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Nr. K5

Dc. Siebener Anzeiaer erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags.

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Monatlich Mark 3.60 undMK.-.65Trägerlohn, vierteljährlichMark 10 80 ur,dMk.l.95Trägerlohn; durch die Post viertel- jährlich Mark 12. ausschließlich Bestellgeld. Fernsprech-Anschlüsse: fürdie Schriftleitung 112; Verlag,Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Siehrn.

vostschettouto:

Zranlfurt o. M. 11685

vo. Jahrgang

Montag, 26. Juli 1920

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Steindruckerei K. Lange. Zchnstleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit Dreis für l mm höhe für Anzeigen v. 34 mm Breite örtlich 35 Pf., auswärts 45 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 150 Pf Bei Platz, vorfchrist 20°/Q Aufschlag. Hauptschriftlerter: Aug Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz: für den übrigen Teil: Dr. Reinhold Fenz: für den Anzeigenteil: Sy Beck, sämtlich in Bietzen.

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Zum Reichstagsbeginn.

Unser Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

Etwas lange hat der deutsche Reichstag ge­braucht, bis er zur Besprechung der Ergebnisse von Spaa zusammentrat. Voran ging nicht nur eine Aussprache im Ausschuß für auswärtige An getegenheiten, die als Generalprobe ihre Berech­tigung haben mag, sonbern auch eine Konferenz im Reichsernährungsministerium und eine Tagung 1 des vorläufigen Reichswirtschastsrates. Tie rund j achtzig Abgeordneten der Bergarbeiter- und Berg- I herrnverbände, die beim Reichsernährungsrnini-i | ster Dr. Hermes gastlich zusammenbamen, beschäs- tigten sich ein gelind mit Dingen, die eigentlich nicht zum Amtsbereich der Magenfrage gehören, so mit der Vermehrung der Belegschaften, mit | der stärkeren Siedlung und mit der Heranziehung der Braunkohleninduslrie, und erst der Abgeordnete I Zmbusch, der Füchvr der christlichen Bergarbeiter, 1 formulierte die Tagesordimng dem Orte der Vcr-- | Handlungen entsprerl^d, indem er als For- | derung der Ruhrarbeiter den Satz aufstellte: Erst : Brot, dann Kohle! Dieser Forderung schlossen f sich dann auch die Vertreter des ober schlesischen itnb des mitteldeutsche Kohlenreviers an. Alle verlangten sie Auskmrft über die Frage, welche 's Lebensrnittel zur Verteilung gelangen, wie diese erworben und wer sie verteilen solle. Als aber die Regierung meinte, die Konferenz habe doch nur informatorischen Charakter, die Ernährungs- I stellen wollten sich nur über die Wünsche der 1 Bevölkerung unterrichten, da verlangten die Ar- ff beitervertreter mit Entschiedenheit ein Ergeb - * nis, weil sie nicht mit leeren Händen zu den sonntäglichen Zusammenkünften der Bergleute kom­men wollten. Das wirkte. Der Reichscruährungs- : Minister gab ganz bestimmte Zusagen, die leider I noch nicht offiziell veröffentlicht sind und im Reichstagsplenum unbedingt wiederholt werden müssen, damit die Oefsentlichkeit weiß, woran sie ist und wie die Dinge stehen.

I ni b u s ch sprach auch in der Debatte des Reichswirtschaftsrates. Er schilderte bte traurigen Ernährungszustände im ZLuhrrevier. Die Berg­leute seien in ben letzten Wochen geradezu ausge- . lyungert herben. Die Verhältnisse seien skandalös, >: Äerzte hätten festgestellt, daß das Brot direkt gesundheitsschädlich ist. Kartoffeln sind schon seit l vier bis fünf Wochen nicht verteilt worden. Frisch- 7 fleisch kennen die Arbeiterfamilien nur noch vom .Hörensagen. Das sind auch.für den, der Schlim­mes gewöhnt ist, mederschrnetternde Berichte, und inan kann nur hoffen, daß der Reichstag das loesentliche gründlich h<n:ausarbeitet und daß so die Herren der Entente erfahren, welches entsetz­liche Spiel sie treiben. Auch Hugo Stinnes hat im Wirtschaftsrat gesprochen, und zwar so offen/' daß Freund und Gegner ihre Freude daran haben locrben, tueitn diese Rede im Reichstag wieder- Iwlt wird Stinnes hält das Llbkommen von Spaa für unerträglich:Cs fehlen uns die tech­nische Mittel, um die Quantitäten, die durch das Spaa-Abkommen festgelegt sind, tatsächlich zu liefern, und im November Iverben die Verhältnis sie, soweit fein, daß die Ernmarfchsrage und alle For- derimgeu wieder akut werden." Das n>ar ebenso deutlich fvie ehrlich.

