gerst ernt gefährsiche Erbschaft hmterlassen, die bald ein bedenkliches Ausmaß bekam: die Flucht vor dem Kinde! Man schreibt diesen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer schärfer hervorstechenden Zug im französischen Leben gewöhnlich einem durch die napoleonische Gesetzgebung veränderten bäuerlichen Erbrecht zu. Daher ist das Zweikindersystem in Frankreich nicht nur bei der wohlhabenden städtischen Bevölkerungsschicht, sondern auch auf dem flachen Lande herrschend geworden. Mag es um die Ursachen stehen, wie es wolle — jedenfalls sank der elementare Lebenswille, der sich im Kinderreichtum eines Volkes ausdrückt, in Frankreich zusehends. Die "heutige Durchschnittsdichte der Bevölkerung beträgt in Frankreich nur 76 Menschen auf dem Quadratkilometer, wenig mehr als die Hälfte der deutschen, und sie wäre noch geringer, knapp 70, ohne die fast drei Millionen Ausländer.
Das Begehren der Franzosen stand nach zwei Dingen zugleich: nach Ordnung und Wohlstand im Innern und nach einer großen Stellung in Europa. Dazu kam der Anspruch, eine Art von Weltherrschaft auf dem Gebiet der geistigen Kultur auszuüben. Es wird immer merkwürdig bleib-en, wie wenig auf dem Gebiet dieser Ansprache die Franzosen durch die Niederlage von 1870/71 beeinträchtigt worden sind. Am allerwenigsten hat sie dem materiellen Wohlstand des Landes geschadet. Das französische Volk lebte mäßig und sparsam, und weil es sich Kinderreichtum versagte, wuchs sein verfügbarer Kapitalbesitz von Jahr zu Jahr. Um die letzte Jahrhundertwende war es zum internationalen Geldgeber in Europa und darüber hinaus geworden. Wer den Zugang zum französischen GeDmarkt sand, konnte sich beglückwünschen. Rußland baute unter dem Regime Witte, 1893—1904, mit französischem Geld seine Industrie, seine Eisenbahnen, seine Goldwährung auf, und verdoppelte sein Budget.
Auch Deutschlands Wohlstand wuchs, aber die Ueberschüfse des deutschen Volkseinkommens wanderten nicht in den Sparstrumpf und aus diesem aus den Weltanleihemarkt, sondern sie wurden in neuen und erweiterten wirtschaftlichen Unternehmungen angelegt. Der Psychologie des Kinderreichtums und dem aus ihr entspringenden Ueber? quellen der Volkszahl entsprach die Psychologie des Wagens und Schaffens. Beides blieb in dieser Art dem französischen Volksgeist fremd. Man gewinnt ein schlagendes Bild dieses Unterschiedes, wenn man französische und deutsche Städte, französische und deutsche Landwirtschaft miteinander vergleicht. Mir erzählte einmal ein deutscher Offizier, der als Leutnant den siebziger Krieg und als General' den Weltkrieg mitgemacht hatte, wie es ihn ergriff, alle die Städte gerade so wiederzufinden, wie er sie *oor über 40 Jahren gesehen hatte: keine neuen Gebäude, keine neuen Straßenanlagen, kein vergrößertes Weichbild. Die Menschen,zahl war so wenig und so langsam gewachsen, daß ihre Wohnstätten seit einem halben, ja vielfach seit einem ganzen Jahrhundert nicht hatten erweitert werden müssen. Wie anders in Deutschland! Ein Mensch der Goethe,zett würde, wenn er heute wiederkäme, unsere Städte gar nicht mehr erkennen, so sehr sind sie inzwischen gewachsen und so sehr trägt alles neu hinzu Gewachsene den Charakter machtvoller und schneller Entwicklung. Nicht anders steht es mit der Landwirtschaft. Ich habe mich bei jeder Reise durch Frankreich gewundert, wieviel brauchbares Land ungenutzt daliegt. Frankreich ist fruchtbarer und hat ein besseres Klima als Deutschland, aber der französische Landmann erntet vom Hektar nur zwei Drittel von dem, was der deutsche auf seinem.Acker erzielt. Nicht nur Deutschland und Frankreich, auch Belgien und Frankreich grenzen hart aneinander, aber diesseits und jenseits der Grenze ist es wie ein Unterschied von zwei verschie« denen Wirtschaftszeitaltern.
