschastsiath den Regierungs-Entwurf, wenn auch nur mit 2 Stimmen Majorität, abgelchnt hat., lieber die nächsten Folgen, welche dieses ablehnende Votum m Bezug aus die nächsten in unserer inneren Politik zu erwartenden Ereignisse, wie Minister- Conserenzen und Einberufung des Reichstages, haben wird, verlautet noch inchw Näheres, möglich aber, datz die gegen das Tabatmonopol ausgefallene Entichel-- Dung des preußischen Volkswirthschastsrathes die Dispositionen für unsere nächste Zukunft ändern und die Grundlagen für unsere ganze innere Politik uimvandelu wird. Neben diesem Votum des Volkswirthschaftsrathes hat auch noch eine andere Entscheidung stattgesunden, welche in Regierungskreisen ebenfalls einen höchst peinlichen Eindruck machen mnß. Die Budget-Commission des preußischen Abgeordnetenhauses lehnte, gleichfalls ani Dienstag, den von der Regierung vor­geschlagenen Steuererlaß mit 13 gegen 7 Stimmen ab. In der sehr ein­gehenden Debatte über den Regierungs-Entwurf führte Finanzminister Bitter nochmals die Gründe an, welche die Regierung zum Steuererlaß bestimmten, während von den Gegnern des Steuererlasses namentlich hervorgehoben wurde, daß die gegenwärtige Finanzlage Preußens die Mittel zu einer derartigen Mani­pulation überhaupt nicht biete, auch sei über alle dem preußischen Staate etwa zufließenden Geldmittel durch den Etat bereits verfügt. Für den Erlaß stimm­ten nur die beiden fortschrittlichen Vertreter, der secessionistische Vertreter , drei Conservative und der Pole v. Alagdzinski. Die für den Steuererlaß beftinnnten 63/t Mill. .X werden demnach als Einnahine in den Etat gestellt werden.

Die österreichischen Truppen haben trotz ihrer jüngsten Erfolge mit den südslavischen Jnsurgentenbanden noch immer nicht tabula rasa machen können. Gleich den Köpfen der lernäischen Schlange entstehen an Stelle eines zersprengten Jnsurgentenhaufens wieder neue Schaaren, mit denen sich dann die Oesterreicher von Neuem herumschlagen müssen. Trotzdem ist die Kraft des Aufstandes sowohl in der Crivoscie, wie in der Herzegowina im Großen und Ganzen als gebrochen zu betrachten und Feldmarschall-Lieutenant Baron Jova­novics hat nur die allerdings nicht ganz leichte Ausgabe vor sich, die aufständi­schen Bezirke von den Resten der Insurgenten zu säubern. Das öster­reichische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich in vergangener Woche mit der Specialberathung der Wahlreform-Vorlage und den hierzu von der Majorität gestellten Abänderungs-Anträgen. An der Annahme der Vorlage ist nicht zu zweifeln und da dieselbe ihre Spitze gegen das dentschliberale Element richtet, so steht der liberalen Partei in Oesterreich noch eine schwere Prüfungs­zeit bevor.

Wochenschau.

Gießen, 25. März.

Unter den Begebenheiten der vergangenen Woche hebt sich Hne.r unfereS greisen Kaisers als das markanteste Ereignis; ab, an wM?m die ganze deutsche Nation, ja, auch ihre im Auslande lebenden Mied r inniaeu Antheil nahmen. Was uns hieran besonders mit Genugthumig kr ll st d ß der Kaiser trotz seiner 85 Jahre seinen Ehrentag in voller ÄsUaer irische und körperlicher Rüstigkeit begehen konnte. Der^Monarch em- rfinch die ihn Beglückwünschenden stehend, in heiterster, glücklichster Stimmung und war von dem Unfall, der den hohen Herrn letzthin betroffen, ihm nicht das Geringste mehr anzumerken, lieber die bemerkenswerthesten Momente des llmpsanges beim Kaiser tragen wir noch Folgendes nach: Von 1 U r an empfing8 der Kaiser die Gliickwünsche des Konigl. Hauses, der Fürstlichkeiten, ks diplomatischen Corps, der Minister, der Generalität, der Hof- unb Staate Srbenträger, an deren Spitze Fürst Bismarck erschien Mit dem Empfang des Präsidiums des Landtages war die Gratulation beendet, welche den Kaiser drei volle Stunden in Bewegung setzten. Von den Feierlichkeiten welche zu Eliren des Geburtstages Kaiser Wilhelms im Auslande veranstaltet wurden, sind die Galadiners an den Höfen zu Wien und Gatschma noch besonders