Die votschafterfonferenz und die Ostsragen.

Paris, 25. Juli. (Wolff. 1 Die Botschas- terTon seren z faßte auch in der gestrigen Nach- frittagssitzung 'feinen Beschluß über Marien- werder und Allenstein. Nach dem ,,Petit Parisien" handelte es sich gestern darum, de Grenze zwischen Polen und Deutschland fcstzusotzen, die richt meln f dieselbe bleiben könne wie 1914. Eine Anzahl kleinere Kommunen, deren Bevölkerung 5um größten Teil über fast ganz polnisch sei, solle nach dem vorliegeirden Antrag Polen zngespvochcn vecken. Außndem ivolle man die Verbindung Lotens mit dem Meere sicherstellen und infolge- kenen sei beabsichtigt, auf dem rechten Weichsclufer gmügend breiten territorialen Streifrii Polen mzuiprechvn, damit seine Transporte und der freie xierEef/r der polnischen Schiffahrt gewähr!ristet Verde.

Wie einige Blätter melden, soll«: sowohl Eng­land wie Italien diesen Lösungen nicht zustimmen, ^.Echo de Paris" sagt, daß England und Italien 5? ??/^Ettige Räumung beider Bezirke tTuitfahen Sie erklärten, da sich eine deutsche Mehr- j?* $vK^n ^e, besitze Deutschland das Recht, ol>ne Verzug dort wieder zur Herrschaft zu gelangen. Moskau bewilligt den Waffenstillstand.

London, 24. Juli. (Europapreß.) Ein Radwtelegramm aus Moskau meldet, daß die Sowjetregierung das polnische L)af|cnstillstandsangebot angenommen sind ihren Truppen den Befehl erteilt habe, Nch hinter die von ihnen gegenwärtig be- letzte Linie zurückzuziehen, um die Zusam- »ienkunst der mit den Waffenstillstandsver­bandlungen betrauten Generalstabsofsiziere zu erleichtern.

London, 25. Juli. (WTB.) Das von Mos- Äu am 23. Juli von der Sowjetregierung an die polnische Regierung gerichtete Ratnotefegramm lau- ^-...^wieha. Minister t-cs Aenßern, Warsch>au: RuNtzche Sowjetregierung befiehlt Oberkommando Roten Armee, sofort mit polnisck^en Obervommünoo Äeiprechungen zum Abschluß W a f f e n st i l l st a n- ides und Vorbereitung zukünftigen Friedens zwi- ' cheu beiden Räubern zu beginnen. , Russische Ober- onnumbo wird mit polnischem Dberfoinrnanbo usier Ort und Zeit des Beginns Besprechungen -mfthen Militärbefehlshabern beider Parteien ver-

slKndigal. Gez. Tschitscherin, Kommissar für aus­wärtige Angelegenheiten.

Amerika und Polen.

Rotterdam, 25. Juli. (Wolff.) Reuter mdbet aus Washington: Tas Staate-departement 'hat das Ersuchen Poleirs nm mo ralische Un - terstützung ernstlich in Erwägung gezogen. Man erwartet, daß die Entscheidung bald erfolgen nritb.

NeutralitätSverletzungcn?

Berlin, 25. Juli. (Priv.-Tel.) DerVor­wärts"' meldet aus Braunschweig: Bei der Durchsuchung eines Schuppens fand man ein großes Lager van belgischen und französischen Maschinen und Maschinenteilen zum Ansertigen von Geschützrohren, Maschinengewehren und der­gleichen im Werte von mehreren Millionen Mark. Tie Gegenstände sollten anscheinend binnen kurzem abtransportiert wer.-en. Tcs ge amte Lager wurde beschlagnahmt und die Reichsregierung in Kenntnis gesetzt.

Lcdebour in Frankreich der Eintritt verwehrt.

Paris, 24. Juli. (WTB.) Nach dem Populaire" hat die französische Regierung sich geweigert, dem deutschen unabhängi­gen Reichstagsabgeordneten Ledebour den Eintritt nach Frankreich zu ge st al­ten. Ledebour sollte in einer Versammlung am 31. Juli in Paris sprechen.

