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Nr. 229

-Der Siebener L»;e!aer erscheint täglich, außer Sonn, und Fei-rtags.

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poSld)tdfonto: $ronffuri «. w. 11685

Erstes Blatt 170. Jahrgang JKittood), 29. September 1920

O /S, «*v Anuahme von Ln-c.ucn

Ry WM für bie lagesnummer bis

SietzenerAnzeiger

Hauplschrijsttlter: 21uq.

General-Anzeiger für Gberhefsen MM

V » i Snaeigenteil: fj.BeA,

Drutf nnb Verlag: Vrühi'sche Univ.V«ch- und Steintaittertt 8. Lange. Zchristleitung. -^schäftsstele und Druckerei: schulstratze 7. sämtlich in Dieben.

Die Wohnungsnot in Amerita.

Auch in Amerika schelt jetzt die Woh­nungsnot eine große Rolle, nhe den fotgenU den Darlegungen eines gelegentlichen Mit­arbeiters zu entnehmen ist:

Am 20. September d. I. ist das Staats­parlament (dieLegislatur") von Neuyork zu einer besonderen Tagung einberufen worden, um über das immer dringender sich gestaltende Problem der Wohnungsnot zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Diese Wohnungsnot ist nun allerdings keineswegs auf die Stadt und den Staat Neuyork beschränkt. In Groß-New- York fehlen augenblicklich über 102 000 Woh­nungen, und dies bedeutet, daß über 400000 Menschen ohne hinlängliche Behausung sich behelfen müssen. Es ist berechnet worden, daß das Manko an Wohnungen sich bis zum 1. Januar nächsten Jahres auf 130170 Woh­nungen vermehrt haben wird, d. h., daß 520 680 Menschen zu jener Zeit nicht in der Lage sein werden, sich Wohnungen zu be­schaffen. Diesem steigenden Mangel an Unter- kiunstsgclegcnheiten stehen nur 90 jetzt im Bau begriffene Wohnhäuser mit zusammen 222 bewohnbaren Stockwerken gegenüber.

Was hier von Neuyork gesagt wird, trifft in entsprechendem Maße auch für andere ame^ rikanischc Großstädte zu. In Chicago konnten im Juni d. I. 50 000 Familien kein Halbwegs passendes »eint finden; Geschäftsj- läden und baufällige Baracken wurden, so gut oder schlecht es ging, in Wohnräume unv- gewandelt. Die Lage hat sich seither noch ver- ichlechtert. In Detroit wohnen 1920 um 61 000 Familien mehr als 1917, aber in diesen 3 Jahren sind nur Wohnungen für 28196 Familien hinzugebaut worden. In Philadelphia fehlen 30 000 Wohnungen.

Die Ursache dieses sich täglich schlim­mer gestaltenden Wohnungsmangels ist hauptsächlich darin zu suchen, daß während der Lriegsjahre die Bautätigkeit in den ganzen Vereinigten Staaten beinahe völlig ftillstano. In der Stadt Neuyork sind, wie schon er»- vähnt, nur 90 Wohnhäuser mit 2171 Woh­nungen hinzugekommen, während die Stadt schon in normalen Zeiten einen jährlichen Zuwachs von 28 000 neuen Häusern benötigt. Dazu kommt, daiß, während des Krieges bei- italje 2000 Wohnhäuser den Wohnzwecken entzogen und anderen Bestimmungen zuge­führt wurden, so daß in Wirklichkeit nur 907 neue Wohnungen für die wachsende Be­völkerung in Betracht kamen.