Dies Bild muß man zu Rate ziehen, wenn man sich die seelische Verfassung des französischen Volts nach der Total-Mederlage in diesem Kriege verständlich machen will. Es ist aus einem Dasein, dem ein Arbeitstempo ohne scharfe Anspannung Bedürfnis war, und der Genuß seiner Rente schon im mittleren . Lebensalter" ein in breiten Schichten verfolgtes Ideal, und aus der Vorstellung, mühelos „an der Spitze der Zivilisation" zu marschieren^ durch einen plötzlichen, alles erschütternden Schlag aufgeschreckt worden. Nun sieht es, schwankend und mißtrauisch, um sich, mit tvessen Hilfe es das Gefühl einer lähmenden und verwirrenden Unsicherheit überwinden könnte. Deutschland hat ihm die Hand entgegengestreckt, England und Amerika locken es mit Zukunftsoersprechungen und Drohungen. Frankreich — quo vadis?
Eiserner Widerstand gegen vielfache üebermacht.
Vom Kampf unserer Grenadiere in Stalingrad.
Berlin, 8. Febr. (DNB.)' Eine Kampfgruppe von zwei Offizieren und hundert Mann hatte hart östlich des Traktorenwerkes von Stalingrad, ein vorspringendes, 350 Meter breites Uferstück gegenüber der großen Wolgainsel zu verteidigen. Rechts und links hielt noch der Feind. Er saß auch unten am Fuß und oben am Rand der haushohen Uferböschung, oft nur fünf Meter vor unseren Grenadieren. In Abständen von zehn bis zwanzig Meter voneinander hatten sich unsere Männer zu zweit oder dritt in Granattrichtern festgesetzt. Ihnen genau gegenüber waren auf der Wolgainsel vier Panzer eingebaut, nicht weit davon standen Salvengeschütze. Diese legten zusammen mit Granatwerferbatterien, Massen von Schnellfeuerwaffen und zahlreichen Geschützen fortgesetzt schweres Feuer auf die Kampfgruppe, die nur noch über eine einzige Panzerabwehrkanone oben am Rand der Böschung und einige Maschinengewehre verfügte.
In jeder mondlosen Nacht stürmten die Sowjets In dichten Massen über das Eis. Auf dem Fluß und auf der Böschung brachen ihre Angriffe meist schon zusammen. Die Bolschewisten, die bis an die Trichter
herankamen, wurden im Nahkampf zusammenge- schlagenV Immer wieder versuchten die Sowjets, unsere 'Männer von der Halbinsel zu vertreiben, es gelang ihnen aber nicht, obwohl die Zahl der Der- leidiger zusammenschmolz. In kleinen Höhlungen an den Trichterwänden machten sie sich aus Holzspänen winzige Feuer, um sich zu wärmen, und wenn es gut ging, im Kochgeschirr etwas zu kochen. Ihr Kommandeur, ein Ritterkreuzträger sprang von Trichter zu Trichter, oft stand er frei im Gelände und feuerte mit seiner Maschinenpistole in die Bol» schewistenhaufen. Sie haben kesnen Trichter^ preisgegeben, bis zu jenem Morgen, als die Sowjets nach starker Feuervorbereitung wiederum angriffen und neunmal über den Fluß herüber und den Uferhang heraufftürmten. Hunderte gegen ein paar Dutzend deutsche Soldaten. Dann erst befahl der Kommandeur „Fünfzig Meter zurück". Aber gleich daraus rief er „Fünfzig Meter zurück und dann G e g e n st o ß". Die Grenadiere wichen befehlsgemäß aus, rissen über von neuem alle Kraft zusammen, stürmten vorwärts und warfen die Bolschewisten den Abhang hinunter. Erst nach Wochen räumten sie befehlsgemäß die Stellung.
