Ausgabe 
16.2.1920
 
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Nr. 39

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Erste; Blatt

170. Jahrgang

Montag, 16. Zebruar 1920

3roimitgtrnibbni<f n. Der lag: vrühl'fche Univ.-V»ch- i. Steiubncterei 8. Lange. Schriftleit«,-. Seschäftzstelle iLÖnderei: Schulftr. 7.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Vie neue Wendung im Prozeß Erzberger.

Die Fveitagssitzung im Prozeß Erzber- ger-Helfserich war so wichtig und bedeutungs­voll, das; wir die Verhandlungen im einzel­nen nochmals genauer wiedergeben müssen, um den Lesern ein wahres Bild dessen zu gS- ben, um was es sich hier handelt. Es entspricht einer alten Pressegepflogenheit, dem Aus­gang einer Gerichtsverhandlung mit kritischem Urteil nicht vorzugreifen. Das soll auch hier nicht geschehen. Ob der Angeklagte Helfserich verurteilt werden kann oder muß, darüber soll nichts gesagt werden. Wohl aber darf man von einigen unwiderleglichen Feststellungen des Prozesses jetzt schon sich ein Bild machen. Was auf dem Spiele steht, ist ja mehr als ein Interesse aus Neugier und Sensation; das deutsche Volk weiß es, daß die Stellung des Reichsfinanzministers heute nach innen und nach außen wohl die einflußreichste un,d bedeu­tungsvollste Stelle ist, die wir zu vergeben haben. Da haben denn die Zeugenvernehmuw- gen am letzten Freitag Ergebnisse gehabt, die ein schweres Mißbehagen allenthalben Hervor­rufen werden. Eine so geschäftsbeflissene Nrv- tur, die, wie Herr Erzberger, bei allen poli­tischen Handlungen ein Gemisch von materiel­lem Egoismus und Strebertum nach Einfluß, Schiebertum in den Reichsämtern, hervor­drängt, gehört auf keinen deutschen Ministern stuhl. Was soll man dazu sagen, daß Herr Erz­berger erklärt hat, die Abgeordneten hätten nur »u dekorativer Wirkung als Kontrollorgane in )en Kriegsgesellschaften gesessen, wobei er tillschweigend für sie in Anspruch nahm, daß ie auch, nach seinem eigenen Beispiel, in den Erwerbsgesellschaften finanziell interessiert fein könnten. Es steht fest, daß zwei Neu­gründungen, an denen Herr Erzberger ma­teriell und ideell, wie er erklärt, aus all­gemeinen Volksinteressen teilaenommen hat, an das Ausland verkauft worden sind! Im einen Fall hat Erzberger selbst an den Verkaufsverhandlungen sich beteiligt, wäh­rend iu dem anderen Fall, zum Verkauf eines Patents zur Verwertung flüssiger Luft zu Sprengstoffen, das Wolffbureau vonbe­teiligter Seite" noch einmal darauf aufmerk­sam gemacht wird, daß der Verkauf nach dem Ausscheiden des damaligen Abgeordne­ten Erzberger aus der Gesellschaft erfolgt sei. Wer diebeteiligte Seite" ist, darüber gibt es keinen Zweifel. Was einem übel und peinlich aus dem Prozeß entgegenduftet, das ist die unsympathisch^ und aufdring­liche Art, in der Herr Erzberger überall feinen Einfluß ausgefpielt hat. Mag vom juristischen Standpunkt nichts dagegen ein­zuwenden sein, vom politischen und morali- fchen Standpunkt aus ist jedenfalls der hef­tigste Widerspruch am Platze. Ganz besonders in der heutigen Zeit, wo der Reichsfinanz­minister ein doppelt zuverlässiger, selbstloser Mann zu sein hat und wo die Führung des neuen Deutschlands nicht auf dem Niveau einer minderwertigen und grundsatzlosen KuhK Handelspolitik stehen darf.