Die Hauswirte haben sich die Konjunktur selbstverständlich zu nutze gemacht und haben die Miete in geradezu wucherischer Weise gesteigert, so daß Hunderttausende von Fa­milien einfach? nicht in der Lage sind, die Miete zu erschwingen. Der Staat Neuyork "bat kürzlich ein Gesetz angenommen, durch las die Hauswirte verhindert werden sollen, die Mieten um mehr als 25 Prozent zu steigern. Dieses Gesetz hat der wucherischen Nietssteigerung jedoch nut in sehr geringem Umfange Einhalt getan, da auch dieses Gesetz nur geschaffen wurde, um umgangen zu wer­ben. Die Gerichte der Stadt Neuyork haben es in allen Fällen abgelehnt, Exmissions- cnträgen von Hauswirten gegen Mieter, die bie gesteigerte Miete nicht bezahlen konnten, ms führen zu lassen; aber auch diese ge- iegeniliche Hilfe war und ist selbstverständlich 'o geringfügig, daß sie an dem allgemeinen Zustand nichts ändert. Zu dem furchtbaren Dohnungsmangel gesellt sich noch der sehr böse Umstand, daß säst gar keine Möbel- vagen zu haben sein werden. Schon in normalen Zeiten ist die Zahl der verfüg­baren Möbelwagen lächerlich gering kaum D00; jetzt kommt nock) hinzu, daß die Hälfte bieser Zahl am kommenden 1. Oktober nicht verfügbar sein wird. Der Grund ist, seltsam, chdeßlich aber einleuchtend; die Besitzer der Möbelwagen erklären:Nehmen wir den fafT, daß wir den Transport eines Haus­halts übernehmen. Werm wir vor dem Hause mkommeu, in welchem die Familie ihre neue Wbnung beziehen soll, so werden wir wahr- 'cheinlich finden, daß die alte Familie sich ^tigert, die Räumlichkeiten zu verlassen, und baß sie sich bei dieser Weigerung auf eine ge­richtliche Entscheidung stützen kann. Dann behen wir da mit unserem Wagen voll Möbel nid wissen nicht, wohin wir sie tun sollen, > daraus können sich für uns alle mög­lichen Schwierigkeiten ergehen, persönliche urd gesetzliche." Das Ergebnis wird sein, Eaß am 1. Oktober für 160 000 umziehende Familien nur 1500 Möbellvagen zu finden jein werden.

Tcm am 23. September zusammengekom- Etencn Staatsparlament von Neuyork sind tercits mehreee Vorschläge zur Ävhille dieses ^ch stetig verschärfenden Nebels unterbreitet Horden 2a fit - B. gesetzlich verboten w?r- *'? 1 'ich '.oeigern, unverhilluis- Enaßig erhöhte Mieten zu bezahlen, zu ex­

mittieren; Hypotheken auf Neubauten sollen von der Einkommensteuer befreit werden; auch ist die Einrichtung von Mietseiniaunbs- ärntem angeregt worden. Ob diese Vorschläge geeignet sind, dem Wohnungsmangel tatsäch­lich abzuhelfen, ist sehr fraglich. Umsomehr als, wie zu erwarten war, die Hausbesitzer- Verbände ihren ganzen Einfluß aufbieten, um zu verhindern, daß diese Vorschläge Ge­setz werden.

Vie Konferenz in Brüssel.

Paris, 27. Sept. (Wolff.) Wie Havas zur Brüsseler Konferenz meldet, nrirb die Dis­kussion über Wechsel, die wahrscheinlich am Mittwoch slattsmdet, mit besond-ver Spannung erwartet. Das Erposä über diese Frage wird von dem Präsident.n der Niei>erlänbi;chen Bank Visse ring erstatt, t. Namens der italienischen Delegation gab S natvr Ricci Einzelheiten über die Kapitalstenr, wie sie in Italien besteht. In seiner Auseinandersetzung über die finanzielle Lage Frankreichs bezüglich der durch den Krieg zerstörten Kapital im legte Avenol noch dar, wir die Wiederausbauarbeit ins Werk gesetzt worden sei, ohne die Wohltaten der Frie° densverträa.' abzuwarten. Frankreich schließe sich den von Brand oerfimbeten Gründeten an.

Brüssel, 28. Sept. Das Spezial- komitee nahm heute seine Arbeiten aus und faßte die bish rigen Ergebnisse der Erörterung in einer Entschließung zusammen, die sodann ber Abstimmung der Vollversamm ung unterliegen wird. Die Ent chitzung bffasst sich mit ber Herab­setzung deröffcntlichenAusgaben, rnitden staatlichen Befugnissen in Bezug auf die Unter­nehmungen und mit der Herabsetzung der Rüstungen. Sie beschäftigt sich weiter mit der Frage, ob Steuern auf das Kapital uns eine Ver­mehrung der direkten Steuern anzuraten oder zu widerraten sind. Sie wird voran; sicht, ich den Staa­ten empfehlen, die Anleihen einzuschränken und die auswärtige Schuld zu wnsalidieren, und schließlich die Frage b:haiü>eln, ob die Beschränkungen des inneren und auswärtigm Handels zu beteiligen oder aus rechtzuerhalten sind.

