Kleine politische Nachrichten.
In den frühen Nachmittagsstunden des 8. März flogen feindliche Bomber unter Jagdschutz in den Küstenraum der besetzten französischen Westgebiete ein. Jäger und Flakartillerie zwangen sie, nach Westen abzudrehen. Hiebei wurden in 90 Minuten sechs Flugzeuge, darunter viermotorige Bomber, abgeschossen.
geführt. Jeder entbehrliche hauptamtliche Mitarbeiter der DAF. wird für andere kriegswichtige Aufgaben freigegeben.
Parfümerien, Filme und Kerzen.
Dom 6. März an ist die Herstellung sämtlicher Rieche und Schönheitsmittel verboten. Ausnahmen gelten nur für Zahnpflegemittel, Fußpflegemittel und Kinderpuder. Weiter ist die Herstell"ng von künstlichen Quellfalzen, Badesalzen und sonstigen Badezusätzen verboten, jedoch nicht künstliches Karlsbader Salz und sonstige künstliche Quellfalze. Lichte und Kerzen dürfen zur Verwendung in öffentlichen Lokalen und Gaststätten sowie bei gemeinschaftlichen Veranstaltungen, wie Kameradschaftsabenden, weder abgegeben noch bezogen werden. Die Bestimmungen gelten nicht, wenn Lichte und Kerzen beim Versagen normaler Lichtquellen als Notbeleuchtung dienen. Verboten ist weiterhin die Herstellung von Wachsblumen, Wachsfiguren und Wachsfrüchten sowie von Gelatineblättern, -füttern und -folien, Feuer- werkskörpern, mit Ausnahme solcher, die für Signal- und Wehrmachtszwecke Verwendung finden. Filme, Photoplatten und Photopapier dürfen für nicht berufliche Zwecke nicht mehr abgegeben oder verbraucht werden. Ebenso ist das gewerbsmäßige Entwickeln und Kopieren von photographischen Filmen und Photoplatten für nicht berufliche Zwecke verboten. Siegellack darf nur noch für behördlich oorgeschriebene Zwecke sowie für Postverschlußsachen (Gel>eim- und Wertbriefe und -pakete) verwendet werden.
Das erste Ritterkreuz für einen niederländischen Kriegsfreiwilligen erhielt vom Führer der ^-Sturm- mann Gerades M o o y m a n, Geschützführer in der Panzerjäger^Kvmpanie der Freiwilligen-Legion „Niederlande", der südlich des Ladogasees am 13. Februar mit seiner schweren Pak vormittags sieben Sowjetpanzer als Richtschütze und nachmittags weitere sechs Panzerkampfwagen als Geschützführer abgeschossen hat. Er stammt aus Apeldoorn (Provinz Gelderland).
An der Ostfront fanden den Heldentod der Kommandeur des 52. italienischen Artillerieregiments, Oberst Rosati, und der Kommandeur des 82. Infanterieregiments, Oberst de Gennaro. Er hatte einen Sonderurlaub wegen des Todes seiner Frau erhalten, diesen aber abgelehnt, weil er seinen Truppenteil während der Kämpfe nicht verlassen wollte.
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Die neugewählte türkische Nationalversammlung bat nach ihrer konstituierenden Sitzung Ismet I n ö n ü einstimmig für die Dauer von vier Jahren 3um Staatspräsidenten wiedergewählt.
Der Präsident des dänischen Reichstagen verlas im Parlament ein königliches Handschreiben, das die Wahl zur' zweiten Kammer des Reichstages, dem Folketing, für den 23. März anordnet. Waylmänner zum Landesting, her Ersten Kamer, werdeck in Süd- Jütland, Lolland-Falster und Seeland, die zusammen Ine Hälfte der Wahlmänner für den Landesting wählen, gewählt werden.
Kunst und Wissenschaft.
Deutsches Soldatentum bei Kunersdorf.