Tie Gerichtsverhandlung vom 13. Februar hat so interessante und zum Teil sensationelle Er­gebnisse zur Belastung Erzbergers ge­habt, daß wir noch etwas ausführlicher darüber berichten müssen

Es wurde in die Beweisaufnahme über den Fall.iUnvastsch"

eingetreten. Tr. H e l f f e r i ch äußerte sich in längeren Ausführungen über diesen Fall wie folgt: Es handelt sich in dem Fall um die geschäft- liche Ausnutzung der Verwenduna flüssiger Luft als Sprengmittel. Flüssige Lust ist allerdings ein Sprengmittel von hervorragender Bedeutung, welches jedoch bei der Anwesenheit von Schlagwettern sehr vorsichtig an- gewenüet werden muß. Herr Erzberger hat spä­testens im Herbst 1914 ein finanzielles Interesse genommen an der Verwertung des Patentes eines Ingenieurs K o w a st s ch $ur Verwendung der flüssigen Luft als Sprengmittel. Zu diesem Zweck taube ein Konsortium gebildet an dem Herr Arzberger, Kowast sch, ein Herr Bal d us «nd die Thyssensche Gewerkschaft Teutscher Reifer" mit je einem Vier­tel beteiligt waren. Die Versuchsarbeitm tat eben in Hamborn von der GewerkschaftDeut­scher Kaiser"' ausgeführt, wo mir im November von Herrn Aug. Thyssen sen. solche Versuche torgeführt wurden. I m Gegensätze zu der hier eidlich abgegebenen Aussage des Herrn Erzberger bestanden also damals schon, mindestens ein halbes Jahr vor seinem Eintritt in die Thyssenschen Auslichtsräte, zwi­schen Erzberger und Thyssen enge ge­schäftliche Beziehungen in einer nicht unbedeutenden Angelegenheit. Zunächst hat Erz­berger sich bei den Behörden, vor allem dem preußischen Handelsministerium und dem Dor- litzenden der Prüfungskommission für Spreng- rnittel, Geheimrat Will, ganz einseitig und mit großem Nachdruck unter Hervorhebung sei­ne r E i g e ns ch a f t als Mitglied des vieichstages und unter Verschweigung feiner finanziellen Interessiertheit für das noch gänzlich unfertige Kowastsch-Ber- fahren eingesetzt; er hat sogar den Versuch ge-

acht, anbere, bessere Verfahren des Sprengens mit flüssiger Luft beim Hande!sministerium und den Bergbehörden zu bidfrebitteren.

Er Pot z. B. am 9. Februar 1915 an ben Referenten im Handelsministerium tinen Bries ge­schrieben, in dem er damals im Bergbau m Ober­schlesien bereits mit Erfolg angerDenb.teM a r- fitverfahren" bekämpfte, von denun­gemein großen Gefahren" sprach, die di st's Son» kurren-verfahren mit sich bringe und hinzufügte: Als Nichtsachrnmrn bin ich natürlich nicht in der Lage, zu entscheiden, in welchem Umfang bt: in den beiden Anlagen geschildert m G.ffahren vor- tiegen, halte es aber für meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, damit nicht un­nötigerweise Menschenlbem in Gefahr geraten, gez. M. Erzberger, Mitgli^> des Reichstag's." Seine Beteiligung an dem Verfahrm, zu dstfen Gunsten das Marsitverfahren ausgeschlossen werden sollte, hat er verschwiegen. Nachdem Erz- terger sich also den Boden vorbereit >t hatte, trat er an die Bergbau-Jnteveftentm heran und bot diesen unter Hinweis aus bic vom Kriegsminist:- rium in Aussickst genommene Einschränkung in der Belieferung des Bergbaus mit Stickstosfspr.'ng- mitteln sein Verfahren an, und zwar zu Bedingun- gen, die vorn Bergbau als eine Ausnutzung der durch die Stickstoffckappheit geschassenen Notlage ausgcfaßt wurden. Er verlangte für die lieber« lasjung des noch unfertigen und ipäter als un­brauchbar erwiesenen Berfa ,rens n i d) t lv n i g ? r als 5 Millionen Mark, an denen er mit ein Viertel beteiligt gewes-m wäre. Ter Bergbau­verein Tortmund lehnte dieses Ang'bot ab. Die Jntei.es enten an dem Mar i versäum hatten in- znischen den Eindruck gewonnen, daß die Eizberger- sche Gegenwirkung nur zu übenvinden sei, wenn sie Erzberger an ihrem Verfahren finanziell interessierten. Infolgedessen kam es zu einer Fusion bet beiben Gruppen. Die Wirkung war, daß Herr Erzberger sich mit genau derb sei ben Eifer wie vorher für bas nun un­brauchbar preisgcgebene Kvwatsch-Berfahren so jetzt für das bisher von ihm als lebensgefährlich be­kämpfte Marfitverfahren einsetzte. Herr Erzberger gehört offenbar zu ben auserwählten Menschen­kindern, bi denen zwischen dem Allgemeinwohl, ihren jeweiligen Ueberzcugungen, denVerhält­nissen" und dem eigenen Vorteil so etwas wie eine prästabilicrte Harmonie" besteht. Bors.: Ich litte doch, alles Persönliche auszuscheiden! Dr. Helfserich: Für mich, der ick diese Dinge nüch­terner betrachte, liegt allerdings auch in dem Fall der flüssigen Luft nichts vor, als ein neues Bei­spiel unsauberer Ausschlachtung politischen Ein­flusses zu Geschäftszwecken, und zwar mit einem deutlichen Zusatz vonunlauterem Wettbewerb".

