Aus der Stadt Gießen,
Wer schaffen will, muß fröhlich sein!
Die Kriegsverhältnisse legen allen Menschen gewisse Schranken und Entbehrungen auf, die jeder gern bereit sein sollte, zu tragen. Denn griesgrämige Gesichter neigen zu ablehnender Uebertrei- bung. So hat es jeder in der Hand, sich das Leben leichter zu machen und damit außer sich selbst auch zugleich seinem Nächsten das Selbstbewußtsein zu stärken.
Vor allem kommt es auch hier wieder auf die Frau, die Mutter an. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin,- ihre Familienangehörigen zu versorgen, sondern sie muß auch in seelischer Hinsicht eine feste Stütze sein. Dazu gehört eine große, durch ständige ^elbsterziehung gestärkte Selbstsicherheit. Eine Hausfrau, die ihren Angehörigen bei jeder Mahlzeit vorrechnet, wie lange das Einholen gedauert hat und sich vielleicht noch beklagt, daß die Nachbarin zufällig größere Früchte oder längeren Spargel bekommen hat als sie, verdirbt nur zu leicht sich und ihrer Familie die gute Laune. Um das zu vermeiden, muß gerade die Frau immer wieder ihre angeborene Eigenschaft als Lebens- und Kraftspenderin zu höchster Entwicklung bringen.
Es ist erstaunlich — die Geschichte und die Gegenwart kennen genug Beispiele dafür —, was Frauen zu ertragen und zu leisten vermögen, wenn sie ihr Herz-und chren Verstand fest in der Hand haben. Selbst wenn die berufstätige Frau keine eigene Familie hat, findet sie heute viele Möglichkeiten zur seelischen Mithilfe als Freundin und Ar- beitskameradin. Gegenseitige Unterstützung wirkt doppelt und erzeugt gegenseitiges Vertrauen und Mut.
Auch unsere älteren und alten Frauen, die nicht mehr an der kriegsnotwendigen Arbeit mitwirken können, finden außer ihrer Mitarbeit im Deutschen Frauemverk gelegentlich immer noch im Verwandten- und Bekanntenkreis ein lohnendes Betätigungsfeld. Mit ihrer reichen Lebenserfahrung können sie — natürlich nicht in der Art nörgelnder Querulanten — berufstätigen Frauen und jungen Müttern wertvolle Hinweise durch liebevolle Belehrung vermitteln. Sie wissen aus ihrer langen Haushaltspraxis, daß richtige Zeiteinteilung der wichtigste Punkt im Tagesprogramm ist. Jedoch mcht das planlose Hin- und Herhasten mit der Uhr in der Hand, sondern die rrchige Ueberlegung erzeugt Zeit- und Krafteinsparung und — schont die Nerven!
Die Hausfrau ist ja ihr eigener Herr in ihrem Reich. Niemand verwehrt es ihr, bei der Arbeit anregende Rundfunkmusrk zu hören, das Gemüseputzen oder Ausbessern auf dem sonnenbeschienenen Balkon zu verrichten, um dadurch zugleich eine kleine Erholungspause einzulegen oder mal ein Dertelstundchen die Augen zu schließen. Wenn sie der Familie dann in guter Stimmung die Tür öffnet, wissen die Großen und die Kleinen: Ah, Mutter hat schon auf uns gewartet! Und sie fühlen sich wohl zu Haufe. Denn die Mutter ist Mittelpunkt der häuslichen Ruhe und Gemütlichkeit, die ihnen Erholung bringt von dem anstrengenden Arbeitstag. Dabei kommt es ganz von selbst, daß die Mutter im Hause eine Autorität besitzt, der sich auch der Vater freiwillig beugt. Bei harmonischem Familienleben bedarf es unter vernünsttgen Menschen überhaupt nicht der Aufforderung, daß alle Familienmitglieder der Mutter an die -Hand gehen und sich gegen sei ttg kleine Mühen abnehmen, nicht nur im Krankheitsfalle, auch nicht nur im Krieg, sondern zu allen Zeiten!
Wir wissen alle, daß die deutsche Hausfrau auf der ganzen Welt wegen ihrer Tüchtigkeit bekannt ch; yelfen wir also mit, ihr den guten Ruf für rmmer zu erhalten; denn sie ist die Hüterin der Keimzelle des Volkes, der Familie! G. Moe.