Eckart p o n Naso hat das Hörspiel „Kunersdorf" geschrieben, das in soldatischer Prägnanz Schlachtenglück und Niederlage, Friedrichs erschütternde Verzweiflung und das neue Aufleben all seiner Energie schildert.' Das einprägsame Werk wurde von Professor Liebeneiner mit der Abstellung auf das Wesentliche, die Herausarbeitung des heroischen Sinnes dieser Stunde der Bewährung, inszeniert. Günther Hadank, Erich Ponto, Albert Florath urib andere halsen ihm, seine Regie- emfälle zu verwirklichen. Sehr schön ist die Musik in das Geschehen eingebaut. Zur Einleitung die Dritte Symphonie in B-dur Friedrichs des Großen, die Militärmusik der Regimenter,Jbie furchtbare Re- traite, als dem König von 48 000 Soldaten nur noch 3000 geblieben waren. Als er sich von dem Zusammenbruch zu neuer Krastentfaltung erholt, spielte er einen schlichten Kanon auf seiner Flöte, und seine Offiziere wissen, daß er nunmehr wieder der Alte, der auch in der Notzeit Unbesiegliche ist, ein großartiges Beispiel im Lauf wechselvollen Schicksals.
Greta Daeglau.
Aus der Stadi Gießen.
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er Hilst hier mit?
Daumenhallen.
Daumenhalten! Von welchem Alter an halten sich gute Freunde den Daumen? Beginnt es / mit der Schulzeit, bei der ersten Prüfung, beim Sport?
Wer kann sich daran erinnern, wann er zum erstenmal krampfhaft den Daumen eingeklemmt hatte für einen guten Freund, wann er zum erstenmal eindringlich gebeten: „Halt mir den Daumen!"?
Nur das eine weiß jeder gewiß, dieses Daumen- Halten hat ihn durch sein ganzes Leben begleitet. Allerdings mit zunehmendem Alter wird die Bitte seltener, uns den Daumen zu halten, um so öfter aber kommen die Anforderungen junger Menschen an uns heran: mir den Daumen!"
Woher mag diese symbolische, besser noch diese sympathische Handlung stammen? Was hat der Daumen mit Erfolg, was mit Glück zu tun? Nun, unser Daumenhalten stammt aus uralten Zeiten, aus Zeiten, in denen jeder Finger seine Bedeutung, seinen Namen erhielt. Der Daumen, „der starke Finger", zum Beispiel war Wotan geweiht. Wotan, dem Gott de- Glückes! Und den „Daumen halten" kam also einer eindringlichen Bitte an Wotan gleich, Erfolg, Glück zu spenden.
Und wenn zum Beispiel eine liebevolle Mutter ihrem Sprößling ein von ihm begangenes Unrecht in das Gesicht zu sagt, mit der Erklärung, der „kleine Finger" habe es ihr verraten, ahnt sie gewiß nicht, daß dieser kleine Finger als Ohrenbläser und Angeber von altersher gegolten hat, nicht nur in den Kindersprüchen vom pflaumenschüttelnden Daumen ober von bem ins Wasser gefallenen Fingergenossen. Die Meinung in alten Zeiten war. baß ber kleine Finger die Gabe ber Weissagung aus den Hand- linien besaß. X
So spinnen sich in kindlichen Spisslen und in unseren Alltagsgebräuchen die Fäden weiter aus ber Vergangenheit über Jahrtausende, oft unsichtbar, aber unzerreißbar. L. V.
Oie aktive Offizierslaufbahn in ber Lustwaffe.
Der Reichsmimster der Luftfahrt und Oberbefehlshaber ber Luftwaffe gibt bekannt: Angehörige des Geburtsjahrganges 1926, die sich für die aktive Of- fizierslaufbahn in der Fliegertruppe, einschließlich Jngenieur-Offizierslaufbahn, Flakartillerie, Luftnachrichtentruppe, Fallfchirmtruppe und Division Hermann Göring, bewerben wollen, müssen ihr Gesuch bis spätestens 1. 4. 1943 an die ihrem Wohnort nächstgelegene Annahmestelle für Offiziersbewerber der Luftwaffe einreichen. Bewerbungsgefuche für die Sa mtätso fftzi erst au fb ahn in der Luftwaffe sind bei dem für den Wohnort zuständigen Luftgmrkom- mando vorzulegen. Das Merkblatt „Die Laufbahn des Sanitätsoffiziers in 'ber Luftwaffe" ist bei Wehrbezirkskommandos sowie bei den Luftgauärzten erhältlich. lieber die Einstellungsbedingungen, die Bewerbung ufw. gibt das Merkblatt „Der aktive Offiziersnachwuchs der Luftwaffe im Kriege" Auskunft. Dieses Merkblatt ist bei den Annahmestellen für Offiziersbewerber der Luftwaffe und allen Wehrbezirkskommandos erhältlich.