Zur Entgegnung erhält d s Wort Rechtsan­walt Tr. Friedländer und führt aus: Es wird hier wieder vo-n dem Angeklagten em Kom- f^ex von an sich ganz unauffälligen (?) Tatsachen in bewußter Weise zusammengebracht, um eine Verdächtigung des sieben kl ägrrs zu begiimbm. Es ist dasselbe System, was schon fr über in Anwen­dung gebracht worden ist. Tas Interesse des Abg Erzberger an dem Kowasi scheu Verfahren ist nicht erst 1914 entstanden, sondern schon 1910 oder 1911 erweckt worden, und zwar handelt es sich um eine zufällige Bekanntschaft, die in Zusammen­hang mit seiner Parteistellung als Zentrums- abgeordneter stand. Er wurde von dem Pater Simonis mit Ä^Aififd) Mann'gemadjt. Pater Simonis hatte ihm mitgeteilt, das Kowistsch, mit dem er bic Jesuiten schule in Feldkirch besucht habe, eine außerordentlich wichtige Erfindung ber V'r- wendung flüssiger Luft als Spiengmittel gemacht bäte. Kowastsch tarn zum Abg Erzberger unb legte ihm unter eingehender Erläuterung seine Erfindung vor, die noch nicht patentier! worden war und von unsagbarer Tragweite sei, da da­durch jede Lebensgefahr restlos beteiligt unb Sprengstoff in unnennbarer Menge beschafft w.r- ben könne. Es kam noch hinzu, daß auch Sauer­stoff durch das Verfahren gewonnen wurde. Die Erfindung war also eine epochemachen«. Herr Erz'»erger beteiligte sich z nächst durch Hin­gabe von einigen taufcnb Mark, die er als B ü r g- schast gab, denn der Erfinder war so arm, daß. er du Ausgabe für die Patentierung nicht leisten formte. Das Vnstahven wurde dann durch den Patentanwalt Neppen zum Patent gebracht, unb Herr Baldus beteiligte sich an dem Unter­nehmen. Während Baldus an bet Froj war, höNe er, daß cm Konkurrenzverfahren aui- getaucht wat, unb nach ganz Eurer Verhandlung kam es zu einer Fusionder beiden Unternehmun­gen, in Form derSprengluft G. m. b. H.". Jede der Gruppen erhielt 50 v. H. fr?5 Gewinnes, der bei der Kowaslsch-Gruppe in ber Weis; ver- teilt werden sollte, daß, Erzberger, Balbus, Kowasffch mckd er Thyssen-Konzern je ein Birrt'l erhielt. Erzberger verkaufte dann bald nach ber Fusion seine 2 22^ Anteile für 30 000 Mark, o gleich befe b ld barauf mit 5000 Mk. je Anteil gehairdelt ivurden.

Ministerialdirektor Neuhaus bringt in seiner Vernehmung bas schon mehrfach, erwähnte Schreiben Erzbergcrs an bas Handelsministerium bzw ben Geheimrat Kattnski, ber inzwischen ver­storben ist, zur Verlesung, welches bamit schließt, baß Erzberger erklärt, er halte es für seine Pflicht, barauf aufmerksam zu machen, baß nicht unnüver­weise Menschenleben in Gefahr gebracht werben. Der Zeuge bekundet, daß sich bic Industrie gegen das Kvwastsche Verfahren gewehrt habe, weil das Verfahren noch nickt richtig airsprobiert ge­nesen sei, und ferner, weil sie sick nicht einer Mono­polstellung ber Gesellschaft annertrauen wollte, schließlich auch, weil »ie sich niht mit ben hohen Lasten, welche die Gesellschaft ihr auf bürden wollte, belasten wollte. Tie itiau sielten Bebinau xten un ­ter benen das Mittel angeboten wurde, e- handelte sich um Millionen, wurden als unmuuchmbar be­

zeichnet. Es ist mir, so fährt der Zeuge fort, be­kannt, baß das Kvwastsch Verfahren auch nach Jahren noch nicht als ausprobiert gaü, ba eine ganze Reihe Unglücksfälle sich ereignet hatten.