Brüssel, 28. Sept. (WTB3 Meldung un­seres besonderen Vertreters. Der Präsident eröff­nete die Vormittagssitzung um lOVt Uhr. Bevor die Berichte über die finanzielle und wirtschaftliche Lage der vorgeeheneii Staaten borge esen wurd n, die aus der Tagesordnung standen, kündigte der Präsident an, daß eine Kommission zu bilden sei für die Untersuchung ber Slaatsfinanzen. Die d.-utfche Delegation entsendet den St wtssekretär Bergmann in diese Kommission. Sodann er­stattete Lord Calmer den Bericht über die fi­nanzielle Lage Englands. Englands finanzpoiitische Stellung ist gekennzeichnet durch ein festes, k.ares Budget und durch eme strenge Steuer» Politik, die die wichtigste R chllinie für die künftige englische Finanzebaung ift An jneiter Stelle sprach das Mitg.ixd der belgischen Dele­gation Le f reux. Die be gische Finanzlage ist nicht als günstig anzu p echm. Lef.eur zählte die Verlust' Belgiens im Kriege auf und schildcrte^seine Vcmühun ren, den SB cbera.ifbau zu enoirfen. Seine Rede enthielt u. a. auch eine politisch' Andeutung über das so enannte Note, a kommen von Novem- vcmber 1919. Für de japanische Delegation sprach ter Finanzsachverstäncige Mori. Inan be­mühe sich, die Kriegsfolgen in diesem Lande, die sich in einem hohen Budget und in den gestörten Handel bez'ehungen äußerten, zu be eiligen. Er b - kannte »ich als Anhänger te> freien Handels. Weiter erstatteten am Vormittag dir De egierten von Bri- tisch-Jndien, Australien und Peru ihre S3erid)te über die finanzpolitische Verfassung ihrer Länder.

Tie Nael-mittaysitzung diente der Fortsetzung der ailgmein einführenden Reden. Sic gewann aber höheres Interesse dadurch, daß auf der Tagesordnung die Reden ber. Delogierten 9( m e r i ia§ und D e u tschlands itrnibm. Das Haus, das von den Kon f . reu y. eil nehmen t und Zu­hörern dicht besetzt war, envartete auch mit sicht­licher Spannung die beiden Sieben Der ameri­kanische Delegiere erklärte, daß er in der Kon­ferenz einen Ersolg sehe, weil sie um cr"'ert Male bie ehemals gegnerischen Na inten zu einer sach­lichen Beratung zusammennihrte. Was bie Hoß- rungen Europas auf amerikanische Kredite an­gehe, so könne er wenig Aus ich en auf ihre Er­füllung maa-en, dies umsoweniger, als Europa die wesentliche Voraussetzung des amerikanischen Privaikapitalr- nicht biete, nämlich Sicherhei i uub Friede. Erst tarnt Lönn.e Enwva auf UMersttitz-mg rechnen. Vorerst fei es aber auf seine eigene Hilst ange­wiesen. Hiernach) erteilte der Prä^dont dem Führer ber deutschen Delegat von Staats­sekretär Bergmann das Wort zri seinem Bericht. Bergmmm h:ett feine Rede ruhig und gelassen. Tas Haus folgt-? seinen Worten mit größter Aufmerksamkeit Als er geriet hatte, wurde ihm allseitiger Beifall zuteil. Des weiteren sprach der Führer der fübahriEaniidien Delegation, Finan-,sach>'rstLNd-iger Blanken­berg, der von den südasrikanischm Finanzen ^in redxt günstiges Bild entwarf. Für Oester reich sprach Finanz Minister Reisch. Schiicß'ich tru­gen die 2legierten Bulgariens und Portugals ihre Berichte vor. Tie Sitzung wurde um 6 Uhr geschlossen.

Der dcntfchc Bericht.

Brüssel, 28. Sept. (WDB.) Meldung un­seres bekmb'r -n Berich er ' a te^s. rfstmäß ber am ?NvntagX beschlossenen Tr.g ssrdrnma erstattet die heut ta nittag in b-.'r Fi nnricr-' Beric!:. ürrr a: firanjirfle mib mii^idiafiüdie Lage Teutstylands. Tie Rede hälr1