Oie Reifeprüfung bestanden.
Unter bem Vorsitz des Oberschulrats Dr. Mal- z a n als Regierungsvertreters fanb am gestrigen Montag im Landgrckf-Lubwigs-Hymnasium bie Reifeprüfung ftatL Nachdem schon im Verlaufe des Schuljahres acht Abiturienten mit bem Reifevermerk bie Schule verlassen hatten, um bei ber Wehrmacht einzutreten, unterzogen sich gestern acht weitere Schüler ber Prüfung, bie sämtlich bestauben.
Ebenfalls unter bem Vorsitz des Oberschulrats Dr. M a l z ä n fand gestern in der Justus-von-Liebig- Sckmle, Oberschule für Jungen, bie rnünbliche Reifeprüfung stgtt. Alle noch in der achten Klasse ver- hliehenen sieben Schüler bestanden die Prüfung. Auch den bereits im Laufe des Schuljahres in die Wehrmacht ein getretenen 26 früheren Schülern wurde die Reife zuerkannt.
Stäft Havdelslehranstalt Gießen.
Am 2. und 6. März fanden an ber Städtischen Handelslehranstalt die Aufnahmeprüfungen für die Zweijährige Handelsschule statt. Prüfungstage, Prüfungsaufgaben und Prüfungsbewertungen waren wie in den Vorjahren von dem Reichsstatthalter für ganz Hessen einheitlich festgesetzt. Die Zahl der Anmeldungen an der Gießener Handelsschule war ungefähr bie gleiche wie in den früheren Jahren.
An der Prüfung haben teilgenommen: 133 Jungen, 96 Mädchen. Bestanden haben: 75 Jungen, 60 Mädchen; probeweise bestanden: 25 Jungen, 22 Mädchen; nicht bestanden: 33 Jungen, 14 Mädchen.
Für die Oberwirtschaftsschule findet keine Aufnahmeprüfung statt. Hier ist am 7. April Schluß für die Anmeldung.
Kriegskinderstuben <
NSG. So manche Mutter kommt in diesen Tagen an einen Arbeitsplatz, der sie zwingt, ihre Kinder tagsüber in eine Kindertagesstätte oder in einen Kindergarten ber NSV. zu schickes. Dort sind die Kleinen stets gut aufgehoben, und die Mutter braucht sich keinerlei Sorgen zu machen. Aber nicht überall ist es möglich, die Kinder in eine Kindertagesstätte zu bringen. Auch gibt es Kinder, die besonderer Pflege bedürfen. So mancher Mutter wäre eine große Sorge genommen, wenn sie ihr Kind durch eine Mutter betreut und tagsüber in einer Häuslichkeit untergebracht wüßte.
Um hier den Müttern den Arbeitseinsatz zu erleichtern, ruft das Deutsche Frauenwerk alle jungen Mütter mit Kindern sowie ältere Frauen, die zum Arbeitseinsatz nicht mehr die Eignung zu haben glauben, auf, sich in Öen Dienststellen des Deutschen
Das Erbe des 1
Vortragsabend in der 7!SO
In der vergangenen Woche ttat die im Rahmen der Dozenten-Akademie Gießen neugegründete Arbeitsgemeinschaft der Vertreter der Geisteswissen, schäften zum ersten Male in die Erscheinung. Es besteht die Absicht, eine Reihe von besonders interessanten, weil auch für die Zukunft des deutschen Kulturschaffens bedeutungsvollen Problemen in An- griff zu nehmen. Folgende Hetren werden folgende Themen behandeln: Professor von Blumenthal „Die Altertumswissenschaft an der Jahrhundertwende", Professor B o l l n o w „Die Auseinandersetzung mit dem 19. Jahrhundert in der Pädagogik", Professor Borries „Bismarck und der 6taat", Professor Fischer „Geschichte und nationale Bedeutung ber deutschen England- und Amerikawissenschaft", Professor Gerber „Das Problem der Sinfonie im 19. Jahrhundert", Professor Götze ,-Familiennamen-Forschung im 19. Jahrhundert", Dozent Lassen „Neukantianismus", Professor Rauch „Die Wertung ber Kunst bes 19-Jahrhunderts", Professor Rehm „Nietzsche und Wagner".