Tr. Helfserich: Ist es Ihnen bekannt, daß. auch noch während des Krieges ein K a p l a n des Bischofs von Fulda bauernd rek­lamiert wurde, um auf der Zeche Deutscher Kaiser in Hambvm einen neuen Zünder auszu- tm.»bieten, ivelcher das Mittel schlagwettersicher machen sollte?

Zeuge: Tas ergibt sich aus ben Akten. Tas Mittel gilt auch heute noch nicht als schlagwetter- sicher.

Neichsftnanzminister Erzberger bekundet als Zeuge, daß cr zu der lieberynigung gelangt sei, daß es sich um eine Sache handele, deren An­wendung im allgemeinen Interesse ber Industrie läge, und so habe er sich an seinen Freund, ben Jabrifbcfijer Baldus, g.nxmbt. 1912 sei die Er­findung fa weit gdne'ffcu gewesen, daß sie prak­tisch in den Bergwerven auspwbiert werden konnte, und da habe der Erfinder ihn gebeten, sich mit dem Ministerium in Verbindung zck setzen.

Bei einer Stelle ber Aussage des Zeugen Erzberger bemerkt Tr. Helfserich: Das Ge­dächtnis des Herrn Erzberger versagt merkwürdig oft. Vars.: Ich möchte Sie doch bitten, Schärfen gegenüber dem Zeugen zu vermeiden.

Tr. Helfserich: Ter Zeuge Erzberger ist in diesem Prozeß mein Hauptent- lastungszeuge. In welche Lage komm« ich, wenn diesen Zeugen sein Gedächtnis in allen wichtigen Punkten so im Stich läßt. Mit Geheimrat Will, dem Vorsilteirden ber Prüfungs­kommission für Sprengstoffe, hat Erzberger sehr eingehend konferiert, um die Einführung des Kowastsch-Versahrens durchzusetzen.

Zeuge Erzberger schildert bann weiter, wie die Fusion der haben Gesellschaften zustande- gefijarmen ist. Er selbst habe sich kurz er g'aube nur ineiner Sitzung te.ciligt. Tann sei er bald ausgeschieben . Ich habe meine Anteile sehrb illig oeruruft, wäl-rend balo barauf Anteile sehr hock verkauft worben sinb, sowohl im In­land« als auch im Auslanbe. Meine pekuniären Interessen spielen in der ganzen Angelegenheit gar keine Ro V; wenn dies ber Fall gewesen wäre, würde ich meinen Anteil behalten unb dafür Hun­dert tausende bekommen hoben.

Bors.: Wann sind Sie ausgetreten? Erz­berger: Im Jahre 1915 oder 1916. Tr. Helfserich: Am 15. August 1916. Erz­berger: Ter Angeklagte weiß das alles besser wie rch. Er scheint einen besseren Zettelkasten zu buben wie ich.Tr. Hel sferich: Mein Zettel­kasten ist mein Klopf! Vors.: Wieviel haben Etz.llenz für Jh.en Anteil bekommen? Erz­berger: 30 000 Mk. Rech sanw. Tr. Als­berg sucht aus ben Darstellungen des Zeugen Erzberger nackHUwttsen, baß daraus hervorgeht, daß seine frühere Aussage über ben Beginn seiner Verbindung mit Thyssen in Wi e. sprach stehe. 6 Erz berger bejireitet dies unb verneint die weitere Frage, ob er Ko watsch mit Thyssen bo kann tgc macht habe.

Tr. Helfserich: Die geschäftliche Verbin­dung in dieser so eminent wichtigen Sache buttert nicht erst seit ber Begründung der G. m. b. H., ite bestand mt;ibeften5 schon im Herbst 1914. H a t Herr T h y s s e n nicht schon damals sich mit 25 Prozent beteiligt?

Erzberger: Er hat sich für die Sache interessiett und hat Versuchsanlagen ge­macht, ebenso Ivie es bei Stumm und aus anderen Gruben der Fall war, beteiligtwarer nicht.

Dr. Helfserich ruft dazwischen: Das ist empörend! Der Vorsitzende ersucht wiederum, solche Aeußerungen zu unterlassen. Dr. Helfserich: Es ist mir nahezu unmög­lich, solches ruhig mit anzuhöven. Ich habe selbst 1914 von Herrn Thyssen gehört, daß er beteiligt sei. Das laße Konsortium bestand schon im Jahre 1914.