Zum Austausch österreichischer und russischer Kriegsgefangenen.

Berlin, 24. Juli. (WTB.) Die Reichs­zentralstelle für Kriegs- und Zivilgefangene teilt mit: Ein Transport russischer Kriegsge­fangener aus Oesterreich, welcher sich auf der Rückfahrt nach Pajsau befand, ist dem Durchgangslager Neuße zugeleitet worden. Es ist festgestellt, daß zwei Mann sich nicht einwand­frei als russisckie Kriegsgefangene ausweisen konn­ten. Diese beiden sind zur Feststellung ihrer Per­sönlichkeit ausgesondert und anderweitig untere gebracht worden. Ter Transport wird über Narva heimbefördert.

Die französische Handelspolitik.

Paris, 25. Juli. (Wolff.)Journal Offi- ciel" veröffentlicht heute vormittag ein Tekrtt, durch welches das Einfuhrverbot für die meisten Artikel aufgehoben wird. Es bleibt nur bestehen für eine Anzahl von Luxusartikeln wie Perlen, Edelsteinen, Stükereien, Antiquitäten, künstlichen Blumen und teuren Früchten. Auf an­dere Luxusartikel wird erhöhter Zoll gelegt, den man durch die Erhöhung der Preise rechtfertigt. Es 'handelt sich um etwa 50 Artikel. Im ganzen kennzeichnet die Havasmeldung das Dekret dadurch, daß sie erklärt, man kehre dadurch im großen und ganzen lvieder zum normalen Zustand zurück.

Vie Hranzosen in Damaskus.

Beirut, 25. Juli. (VNB.) Havas. Die Hal­tung Iber scherififchm Kräfte 'hat General Gou- rarbveranlaßt, sich den Wegnach Damas- kusßuöfsnen, dessen europäisches Viertel heute vormittag besetzt worden sein dürfte. Am 22. IM hatte General Gouraud auf Verlangen des Emirs den Marsch der Kolonne, die auf der Straße von Zahle nach Damaskus vorging, aufgehalt m. Fessal erklärte, daß er seine Antwort auf das Ultimatum rechtzeitig abgesandt habe. Wenn sie nicht, in der vorgeschriebenen Zeit ein getroffen sei, sei dies eine Folge von unvorhergesehenen Umständen. Der General nahm diese Erklärung an und stellte den Vormarsch ber Truppen unter getvissen Be­dingungen ein, darunter die, daß die französischen Truppen nicht angegriffen würden. Trotzdem wurde die kleine französische Kolonne östlich von Telkaläh zwisckien Homs und Tripolis von regulären scheri- fischen Truppei^angegriffen. Infolge bieieS An­griffs und um de.n Angriff, der sich auf der Stvatze voit Beirut nach. Damaskus vorzubereiten schien, zuvorzukommen, schlug die franzö ifche Südkdlonne unter dem Befehl des Generals Goybet die scheri- fischen Kräfte, deren Hauptquartier sich in Khml Maiselon befindet, in der gebirgigen Gegend zwi­schen Beka und Damaskus nach einem langen Kampfe in die Flttcht. Der scherififche Widerstand scheint gebrochen zu sein. Die Behörden von Tamasfus sandten bald darauf in das französische Lager Vertreter, die erklärten, daß kein Widerstand geleistet werden würde und dach die Stadt die Ko- lottne verpflegen werde, bis der Eisenbahnverkehr roieber ausgenommen sei.

Eine Schlacht in der Umgebung von Adrianopel.

Paris, 24. Juli. (WTB.) Nach einer Havasmeldung aus London berichtet der Kon­stantinopeler Korrespondent desDaily Ex­preß", daß dis Schlacht in der Umge­bung von Adrianopel andauere. Der Widerstand der Türken in Ostthrazien werde rasch gebrochen. Die Griechen seien im Be­griffe, die Streitkräfte von Djaser Tayar zwi­schen Adrianopel und Kirkilisse einzuschließen. Die griechische schwere Artillerie habe die türkischen Verschanzungen an der Maritza zer­stört.

Die Präsidentenwahl in Amerika und der Völkerbund.

Paris, 24. Juli. (WTB.) Nach einer Meldung derNewport Times" erklärte der

Präsidentschaftskandidat der Re­publikaner, Darding, er stelle sich auf den Standpunkt der Ge g n e r d e s Völker­bundes. Man beurteilt das dahin, daß Dar­ding den Standpunkt des Senators Knox teile, einen Separatfrieden mit Deutschland zu schließen.