Wildbewirtfchastung neu geregelt.
Die Wildbewirtschaftung fit durch eine Anordnung der Hauptverei-mgung der deutschen Viehwirtschaft auf eine neue Grundlage gestellt worden. Danach ist ^,n Jagdausüdungsberechtigten nach Erfüllung der Hälfte,-chres für das Jagdjahr festgesetzten Gesamtabschusses je nach Jagdstrecke eine bestimmte Stückzahl an Schalenwild freioegeben worden, das sie ohne Anrechnung auf Abschnitte der Reichsfleischkarte im eigenen Haushalt verwenden oder an den Haushalt der an der Ausübung der Jagd beteiligten Personen abgeben können. Jede anrechnungsfi:eie Verwendung eines Stückes Schalenwild muß dem zuständigen Kreisjägermeister angezeigt werden. Bei
?ITatmvfernt unb den schwierigsten Nima- tischen Bedingungen einem an Zahl und Aurriistuna ™tl* l®erJfS'nen Se,n$ fo lange erfolgreichen Widerstand leisten konnten. Man erwartet, daß die Nordamerikaner und Briten di« Besetzung von Attu als einen großen Sieg und als Einbruch in den lapamschen Festungsgürtel bezeichnen werden. Einer nüchternen Betrachtung,kann diese Behauptung jedoch nicht standhalten. Attu war für die Japaner ein weit vorgeschobener Vorposten, dessen Einrichtung nn wesentlichen den Zweck verfolgte, auch im Nordpazifik einen Beobachtungsstützpunkt zu unterhalten und von ihm aus gleichzeitig der omerckanilchen Schiffahrt in diesen Gewässern Ver. lüste belzubringen. Der Verlust des Stützpunktes ist iwnfellos bedauerlich, aber die Versenkungen von nordamerikamschen Kriegs- und Handelsschiffen in diesem Gebiet beweisen, daß das Unternehmen Attu für big Japaner keineswegs erfolglos gewesen ist. Japanischer Vormarsch in Mittel-China
Schanghai 30. Mai. (DNB.) In südwestlicher Richtzlng vorstoßend, eroberten die japanischen Truppen H s i n a n , westlich des Tungting-Sees in NordI §rUrQn'fi®0 'ich das Hauptquartier der 161. -schungklnger Division befand. Hsinan liegt unae- westlich von Lischen am Littana- Fluß Gleichzeltia haben die Japaner die Tschuna- king-«t«llungen durchbrochen, die dem Schutz der weiter südlich liegenden und strategisch wichtigen Stadt Tschangteh (Provinz Honan) dienen sollten.
Neues japanisches Schlachtschiff vom »Oreadnoughtn-Typ.
Tokio, 29. Mai. (Europapreß.) Bilder eines neuen japanischen Schlachtschiffes, das in seiner Kampfkraft und in seinem Aktionsradius dem Dreadnought-Typ entspricht, veröffentlichen die ja- pantschen Zeitungen. Ausländische Marinesachver- ständige erklären, daß dieser Typ den USA- Schlachtschiffen der „Iowa"-Klasse offensichtlich überlegen fei. Man bringt die Veröffentlichungen in Zusammenhang mit den am „Tage der japanischen Marine" abgegebenen Erklärungen des Konteradmirals Hideo Uano, der dis Indienststellung einer Anzahl japanischer Kriegsschiffe neuester Typen mitteilte. Die letzten bekanntgegebenen Neubauten der japanischen Marine waren Schlachtschiffe von 42 500 Tonnen, über die nähere Angaben fehlten. Die „Jowa"-Klasse der Vereinigten Staaten umfaßt vier Schlachtschiffe von je 45 000 Tonnen.
Brasiliens Hafen Bahia der UGA.-Marine übergeben.
Mailand, 30. Mai. (DNB.) „Sortiere della Sera" meldet, daß die brasilianische Regierung der USA-Marine den Hafen Bahia übergeben hat. Die Besetzung dieses wichtigen brasilianischen Hafens wird.allgemein als das Ende der Unabhängigkeit Brasiliens angesehen, dessen Unterwürfigkeit Wa°. fhington gegenüber nicht vollständiger sein kann.
" Kunst und Wissenschaft.
Der Papyrus-Restaurator Hugo Jbscher f.