6iraUbt3nben'einfacben Verhältnissen der ärmeren Volksschichten, b°an'wortet^sich bie Frage:Was soll nun aus dem Mädchen werden? ohne vieI b(e

die dürftigen Verhältnisse der Eltern weisen vonselbstausdieNohedlg^^^ mo. Tochter alsdald nach beendeter Schulzeit einer lohnenden Beschcis 1 IW '^rn aIfo durch dieselbe sich selbstständig ernähren kann, der Versorg! g urch entrückt wird. Zwei Wege stehen für dieses Ziel d->n M-dch-n osten ^^mw oe geht in eine Fabrik oder sie vermiethet sich als Dwnstbot n ! jnbuftric.

onWeiiimb höhere Lohn, welchen der st°bnkherr zahlt, l bt b£n melftm

reichen Gegenden die jungen Mädchen tn bte tfabri^t. u. orbenb

derselben heilsamer für ihr- Zukunst, wenn st- d,e Zuebt unb ben wem e uer oroe i l.chen Familie, das Vorbilb eines wohlgeordneten Haus-v'sens°us sich wirren U°n-n denn die kaum der Schule entwachsenen Kmder «.».eben b««»

ständige Selbstständigkeit, da ihnen noch jebe b«8®nÄit nichts als ein

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profitiren als in der Fabrik.

Gießener Anzeiger

Ailits- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

. »uur.

In England ist die irische Frage zur Zeit anderen wichtigen An­gelegenheiten gegenüber, mit denen das englische Parlament sich jetzt beschäftigt, etwas zurückgetreten. Eine Hauptrolle unter letzteren spielt die Regierungs- Vorlage, welche die Einführung des Antrages auf Schluß der Debatte im Unterhause bezweckt unb wodurch der Verschleppung der Debatten, welche beson­ders in der vorigen Session des Unterhauses hervortrat, ein Ende gemacht wer­den soll. Die Conservativen werden natürlich schon aus Gründen der Opposi­tion gegen die Regierungs-Vorlage stimmen, ebenso die irischen Deputirten unb 10 bis 15 Liberale. Doch rechnet die Regierung für sich noch aus eine Mehr­heit von 20 bis 30 Stimmen; eine Ablehnung ber Vorlage würde andernfalls das Cabinet Gladstone in große Verlegenheit setzen unb ein Rücktritt besselben wäre bann die wahrscheinliche Folge ber Ablehnung.

Die außerordentlich herzlichen Worte, welche König Humbert bei ber dem französischen Botschafter beim Qüirinal, Marquis de Noailles, am

Was fall nun aus dem Mädchen werden?

Eine Osterfrage.