Der Einleitungsvortrag war Professor Glöckner übertragen worden. Dieser stellte sich die Aufgabe, an Hand einer projizierten stammbaumähnlichen Uebersicht in bie philosophischen Gedanken- Zusammenhänge des 19. Jahrhunderts einzuführen. Es wurde besonderer Wert darauf gelegt, die innere Einheit dieser mannigfaltigen und auf den ersten Blick höchst verschiedenartigen Erscheinung hervortreten zu lassen.
Als gemeinsamer Stammvater der gesamten neueren deutschen Philosophie wurde Leibniz bezeichnet, der sowohl in seinem Unwersalismus wie auch in einzelnen'Wesenszügen feiner Metaphysik gewis- sermahen eine Wiedergeburt des Aristoteles barstellt. Gewiß ist Leibniz ohne seinen Vorgänger Descartes schwer denkbar; aber auch von dem deutschen Mystiker Jacob Böhme, der in jeder Hinsicht ein Antipode Descartes gewesen war, zeigt er sich beeinflußt.
Während in Nord- und Süddeutschland das Philosophieren durch Kant eine entscheidende neue Wendung erfuhr, gewann dieser mächtige Vollender und Ueberwinder des 18. Jahrhunderts in dem katholischen Oesterreich so gut wie gar keine Anhänger. Der Vortragende wies auf diese Tatsache mit besonderem Nachdruck hin, weil er im weiteren Verlauf seiner Darlegungen zu zeigen hatte, daß die söge- nannten Phänomenologen (Husserl, Scheler, Heidegger) sämtlich aus der österreichischen Schule Franz Brentanos hervorgingen, deren Tradition über Bernhard Bolzano direkt auf Leibniz zurückqeht, ohne sich jemals irgendwie entscheidend vom Kan- tianismus berührt zu zeigen.
Die geisttge Nachfolge Kants dagegen entwickelte sich in einer dopelten Richtung. Kant hatte Glauben und Wissen für immer kritisch geschieden und durch diese Leistung sowohl dem Wissen wie dem Glauben den bedeutendsten Dienst geleistet. Ihm selbst war es dabei vor allem um die Wissenschaft zu tun gewesen; diese Richtung a u f d i e W i s s e n s ch a f t behielten sowohl die Realisten (Fries, Herbart) wie die Idealisten (Fichte. Schelling, Hegel) unter Kants Schülern bei. Der Theologe Schleiermacher jedoch verfolgte den anderen Weg: Die Richtung auf d e n G l a u b e n. Unter Zuhilfenahme seiner lieber- sichtstafel brachte Prdf. Glöckner diese wichtige Gabelung der Kantnachfolge einprägsam zum Bewußt- sein; er legte besonderen Wert darauf, weil Wilhelm Dilthey seinerzeit von Schleiermacher ausging und in seiner noch heute nachwirkenden Psychologie
ntlasten die Mütter.
Frauenwerks zu melden und ein ober mehrere Kim ber zu übernehmen, für beren Betreuung sie Sorge tragen wollen. Vielleicht findet sich in ber eigenen Wohnung ein Raum, in dem sich bie Kinder beschäftigen können. Wo bas nicht angängig ist, wird durch bas Deutsche Frauenwerk, gegebenenfalls in leerst eh enb en Geschäftsräumen, eine entsprechende Möglichkeit geschaffen .werben.
Diese Kriegskinderstuben sollen vor allem dazu bienen, jebes Kind unter beste Obhut zu bringen, so daß sich die arbeitende Mutter nicht sorgen muß, ihr Kind wachse auf der Straße auf. Manche junge Frau wird gern zu ihrem Kleinen noch ein Äinb hinzunehmen, unh für manche ältere Frau wird es eine Freude fein, den Kleinen ein Heim bieten zu können. Jede Frau, die sich hier zur Verfügung ftellf, leistet damit einen Beitrag zum Kriegseinsatz.