Hugo Jbscher starb in Berlin im 69. Lebensjahre. Er war ein merkwürdiger Mann. Der mittellose Buchbinderlehrling, der von der Volksschule kam, hat es bis zum Ehrendoktor der Hamburger Universität und zu einem weithin geachteten Namen gebracht. Als er vor etwa 50 Jahren zu Hilfsdiensten bei der Konservierung ägyptischer Papyrus- handschriften des Berliner Museunis herangezogen wurde, fand er hier das Arbeitsgebiet, dem er sein ganzes Leben/widmete. Mit Ausdauer, Geduld und Fleiß, mit feinfühligen Händen und sicheren Augen, im wesentlichen aus eigener Beobachtung und eigenem Denken lernte er die überaus empfindlichen Reste uralter Papyrusblätter, Bücher, Briefe und Akten aller Art zu restaurieren. Zahllose Texte in ägyptischer, armenischer, griechischer, lateinischer und arabischer Schrift hat er in mehr als 40 Jahren rastloser Arbeit wiederhergestellt und der Wissenschaft damit unersetzliche Schätze gerettet. Kein Wunder, daß die Hüter alter Handschriften von überall her sich an ihn wandten, aus der Dattkan- schen Bibliothek in Rom wie aus Kopenhagen und Upsala, aus London und Istanbul. Indem er den Ausländern half, machte er dem deutschen Namen Ehre. Aber vor allen anderen genoß Deutschland die Früchte seiner Arbeit. Es gibt kaum eine Hand- schtiftensammlung oder Bibliothek, die ihm nicht zum größten Danke verpflichtet wäre-
Das ABC für Klei- und Schuh.
Zur Spinnstoff- und Schuhsammlung bis 12. Juni.
Wenn an uns alle in diesen Tagen die Aufforderung ergeht, entbehrliche Kleidungsstücke und überzähliges Schuhwerk abzugeben, so werden viele versucht fein, von vornherein „nein" zu sagen. Schließlich haben wir schon vier Jahre Krieg — so begründet man seine Ablehnung — und was ich da noch an Spinnstoffen oder Schuhwerk besitze, ist nur das allernotwendigste Rüstzeug für den Alltag. Das mag im Einzelfalle stimmen oder nicht. Es wurde jedoch ausdrücklich betont, daß neben den entbehrlichen Kleidungsstücken vor allem auch die Altspinnstoffe erfaßt werden. Das nachstehende ABC zeigt, was alles auf den Sammelstellen willkommen ist.
A = alte Anzüge, Bekleidung und Spinnstofie aller Art, alte Schuhe und alte Stiefel,
B = Bänder, Baumwolle, Berufskleidung, Bettwäsche, Bindfaden, Blusen, Brotbeutel, Burschenkleidung, Bohnerlappen,
C = Chemisetts,
D = Damenwäsche, Damenhandschuhe, Damenschuhe, Decken,
E = Einkaufsnetze, Einkaufstaschen aus Geweben,
F = Fahnen, Filzhüte, Filzreste, Frauenklei- bung aller Art,
G — Gardinen, Gamaschen, Gartenschirme, Gurte.
H = Handschuhe, Hausschuhe, Hemden, Herrenkleidung aller Art, Herrenkragen, Herrenstrumpfe, Herrensocken, Herrenschuhe, Herrenstiefel, Hosen, Hüte,
I — Inletts,
I = Jacken, Joppen, Iutesäcke,
K = Kammgarnabfälle, Kinderhandschuhe, Kim derkleidung aller Art, Kinderschuhe, Klndersocken, Kissen, Kissenfüllungen, Kittel, Kokosmatten, Ko- kosläufer, Kordeln, Korsetts, Kragen, Krawatten, Kostüme, Kunftseiden-Wäsche,
L — Lampenschirme, Leibbinden, Leinenwaren aller Art, Läufer,
M = Mäntel, Manschetten, Matratzen, Matratzenstoffe, Markisen, Marschstiefel, Möbeldecken, Möbelstoffe, Mützen,
N — Nähstubenabfälle, Netze,
D = Ottomanedecken,
P — Pferdedecken, Plüsche, Posamenten, Puppenkleider, Pullover, Putzlappen, Putzwolle,
Q — Quasten,
R — Reitstiefel, Röcke, Rucksäcke,
S = Samt, Säcke, Segeltuchtaschen, Sofakissen, Socken,
Sch — Schärpen, Schaftstiefel, Schlafdecken, Schirme, Schleifen, Schneidereiabfälle, Schuhe, Schürzen,
Sp = Spitzen, Spinnstoffe aller Art, Stoffreste aller Art, Stoffschuhe, Stores, Straßen- Stofireste aller Art, tofsschuhe, Stores, Straßen- stiefel, Stricksachen, Strümpfe,
T — Taue, Teppiche, Tischwäsche, Tornister, Tuchkleidung,
U — Unterwäsche,
V — Vorhänge,
W — Wagenplane, Wäsche, Wattefüllungen, Westen, Wollefüllungen, Wolle aller Art, ,
X = wird nicht benötigt, weil keiner ein X für ein U macht, wenn er überlegt, was er spenden könnte,
V — ist in das Belieben der Spender gestellt,
Z = zum Schluß sei es nochmals vermerkt:
Durch jede Spende wird die Front gestärkt!