Neue Gowjetaugriffe in harten Kämpfen abgewiesen.
©er Wehrmachtbericht.
DRB. Aus dem Aührerhauptquartier. 8. Febr. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
An der Kaukasusfront Kämpfe von örtlicher Bedeutung. Bei der Vernichtung des am 5.Februar südwestlich Roworofsijfk gelandeten Feindes wurden insgesamt 31 Panzer abgeschossen, die blutigen Verluste des Feindes sind hoch.
Im Mündungsgebiet des Don sowie im großen Donezbogen verlief der Tag im allgemeinen ruhig. Ein sowjetisches Regiment, das im Morgengrauen den Donez überschritten hatte, wurde im Gegenangriff vernichtet.
Die Sowjets fetzten auch gestern am mittleren Donez und westlich des Oskol-Abschniktes unter Einsatz starker Panzerkräfte ihre wütenden Angriffe fort, die in harten Kämpfen abgewiesen wurden.
Trotz schwieriger Wetterlage führten starke Kampffliegerverbände wirksame Angriffe gegen Marschkolonnen und Truppenunlerkünfle des Feindes. Schlachtflieger griffen erfolgreich in die Lrd- kämpfe ein.
Südlich des Ladogasees neu einsehende feindliche Angriffe blieben erfolglos oder wurden schon in der Bereitstellung zerschlagen. Bei einem
eigenen Gegenangriff wurden vor der Front eines Regiments 400 tote Bolschewisten gezählt.
In Rordafrika beiderseitige Artillerie- und Spählrupplätigkeit.
Bord-Flak der deutschen Kriegsmarine schoß im Rachschubgeleitzug nach tunesischen Häfen sieben britische Kampfflugzeuge ab.
Slörflugzeuge warfen in der vergangenen Rächt einige Bomben auf westdeutsches Gebiet und verursachten dadurch Gebäudeschäden. Bei einem Luftangriff gegen die französische Atlantikküste wurden nach bisher vorliegenden Meldungen drei feindliche Bomber abgeschossen.
Line südenglische Hafenstadt wurde am Tage von schnellen deutschen Kampfflugzeugen angegriffen.
wie durch Sondermeldung bekanntgegeben, erfaßten deutsche Unterseeboote vor mehreren Tagen im Rordatlantik ein ostgeheudes Geleit, das mit Kurs auf die britischen Inseln aus lief beladenen Frachtern und Tankern von überdurchschnittlicher Gröhe bestand und dem wert der Ladung entsprechend besonders stark gesichert war. Das angefehte Unterseeboolrudel versenkte aus ihm in tagelangem harten Kampieinsah vierzehn Schiffe, darunter fünf Tanker, mit zusammen 109 000 BRT. Liu weiterer Dampfer wurde torpediert.
„Am Rande eines wirtschast- tichen Zusammenbruchs.^
Tschungking bleibt ohne Hilfe.
Lissabon, 8. Febr. (Europapreß.) „Tschung- king-China befinbet' fid) amRandeeines wirtschaftlichen Zusammenbruchs", erklärte Frau Wellington-Koo, die Gattin des tschungking-chinesischen Botschafters in London, auf einer Kundgebung in Philadelphia. Die Tschung- king-Chinesen hätten kein Rationierungssystem eingeführt, weil keine Nahtungsmittel vorhanden seien. Als Folge davon hätten schwarze Märkte und Jnflationsbestrebungen ein ungeheures Ausmaß angenommen. Ein einfaches Mahl koste drei Dollar, ein Yard Tuch 10 Dollar, eine Hütte aus Lehm und Stroh 3600 Dollar. Kohle fei ebenso kostbar wie Diamanten. Der Druck des Krieges mache sich in Hunger, Kälte und wertlosem Geld viel grausamer bemerkbar als durch die Japaner. Von allen Leih- und Pachtlieferungen, die Nordamerika für Tschungking-China sende, erreiche nur der achte Teil das Land. ________
Der Tschungkinger Associated-Preß-Korrespondent kabelt, Tschungking wisse, daß seine Wirtschaftslage bedenklich ist. Die Tschungkinger Industrie sei durch Mangel an hochwertigen Maschinen und Rohstoffen in ihrer Arbeit stark behindert, die Produktion sei daher qualitativ ungenügend. Die Widerstandskraft der Tschungking-Truppen sei erheblich zurückgegangen. Auch die Jnstation und die hohen Produktionskosten erschwerten das Leben in Tschungking-China. In Tschungking gebe man sich der Hoffnung auf schnellste Rückeroberung Burmas hin, denn dje Lage Tschungkings könne nur durch die Wiederaufnahme des Verkehrs auf der Burmastraße, nicht aber durch den schwachen Luftverkehr über Indien gebessert werden.
