Ausgabe 
31.5.1943
 
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Aus der Stadt Gießen,

Wer schaffen will, muß fröhlich sein!

Die Kriegsverhältnisse legen allen Menschen ge­wisse Schranken und Entbehrungen auf, die jeder gern bereit sein sollte, zu tragen. Denn griesgrä­mige Gesichter neigen zu ablehnender Uebertrei- bung. So hat es jeder in der Hand, sich das Leben leichter zu machen und damit außer sich selbst auch zugleich seinem Nächsten das Selbstbewußtsein zu stärken.

Vor allem kommt es auch hier wieder auf die Frau, die Mutter an. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin,- ihre Familienangehörigen zu versorgen, sondern sie muß auch in seelischer Hinsicht eine feste Stütze sein. Dazu gehört eine große, durch ständige ^elbsterziehung gestärkte Selbstsicherheit. Eine Haus­frau, die ihren Angehörigen bei jeder Mahlzeit vorrechnet, wie lange das Einholen gedauert hat und sich vielleicht noch beklagt, daß die Nachbarin zufällig größere Früchte oder längeren Spargel be­kommen hat als sie, verdirbt nur zu leicht sich und ihrer Familie die gute Laune. Um das zu ver­meiden, muß gerade die Frau immer wieder ihre angeborene Eigenschaft als Lebens- und Kraftspen­derin zu höchster Entwicklung bringen.

Es ist erstaunlich die Geschichte und die Ge­genwart kennen genug Beispiele dafür, was Frauen zu ertragen und zu leisten vermögen, wenn sie ihr Herz-und chren Verstand fest in der Hand haben. Selbst wenn die berufstätige Frau keine eigene Familie hat, findet sie heute viele Möglich­keiten zur seelischen Mithilfe als Freundin und Ar- beitskameradin. Gegenseitige Unterstützung wirkt doppelt und erzeugt gegenseitiges Vertrauen und Mut.

Auch unsere älteren und alten Frauen, die nicht mehr an der kriegsnotwendigen Arbeit mitwirken können, finden außer ihrer Mitarbeit im Deutschen Frauemverk gelegentlich immer noch im Ver­wandten- und Bekanntenkreis ein lohnendes Be­tätigungsfeld. Mit ihrer reichen Lebenserfahrung können sie natürlich nicht in der Art nörgelnder Querulanten berufstätigen Frauen und jungen Müttern wertvolle Hinweise durch liebevolle Be­lehrung vermitteln. Sie wissen aus ihrer langen Haushaltspraxis, daß richtige Zeiteinteilung der wichtigste Punkt im Tagesprogramm ist. Jedoch mcht das planlose Hin- und Herhasten mit der Uhr in der Hand, sondern die rrchige Ueberlegung er­zeugt Zeit- und Krafteinsparung und schont die Nerven!

Die Hausfrau ist ja ihr eigener Herr in ihrem Reich. Niemand verwehrt es ihr, bei der Arbeit anregende Rundfunkmusrk zu hören, das Gemüse­putzen oder Ausbessern auf dem sonnenbeschiene­nen Balkon zu verrichten, um dadurch zugleich eine kleine Erholungspause einzulegen oder mal ein Dertelstundchen die Augen zu schließen. Wenn sie der Familie dann in guter Stimmung die Tür öffnet, wissen die Großen und die Kleinen: Ah, Mutter hat schon auf uns gewartet! Und sie fühlen sich wohl zu Haufe. Denn die Mutter ist Mittel­punkt der häuslichen Ruhe und Gemütlichkeit, die ihnen Erholung bringt von dem anstrengenden Arbeitstag. Dabei kommt es ganz von selbst, daß die Mutter im Hause eine Autorität besitzt, der sich auch der Vater freiwillig beugt. Bei harmonischem Familienleben bedarf es unter vernünsttgen Men­schen überhaupt nicht der Aufforderung, daß alle Familienmitglieder der Mutter an die -Hand gehen und sich gegen sei ttg kleine Mühen abnehmen, nicht nur im Krankheitsfalle, auch nicht nur im Krieg, sondern zu allen Zeiten!

Wir wissen alle, daß die deutsche Hausfrau auf der ganzen Welt wegen ihrer Tüchtigkeit bekannt ch; yelfen wir also mit, ihr den guten Ruf für rmmer zu erhalten; denn sie ist die Hüterin der Keimzelle des Volkes, der Familie! G. Moe.