Zeuge Erz berger: Ich kann mich auf einen einzelnen Termin unmöglich sestlegen las­sen. Vors.: Die Frage lautet: War Herr Thys­sen 1914 bereits mit 25 v. H. an dem Unternehmen beteiligt, und sind Sie selbst und die beiden an­deren auch schon damals mit 25 v. H. beteiligt gewesen?

Zeuge Erzberger: Ich kann im Augenblick sine bestimmte Antwort über den Termin nicht geben.

Weiter fragt der Verteidiger Herrn Erzberger u. a.: Ist es richtig, baß Sie für bic Lizenz bei ben Verhandlungen Ge bühren gefordert haben, die von dem Oberbergrat, mit dem Sie ver­handelt haben, als unglaublich b^eichnet wor­den sind?

Zeuge Erzberger: Als Ri'tmei'er Baldus im Felde stand, htibe ich die Berbondiungen ge- ftl'hrt. Ich erinnere mich einer solchen Ver­handlung. wie hier behauptet wird, nicht.

Tr. Alsberg: Haben Sie nichS mit dem Bergamt in Glidlvck pnchuidlt? Erzber­ger: Meiner besten Erinnerung nach nicht. Tr. A ls berg: Oder mit dem Oberbergrat v. Meer? Erzberger: I ch kannn mich auchdarauf nicht besinnen. Dr. Als- berg: Ist Jh -en nicht getagt worden, daß die LizenzgeMtir, die Sie fordern, einen jährsichm Betrag von 4 Vr Millionen aus machen würde? Zeuge: Ich kann, mich unmöglich jeder Unterceämg erinnern, die fünf Jahve -urück- liegt. ,

Tr. A lsberg: Sie f-'gen, eie battenun Mgemeinintevesje qtfrrnbeit. Wiwiel haben Sie m die Ges ll'ch ft eingesieckt? Zug-' Erzber­ger. 2200 Mk , aufoeriem brfv ick ei e Bürg­schaft ü'ternommen. Dr Alsberg: Sind ek für die Bürgsckwft in Anspruck ge lommen worden ? Zeuge Erzberger: 9icrn. Tr. Als­

berg: Dann haben Sie doch ein ganz erkleck­liches Geschäft bei ber Sacke gemadU, ba 30 000 Mk. an Sie hevausgez.ihlt sind Zeuge Erz berger: Ich habe auch sehr viel Arbeit für bic Sache ausgewandt.

Tr. Alsberg: Haben Sie nun eine Ertlä rung bafür, baßdas Kalishnbikat 50 000 Mark gezahlt hat, ohne daß das Verjalwen migewandt wurde? ®r »berger: Ick weiß darüber nichts Näheres, ich weiß nur, daß sie gezahlt worden sind. Tr. Alsberg: Es fft nämlich der Verdacht geäußert worden, der Betrag ist gezahlt irorben, damit Sie die Interessen de-s Verbandes wahmehmen. Erzberger: Ta hört doch alles auf!

Tr. Helfserich: Aus der Bekundung des Herrn August Thhssen geht her vor, daß das Patent angesichts des gefährlichen Strckstoss mangels noch während des Krieges für 9 00000 M k. an da s Ausland verkauft worden ist. Wie vereinbaren Sie bas mit Ihrem allgemeinen Interessen?

Erzberger: Tas ist alles nach meinem Ausscheiden geschehen.

Es kommt bann bas Gespräch auf bic Voll­macht, die Erzberger für den Verkauf hatte, und es entspftmen sich darüber längere Er­örterungen. Dr. Helfserich erllättc sc^ießlich: Für mich ist jeder ein Vaterlandsseind, tk' während des Krieges an einen solchen Verkauf fort anging Die Verteidigung ruft iljm erregt zu: Es war doch aneineneutraleMacht.