Roosevelt braucht eine Million Arbeitskräfte mehr
Lissabon, 9. Febr. (Europapreß.) Der ehemalige Präsident der USA. Herbert Hoover erklärte, Nordamerika brauche mindestens eine Million Arbeiter mehr, wenn die Kriegsproduktion und die Lebensmittelversorgung nicht Schaden leiden sollten. Hoover bezeichnete den Arbeitermangel in den U62L
derart drückend, daß zu seiner Behebung sogar dir . W ehrmacht der Vereinigten Staaten Arb e11s- kräfte hergeben müsse. Als besonders an Kräften notleidende Arbeitsgebiete nannte Hoover die Farbren sowie die Metall- und Oels i n d u st r i c.
Schwarz und Weiß im LlSA.-Heer.
V i g o, 8. Febr. (DRB.) Die USA.-Wochenschrist „Ration" erklärt, während die Washingtoner Regierung die Rassengesetzgebung der Achsenmächte scharf ablehne, halte sie an dein Rassenprmzip im eigenen Heere fest. So seien z. B. die Behörden vieler englischer Städte in der Nähe von Truppenlagern von nordamerikanischen Militärdienststellen gebeten worden, nicht zu dulden, daß weiße und farbige Truppen die gleichen Lokale besuchten. Ein nordamerikanischer Negersoldat erklärte: „Die weißen Soldaten gehen auf die andere Seite der Straße, wenn ich komme. Wenn wir Neger ein Lokal betreten, verlassen es die weißen Soldaten sofort. Im Kino wechseln sie augenblicklich ihren Platz, wenn mir Schwarzen uns neben sie setzen. Vor kurzem sprach ich einmal mit einer weihen Frau. Drei weiße amerikanische Soldaten griffen die Frau tätlich an und zerrissen ihren Mantel, weil sie mit einem Schwarzen gesprochen hatte."
Tlordamerikanischer Finanzbeirug.
Stockholm, 8. Febr. (Europapreß.) lieber nordamerikanische Manöver gegen die schwedischen Gläubiger des zusammengebrochenen Kreuger-Kon» zerns berichtet „Dagposten", die nordamerikanischen Verwalter der Konkursmasse des vor zwölf Jahren aus dem Leben geschiedenen Zündholzkönigs hätten schon feit Jahren keine Dividende mehr aus- geschüttet und auch keinen Rechenschaftsbericht aus- gegeben. Die schwedischen Gläubiger wüßten, daß der Konkursmasse sehr erhebliche Summen aus liquidierten Kreugerschen Tochterunternehmen im Ausland zugeflossen seien, sie müßten sich aber damit ab find en, daß. diese Gelder in kostspieligen Prozessen vergeudet würden, wobei Reuyorker Anwälte, riesige Honorare verdienten, während sie selbst leer ausgingen. Verantwortlich für diese Machenschaften seien ausschließlich die amerikanischen Banken, die unter allerlei Vorwänden versuchten, die an die Konkursmasse fallenden Gelder in amerikanische Kanäle zu leiten und somit die schwedischen Gläubiger zu betrügen.
Oie besseren Stellungen in Tunesien in deutscher Hand.