Wildbewirtfchastung neu geregelt.

Die Wildbewirtschaftung fit durch eine Anordnung der Hauptverei-mgung der deutschen Viehwirtschaft auf eine neue Grundlage gestellt worden. Danach ist ^,n Jagdausüdungsberechtigten nach Erfüllung der Hälfte,-chres für das Jagdjahr festgesetzten Gesamt­abschusses je nach Jagdstrecke eine bestimmte Stück­zahl an Schalenwild freioegeben worden, das sie ohne Anrechnung auf Abschnitte der Reichsfleisch­karte im eigenen Haushalt verwenden oder an den Haushalt der an der Ausübung der Jagd beteiligten Personen abgeben können. Jede anrechnungsfi:eie Verwendung eines Stückes Schalenwild muß dem zuständigen Kreisjägermeister angezeigt werden. Bei

?ITatmvfernt unb den schwierigsten Nima- tischen Bedingungen einem an Zahl und Aurriistuna tl* l®erJfS'nen Se,n$ fo lange erfolgreichen Wi­derstand leisten konnten. Man erwartet, daß die Nordamerikaner und Briten di« Besetzung von Attu als einen großen Sieg und als Einbruch in den lapamschen Festungsgürtel bezeichnen werden. Einer nüchternen Betrachtung,kann diese Behauptung je­doch nicht standhalten. Attu war für die Japaner ein weit vorgeschobener Vorposten, dessen Einrichtung nn wesentlichen den Zweck verfolgte, auch im Nordpazifik einen Beobachtungsstützpunkt zu unterhalten und von ihm aus gleichzeitig der omerckanilchen Schiffahrt in diesen Gewässern Ver. lüste belzubringen. Der Verlust des Stützpunktes ist iwnfellos bedauerlich, aber die Versenkungen von nordamerikamschen Kriegs- und Handelsschiffen in diesem Gebiet beweisen, daß das Unternehmen Attu für big Japaner keineswegs erfolglos gewesen ist. Japanischer Vormarsch in Mittel-China

Schanghai 30. Mai. (DNB.) In südwestlicher Richtzlng vorstoßend, eroberten die japanischen Trup­pen H s i n a n , westlich des Tungting-Sees in NordI §rUrQn'fi®0 'ich das Hauptquartier der 161. -schungklnger Division befand. Hsinan liegt unae- westlich von Lischen am Littana- Fluß Gleichzeltia haben die Japaner die Tschuna- king-«t«llungen durchbrochen, die dem Schutz der weiter südlich liegenden und strategisch wichtigen Stadt Tschangteh (Provinz Honan) dienen sollten.

Neues japanisches Schlachtschiff vom »Oreadnoughtn-Typ.

Tokio, 29. Mai. (Europapreß.) Bilder eines neuen japanischen Schlachtschiffes, das in seiner Kampfkraft und in seinem Aktionsradius dem Dreadnought-Typ entspricht, veröffentlichen die ja- pantschen Zeitungen. Ausländische Marinesachver- ständige erklären, daß dieser Typ den USA- Schlachtschiffen derIowa"-Klasse offensichtlich über­legen fei. Man bringt die Veröffentlichungen in Zu­sammenhang mit den amTage der japanischen Marine" abgegebenen Erklärungen des Konter­admirals Hideo Uano, der dis Indienststellung einer Anzahl japanischer Kriegsschiffe neuester Typen mit­teilte. Die letzten bekanntgegebenen Neubauten der japanischen Marine waren Schlachtschiffe von 42 500 Tonnen, über die nähere Angaben fehlten. Die Jowa"-Klasse der Vereinigten Staaten umfaßt vier Schlachtschiffe von je 45 000 Tonnen.

Brasiliens Hafen Bahia der UGA.-Marine übergeben.

Mailand, 30. Mai. (DNB.)Sortiere della Sera" meldet, daß die brasilianische Regierung der USA-Marine den Hafen Bahia übergeben hat. Die Besetzung dieses wichtigen brasilianischen Hafens wird.allgemein als das Ende der Unabhängigkeit Brasiliens angesehen, dessen Unterwürfigkeit Wa°. fhington gegenüber nicht vollständiger sein kann.

" Kunst und Wissenschaft.

Der Papyrus-Restaurator Hugo Jbscher f.