Siegerpolitik in Frankreich.

Paris, 25. Juli. (WTB) Raimund Pvtncartz schließt seinen heutigen Artikel im Ternps mit den Worten: Gehen wir weder nach Genf, noch sonst wohin, um von den Deut­schen Vorschläge zu verlangen. Begegnen wir ihnen nur noch, um sie an unsere Rechte zu erinnern und um ihnen unseren Willen zur Kenntnis zu bringen.

Eine Infamie.

Berlin, 24. Juli. Nach derVossi- schen Zeitung" hat der internationale Chirurgenkongreß die Ausschlie­ßung aller deutschen und ö st errei­ch ischen Chirurgen aus der internatio­nalen chirurgischen Gesellschaft wegen ihrer angeblich inhumanen Handlungsweise wäh­rend des Krieges gutgeheißen. Prof. Sauer­bruch (München) stellt dazu fest, daß die deut­schen Chirurgen im Weltkriege ihr Bestes für Freund und Feind getan hätten; dieser Aus­schluß sei eine Fortsetzung der Detze gegen Deutschland und eine Infamie.

Die Beschaffe von Spoa vor dem Reichrwirtschaflrrat.

Berlin, 24. Juli. Der vorläufige Reichs- w i r t sch a f t s r a t trat heute vormittag zur Llus- sprache über die vorgestern abgegebenen Regie rungserllärungen zu bau Verhandlungen und Be schlössen von Spaa im Sitzungssaal des Herren­hauses wiederum zusammen. Nach kurzer Erle­digung geschäftlicher Angelegenheitm eröffnete bia Aussprache als Vertreter ber Bergarbeiter Abge­ordneter Imbusch: Die Durchführung des Ab­kommens ist nur möglich, wenn alle bei ber Kvhlen wirtschaft Beteiligten mit wirklich gutem Willen mitwirken und alles baran setzen, bas Abkommen durchzuführen. Die Verlängerung ber Ar­beitszeit kann nur als letztes Mittel in Frage tominen, ivenn alle anderen versagen.

Abg. Hugo Stinnes:

Ich habe mich in Spaa nicht als Sachver- ftänbiger in Kohlen fragen betrachtet, sondern als eine Person, bte sich für bie gesamte brutsche Volkswirtschaft verantivorilich fühlt. Den Hin­weis auf bas, was geschehen würbe, wenn wir bas Abkommen nicht unterschrieben hätten, halte ich nicht für zutreffenb. Von Kennern ber Verhält nisse ist sclwn in Spaa bezweifelt worden, ob zwei Millionen Tonnen monatlich überhaupt geliefert werden können. Ich sehe voraus, daß es nicht möglich sein wird, das Abkommen zu erfüllen,' und dann werben wir uns Enbe des Monats November abermals vor bie Frage ber Kohl en- IMeningen unb des drohenden Einmarsches ins Ruhrgebiet gestellt sehen. (Sehr richtig!) Nach­dem bie beutjche Regierung bem Zwang gewiesen ist, wirb jeber Deutsche, soweit er gewohnt ist, sein gegebenes Wort zu halten, alles tun müssen, um ben übernommenen Verpflichtungen nachzn- fommen. Was kann nun in ber jetzigen Lage geschehen? Verlieren wir bie Hälfte des Waren­exports, bann verhungern wir, bann ist es mit ber beut scheu Volkswirtschaft zu Ende, bann müssen wir Menschen exportieren unb können es nicht. Wir müssen versuchen, zu retten, was noch ge­rettet werden kann. Das ist zur Zeit viel nötiger, als über Schuldige unb Nichtschulbige zu sprecl^en Die Maßnahmen, bte nun beschlossen sinb, teilen sich in langsam wirkende unb sofort wirkende. Selbstredend muß zunächst für eine besiere Ernäh­rung der Dergarbeiterschaft nach Qualität und Quantität gesorgt werden. Die Bergleute müsse,» aber auch sehen, i> nicht die Absicht besteht, die Ueberschichten in Permanenz zu erklären. Ich hoffe, daß die Achtstundenschicht für den indu­striellen Arbeiter allgemein beibehalten werden farm. Eine Steigerung der Siedelung in allen Kohlenrevieren ist unbedingt notwendig. Für rund 30 000 Wohnungen müssen im Ruhrgebiet jährlich zwei Milliarden beveitgestellt werden, wenn die- Kohlenförderung genügend gesteigert werden soll. Zwei Millionen Tonnen monatlich müssen für innere Industrie zur Verfügung stehen. Die Durchführung des Kohlenabkommens von Spaa wird neue scharfe Eingriffe in das deutsche Wirt­schaftsleben notwendig machen. Ich beantrage^ in jedem großen Revier eine Kommission aus drei Arbeitgebern unb brei Arbeitnehmern ein­zusetzen, bie etwaige Beschwerdefälle zu prüfen, zu begutachten unb den Behörden zur Kenntnis zu geben hat.