Annahmestellen:
Ortsgruppe Mitte, Marktstraße 25, täglich von
15 bis 18 Uhr;
Ortsgruppe Nord, Marburger Straße 20, täglich von 15 bis 18 Uhr;
Ortsgruppe Ost, Licher Straße 19, täglich von
14 bis 17 Uhr;
Ortsgruppe Süd, Am Riegelpfad 84 und Hof- mannftraße 1, Mittwoch von 16 bis 21 Uhr;
Ortsgruppe W i e f e cf , Schulstraße 3, Mittwoch und
Samstag von 20 bis 22 Uhr;
Ortsgruppe Klein-Linden, im Backhaus-Stein- ftraße, Mittwoch und Samstag von 17 bis 20 Uhr.
Wenn die Ablieferung bei den Annahmestellen nicht möglich fit, bitte anrufen ober durch Postkarte mitteilen, wann und wo die Sachen abgeholt werden
können. . ,
Hasen und Fasanen sind von dem Jahresabschuß öines jeden Jagdreviers künftig 25 Stück ablieferungsfrei, während von den darüber hinausgehen- den Abschüssen mindestens 75 v. H. an Wild Handelsbetriebe abgeliefert werden müssen. Diese müssen wie bisher das zerwirkte Schalenwild auf Abschnitte der Reichsfleischkarte oder andere Bedarfsnachweise für Fleisch abgeben, wobei die Anrechnung nach wie vor in doppelter Menge zu erfolgen hat; Wildragout, Hasen und Fasanen sind auch künftig anrechnungsfrei abzugeben. Die Anordnung schreibt weiter vor, daß die Wildhandelsbetriebe, außerhalb von Großstädten oder diesen gleichgestellten Gemeinden 75 v. H. ihres Wildes an Wildhandelsbettiebe in Großstädten oder gleichgestellten Gemeinden zu liefern haben. Für den Kleinoerkauf von Wildfleisch können die Ernährungsämter besondere Weisungen erlassen.
Für unsere Verwundeten.
Im Auftrage der Wehrmacht und in Zusammenarbeit mit dem Sonderreferat „Truppenbetreuung" im Reichsministerium für Volksaufkläruna und Propaganda führte die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in hiesigen Lazaretten folgende Veranstaltungen durch: In zwei Lazaretten fanden Konzerte mit Musik aus drei Nationen statt. Maria d'Oroille (Sopran), Franz (Enger! (Cello) und Elsa Krut- hoffer (Klavier) musizierten. Die Vortragsfolge brachte Musikstücke von Beethoven, Bruch und Weber, Liszt und Hubay, Monti, Tosti und Marchesi. Gerda Bachfeld sprach Gedichte aus drei Nationen. — Der Gemischte Chor aus Großen-Buseck fang in einem Lazarett Chöre und Lieder. Unter Leitung von Chormeister Nicolei kamen Werke von Beethoven, Schumann, Silcher, Kuhlau und Schubert zu Gehör. — Zu einer Veranstaltung im Gloria- Palast war eine große Anzahl Verwundeter aus allen Lazaretten eingeladen. Das reichhalttge Programm der „Bunten Bühne", bei dem viele namhafte Künsller vom Frankfurter Opernhaus mit- wirkten, fand dankbaren Beifall. — Im Auftrage der Kreisbildstelle führte Lehrer Appelmann in zwei Lazaretten Filme über Zuckergewinnung, Bierbrauerei usw. vor. — Am Gedenktag für Albert
Leo Schlageter waren bei den Veranstaltungen der Studentenschaft kriegsversehrte Studenten zu ©oft — Die Intendanz des Theaters der Universitäts- ftadt Gießen hatte zu den Vorstellungen im Laufe der Woche wieder Verwundete eingelanden. — In allen Lazaretten wurden Liebesgaben der Kreisamtsleitung der NSV. durch die Betreuerinnen der NS.-Frauenschaft und den Lazarettbetteuer der NSKOV. verteilt. Durch Vermittlung der Kreis» frauenfdjaftsleiterin Wrede hatten die Ortsgruppen in Bettenhausen, Birklar, Großen-Buseck, Oppenrod, Muschenheim, Harbach, Hattenrod und Rödgen Kuchen gespendet, die durch die Setreuerinnen überbracht wurden.