Hugo Jbscher starb in Berlin im 69. Lebens­jahre. Er war ein merkwürdiger Mann. Der mittel­lose Buchbinderlehrling, der von der Volksschule kam, hat es bis zum Ehrendoktor der Hamburger Universität und zu einem weithin geachteten Namen gebracht. Als er vor etwa 50 Jahren zu Hilfsdien­sten bei der Konservierung ägyptischer Papyrus- handschriften des Berliner Museunis herangezogen wurde, fand er hier das Arbeitsgebiet, dem er sein ganzes Leben/widmete. Mit Ausdauer, Geduld und Fleiß, mit feinfühligen Händen und sicheren Augen, im wesentlichen aus eigener Beobachtung und eige­nem Denken lernte er die überaus empfindlichen Reste uralter Papyrusblätter, Bücher, Briefe und Akten aller Art zu restaurieren. Zahllose Texte in ägyptischer, armenischer, griechischer, lateinischer und arabischer Schrift hat er in mehr als 40 Jah­ren rastloser Arbeit wiederhergestellt und der Wis­senschaft damit unersetzliche Schätze gerettet. Kein Wunder, daß die Hüter alter Handschriften von überall her sich an ihn wandten, aus der Dattkan- schen Bibliothek in Rom wie aus Kopenhagen und Upsala, aus London und Istanbul. Indem er den Ausländern half, machte er dem deutschen Namen Ehre. Aber vor allen anderen genoß Deutschland die Früchte seiner Arbeit. Es gibt kaum eine Hand- schtiftensammlung oder Bibliothek, die ihm nicht zum größten Danke verpflichtet wäre-

Das ABC für Klei- und Schuh.

Zur Spinnstoff- und Schuhsammlung bis 12. Juni.

Wenn an uns alle in diesen Tagen die Auffor­derung ergeht, entbehrliche Kleidungsstücke und überzähliges Schuhwerk abzugeben, so werden viele versucht fein, von vornhereinnein" zu sagen. Schließlich haben wir schon vier Jahre Krieg so begründet man seine Ablehnung und was ich da noch an Spinnstoffen oder Schuhwerk be­sitze, ist nur das allernotwendigste Rüstzeug für den Alltag. Das mag im Einzelfalle stimmen oder nicht. Es wurde jedoch ausdrücklich betont, daß neben den entbehrlichen Kleidungsstücken vor al­lem auch die Altspinnstoffe erfaßt werden. Das nachstehende ABC zeigt, was alles auf den Sammelstellen willkommen ist.

A = alte Anzüge, Bekleidung und Spinnstofie aller Art, alte Schuhe und alte Stiefel,

B = Bänder, Baumwolle, Berufskleidung, Bett­wäsche, Bindfaden, Blusen, Brotbeutel, Burschen­kleidung, Bohnerlappen,

C = Chemisetts,

D = Damenwäsche, Damenhandschuhe, Damen­schuhe, Decken,

E = Einkaufsnetze, Einkaufstaschen aus Ge­weben,

F = Fahnen, Filzhüte, Filzreste, Frauenklei- bung aller Art,

G Gardinen, Gamaschen, Gartenschirme, Gurte.

H = Handschuhe, Hausschuhe, Hemden, Herren­kleidung aller Art, Herrenkragen, Herrenstrumpfe, Herrensocken, Herrenschuhe, Herrenstiefel, Hosen, Hüte,

I Inletts,

I = Jacken, Joppen, Iutesäcke,

K = Kammgarnabfälle, Kinderhandschuhe, Kim derkleidung aller Art, Kinderschuhe, Klndersocken, Kissen, Kissenfüllungen, Kittel, Kokosmatten, Ko- kosläufer, Kordeln, Korsetts, Kragen, Krawatten, Kostüme, Kunftseiden-Wäsche,

L Lampenschirme, Leibbinden, Leinenwaren aller Art, Läufer,

M = Mäntel, Manschetten, Matratzen, Matrat­zenstoffe, Markisen, Marschstiefel, Möbeldecken, Mö­belstoffe, Mützen,

N Nähstubenabfälle, Netze,

D = Ottomanedecken,

P Pferdedecken, Plüsche, Posamenten, Pup­penkleider, Pullover, Putzlappen, Putzwolle,

Q Quasten,

R Reitstiefel, Röcke, Rucksäcke,

S = Samt, Säcke, Segeltuchtaschen, Sofakissen, Socken,

Sch Schärpen, Schaftstiefel, Schlafdecken, Schirme, Schleifen, Schneidereiabfälle, Schuhe, Schürzen,