9. Jahrhunderts.
-Oozenten-Akademie Gießen.
b^s Verstehens den Zusammenhang mit der Thco- loaie des 19. Jahrhunderts niemals verleugnete.
Mit besonderer Ausführlichkeit wurde alsdann das Schicksal des Hegelianismus beham beit. Der Vortragende zeigte, wie sich hier zwei philosophisch-geschichtliche Entwicklungsregeln bestätigen, deren Geltung sich auch sonst vielfach nachwei- sen läßt. Erstens pflegt eine philosophische Lehre zunächst immer in der Gestalt fortzuwirken, welche sie von ihrem Urheber zuletzt erhalten hat; nur in die ser Altersfvrm wird sie auch überwunden, und es bedeutet allemal eine Renaissance der betreffenden Philosophie, wenn die ursprünglichen Triebkräfte bzw. die der späteren Systembildung vorängegange-' nen Jugendschriften entdeckt werden. Und zweitens gestaltet sich die Auswirkung jedes bedeutenden Philosophen allemal so, daß die Erörterung mit den Prinzipienfragen beginnt, sich aber weiterhin mehr und mehr ausbreitet und schließlich über alles Menschliche erstreckt. Auch der Hegelianismus nahm in diesem Sinne eine anthropologische Wendung, und zwar sowohl im Naturalismus Feuerbachs wie im Idealismus Weißes, des jüngeren Fichte ober des in Gießen wirkenden Joseph Hillebrand.
Weißes Schüler Lotze war der Lehrer Windelbands, und damit ist bereits der sogenannte Neukantianismus erreicht, der sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ausbreitete. Etwa gleichzeitig gelangt Schopenhauer, der eigentlich ein Zeitgenosse Schellings, Hegels, Herbarts und Bolzanos war, zu seiner bekannten, so eigentümlich verspäteten Berühmtheit. Seine glänzend geschriebenen Werke erleichterten den Zugang zu Kant, drängten aber freilich die Kantauffassung vielfach in eine falsche -Richtung. Insbesondere erwies es sich auf die Dauer als verhänanisvoll, daß Nietzsche die Phi' losophie Kants, Fichtes, Schillers. Schellings und Hegels lediglich mit den Augen Schopenhauers zu sehen vermochte.
Zum Schluß charakterisierte Professor Glock n e r noch einmal zusammenfassenb die etwa zu Beainn des Weltkrieges gegebene philosophische Situation. Wenn man von den Vertretern eines philosophisch unbelehrten naiven Materialismus, Positivismus und Pragmatismus ebenso absieht, wie von den Ver- tretem einer wissenschaftlich ebenso indiskutablen, naiv oder religiös unterbauten Metaphysik, so standen sich damals etwa folgende Gruppen gegenüber. Zunächst die vom Neukantianismus herkmnrnenben Denker; zweitens die Schüler Dilteys und drittens die aus der österreichischen Schule hervorgegangenen Phänomenologen. Sie alle lassen sich in einen umfassenden Traditionszusammenhang einordnen, wenn man bis auf Leibniz zurückgeht, und die Einordnung in diese Stammtafel führt zugleich auch die bedenkliche Einseitigkeit der Dilthey- und Brentano- Schüler überzeugend vor Augen. Der nicht zu leugnenden Gefahr einer Erstarrung, welche dem Neukantianismus auf die Dauer aewiß gedroht hätte, leistete der ständig wachsende Einfluß Nietzsches ein wirksames Geaenaewicht.
Der Präsident der NSD.-Dozenten-Akademi'' Pg. Professor Dr. Beller, schloß die Sitzung mit Sieg- Heil auf Führer und Front.
Oer Kindergärtnerin-Beruf.
NSG. Die Kindergärtnerin ist Erzieherin. Sie ist mütterliche Führerin ber Kinder in Kindergärten, Horten, Kinderheimen oder auch in ber Familie. Ihre Arbeit ist Dienst am Kinde und damit zugleich Dienst an Familie und Volk. Da laufend eine große
Glück auf, Renate!
Roman von Ernst Grau.
16. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Aber was konnte er nun tun, baß sie ihn auch fanb? Gewiß, er hätte zu Meinders gehen und ihn bitten können, etwaige Briefe für Herrn Werner an ihn auszuhändigen. Das wäre immerhin eine Möglichkeit gewesen, und zwar die hier einfachste. Aber Meinders — nein, irgend etwas in ihm wehrte sich dagegen, diesem Manne mochte er sich nicht anvertrauen, obgleich er ihn aus unbekannten Gründen Terbrüggen gegenüber erst neulich wieder in Schutz genommen hatte. Nein, so ging es also nicht. Und so grübelte er denn über diese, Frage weiter, und im Laufe des Tages war ihm dann bas beschädigte Motorrad wieder eingefallen. Ja — das war ein Ausweg, jubelte er bei sich. So mußte es gehen. In ber Garage würde man schon wissen, wem das Rad gehörte und wd der Besitzer wohnte. Gleich am nächsten Sonntag wollte er hinüberfahren und ber Sache nachgehen. Und in der zuversichtlichen Gewißheit, daß sich nun noch alles zum Guten wenden würde, war er des Abends wieder heiter und guter Laune heimgekomm^n. |
Die Alte hatte ihm zugesehen, wie er sich abmühte, die Dinge zu meistern, wie die Gedanken hinter feiner Stirn arbeiteten. Aber sie sagte nichts mehr. Sie wußte, paß er nun selbst sprechen würde.
Sie hatte sich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht. Mutter Hühnlein kannte das Leben und kannte die Menschen.
„Nun —", begann Werner nach einer Weile, indem er den Teller wegschob und sich behaglich zurück- lebnte, „da Sie ja doch alles schon wissen, will ich Ihnen nun auch erzählen, wie es wirklich gewesen ist. Mutter Hühnlein." Er stopfte sich die'kurze
Pfeife und fuhr habet fort: „Also hören Sie einmal gut zu —"
Er setzte die Pfeife in Brand und begann zu berichten. Als wenn er zu seiner Mutter sprach, froh, sich mitteilen zu können, erzählte er nun von seinem Sonntagserlebnis, und bie Alte hörte ihm zu, ohne ihn mit einer Silbe zu unterbrechen. Er zeigte ihr zum Schluß das kleine, weiße Tuch und ihre zerfurchte Greisenhand fuhr liebkosend über das feine Spitzenoewebe hin. Nur, als er ihr die beiden Buchstaben N. H. zeigte, stutzte sie.
„Wie nannte sie sich?" fragte sie dann wie beiläufig. Aber sie hntte große Mühe, ihre Erregung nicht merken zu lassen.
„Reni, ganz einfach Reni. Aber aus den beiden Buchstaben sieht man ja klar und deutlich, baß es auch bei ihr nur ber Vorname mar, ben sie mir nannte. Aber ich werde das schon herausbekommen, Mutter Hühnlein."
Sie nickte still vor sich hin.
Reni — das hieß Renate — Renate H., sann sie. Unb es mar, als ob dieser Name plötzlich einen Vorhang beiseiteriß. Eine andere Zeit stand mit einem Male vor ihrem inneren Auge. Eine Zeit, die viele Jahre zurücklag. Ihr Mann lebte damals noch, unb auf der Zeche regierte ber alte Hammerkott. Unb drüben in der Villa wohnte die Familie Hammerkott, der Alte mit seinen beiden Söhnen und Walters junaer Frau, die von ihrem ersten Kindbett nie wieder genesen sollte, unb bie sie bann bald zu Grabe tracren mußten. Damals mar es gemefen, daß der alte Hammerkott die Mutter Hühnlein hatte rufen lasten unb in seiner barschen Art gefragt hatte, ob sie „den Balg" betreuen wollte. Unb unter ihren sorgenden Händen mar die kleine Renate bann größer gemorben. unb als sie aus bem Gröbsten heraus mar. hatte sie ber Vater hier weggeholt. Man hatte sie nie roieber auf Hammerkott gesehen.
Reni — Renate Hammerkott — wenn das zutraf, was sie sich hier zusammenreimte — armer Junge. Mit deinen Hoffnungen unb deinem Fröhlichsein
mürbe es bann wohl balb ein rasches Ende haben. Denn Hammerkotts Tochter war nichts für einen kleinen Zechenbeamten, der auf ber Grube von der Pike auf gebient hatte und nichts weiter befaß als seine beiden Hände. Das war wohl immer so gewesen.