Himmelfahrt«!- und Fronleichnamatag verlegt.
Mit Rücksicht auf die besonderen Erfordernisse ^es Krieges werden der Himmelfahrts- unb der Fronleichnamstag auch in diesem Jahre auf den jeweils nachfolgenden Sonntag verlegt. Die entsprechenden kirchlichen Veranstaltungen finden an diesen -Sonntagen statt. Der 3. und 24. Juni sind Werktage.
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** Silberne Hochzeit. Der Straßenbahnwagenführer i. R. 'Heinrich Becker und Frau Maria, geb. Theiß, können am morgigen Dienstag, 1. Juni, das Fest der silbernen Hochzeit begehen. Dem Jubelpaar herzlichen Glückwunsch.
** Stadt bücherei Gießen, Im Monat Mai wurden 1361 Bände verliehen. Davon kommen auf Romane 910, Jugendschriften 211, Literaturgeschichte 2, Ges. Werke 2, Reisebeschreibungen 67, Technik 51, Lebensbeschreibungen 55, Kriegsgeschichte 36, Philosophie 4, Politik 13 Bände.
Amtsgericht Gießen.
Anfang Mai 1942 logierte sich in einer hiesigen Gastwirtschaft ein Mann aus Bremen ein, der bei feiner Abreise von der Wirttn einen Handkoffer entlieh und dabei versprach, den Koffer sofort zu- rückzuschicttn. Don einem Manne, dem er die Ord-
Kloßfahrt. -
Bön Hermann Hesse.
Durch meine Vaterstadt im Schwarzwald floß ein Fluß, ein Fluß, an dem damals nur erst ganz wenige Fabriken standen, wo es viele alte Mühlen und Brücken, Schilfufer und Erlengehölze, wo es viele Fische und im Sommer Millionen von dunkelblauen Wasserjungfern gab. Es fit mir unbekannt, wie sich die Fische und die Wasserjungfern zwischen dem zunehmenden Zementgemäuer der Ufer und den zunehmenden Fabriken gehalten haben, vielleicht sind sie noch immer da. Vermutlich längst verschwunden aber ist etwas, was es damals auf dem Flusse gab, etwas Schönes und Geheimnisvolles, etwas Märchenhaftes, etwas vorn Allerschönsten, .was dieser schöne sagenhafte Fluß befaß: die Flößerei. Damals, zu unseren Zeiten, wurden die Sck)warzwälder Tannenstämme den Sommer über in gewaltigen Flößen alle die kleinen Flüsse bis nach Mannheim und zuweilen noch bis Holland hinunter auf dem Wasser befördert, die Flößerei war ein eigenes Gewerbe' und für jedes Städtchen war im Frühjahr das Erscheinen ds ersten Floßes noch wichtiger und merkwürdiger als das der ersten Schwalbe.