Generaldirekwr Berkemeyer bekundet: Ich war Vorsitzender des Aufsichtsrats der Ma r si t g e s ell s ch a s t. Wir batten bei dem Versuch, unser Verfahren einzusüchvm, mit dem Widerstand der Behörden zu kämpfen. Di's?r war, wie wir festgestellt haben, darauf zurück­zuführen, daß Herr Erzberger beim Mini­sterium vor dem Marsitverfahren gewarnt hatte. Da wir dadurch sehr behindert wurden, strebten wir eine Verständigung mit der Konkurrenz an, obwohl wir das Zlbwaslsche Verfahren für un­brauchbar hielten und deshalb nickt anwandten. Tr. Alsberg: Ter Verein Deutscher ftaliintn* essenten zahlte 50 000 Mk. für seine Option auf btib Kowasische Berßchren. Wie dachten Sie üb.t diese Zahlung? Zeuge: Ich bin der Ansicht, daß die 50 000 Mk. dem Verein das Wohlwollen des Herrn Erzberger einttagen sollten. Vvrs.: Ter Verein sttt die 50000 Mk. gezahlt, otjne einen Gebrauch von dem eingeräumtm Rrchi zu machen? Zeuge: Jawohl, so war es. Tr. Alsberg: Haben Sie mit einem der Htrv2r des Vereins gesprochen? Zeug;: Jawohl, mit dem Tirektor. Ich wies ihn gelegentlich auf die Wertlosigkeit der Option hin. Er erwidert: lächelnd: Wir haben die 50 000 Mk. gezahlt, wir denken aber gar nicht daran, von der Option Ge­brauch zu machen. Ich dachte mir das Meinige dabei.

Bergassessor L i s f e r erklärt, daß im Bergbau allgemein ber Eindruck bestanden habe, daß H:rr Erzberger durch seine Eingttsse der Eintührung des Marsitverfahrens schwere Hinderniss'? in den Weg gelegt habe. Wenn von dies'm Sckrnben Erz­bergers bte Rede war, habe man sofort g'schmun- zelt. Tr. Helfserich verliest eine otdte aus einem Briefe, worin von jenem Schrtibm die Rede war und ber Briefschveiber, ein b.'kannter Jurist unb Politiker, wörtlich schreibt:So dumm wirb bock Diathirs nicht fein, baß er sowas schrift­lich von sich gibt!"> Tr. Frieblänber (unter­brechend): Tas ist doch gewöhnlicher Matsch! Dr. Helfserich: Nein, das ist kein Maffch! Tenn der Zeuge bat bestätigt, daß man das Schrei­ben Erzbergers überall ttonisch lächelnd unb schmunzelnd betrachtete.

Assessor Schulenburg, der Mtterfinder des Marsit, äußert sich in ähnlichem Sinne. Erz­berger habe der Einführung des Marsit aus per­sönlichen Gründen Wioerstaick geleistet. Tr. Helfserich: Waren die Eingriffe Erzbergers und sein Widerstand gegen das Marstt mit Ver­anlassung zu der späteren Fusion? Zeuge: Ter alleinige Grund sogar.

Dieser Gegenstand wird hieraus verlassen und der FallAnhyvratleder" behandelt.

Tr. Helfserich: Es handelt sich hier um ein Seitenstück zu dem Interesse des Nebenklägers an berflüssigen Huft. , um das Jnteveise an einem Material, das im Kriege sehr knapp war, am Leder. Kommerzienrat Rechberg in Hers- seld, von Haus aus meines Wrssens Tuchsa bri­sant, nahm die Herstellung des fogenaamten An­hydratleders auf. Soviel ich weiß, handelt es sich dabei um die Imprägnierung von Leder mit dem angeblichen Erfolg, das Leder haltbarer zu machen. Herr Rechberg hielt es für angezeigt, den damaligen Abg. Erzberger an dieser Fabri­kation zu interessieren, und zwar nicht nur durch Darlegung der Kriegswichtigkeit des Verfahrens, sondern auch durck Argumente von gut metalli­schem Klang. Er gab dem Abg. Erzberger an )emAnhydrat"-Geschäft eine Beteiligung, und zwar nicht in dem kümmerlichen Ausmaß etwa res Pingodinaeschästes, sondern in Höhe einer echsstelligen Zahl. Ter Abg. Erzberger hielt es für richtig und unbedenklich, diese Beteiligung an einem Unternehmen, das lediglich für den Heeres- beborf bestimmt war, anzunehmen, obwohl er nicht nur Abgeordneter mit einem Parlaments- und geschäftsnotorischen Einfluß im Kriegsministerium war, sondern überdies Parlamentär ft ches Mitglied des Aufsichtsrates ber Kriegslieber-Aftien-Gesell- chaft. Ter Reichstag hatte Wert daraus gelegt, in trn wich:ich en Rohstoffgesellschaften durch unpattei- ische und uninteressierte Abgeordnete vertreten zu sein, um aus diese Weife die gerade von dem Kläger so hochgeschätzten allgemeinen Interessen gegenüber den Interessen der Industrie und der Kaufmannschaft zu wahren. Das hinderte den Ab-