Stockholm, 8. Febr. (DNB.) „Es kann nicht länger verheimlicht werden, daß die Deutschen die überlegeneren Stellungen längs der Nordafrika-Front besitzen", schreibt der Kriegsberichterstatter der „New York Times" an der tunesischen Front, Middleton. Durch eine Reihe kleinerer, aber glänzend ausgeführter Operationen hätten die Deutschen mehrere Offensivver suche vereitelt, durch die die Anglo-Amerikaner gehofft hätten, die Verbindungslinien der Achse zu unterbrechen. Keinerlei Anzeichen gebe es, daß die Moral der Achsentruppen geschwächt sei. Ebensowenig könne man behaupten, daß ihr Kriegsmaterial qualitativ schlechter geworden sei.
Meine politische Nachrichten.
Der bei der Umbildung des faschistischen Kabinetts aus der Regierung ausgeschiedene bisherige Volks- bildungsmin'ister Pasolini hat die Leitung des römischen Morgenblattes „Messaggero" übernommen. Der gleichfalls aus der Regierung ausgeschiedene Unterrichtsminister Bottai wird die Leitung des römischen Abendblattes „Tribuna" übernehmen
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Sonntag nachmittag warfen viermotorige amerikanische Bomber zahlreiche Bomben auf Neapel. Di- Schäden und Opfer werden zur Zeit festgestellt. Vier Flugzeuge wurden brennend zum Absturz gebracht.
Der Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Werner Willikens, beging seinen 50. Geburtstag. Seit dem Weltkrieg 1914/18 steht er als Vorkämpfer für das Bauerntum im politischen Kampf. Bereits feit 1920 hatte er engste Beziehungen zur völkischen Bewegung, trat 1925 in die NSDAP, ein und ist feit 1928 Mitglied des Reichstages.
stolzen Mauern der großen Stadt des Altertums baute. Trostlos ist dieses Ruinenfeld. Aber es vermittelt immer noch einen Eindruck von der Große und Gewalt dieser Stadt. Man wird nachdenklich, wenn man vor den Ruinen steht. Karthago wirkt wie ein Symbol. Denn als aus seinem Reich Eindringlinge Europa bedrohen wollten, wurde es zeA stört. Auch vor dieser Stabt hat bU Vergangen-^
Verschleiertes Land.
i Von unserem Dr. O. P.-Sonderberichterstatter.
Es war früher schon beschwerlich, von Ma- rokkonachTuniszu kommen. Fast eine Woche nahm die Fahrt über Algier in Anspruch, eine Woche im eleganten Salonwagen, aber auf einem Schienenweg, der für Europäer einfach unvorstellbar ist, Aufenthalte, die an kleinsten Wüstenstatio- nen viele Stunden dauern, Lokomotiven, die mit Holzscheiten ober gedörrtem Gras gefeuert werden, Kontrollen, deren Genauigkeit und Peinlichkeit nicht mehr übertroffen werden können. Dazu der Wirrwarr und das turbulente Leben aller Nordafrikanischen Rassen und Sitten. Mitten auf der Fahrt Gebete zu Allah und Mohammed. Das Geschrei von Hühnern, die in den Waggons geschlachtet und bei längerem Aufenthalt getreten werden. Wechsel- und Tauschgeschäfte mit den unmöglichsten Dingen, eine verwirrende und verwirrte Welt, in der die Menschen mit ihren Urinstinkten auf einem kleinen Raum zusammengedrängt werden. Ein Höllen- Breughel müßte neu geboren werden, um die Phantastik dieser Welt darzustellen. Sie ist abstoßend und anziehend zugleich.