Aber vielleicht irrte sie auch. Das mit den beiden Buchstaben konnte ja auch nur ein Zufall fein. Denn wenn Renate Hammerkott wirklich hier war, würde sie sich schon auf Hammerkott sehen lassen. Mutter Hühnlein verließ zwar nur selten einmal ihr Haus und fast niemals die Kolonie, aber sie krollte doch einmal darauf achten, daß sie den alten Peddersen traf, der in der Villa dort drüben wohnte. Der mußte es ja wissen, ob Renate Hammerkott sich angemeldet hatte, um in bas Haus ihres Vaters unb Großvaters einzuziehen.
Werner beobachtete sie ftittoergnügt unb blies dichte Rauchwolken gegen die niedrige Decke.
„91a — was spintisieren Sie sich nun wieder alles zusammen, Mutter Hühnlein?" fragte er aufgeräumt und legte das Tuch behutsam wieder in die Schublade zurück. „Gönnen Sie mir nicht auch einmal ein'wenig Glück?"
Sie fuhr auf wie aus einem Traum.
„Doch, doch, Herr Doktor", sagte sie ettvas hastig.
..Das aönne ich Ihnen von Herzen Gäb^s nur ber liebe Gott, daß alles so kommt, wie Sie es sich aus- gemglt haben. Mehr brauche ich Ihnen nichts zu wünschen. Sie haben's schon verdient, meine ich."
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Renate hatte ihren neuen Posten angetreten, unb eg war ihr, als sei sie damit in eine andere Welt hineinversetzt worden. Das war nicht mehr bie saft beschauliche Ruhe ber Hörsäle und Lehrstätten, in denen sie bisher ihre Tage zugebracht hatte. Hier webte ein anderer, heißer Atem. Hier mar die Lust erfüllt von bem braufenben Gesang ber Arbeit, dessen mächtige Akkorde alles andere übertönten. Hier kreischten- die Sirenen, raffelten unb polterten den
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ganzen Tag über in unendlichen Ketten die Loren über ein unentwirrbares Durcheinander von Schienensträngen, prasselten die Bunker der Kräne, klirrten unb surrten bie Maschinen, unb über allem hing unverrückbar wie ein bunkles Wattemeer ber Rauch aus den zahlreichen Schloten, lag auf allem der schwarze Staub der Kohle.
Das war die Zeche Hammerkott, die ihr bisher immer als etwas Fernes, als ein nicht mit Händen faßbarer Begriff erschienen war. Der Vater hatte sie nie mitaenommen, trenn er hierher gefahren mar, es hätte ihm zuviel Zeit gekostet. Aber wenn er einmal von Hammerkott svrach, wurde in ihr b?e Sehnsucht wach, mit dem Vater zusammen bortr in zu gehen, wo ja sein eigentlicher^ Platz im Leben mar.
Und nun saß sie selbst in Hammerkott, begierig, mit eigenen Händen nach den Lebensadern zu tasten, in ^enen h;e lebendige Kraft dieses großen Werkes pulsierte. Viel mar es zunächst nicht, was sie davon zu sehen bekam. Sie saß in einem winzig kleinen Zimmerchen hinter ihrer Schreibmaschine unb schrieb unablässig Bestellungen, Lieferungs^dschlüsie, Synbi- katsabrechnungen, Bankaufträge, Mahnungen unb tausend andere Dinge, in denen es meist um resvek- tadle Summen ging, bie sich aber alle immer nur um jenes schwarze glitzernbe Etwas drehten, das die. Menschen Kohle nannten. Die Kohle, um berent^ willen jeden Taa Tausende und aber Tausende von Menschen ben Schoß der Erde zerwühlten, abqe= schnitten von Licht und Lust, zu jeder Zeit um» Uttert von ben Schauern ber Vemicht"na. aber beseelt von bem unbeuafamen Willen, allen Ge° fahren zum Trotz bas schwarze Gestein aus feiner vieftausenbsährigen Ruhe herauszureißen unb feine Kraft bem Menschen bienftbar und nutzbringend zu machen. Die nie rub-mbe Hand des Menschen, fein nie rastender Geist rief eine Welt zu neuem Leben, die die Natur vor undenklichen Zeiten hier vergraben hatte.
(Fortsetzung folgt)