Ein solches Floß (das aber auf Schwäbisch nicht „das Floß" hieß, sondern „der Flooz") bestand aus lauter langen Tannen- und Fichtenstämmen, sie waren entrindet, aber nicht weiter zugehauen, und bas Floß bestand aus einer größeren Anzahl von Gliedern. Jedes Glied umfaßte etwa acht bis zwölf Stämme, die an den Enden verbunden waren, und an jedem Glied hing das nächste Glied elastisch, mit Weiden gebunden, so daß das Floß, war es auch noch so lang, mit seinen beweglichen Gliedern sich den Krümmungen des Flusses anschmiegen konnte. Dennoch passierte es nicht selten, daß ein Floß stecken blieb, eine aufregende Sacke für die ganze Stadt und ein hohes Fest für die Jugend. Die Flößer, wegen ihres Mißgeschicks von den Brücken herab und aus den Fenstern der Häuser vielfach ver- hbhnt, waren wütend und hatten fieberhaft zu arbeiten, wateten schimpfend bis zum Bauch im Wasser, schrien und zeigten die ganze berühmte Wildheit und Rauhigkeit ihres Standes; noch ärgerlicher und böser waren die Müller und Fischer, und alles, was am Ufer seist Leben unb 'seine Arbeit ögtter
namentlich die vielen 'Gerber, tief den Flößern Scherzworte oder -Schimpfworte zu. War das Floß unter einem offenen Schleusentor steckengeblieben,, bann trabten und schimpften die Müller ganz besonders, und es gab bann zuweilen für uns Knaben ein besonderes Glück: das Flußbett rann eine Strecke weit beinahe leer, und unterhalb der Wehre konnten wir bann die Fische mit der Hand fangen, die breiten glänzenden Rotaugen, die schnellen stachligen Barsche unb etwa auch ein Neunauge.
Die Flößer gehörten offensichtlich, zu den Unseß- haften, Wilden, Wanderern, Nomaden, unb Floß und Flößer waren bei den Hütern der Sitte und Ordnung nicht wohlgelitten. Umgekehrt war für uns Knaben, so oft ein Floß erschien, Gelegenheit zu Abenteuern, Aufregungen und Konflikten mit jenen Ordnungsmächten. So wie zwischen Müllern und Flößern ein ewiger Krieg bestand, in dem ich stets zur Partei der Flößer hielt, so bestand bei unseren Lehrern, Eltern, Tanren eine Abneigung gegen das Flößerwesen, und ein Bestreben, uns mit ihm möglichst wenig in Berührung kommen zu lassen. Wenn einer von uns zu Hause rfiit einem recht unflätigen Wort, einem meterlangen Fluch aufwartete, dann hieß es bei den Tanten, das habe man natürlich wieder bei den Flößern gelernt Und an manchem Tage, der durch die Durchreise eines Floßes uns zum Fest geworden war, gab es väterliche Prügel, Tränen der Mutter, Schimpfen des Polizisten. Eine schöne Sage, die wir Knaben über alles liebten, war die von einem kleinen Buben, der einst wider alle Verbote ein Floß bestiegen und damit bis nach Holland und ans Meer gekommen sei und erst nach Monaten sich wieder bei feinen trauernden Eltern eingefunden habe. Es diesem Märchenknaben gleichzutun, war jahrelang mein innigster Wunsch.
Weit öfter, als mein guter Vater ahnte, bin ich als kleiner Bub für kurze Strecken blinder Passagier auf einem Floß gewesen. Es war streng verboten, man hatte nicht nur die Erzieher und die Polizei gegen sich, sondern leider meistens xruch die Flößer. Schöneres und Spannenderes gibt es für einen Knaben nicht auf der Welt, als eine Flußfahrt. Denke ich daran, so kommt n)it hundert zauberhaften Düften die ganze Heimat und Vergangenheit herauf.
Ein vorüberfahrendes Floß besteigen konnte man Mweder yom Laufsteg eines Schleusentores« ein«.
sog. „Stellfalle" aus — das galt für schneidig und forderte einigen Mut, oder aber vom Ufer aus, was oft gar nicht schwierig war, aber doch jedesmal mit einem halben oder ganzen Bad bezahlt werden mußte. Am besten noch ging es an ganz warmen Sommertagen, wenn man ohnehin sehr wenig Kleider und weder Schuhe noch Strümpfe an hatte. Dann kam man leicht aufs Floß, und wenn man Glück hatte und sich vor den Flößern verbergen konnte, war es wunderbar, ein paar Meilen weit zwischen den grünen stillen Ufern den Fluß hinunter zu fahren, unter den Brücken und Stellfallen hindurch. Während des Fahrens aber, wenn nicht gerade ein Flößer freundlich war und einen auf einen Bretterstoß setzte, bekam man sehr bald auch die Unbilden des beneideten Flößerhandwerks zu kosten. Man stand unsicher auf den glitschigen Stämmen, zwischen denen das Wasser ununterbrochen herauf spritzte, man war naß bis auf die Knochen, und wenn es nicht sehr sommerlich war, fing man stets bald an zu frieren. Und dann kam der Augenblick näher, wo man das rasch fahrende Floß wieder verlassen mußte, es ging gegen Abend, man schlotterte vor nasser- Kühle, und man war bis in eine Gegend mitgefahren, wo man die Ufer nicht mehr so genau kannte wie zu Hause. Nun galt es eine Stelle zu erspähen und unverweilt mit raschem Entschluß zu benützen, wo ein Absprung ans Land möglich schien — meistens gab es in diesem letzten Augenblick nochmals ein Bad, auch war es oft gefährlich, und hie unb da passierte ein Unglück; auch mir ist bei diesem Anlaß einst der Schauder der Todesgefahr bekannt geworden.