Sp = Spitzen, Spinnstoffe aller Art, Stoffreste aller Art, Stoffschuhe, Stores, Straßen- Stofireste aller Art, tofsschuhe, Stores, Straßen- stiefel, Stricksachen, Strümpfe,

T Taue, Teppiche, Tischwäsche, Tornister, Tuchkleidung,

U Unterwäsche,

V Vorhänge,

W Wagenplane, Wäsche, Wattefüllungen, We­sten, Wollefüllungen, Wolle aller Art, ,

X = wird nicht benötigt, weil keiner ein X für ein U macht, wenn er überlegt, was er spenden könnte,

V ist in das Belieben der Spender gestellt,

Z = zum Schluß sei es nochmals vermerkt:

Durch jede Spende wird die Front gestärkt!

Annahmestellen:

Ortsgruppe Mitte, Marktstraße 25, täglich von

15 bis 18 Uhr;

Ortsgruppe Nord, Marburger Straße 20, täglich von 15 bis 18 Uhr;

Ortsgruppe Ost, Licher Straße 19, täglich von

14 bis 17 Uhr;

Ortsgruppe Süd, Am Riegelpfad 84 und Hof- mannftraße 1, Mittwoch von 16 bis 21 Uhr;

Ortsgruppe W i e f e cf , Schulstraße 3, Mittwoch und

Samstag von 20 bis 22 Uhr;

Ortsgruppe Klein-Linden, im Backhaus-Stein- ftraße, Mittwoch und Samstag von 17 bis 20 Uhr.

Wenn die Ablieferung bei den Annahmestellen nicht möglich fit, bitte anrufen ober durch Postkarte mitteilen, wann und wo die Sachen abgeholt werden

können. . ,

Hasen und Fasanen sind von dem Jahresabschuß öines jeden Jagdreviers künftig 25 Stück abliefe­rungsfrei, während von den darüber hinausgehen- den Abschüssen mindestens 75 v. H. an Wild Han­delsbetriebe abgeliefert werden müssen. Diese müssen wie bisher das zerwirkte Schalenwild auf Abschnitte der Reichsfleischkarte oder andere Bedarfsnachweise für Fleisch abgeben, wobei die Anrechnung nach wie vor in doppelter Menge zu erfolgen hat; Wildragout, Hasen und Fasanen sind auch künftig anrechnungsfrei abzugeben. Die Anordnung schreibt weiter vor, daß die Wildhandelsbetriebe, außerhalb von Großstädten oder diesen gleichgestellten Gemeinden 75 v. H. ihres Wildes an Wildhandelsbettiebe in Großstädten oder gleichgestellten Gemeinden zu liefern haben. Für den Kleinoerkauf von Wildfleisch können die Ernährungs­ämter besondere Weisungen erlassen.

Für unsere Verwundeten.

Im Auftrage der Wehrmacht und in Zusammen­arbeit mit dem SonderreferatTruppenbetreuung" im Reichsministerium für Volksaufkläruna und Pro­paganda führte die NS-GemeinschaftKraft durch Freude" in hiesigen Lazaretten folgende Veranstal­tungen durch: In zwei Lazaretten fanden Konzerte mit Musik aus drei Nationen statt. Maria d'Oroille (Sopran), Franz (Enger! (Cello) und Elsa Krut- hoffer (Klavier) musizierten. Die Vortragsfolge brachte Musikstücke von Beethoven, Bruch und We­ber, Liszt und Hubay, Monti, Tosti und Marchesi. Gerda Bachfeld sprach Gedichte aus drei Nationen. Der Gemischte Chor aus Großen-Buseck fang in einem Lazarett Chöre und Lieder. Unter Leitung von Chormeister Nicolei kamen Werke von Beet­hoven, Schumann, Silcher, Kuhlau und Schubert zu Gehör. Zu einer Veranstaltung im Gloria- Palast war eine große Anzahl Verwundeter aus allen Lazaretten eingeladen. Das reichhalttge Pro­gramm derBunten Bühne", bei dem viele nam­hafte Künsller vom Frankfurter Opernhaus mit- wirkten, fand dankbaren Beifall. Im Auftrage der Kreisbildstelle führte Lehrer Appelmann in zwei Lazaretten Filme über Zuckergewinnung, Bier­brauerei usw. vor. Am Gedenktag für Albert