Heute aber ist diese Fahrt noch höllischer geworden. In dieses Menschenchaos haben sich inzwischen Engländer und Amerika, i er gedrängt, die Dahn dient kaum noch dem Verkehr des Landes. Auf der Strecke, die über fast zweitausend Kilometer eingleisig verläuft, schieben sich mühsam die Militärtransporte vor, streng bewacht, auf weiten Gebieten mit Truppensicherringen links und rechts. Und dennoch liegen jetzt schon an vielen Stellen neben der Bahn die" Trümmer entgleister Züge, die Zeugen geschickt durchgeführter Sabotageakte, die Antwort freiheitsliebender Stämme auf den Einfall der Angelsachsen. Und da, wo der Zug seinen Namen „Tunis-Expreß" erhält, verkehrt er heute nicht. Deutsche und" italienische Truppen versperren ihm den Weg, den Zugang in das ver
alten, in den kleinen Oasen, in denen Frauen und Mädchen sich gerne der Vermummung entledigen. Da zeigen sie auch ihren schönen Körperwuchs. In diesen Naturparadiesen, in der märchenhaften Oase von Nefta und in den verwunschenen Häusern von Azemour, in denen man noch eine völlig unberührte afrikanische Welt vor sich zu sehen glaubt, in einer Landschaft, durch deren Palmenhaine die geheimnisvolle Musik arabischer Flötenspieler bringt und in der der Mensch die Wunder und den Balsam seiner Erde in den Heiligtümern verbogen hält, hier in den Dickichten riesiger Palmerien tief in Südtunesien, aber auch auf den Höhen des fast unzugänglichen Sahara-Atlas und in dem kleinen bizarren Hafen des Golfs von Gabes, überall im ganzen Lande das gleiche, entschiedene „alt mes- (teure! ... alt!"
Doch bald wußten wir, woran wir waren. Frankreich hatte allen Grund, in seinem Protektorat die Augen offenzuhalten. Denn das ganze Land ist eine einzige Festung. Bizerta an der Nordküste Tunesiens, kaum mehr als 150 Kilometer von Sizilien entfernt, sollte 'für diesen Teil des Mittelmeers die Rolle von Gibraltar und Port Said übernehmen, ein Schlüsselpunkt für die Durchfahrt zu den Ozeanen und ein Sperriegel für feindliche Streitkräfte, ein einzigartiger< Kriegshafen mit großen Arsenalen, der sich über einen riesigen Binnensee erstreckt und mit dem Meere durch einen Kanal verbunden ist. Hier ist Afrika durch moderne Anlagen völlig verdrängt. In den Häfen Südfrankreichs sieht es nicht wesentlich anders aus als hier. Schwarze Hafenarbeiter in europäischer Kleidung, bettelnde Gestalten, Lagerhäuser und krächzende Krane, Staubwolken und die Gerüche schwitzender Oeltonnen. Wenn nicht zeitweise ein über die Bergketten gleitender Wind die Lust der Atlasberge und der Wüsten in den Hafen trüge, wäre die Trostlosigkeit vollendet.
Militäranlagen überall, an der Seenkette, die quer durch Tunesien geht, Befesttgungen gegen Lybien in der Art einer Maginotlinie, mächttge Sperriegel bei Gabes und Nefta, Forts auf den Höhen und auf steil zum Meer abfallenden Felsen,
Unb warum das alles? „Wir müssen uns vielleicht einmal gegen Libyen verteidigen", meinte, ein Offizier, der uns zur Begleitung mitgegeben war. Gegen Libyen? Der Offizier nannte damals Italien den Erbfeind Frankreichs in Afrika. — Nun aber ist es ganz anders gekommen. Der Feind steht jetzt im Westen, an der ungeschützten Grenze, und vom Osten, aus Libyen, gegen das Frankreich sich sicherte, kommt eine deutsche Armee zum Schutze gegen den gleichen Feind, der auch im Weste« steht, gegen England.
Endlich lasen wir keine Verbote mehr und hörten nicht die lauten Rufe der Wachtposten. Das war in Tunis. Diese Stadt ist die afrikanischste in Französisch-Nordafrika geblieben, eine Stadt, in der die maurischen Teile in ihrer Bauart und in ihrem bunten arabischen Leben unverfälscht erhalten blieben, in der das Handwerk der Araber weiter lebt mit einem Labyrinth von Basaren in überwölbten halbdunklen Marktgängen und einer berauschenden Farbenpracht. Feuerrote Teppiche, glitzernde, mit Gold und Silber durchwirkte Seide, kostbare In» welen, Frauen, die mit Hennapulver ihre Haare und Nägel färben. Parfümeure, die das feinste Rosenöl feilbieten, Moscheen mit schlanken Minaretts und Zahlreichen Kuppeln, das alles steht bok einem wie ein Bild aus Tausend und einer Nacht.
