— Eines der dunkelsten Capitel der Geheimnisse von Kairo entrollte sich den siegreichen Engländern nach ihrem Einzuge beim Betreten der alten, halbverfallenen, labyrinthartlgen Cttadelle. Was sie in den Casematten derselben zu sehen und zu hören bekamen, das gemahnte an die finstersten Zeiten des Mittelalters, das gemahnte an die Phantasiegebtlde krasser Sensatonsromane, das war eine Zusammenhäufung von raffinirter Grausamkeit und Corruption, wie man sie selbst im halbbarbarischen Egypten nicht für möglich gehalten hätte. In diesen Casematten befanden sich die Kerker und diese Kerker waren mit Gefangenen, zum Theil Verbrechern, zum überwiegenden Theile jedoch Opfern der Regierung Arabi's, vollgepfropft. Als die englischen Dragoner in die Veste einritten, suchten sich die in aller Hast freigelassenen Gefangenen, denen man die entsetzlichsten Dinge von den Engländern erzählt hatte, durch einen Sprung in die Tiefe zu retten. Dann aber — doch lassen wir den britischen Berichterstatter sprechen: Plötzlich trat ein Mann in Officiersuniform mit unzähligen Verbeugungen aus uns zu und erklärte dem Colonel nach orientalischer Facon, daß Alles, was er an irdischen Gütern besitze, den Fremden zu Gebote stehe und er nichts dafür verlange, als ihre künftige Gunst und Freundschaft- Der biedere Colonel Knox hielt ihn für einen recht civilen, ansprechenden Mann. Er sei rin Bimbaschi, sagte dieser (ein Major), das Unglück habe ihn zur Nachfolge Arabi's gezwungen. Er hasse Arabi von Herzen und liebe jeden Colonel im schönen rothen Rock. Dürfe er ihn umarmen und ihm ewige Freundschaft schwören? Nein? Ach, die Engländer, sind eins kalte Race. Was hatte der Bimbaschi mit den Flüchtenden zu schaffen und mit jenem wimmernden Haufen in der Ecke, der nicht den Muth hatte, den Anderen in die Tiefe zu folgen? Der Bimbaschi bemerkte unseren fragenden Blick und schwur von Neuem bet Allah, daß er Europa liebe, daß — nun kam die Pointe — er sogar, als ihm der Befehl zuging, die Citadelle zu vertheidigen, sich geweigert, auch nur einen Finger gegen die noblen Engländer zu erheben, nur von dem Gedanken belebt, werthvolle europäische Leben zu retten! Diese Tartufferie schoß über das Ziel hinaus. Wir wußten besser, wie die Sache stand und Colonel Knox hörte auf, dem Vocativus zu glauben. Der Bimbaschi wurde vorläufig verhaftet und die Recherchen in der Citadelle begannen. Wir fanden drei Kerker, gerüttelt und geschüttelt voll elender Opfer. In dem einen fanden sich Europäer — meist Malteser — welche seit vier Tagen keine Nahrung erhalten hatten und körperlich so zugerichtet waren, daß sie an die Luft getragen werden mußten. Einer war so fürchterlicher Bastonnade unterworfen, daß die Gestalt seiner Füße nicht mehr zu erkennen war. Ein Anderer zeigte den Rücken von Messerscknitten zerfleischt, ein Dritter hatte gebrochene Füße — doch weßhalb mehr schildern? Wer batte Schuld an alledem? „Der Bimbaschi", lautete die zitternde Antwort, „Seine Excellenz Suleiman Zogheib Efendi!" Der artige, in die Europäer verliebte, lächelnde, feiste Bimbaschi wurde sofort in Ketten geworfen, in eine Zelle gesperrt und zwei Wachtposten vor deren Thür gestellt. Am nächsten Morgen ergab die Untersuchung, daß dieser
bieder aussehende, dickfäustige, von einem Ohr bis zum andern traulich grinsende Fal staff von 6 Fuß Höhe jenem sclavenpeitschenden Legree nichts nachgibt, den wir aus dem amerikanischen Roman „Onkel Tom's Hütte" schaudernd kennen gelernt haben, daß er eine Creatur war, welche ost genug Grausamkeiten m't Genuß ausübte und nicht minder oft seine Rechnung dabei fand. Es wurde nachgewiesen, daß in einem einzigen Kerker ohne Dach, voll Unrath und Pestilenz, zwe,hundertundfünfzig Unglückliche so eng zusammengedrängt waren, daß die eine Hälfte die andere ablösen mußte, um sich niedersetzen zu können — die Meriten verstümmelt. Die Minorität hatte sich vor der zerfleischenden Karbatsche oder dem heißen Eisen durch baare Geldzahlung retten können. Der Bimbaschi schonte immer, wenn es Geld eintrug — er war „leider" nur auf em paar Wochen im Amte und nahm auch Kleinigkeiten an — und hatte in der kurzen Zeit von solchen „Schmerzensgeldern" über 100 Pfund Sterling den meist blutarmen Leuten abgeängstigt. Der Bimbaschi versicherte hoch und theuer, daß alle Wunden am Körper der Gemarterten von altem Datum seien, daß die Leute ihm in so bedauernswerther Verfassung „von oben" überliefert wurden — er würde lieber tausend Tode sterben, als sich solcher Barbarei schuldig zu machen. — Wollte nicht der liebe englische Officier die Gnade haben, ihm die Ketten abzunehmen? Nein? O! Der liebe engl'.che Officier würde es nie bereuen, so lange Beide am Leben blieben. Nein? O! Das war ein Mensch, der sich mit weißen Mäusen vergnügt, während er über blutige Verbrechen brütet. Einem Malteser, Gaetano Emfolli, hatte er täglich auf die Fußsohle sechszig Streiche mit einer Trahtpeitsche geben lassen. An einem anderen Malteser ließ er eine von ihm neu erfundene Geißel „mit beweglichen Knoten" probiren, während zwei Knechte sich auf dessen Schulter und zwei auf die Füße setzen mußten. Man peitschte ihn im „Rhythmus", den der Bimbaschi dazu intonirte. Ali Mansul, em Araber von Suez, welcher seine Frau besuchte, als die Engländer schon die Stadt besetzt, erhielt eine Bastonnade von 1200 Streichen, „weil er es mit den Engländern gehalten". Nur ein_ Araber konnte solche Mißhandlungen überstehen. Viele zeigten an den Händen die Spuren der Daumschreibe, Andere ein Netzwerk von Brandmalen auf der Brust, welche durch em glühend gemachtes Drahthemd verursacht waren- Mitunter besuchte der Bimbaschi feine Opfer im Kerker und ohrfeigte sie mit einem gelben Lederschuh. Man watete recht eigentlich durch Blut und Leiden bei diesen Verhören. Zunächst ist der Bimbaschi der „Ehren einer Jsolirzelle" verlustig geworden und mit Handschellen, im ganzen Glanz seiner Uniform mit Räubern und Spitzbuben zusammengesperrt. Wird man ihn ernstlich bestrafen? Quien sabe! Wir sind im Orient und ich will nicht darauf schwören, daß er es nicht verstehen wird, sich im egyptischen Forum loszuschwindeln und es wäre wohl möglich, daß er uns vielleicht nach 14 Tagen lächelnd auf der Promenade begegnen und uns zu einem „Soldaten- kaffee" einladen wird.
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