Leo Schlageter waren bei den Veranstaltungen der Studentenschaft kriegsversehrte Studenten zu ©oft Die Intendanz des Theaters der Universitäts- ftadt Gießen hatte zu den Vorstellungen im Laufe der Woche wieder Verwundete eingelanden. In allen Lazaretten wurden Liebesgaben der Kreis­amtsleitung der NSV. durch die Betreuerinnen der NS.-Frauenschaft und den Lazarettbetteuer der NSKOV. verteilt. Durch Vermittlung der Kreis» frauenfdjaftsleiterin Wrede hatten die Ortsgruppen in Bettenhausen, Birklar, Großen-Buseck, Oppenrod, Muschenheim, Harbach, Hattenrod und Rödgen Ku­chen gespendet, die durch die Setreuerinnen über­bracht wurden.

Himmelfahrt«!- und Fronleichnamatag verlegt.

Mit Rücksicht auf die besonderen Erfordernisse ^es Krieges werden der Himmelfahrts- unb der Fronleichnamstag auch in diesem Jahre auf den jeweils nachfolgenden Sonntag verlegt. Die ent­sprechenden kirchlichen Veranstaltungen finden an diesen -Sonntagen statt. Der 3. und 24. Juni sind Werktage.

*

** Silberne Hochzeit. Der Straßenbahn­wagenführer i. R. 'Heinrich Becker und Frau Maria, geb. Theiß, können am morgigen Dienstag, 1. Juni, das Fest der silbernen Hochzeit begehen. Dem Jubelpaar herzlichen Glückwunsch.

** Stadt bücherei Gießen, Im Monat Mai wurden 1361 Bände verliehen. Davon kommen auf Romane 910, Jugendschriften 211, Literaturgeschichte 2, Ges. Werke 2, Reisebeschreibungen 67, Technik 51, Lebensbeschreibungen 55, Kriegsgeschichte 36, Philo­sophie 4, Politik 13 Bände.

Amtsgericht Gießen.

Anfang Mai 1942 logierte sich in einer hiesigen Gastwirtschaft ein Mann aus Bremen ein, der bei feiner Abreise von der Wirttn einen Handkoffer entlieh und dabei versprach, den Koffer sofort zu- rückzuschicttn. Don einem Manne, dem er die Ord-

Kloßfahrt. -

Bön Hermann Hesse.

Durch meine Vaterstadt im Schwarzwald floß ein Fluß, ein Fluß, an dem damals nur erst ganz wenige Fabriken standen, wo es viele alte Mühlen und Brücken, Schilfufer und Erlengehölze, wo es viele Fische und im Sommer Millionen von dunkel­blauen Wasserjungfern gab. Es fit mir unbekannt, wie sich die Fische und die Wasserjungfern zwischen dem zunehmenden Zementgemäuer der Ufer und den zunehmenden Fabriken gehalten haben, vielleicht sind sie noch immer da. Vermutlich längst verschwun­den aber ist etwas, was es damals auf dem Flusse gab, etwas Schönes und Geheimnisvolles, etwas Märchenhaftes, etwas vorn Allerschönsten, .was dieser schöne sagenhafte Fluß befaß: die Flößerei. Damals, zu unseren Zeiten, wurden die Sck)warzwälder Tan­nenstämme den Sommer über in gewaltigen Flößen alle die kleinen Flüsse bis nach Mannheim und zu­weilen noch bis Holland hinunter auf dem Wasser befördert, die Flößerei war ein eigenes Gewerbe' und für jedes Städtchen war im Frühjahr das Er­scheinen ds ersten Floßes noch wichtiger und merk­würdiger als das der ersten Schwalbe.