Kann bei brr Erstiedung iig'nb eims kleinen Erfolges berjewge seiner Lache einigermaßen gewiß sein, welcher nach bes Dichters Wort mit Sßerftanb juin Ziele strebt, so muß dies Wort geradezu zum Gesetz für Denjenigen werben an dessen En^ schlüss n bas Glück eines ganzen Lebens sich knüpft. Vor solche Entschlüsse sth-n sich in ben Nächsten Wochen uno Tagen wieder tausende von Menschenherzen gestellt, denen Söhn- unb Töchter so w- t herangewachsen sinb, baß sie nun dre Schule verlassen unb in bi- große Schule bes Lebens übertreten sollen. Die Sorgen was nun aus dem Kinde werben soll, ist für bi- Eltern ber verschiedensten Stande und Schichten des Volkes - ne gleich ernste und gleich schwere, wenn sie auch von dem verschiedenartigen Standpunkte aus welchen die Betheiligten gesellschaftlich etnnehmen, -m- verschieben- artige Färbung Haden mag. Auch bezüglich des Geschlechts bei Kinder st das viel, gehörte Urtheil nicht ganz stichhaltig, baß ui Bezug auf bic Vorbereitung jür ben Lebensweg, welchen d e fiinber, ber Schule unb dem Hause entwachsen, selbstständig wandern lernen sollen, die Sorge für die Knaben großer se , °ls für die Mädchen oder umg'kehrt. Wir seh n hier natürlich ganz von jenen Familien ab, welche mit einer so reichlichen Fülle von irdischen Glücksgüt-ru gesegnet sind, daß ihnen dadurch sur alle Fälle eine sichere Existenz gewährleistet erscheint, obwohl IN Anbetracht der wunder­baren W-chselfäll- des Lebens auch hier die Frage nicht schlankweg von der yand gewiesen werden sollte:Wi- ist unser Kind in den Stand zu setzen, gegebenen palles durch eigene Kraft sein Fortkommen zu finden?" .... .

Die Sorge für die künftige Existenz des Knaben konnte leicht erscheinen da dem angehenden Jünglinge unb bem kräftigen Manne das L-ben taujendfache Gelegenheit bietet, seinen L bensunlerhalt zu findeii, sein Glück zu machen. Aber w e übe,all, o macht auch b er d e Wahl unter den vielen Beru sarten die meiste Qual. Außerdem sind auch oie ll theil- - sind's auch meist Vo,nrtheile - des Standes seiner Eltern maßgebend für die Wahl seines Berufes unb dadurch im Allgemeinen bestimmend für 'eine rrtkünst ge Lebensbahn. In anderer Weise wild die Sorge für die Zukunft des Mädchens erschwert; denn hier sprechen nicht blos Standesmtheile, Familienpeikommen und Sitte ein gewichtiges Wort, sondern körperliche wie geistige Eigenschaften ziehen der Frau im Allgemeinen im Leben engere Grenzen, weifen 'br wemg zahlreiche Ge­biete zu, auf denen sie ihre Fähigkeiten bethatigen kann. Daß die Einschränkungeme in der Natur bes weiblichen Geschlechts begründete ist, geht wohl ziar Genüg

bervor bafi man in neuerer Heil von größeren Fortschritten des weio- lichen Geschlechts aus verschiedenen Gewerbsgebteten unb in neOchiedeuen Kategorien von Posten unb Aemtcrn, In welchen baffelbc mit der .Männerwelt zu co^ curriren angefangen hatte, nichts gehört bat Unb doch ^361

werden, daß man in ben gebilbeten Kreisen rvuklichen Ernst unb gutenWillen zetg, bie Lösung ber socialen Frage in diesem Punkte sorbern zu Hellen, also keineswegs aus bloßer vorgefaßter Meinung einem Streben der Framn nach Emanc,patton eMgegen : ist. Sollen aber nun Eltern es dem Zufall überlassen, aus welch- Welse s chere

; Tochter einmal, wenn sie selbst ihre Augen Mhun oder ihre Hand schaff-nsschwach . wird, durch's Leben schlagen wird? Dies war- jedensalls ebenso verwerflich, am I vielgehört- R-de leichtfertig ist:Ein Mädchen braucht m d r Schule J lernen. Manches Mädchen, dessen geistvolle und manuelle Ausbildung v-rn°«w,stgt worden war, hat dies in ben Augenblicken beklagt, ba ihr bte Stützen iyr-s reoenv