Dann aber ganz unvermittelt und hart die Wirklichkeit, unsere Zeit und Menschen ohne jede Sentimentalität, die abscheuliche Europäerstadt mit allem Kitsch und allen Schandmerkmalen einer geschästs- gierigen Zivilisation. Hier strömen alle Rassen der Mittelmeerländer zusammen, von Leidenschaften gejagt und von dunklen Instinkten getrieben. „Nun dürfen Sie wieder photographieren", sagte unser Begleiter. „Hier ist nichts mehr zu verheimlichend Er gab uns Noch den Rat, das nahe Karthago zu besuchen. Es liegt nur wenige Kilometer entfernt, ein kleines Dorf, das feine Häuser aus den ehemals
erkennen ließen. Nirgendwo in Afrika gibt es so- viele Schleier, wie gerade in Tunis, aber auch kaum irgendwo soviel Schönheit hinter den Schleiern wie
als in Marokko und Westafrika. Man wußte, daß bei einem Wechsel der Kampfhandlungen sich der Kriegsschauplatz nach Tunesien verlagern würde, man beobachtete die militärische Tätigkeit der Franzosen und hatte längst erkannt, daß hinter vielen Schleiern die Geheimnisse eines vorsichtig arbeitenden Generalftabes verborgen lagen. Denn Tunis mit der Hafenfestung Bizerta blieb auch nach der Niederlage Frankreichs und vielen anderen Entscheidungen im Mittelmeer der wichtigste Punkt zwischen Gibraltar und Port Said, ein äußerst empfindlicher Punkt, bi, mf alle Zuckungen reagiert, aber auch heikle N. 'Mionen auslöst, vergleichbar mit einem allergischen Knöchelchen, das spitz in das »-Mittelmeer hineinragt.
Ich wollte mehr sehen, als es die offiziellen Führungen und die Rrisebücher vorschrieben. Aber meine Wünsche wurden ebenso schnell wie energisch zurückgedämmt. — „Alt messieurs ... alt!" (Halt, meine Herren!) Ein baumlanger schwarzer Soldat stand" damals bei einer Fahrt zu einer wenig besuchten Oase vor uns. Er fuchtelte mit dem Gewehr und der linken Hand in der Luft herum. Er schrie immer wieder „alt! ..." und lief uns entgegen, um uns vor weiteren unbedachten Schritten abzuhalten. So ging es uns aber noch an vielen anderen Stellen von Bizerta, durch die Hauptstadt Tunis, über Gebirgsstraßen und vorbei an großen Salzseen zu den märchenhaften Oasen der tunesischen Wüste. Verbote und immer wieder Verbote, gesperrte Wege und abgeriegelte Bezirke.
Man fragte sich zunächst vergeblich, was denn hier für afrikanische Geheimnisse verborgen bleiben sollten? Die Menschen waren gar nicht so scheu und die Eingeborenen längst an die Blicke der Europäer gewöhnt. Die Frauen trugen zwar Schleier, die das ganze Gesicht bedeckten und doch wieder die Augen frei und die Züge des Gesichtes
große unterirdische Läger und zahlreiche Flugplätze. Vor allen Positionen mußte man zurückweichen. Damals spielte sich das ganze militärische Leben wie , ... _____v______...
ifointer einem großen undurchsichtigen Schleier ab. Ihre Schleier zugezqgen.
schleierte Land.
Als der „Expreß" noch bis Tunis durchfuhr, lag schon eine fiebernde Spannung über ganz Tune- v ,
jien. Die Menschen Wltey sich dem Kriege ngher^gerade hien Das sicht man auf dem Lande vor