Rudolph (Arbeitnehmer, Vertreter der Binnenschiffahrt): Die Regierungsvertreter in Spaa haben offenbar außer Acht gelassen, daß bie Kohle nicht nur geförbert, sondern auch be­fördert werden muß. Diese Frage hätte in Spaa in gesonderten Besprechungen zur Erörterung kom­men sollen. Das Gutachten ber Transportsach- Derftänbigcn hätte wohl nicht Lloyb George unb Milleranb umstimmen können, aber ich glaube: Wenn schon bas Gutacksten ber Kvhlensachver- ständigen sie veranlaßt hat, von ihren hohen Forderungen herabzugehen, bann wäre es zum Mindesten auch Mner Schllberung unserer Ver- kehrsschwierigkeit^l' gelungen, noch eine größere Milberung des Spaaer Abkommens herbeizuführen. ES wirb ratsam sein, baß sich bte Regierung mit ber Entente in Verbindung setzt, um von den von uns gelieferten Waggons und Maschinen nun für die Beförderung der Kohlen wieder einen

Teil zurückzuerhalten. Wie denkt man sich bie Erfüllung des Spaaer Llbkommcns, nxitn die Rhclnschiffahrt es ablehnt, die Mehrarbeit bei ber Kohlensörberung mitjuleiftcn? Nur wenn bie Bin­nenschiffahrt bie Mehrarbeit leistet, kann es erfüllt werden.

Geheimer Bergrat Hilger: Der oberschli>- l'ifdxe Bergarbeiter ist wenig geneigt, Ueberschtch- ten zu leisten. In der Kommission, Pie nun zur Regelung ber ober schlesischen Kohlen frage gebil­det lverden soll, wirb Deutschanb in ber Minder­zahl bleiben. Wenn gleichwohl es unmöglich ist, bas Abkommen von Spaa zu erfüllen, so ver­traue ich boch barauf unb weiß, daß Oberschle­sien versuchen wirb, feinen Verpslichllmgeit nach­zukommen, unb auch wir, bie wir bas Abkommen abgefeimt haben, möchten nicht unterlassen hec- vorzubebcn, daß es bie Pflicht eines jeden ist, dem Laube nun zu helfen unb alles zu tun, um die Forderung ber Entente, soweit als möglich, zu erfüllen, bamit bie Entente von ivolleren Zwangsmaßnahmen absieht. (Beifall.)

Walter Rat Henau: Spaa konnte kein Erfolg werden, fonbcrn nur ein Ergebnis haben. Das Ergebnis war die Wwchr einer sclpoeren Ofefahr. Sie ist nicht resllos beseitigt. 2lber ber Gedanke scheint sich durchzuringen, daß man nicht mehr mit Nervosität vom Rütteln am Versailler Friedensvertrag spricht, sondern die Hauptsache ist, daß nunmehr erst an die Möglichkrit der Durch­führung des Friebensvertrags beran gegangen wurde. Es ist zum erstenmal gewesen, daß Teutschlanb wieber Berrrauen entgegengebracht wurde, und bieses Vertrauen war rein persönlicher Natur. Wir wissen, wie Kfpver es zu erringen war unb wie es wiederholt unentwegt von Eng­ländern unb Italienern bezeugt wurde, zum Teil auch von den FrMtzosen. Tas haben wir bem klaren würdigen und zillbeivußten Handeln unseres Außenministers zu banken. (Beifall.) Reichsminister des Auswärtigen Dr. Simons:

Herrn Dr. Rathenau danke ich für die freund­liche Anerkennung für mich. Ich will aber nicht bie Gründe für bie Unterzeichnung bes Spaaer Abkommens darlegen. Das war bisher das Trau­rige, daß man niemals glaubte, wir täten bas, was wir tun könnten. Ich hoffe, baß inan seit Spaa mehr Vertrauen in uns setzen wirb, baß wir versuchen wollen, zu hm, was wir versprochen haben. Eins werben sich bie Mliierten sagen müssen sie werden es in Spaa gelernt haben bieses Kohlenabkommen unb ber Friebe über­haupt Faun auf bie Dauer nicht gegen Deutsch­land, sondern nur mit Deutschland, nicht gegen unseren Willen, sondern nur mit unserem Willen ausgeführt werden. Davon werden die Grenzen! abhängeu, die der Ausführung gesetzt sind. (Leb­hafter Beis-äll.) Dr. Simons verliest fotxnrn bas Protokoll über bie Einsetzung ber oberschfesisck> Kommission, worin bie gerechteste Köhlen Vertei­lung zugesagt wirb unb es weiter heißt, baß ßloijb George barauf hin gewiesen habe, baß biese Frage nicht bnrch Abstimmung enti'chieben wer­den könne, sondern daß es im Interesse bei* Alliierten wie auch Deutschlanbs liege, daß die Kommission geredjt utro unparteiisch beraten werde unb baß bie Alliierten bafür sorgen würden, bah mit Teutschlanb in biefer Angelegenheit ein ehr­liches Spiel getrieben wird.

Föhr. v. Schorlemer: Auch bie deutsche Landwirtschaft teilt die Befürchtung, daß das Kohlen ab kommen kaum erfüllbar sein wird und daß es auch für die Landwirtschaft große Schwie­rigkeiten in sich berge. Die Landwirtschaft wird nur etwa mit ber Hälfte des Kohlenbedarfs gegen* über ber Friebensversorgung beliefert werben. Alnr wir Lanbwirie wollen, nachdem das Ab­kommen unterzeichnet ist, einmütig hinter der Regierung stehen und ihr den Rücken stärken und alles zur Erfüllung des Abkommens tun, aber das ist nur möglich, wenn auch unseren Be- sckoverben abgeholfen wird. Zur Versorgmig un­serer Bevölkerung mit Fleisch, Fett unb Milch müssen wir Futtermittel aus bem Auslanbe ein­führen. Wenn es wahr ist, baß die Amerika­ner uns 100000 Kühe zur Verfügung stellen wollen zur Versorgung der ftäbtifeben Kinder mit Milch, so wird wohl die Mllchleistung dieser Kühe erlMich zurückgehen, da wir ihnen nicht so viel Futter von bester Qualität geben können wie die Amerikaner. Der Ernährungs­ausschuß wird sich mll der Frage des Wbaues der Zwangswirtschaft zu befassen haben. Die Landwirte geben zu, daß wir die öffentliche Bewirtschaftung des Brotgetreides in ben nächsten Jahren nicht entbehren können. Wir ersuchen aber bie Reichsngierung dringend, mll der Be­wirtschaftung ter Kartoffeln und der Zwangs­wirtschaft des Fleisches endlich aufzühören. Baden, Anhalt unb Hessen sind schon bazu überg^gangen unb auch preußische Kommunalverbände beschreiten auf biefem Gebiete ihre eigenen Wege. Es war verkehrt unb undurchführbar, ben Selbstversorgern auf dem Lande Vorschriften dafür zu machen, was fte für sich selbst verbrauchen dürften.

Abg. Wissell (Arbeitnehmervertreter der Industrie): Wir stehen in nächster Zeit einer übergroßen Arbeitslosigkeit gegenüber. Vier Punkte sind sofort zu erledigen: (Steigerung ber Kohlenförberung, die zweckmäßigste Beförde­rung der Kohle, die unter Abwägung aller In­teressen ber Gesamtheit vorzunehmcnde Vertei­lung ber Kohle und oas Sparen der Kohle dort, wo gespart werden Fann.

Berlin, 24. Juli. (WTB.) In der.heutigen Sitzung des ReichÄvittschaftsruts wurde eine E n t- schließung angenommen, in der am bie füer<uis schwere Belastung des beutschen Wimchmsleoens durch das Kvhlenabüvmmen ton Sgxm bmgunriat wirf Es wird ferner betont, daß die Lebens­haltung ber Bergarbeiter "A ullm Mittrin M heben sei und baß eine gründliche Tawcharbettun^ der Kvhlenverteilnng novoendig fet Sodann wur-