StaatSfekr.-tär Bergmann. In der Einleitung wird uorljer ber Dank der beu.ftben Delegation an den Völkerbund für die Einladung zu diese. Konferenz auigebvücft. Hieran anschließend legt die Ansprache die heutigen Finanz- und Wirt- schaftsverhäl.nife des Reiches bar. WLHrcn! Deutschland 1913 im ganzen eine Schuld von fünf Milliarden batte, beträgt die Schuldenlast am 31. August 1920 240 SKÜliarben Mark. Wir sehen ferner, daß mit Ablaus des Rechnungsjahre. 1920 die Schuldenlast noch wesen lich tolxr sein wird, weil ber Bovanschlag für 1920 einsäüießliä» des oorau sich lidxn Ergelmi fe& ber Verwaltungen von Reichseisenlalmen und Po.'t ein Deüzü r^.t mehr als 56 Mickiarden Mark beträgt. Ber Prü­fung ber Ziffern be3 jüngst überreichen rück­blickenden Berichtes werden Sie b.i dem Haus- lmlt für 1920 Mweichungen von den Zistern finden, die in dem Rapport der Brus estr Kon­ferenz für die offen liehen Finanzen Deutschlands angegeben worden sind Dies erklärt stch deäurch daß tiefe letzten Ziffern auf dem vorläufigen Vor- ansckstag vom ?lpril ds. Js. beruhen. Die Ver- bältnifie haben sich bisher in ei ter Weise ent­wickelt, daß der Voranschlag für 1920 einer starten Umarbei ung unterzogen werden mußte. Ter jetzige Bericht enthält die Zifstrn, die zur Zeit den gesetzgelenden Körperschaf en Deutsch ands zur Beschluß^! sung tiotliegen Um die Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu bringen, w i r d gegenwärtig in Deutschland eine (Steuerreform größ en Umfanges burrfgefü nt Eine große Anzahl n ner Steuern wurde ge­schaffen, die alten Steuern sind we ent ich erhöht und die bisher den Einzelstaaten belassenen Gin» nabrneaucllen, vor allem die direkten Steuern, sind auf das Reich überführt, um eilte Einheitliel>- Eeit zu schaffen und den größtmöglichen Nutzen für die Gesamtheit zu erzielen. Vor allem wird in Teutschland neben dem Einkommen auch der Besitz auf das härteste zur Steuer herangezogen, nachdem schon vorher fast bie gesamten Kriegs­gewinne mit Besch ag belegt wur.en. Von indi­rekten Stuem ist besonders «ul die mit hoben Sätzen auSgestatt te Urnsatz steuer hineew > fe?i. Wenn erst wieder einmal norma'e Verhält risse eingetreten sein werden, haben wir mit dem jetzigen Steuersystem eine Grundlage geschasfen, aus der ein gesunder Haushalt ausgebaut werden Fann. Für das Jahr 1920 wird aus den Steuern der Eingang von mehr als 371/« Milliarden Mark erwartet. Tas ist ein Betrag, ber für sich allein schon die Ausgaben des ordentlichen Hausha tes von etwa 39'/? Milliarden Mark fast völlig deckt. Tie drnrt'che Regierung ist aber in der Besteuerung scho n bis an die Grenze des Möglichen ge­gangen. Tabei ist sie von der Erwägrmg ge­leitet, daß jede Verminderung ber Produktion mieden w rt>en muß, damit nicht etwa die Anstrengungnt, die Reichseinnahwen zu erhöhen, zu dem gegenteiligen ©rgebni? führen. Sie werden fragen, ob bei der Aufstellung des deutschen Hausha'tes auch mit der erforderlichen Sparsamkeit versahren worden ist, das heißt, ob oie eingestellten Ausgaben wirklich iwtwendig finb. Wir können lohnen versichern, daß die Reichssinanzperwallung ständig auf Inne­haltung ber größten Sparsamkeit bedacht ist. Ihre Anstrengungen sind aber auf zum Teil unüber­windliche Schwierigkeiten in der wirtschaftlichen Lage gestoßen. Soweit Abgaberr infolge des Krie ges und der Bedingungen des Waffenstillstands- unb Friedensvertrages notioenbiq gewogen sind, lassen sich Ersparnisse nicht erzielen. Allein für die beiden Rechnungsjahre 1919 und 1920 müßten die Kosten ber Durchführung des Frie­densvertrages mit 47 Millia rden Mark eingesetzt werden. Tie Unterhaltung des Deutschland auferlegten Söldnerheeres er­fordert weit größere Ausgaben als ein .Heer auf der Grundlage ber allgemeinen Tienstpflicht. Alle diese Lasten sind von einem in seinen örenjen und fernem Erwerbsleben wesentlich beschränkten Wirtschaftskörper zu tragen. Ans der anderen Seite machten die Zustände der (Ernährung und Kleidung sowie die Entblößung des Landes von Rolrstosfen eine sehr erhebliche Einfuhr dringend erforder­lich. Tie allgemeine Teuerung kam für Deutsch­land in einem ungewöhnlichen Maße zur Geltung durch die wst vcl.'ire Entwertungdes deut­sch e n G e l d e s. f di" Urfacben tr? Zusammen­bruches der deutschen Valuta kann ich an die'er Stelle nicht eingehrn. Es ist dies ein Teil des großen allguneinen Pooblems, dem ei i f) chrrvor- ran enter Platz in den Untersuchungen die er Ävm- mtifnm erngeräumt wurde. Ich möch-e^nur darauf binwersen, daß ohne Würdigung des Sturzes der deutschen Mark, der insbesondere' seit einem ?al7r»' ein getreten ift, die Entnückclung der bcut"d?en Reich?fiuMrzen nicht zu ver'dch-r wäre Die An- saiw.'llung aller Ziffern des vorlie^ente'i Fira'»- berichtes erklärt lief) in erster Linie baburtb, daß infolge der ftJnmgbef.en Enttvertung der Reickxr- rnerf, bie ihren »erläungen L.refstand im Febriar und März ds. Js. erreicht hat, alle Waren­preise in Deutschland um das viel­fache gestiegen sind. Löhne und Gehäl­ter mußten entsprechend folgen. Tann mtb auch die Reichsausgaben in dem Maste gewachsen, daß es nicht möglich war, mit der Vorsorge für ent­sprechende Einnahmen gleichen zu lallen.