Und wenn man dann glücklich wieder an Land war, Erde und Gras unter den Füßen hatte, dann war es m?it, zuweilen sehr weit ngch Hause zurück, man ftan> in nassen Schuhen, nassen Kleidern, man hatte die/Mütze verloren, und nun spürte man nach dem langen glitschigen Stehen auf den nassen Baumstämmen eine Schwäche in den Waden und Knien und mußte doch noch eine Stunde ober zwei oder mehr zu Fuß laufen, und alles nur, um bann von schluchzenden Müttern, enfietzten Tanten unb einem todernsten Vater empfangen zu werden, welche dem Herrn dafür dankten, daß er wider Verdienst den entarteten Knaben hatte heil entrinnen lassen.
Schon in der Kindheit war es so: man bekam nichts geschenkt, man mußte jedes Glück bezahlen.
Und wenn ich heute nachrechne, in was bas Glück einer solchen Floß fahrt eigentlich bestand, wenn ich alle die Beschwerden, Anstrengungen, Unbilden abziehe, so bleibt wenig übrig. Aber dieses wenige ist wunderbar; ein stilles, rasch unb erregend ziehendes Fahren auf dem kühlen, laut rauschenden Fluß, zwischen lauter spritzendem Wasser, ein traumhaftes Hinwegfahren unter den Brücken, durch dicke lange Gehänge von Spinnweben, träumerische Augenblicke des Versinkens in ein unsäglich seliges Gefühl von Wanderung, von Unterwegssein, von Entronnensein und Jndiewetthineinfahren, mit der Perspektive zum Neckar und zum Rhein und nach Holland hinunter — und dies wenige, diese mit Nässe, Frieren, mit Schimpfworten der Flößer, Predigten der Eltern bezahlte Seligkeit wog doch alles auf, war doch alles wert, was man dafür geben mußte. Man war ein Flößer, man war ein Wanderer, ein Nomade, man schwamm an den Städten und Menschen vorbei, still, nirgends hingehörig, und fühlte im Herzen die Weite der Welt und ein sonderbares Heimweh brennen.
O nein, es war gewiß nicht zu teuer bezahlt.
Büchertisch.
— Friedrich Kayßler: Jan b er Wun- bejrbare. Ein derbes Lustspiel. 95 Seiten. Rütten & Loening Vertag, Potsdam. — Es dürfte nicht allgemein gegenwärtig fein, daß der durch zahlreiche Filme auch in der Provinz bekannt gewordene Staatsschauspieler Friedrich Kayßler sich wiederholt» schriftstellerisch betätigt hat. Nächst dem kürzlich erschienenen, seinerzeit an dieser Stelle besprochenen Erinerungsbuche, däs Kayßler feiner verstorbenen Gattin, der Schauspielerin Helene Fehdmer, gewidmet hat, verdient vor allem sein vor längerer Zeit entstandenes, im Stile des niederländisches Bauern-, malers Teniers geschriebenes „derbes" Lustspiel von Jan dem Wunderbaren Erwähnung, die teilweise; dem Boccaccio entnommene Fabel von dem wunder- süchtigen Jan Beest, der eines Tages den unsichtbar machenden Zauberstein gefunden zu haben glaubt und auf drollige Weise von feinen Freunden und Saufkumpanen geheilt und seiner lieben Frau Antje" wiedergeschenkt wird. Man darf dem Verlage für die Buchausgabe dankbar sein, die auch manchem Theaterleiter eine nützliche Erinnerung für die Spiel- plangeftaltunfl gMy ma& Hans Ttyrjpfc