Ein solches Floß (das aber auf Schwäbisch nicht das Floß" hieß, sondernder Flooz") bestand aus lauter langen Tannen- und Fichtenstämmen, sie waren entrindet, aber nicht weiter zugehauen, und bas Floß bestand aus einer größeren Anzahl von Gliedern. Jedes Glied umfaßte etwa acht bis zwölf Stämme, die an den Enden verbunden waren, und an jedem Glied hing das nächste Glied elastisch, mit Weiden gebunden, so daß das Floß, war es auch noch so lang, mit seinen beweglichen Gliedern sich den Krümmungen des Flusses anschmiegen konnte. Dennoch passierte es nicht selten, daß ein Floß stecken blieb, eine aufregende Sacke für die ganze Stadt und ein hohes Fest für die Jugend. Die Flößer, wegen ihres Mißgeschicks von den Brücken herab und aus den Fenstern der Häuser vielfach ver- hbhnt, waren wütend und hatten fieberhaft zu ar­beiten, wateten schimpfend bis zum Bauch im Was­ser, schrien und zeigten die ganze berühmte Wild­heit und Rauhigkeit ihres Standes; noch ärgerlicher und böser waren die Müller und Fischer, und alles, was am Ufer seist Leben unb 'seine Arbeit ögtter

namentlich die vielen 'Gerber, tief den Flößern Scherzworte oder -Schimpfworte zu. War das Floß unter einem offenen Schleusentor steckengeblieben,, bann trabten und schimpften die Müller ganz be­sonders, und es gab bann zuweilen für uns Kna­ben ein besonderes Glück: das Flußbett rann eine Strecke weit beinahe leer, und unterhalb der Wehre konnten wir bann die Fische mit der Hand fangen, die breiten glänzenden Rotaugen, die schnellen stach­ligen Barsche unb etwa auch ein Neunauge.

Die Flößer gehörten offensichtlich, zu den Unseß- haften, Wilden, Wanderern, Nomaden, unb Floß und Flößer waren bei den Hütern der Sitte und Ordnung nicht wohlgelitten. Umgekehrt war für uns Knaben, so oft ein Floß erschien, Gelegenheit zu Abenteuern, Aufregungen und Konflikten mit jenen Ordnungsmächten. So wie zwischen Müllern und Flößern ein ewiger Krieg bestand, in dem ich stets zur Partei der Flößer hielt, so bestand bei unseren Lehrern, Eltern, Tanren eine Abneigung gegen das Flößerwesen, und ein Bestreben, uns mit ihm mög­lichst wenig in Berührung kommen zu lassen. Wenn einer von uns zu Hause rfiit einem recht unflätigen Wort, einem meterlangen Fluch aufwartete, dann hieß es bei den Tanten, das habe man natürlich wieder bei den Flößern gelernt Und an manchem Tage, der durch die Durchreise eines Floßes uns zum Fest geworden war, gab es väterliche Prügel, Tränen der Mutter, Schimpfen des Polizisten. Eine schöne Sage, die wir Knaben über alles liebten, war die von einem kleinen Buben, der einst wider alle Verbote ein Floß bestiegen und damit bis nach Holland und ans Meer gekommen sei und erst nach Monaten sich wieder bei feinen trauernden Eltern eingefunden habe. Es diesem Märchenknaben gleich­zutun, war jahrelang mein innigster Wunsch.

Weit öfter, als mein guter Vater ahnte, bin ich als kleiner Bub für kurze Strecken blinder Passa­gier auf einem Floß gewesen. Es war streng ver­boten, man hatte nicht nur die Erzieher und die Polizei gegen sich, sondern leider meistens xruch die Flößer. Schöneres und Spannenderes gibt es für einen Knaben nicht auf der Welt, als eine Fluß­fahrt. Denke ich daran, so kommt n)it hundert zau­berhaften Düften die ganze Heimat und Vergangen­heit herauf.

Ein vorüberfahrendes Floß besteigen konnte man Mweder yom Laufsteg eines Schleusentores« ein«.

sog.Stellfalle" aus das galt für schneidig und forderte einigen Mut, oder aber vom Ufer aus, was oft gar nicht schwierig war, aber doch jedesmal mit einem halben oder ganzen Bad bezahlt werden mußte. Am besten noch ging es an ganz warmen Sommertagen, wenn man ohnehin sehr wenig Klei­der und weder Schuhe noch Strümpfe an hatte. Dann kam man leicht aufs Floß, und wenn man Glück hatte und sich vor den Flößern verbergen konnte, war es wunderbar, ein paar Meilen weit zwischen den grünen stillen Ufern den Fluß hin­unter zu fahren, unter den Brücken und Stellfallen hindurch. Während des Fahrens aber, wenn nicht gerade ein Flößer freundlich war und einen auf einen Bretterstoß setzte, bekam man sehr bald auch die Unbilden des beneideten Flößerhandwerks zu kosten. Man stand unsicher auf den glitschigen Stäm­men, zwischen denen das Wasser ununterbrochen herauf spritzte, man war naß bis auf die Knochen, und wenn es nicht sehr sommerlich war, fing man stets bald an zu frieren. Und dann kam der Augen­blick näher, wo man das rasch fahrende Floß wieder verlassen mußte, es ging gegen Abend, man schlot­terte vor nasser- Kühle, und man war bis in eine Gegend mitgefahren, wo man die Ufer nicht mehr so genau kannte wie zu Hause. Nun galt es eine Stelle zu erspähen und unverweilt mit raschem Ent­schluß zu benützen, wo ein Absprung ans Land mög­lich schien meistens gab es in diesem letzten Augenblick nochmals ein Bad, auch war es oft gefährlich, und hie unb da passierte ein Unglück; auch mir ist bei diesem Anlaß einst der Schauder der Todesgefahr bekannt geworden.