Nur io ist auch ber anscheinend unerklärliche Fehl­betrag der Reichsarsenbahnen und Post zu verstehen. Tie deutsche Regierung, eingedenk des Grund­satzes, daß zum minbeften alle Ausgaben der Regierungsbettiebe aus den Einnahmen dieser Dienstzweige gedeckt werden müssen, hat mrhrmals bie Tarife sehr wesentlich erhöht. Alle diese Tarife haben aber bei weitem nicht den Zweck erfüllt, die um ein vielfaches gestiegenen Ausgaben dieser Betriebe zu decken. Mil der EnNverttmg der Mark im Auslande steht das Älnwachsen des Pavier- geldumlaufes in Teutschland in engem Zusammen­

hänge. Tie jetzige Schuld des Reiches von 240 Milliarden Mark setzt sich »um größten Teile, nämlich mit 142 Milliarden Mark, aus schiveben- ben Berpilichtrmgen zusammen. Ta ber Betrag ber neu angeführten Steuern wegen ber Schwie ' riakeiten in ber Organisation unb Grlrbung nur allmählich eingeht, hat die Reichsregierung bis­lang für einen großen Teil des Geldbedarfes teilte andere Möglichkeit der Deckung gehabt als bie Diskontierung von Schatzanweisungen bei ber Reichsbank. Ein gclvisser Bettag dieser Schatz anweisunaen ist sogleich durch das ersparte Kapital ober durch sonstige verfügbare Gelder auigjawmmen ivorden, aber ein erhedliäier Teil davon ist bei ber Reichsbank verblieben, die infolgedessen den Pa- piergeldumlaus wesentlich erhüben muitfe. Mit den wachsenden Steuereingängen hoffen wir, bie Noten­erzeugung zum Stillstand zu bringen und dann auch ber Valuta Verschlechterung aitgegcnroirfen zu können.