Und wenn man dann glücklich wieder an Land war, Erde und Gras unter den Füßen hatte, dann war es m?it, zuweilen sehr weit ngch Hause zurück, man ftan> in nassen Schuhen, nassen Kleidern, man hatte die/Mütze verloren, und nun spürte man nach dem langen glitschigen Stehen auf den nassen Baum­stämmen eine Schwäche in den Waden und Knien und mußte doch noch eine Stunde ober zwei oder mehr zu Fuß laufen, und alles nur, um bann von schluchzenden Müttern, enfietzten Tanten unb einem todernsten Vater empfangen zu werden, welche dem Herrn dafür dankten, daß er wider Verdienst den entarteten Knaben hatte heil entrinnen lassen.

Schon in der Kindheit war es so: man bekam nichts geschenkt, man mußte jedes Glück bezahlen.

Und wenn ich heute nachrechne, in was bas Glück einer solchen Floß fahrt eigentlich bestand, wenn ich alle die Beschwerden, Anstrengungen, Unbilden ab­ziehe, so bleibt wenig übrig. Aber dieses wenige ist wunderbar; ein stilles, rasch unb erregend ziehendes Fahren auf dem kühlen, laut rauschenden Fluß, zwischen lauter spritzendem Wasser, ein traumhaftes Hinwegfahren unter den Brücken, durch dicke lange Gehänge von Spinnweben, träumerische Augenblicke des Versinkens in ein unsäglich seliges Gefühl von Wanderung, von Unterwegssein, von Entronnensein und Jndiewetthineinfahren, mit der Perspektive zum Neckar und zum Rhein und nach Holland hinunter und dies wenige, diese mit Nässe, Frieren, mit Schimpfworten der Flößer, Predigten der Eltern bezahlte Seligkeit wog doch alles auf, war doch alles wert, was man dafür geben mußte. Man war ein Flößer, man war ein Wanderer, ein Nomade, man schwamm an den Städten und Menschen vor­bei, still, nirgends hingehörig, und fühlte im Herzen die Weite der Welt und ein sonderbares Heimweh brennen.

O nein, es war gewiß nicht zu teuer bezahlt.

Büchertisch.

Friedrich Kayßler: Jan b er Wun- bejrbare. Ein derbes Lustspiel. 95 Seiten. Rütten & Loening Vertag, Potsdam. Es dürfte nicht all­gemein gegenwärtig fein, daß der durch zahlreiche Filme auch in der Provinz bekannt gewordene Staatsschauspieler Friedrich Kayßler sich wiederholt» schriftstellerisch betätigt hat. Nächst dem kürzlich er­schienenen, seinerzeit an dieser Stelle besprochenen Erinerungsbuche, däs Kayßler feiner verstorbenen Gattin, der Schauspielerin Helene Fehdmer, gewid­met hat, verdient vor allem sein vor längerer Zeit entstandenes, im Stile des niederländisches Bauern-, malers Teniers geschriebenesderbes" Lustspiel von Jan dem Wunderbaren Erwähnung, die teilweise; dem Boccaccio entnommene Fabel von dem wunder- süchtigen Jan Beest, der eines Tages den unsichtbar machenden Zauberstein gefunden zu haben glaubt und auf drollige Weise von feinen Freunden und Saufkumpanen geheilt und seiner lieben Frau Antje" wiedergeschenkt wird. Man darf dem Verlage für die Buchausgabe dankbar sein, die auch manchem Theaterleiter eine nützliche Erinnerung für die Spiel- plangeftaltunfl gMy ma& Hans Ttyrjpfc