Trotz ber bestehenden unerfreu­lichen Verhältnisse halten wir jedoch Deutschlands finanzielle Lage nicht für verzweifelt. Wer unbefangen die Zrv- stände prüft, wird finden, daß Deutschland all­mählich zur Ordnung zurückkehrt unb daß erfreu­licherweise auch ber Wille zur Arbeit überall im Lande sich wieder kräftig regt. Daraus schöpft bie deutsche Regierung das Vettrauen, daß bei 'Be- boachtung ber größten Sparsamkeit das Land in ber Lage fein wird, allmählich aus den gegen­wärtigen wirtschaftlichen Zuständen wieder heraus­zukommen, insofern diese durch die Eigenatt der inneren Lage verursacht worden finb. Um aber wirklich 'wieder lebensfähig zu werden, bie Wäh­rungsverhältnisse stabilisieren und den internatio­nalen Verpflichtungen in verständiger Weise nach­kommen zu können, muh Deutschland in seinem wirtschaftlichen Leben mrndeslens soweit gehoben werden, daß es an dem Weltverkehr wieder in aktiver Weise teilnehmen kann. Unser Ziel muß fein, mit dem enormen Passivurn ber beut f (ben Handelsbilanz aufzuräumen und eine er­hebliche aktive Bilanz zu schaffen. Darin liegt bie einzige Möglichkeit, die auf uns lastenden Verpflichtungen zu erfüllen. Das ist eine ungeheure Aufgabe, zu deren Lösung bie wirtichast- lrchen Kräfte Deutschlands allein nicht ausreichen. Wir können das uns vor- schwebende Ziel nur in verständnisvoller Zu­sammenarbeit mit allen erreichen, bie auf bie Wiederherstellung geordneter Verhältnisse in dem zerrütteten Europa oder vielmehr in ber ganzen Welt Einarbeiten. Wenn wir aber mit der ivirtschaftlicheii Hilfe der Well rechnen, so sind wft verpflichtet, zunächst volle Klarheit über unsere finanzielle und wirt- sck>aftliche Lage zu schaffen. Nur eine umfassende und durchaus aufricht.-ge Darlegung der £at,ad)en kann bei den anderen Verständnis für unsere eigen­artige Lage und Vertrauen in den Ernst unserer Bemühungen erwecken. Dazu sind wir entscAossen, und in diesem G iste hoffen wir, zu den Arbeiten ber Konferenz beitragen zu können. Wir haben zu unserer Befriedigung bereits gestern in ber all­gemeinen Erörterung feststellen könn-m, daß unsere eigenen Ansichten über die Verhandlungen der *ur Beratung gestellten Fragen durchaus mit Sen Grundsätzen übereinstimmen, wie sie von den ver­schiedenen Delegierten ber anderen Nationen ver­treten worben finb. Sie werden, wie ich hoffe, aus dieser kurzen Ansprache ersehen haben, daß man auch in Deutschland gewillt rst, den tn der gesttl- gen Aussprach' vorg zeichneten Grurrdlinien zu folgen, die zur Wi-ederherste'lung der Ordnung und der öffent.'ichm Finanzen sühren.

Tcr Eindruck der Rcde Berstmann-.

Berlin, 29. Sept, lieber den Eindruck der beutfdjer. Darlegungen auf der gestrigen Sitzung ber Brüsseler ^-inanzkonferenz mel­det der Sonderberichterstatter derVoffischen Ztg.", er glaube sagen zu dürfen, daß die nüchterne, klare und ruhige Art ber Aus­führungen Bergm'anns auf allen Seiten ber Konferenz einen segensreichen Einbruck gemacht habe, wie man überhaupt sagen könne, baß eine entgiftete Stimmung auf der Konferenz vorhanden sei.

Aur Italien.

Mailand, 28. Sept (Wolff.) Wie den- Popolo b'Italia" aus Neapel gemeldet wird, besetzten die Mitglieder des Verbandes ber lanbwirffchaftlichen Genossenschaft von Santa Maria Papea und Verera in einer Stärke von 2000 Mann, die mit Gewehren bewaffnet waren unb rote Fahnen bei sich trugen, bie königliche Domäne von Carbiziello. Die Jtt- befibnahme ber Ländereien erfolgte unter dem Absingen der Arbeiterhymne. Die be­setzte Domäne ist bie größte bes königlichen Hauses.

yol!chewiftische Unruhen in Mexiko.

Paris 29. Set>L lWTB.) Wie bieChigaco Tribüne" aus Meriko meldet, ist es in der Stabt Meriko zu bolschewistischen Unruhen gekommen. Bolschewisiische Agitatoren haben den Naliomilvalast gestürmt und hielten am dessen Balkon Redm an die nach tausenden zählenven Mcnschn'. Der Nationalpalast war mit roten Fah­ne:'. geschmückt. Tie Reoen wurden mit großem Beifall ausgenommen. U. a. wurde in einer Rede dazu ausgefordert, bie 3eitungei in oie Luft zu sprengen. Bon allen Teilen des Landes stnd pen nach der Stabt beorbert nrowet, um bte Unruhen niederzudrücken. Tie Lage ist sehr ernst und wird noch durch die -t-aiiacge vrrich>rmmert, baß PräsrdeM Huerta erkrankt ist

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