MKeSungen im Lrzderger-Prozetz.
Tie „Germania",., das ^Berliner Org«n des Herrn Erzberger, veröffentlicht am Mittwoch früh zugleich mit dem Bericht über bte Dienstags-Verhandlungen im Eiberger-Prozeß einen gütigen und zornsprühenden Artikel gegen den ,,Dema- gogen" Helfferich. Man kann diesen Ausfall des Erzberger-Lellblattes wohl begreifen, denn Dr. helfferich hat am Dienstag dem Reichsfrnanzmi- nister zu crtier zeugeneiülich bekräftigten Feststellung verzollen, die recht beweiskräftig ist. Herr Erzberger hat sogar als Nebenkläger selbst dazu beitragen müssen, die Feststellung, wenn auch durch reichlich unbestimmte Aussagen, zu erhärten. «>o- mit scheint der Fall Berger in dem Prozeßverfahren, das Dr. Helfferich gegen sich erzwungen hat, in der Tat der kritische Punkt für Herrn Erzberger zu werden.
Es wäre Voreilig, jetzt schon ein endgülti^s Urteil auszusprechen. Indessen kann niemand bestreiten, daß am Dienstag die Beweisaufnahme ein völlig klares Bild ergeben hat, das auch von Herrn Erzberger und seinen Getreuen,richt mehr Verdun-, fett werden kann. Herr Erzberger ist jur bte .Tiefbau-Gesellschaft Berger u. Co. als Schiedsrichter in einem Streitfall zwischen dieser rZ-trma und dem J-iskus tätig gewesen. Ter Verrrcter des Kieler Kanalamtes machte nicht mit Unrecht geltend, daß es an sich schon der Stellung eines Äb- Keordneten wenig angemessen ist, wenn ihm die Aufgabe zusällt, in einer finanziellen Angelten- heil unter Umständen gegen den RerchsstskuS zu Gunsten einer Privatfirma zu entfchet^n Ader immerhin, wenn ein solches Amt nach bestem Wissen und Gewissen und in voller Unparterltchvert auSgeübt ivird, so haftet an dem aus- stbendcn Schiedsrichter, auch wenn er Abgcord- ftreter ist, sicher kein Makel. Wie aber lagen die Dinge bei Hetrn Erzberger? Wie alle Zeugeni- aussagen, auch die des Herrn Kommerzienrat-. Berger selbst ergeben haben, war er schon tm Jahre 1916 mit dieser Firma dadurch geichaftltch sehr eng verbunden, daß ihm die Aufnahme m den Aufsichtsrat des Unternehmens in sichere Auslicht gx> stellt war Herr Erzberger war also, wenn er n a ch diesem Zeitpunkt den Schiedsrichter ztmschen der Tiefbau A.<G. BergerLCo. unddem R e i ch s f i s k u s spielte, gewissermaßen Richter in eigener Sache. Er übte als zukünftiges Mitglied des Aufsichtsrates von Berger & Co. ein Amt aus — imd zwar nach außen hin als Abgeordneter —, das die höchste Objektivität und Unparteilichkeit verlangte. Diese Tatsache allein genügt. Ob sich der Fall Berger noch zu einem weiteren Skandal auswächst, wird sich aus der weiteren Beweisaufnahme ergeben.
Berlin, 12. Febr. (Wolff.) Im Prozeß Erzberger Helfferich teilte Rechtsanwalt ^Alsberg mit: Angesichts der Bekundungen Bergers und Erzbergers, daß sie während der schiedsrichterlichen Tätigkeit Erzbergers keine Beziehungen zueinander getobt hätten, bot sich der Regierungs-, und Baurat Morgenstern als Zeuge dafür an, daß tatsächlich jene Beziehungen in der angegebenen Zeit sehr eng und rege gewesen seien. Kommerzien-> rat Berger erklärte, der Abgeordnete Faßbender habe ihm Erzberger als Schiedsrichter vorge- schlagen. Helfferich behauptete, nach aller kaufmännischen Erfahrung müsse Erzberger damals schon als Aufsichtsratsmitglied in Aussicht genommen gewesen sein, da die Zeit zwischen dem Schiedsspruch und Erzbergers Eintritt in den Aufsichtsrat verhältnismäßig kurz gewesen sei. Berger erklärte, daß er darüber keine sichere Angabe mehr machen könne. Ter frühere Geschäftsführer seiner Firma, Regierungsbaumeister Hatzki, erklärte, daß Erzberger während der Schiedsgerichtssache ost von Berger informiert worden sei. Heber ferne Wahl in den Aufsichtsrat wurde damals noch nicht gesprochen. Doch sei seine und andrer Meinung die, daß Erzberger als Schiedsrichter für die Firma zweckmäßiger gewesen sei denn als Aufsichtsrat.
Berlin, 12. Febr. (WB.) In der heu- tigen Sitzung des Erzberger-Pro zesfes erklärte Regierungs- unb Baurat Morgenstern, er habe den Eindruck gehabt, daß die Beziehungen Bergers und Erzbergers das übliche Maß überschritten. Es sei ein dauernder Konnex gewesen. Nach snnw Ansicht sei Erzberger wegen seiner Beziehungen zur Regierung in den Aufsichtsvat gewählt worden.
Hebel bittest die Pvesse um Abdruck svlsrnder Er- tl<in2er Abg. Osann hat nach Nr. 29 des Täal Anzeigers" auf dem Parteitag der Deutschen Dolkspartei Hessens am 3. d. Mts. m einer Rede über die Arbeiten im Landtag, mlchd'.m -rr selbst zugestanden, „von der Ferne aus mag M Kampf allzu persönlich er?dienen iem , mörtluy gefügt: „Aber wir konnten den Egoismus «s Herrn Henrich für seine Penon und sein; Famtlv. als Schädling bekämpfen."
Tie unterzeichneten Mttgltedw r>ks Gesamtministeriums sehen darin eine durch nichts ber'ch- tigte persönliche Herabsetzung und verl'umd-nnicve Beleidigung des Herrn FinanMinifters Henrich, die hiermit energisch zurückgewtef'n wird. ge tarnte Tätigkeit des Herrn Finanzmmtsters Hm- rich ist fortgesetzt eine überaus schwer' und 'iur opserungsvolle gewesen und nicht ein Zug £>’*<= selben kann loyaler Weise als „EgotsinuS für seine Person und seine Familie" b'zncynet iveroen Wir erwarten deshalb von dem Abg. Osamt, daß er seine Behauptung ösfenrlich bewnst Tut er das nicht, so können wir es ruhig dein Urteil den Oesfentlichkeit überlassen, seine Haltung gwuhrend zu kennzeichnen. *
sw. Darmstadt, 11. Febr. Der frühere Vorsitzende der Hess. Zentrumspartei, Gchnm rat Dr. Schmitt, hat sein Mandat zur heiß Volkskammer niedergelegt. Das Mandat zur Nationalversammlung behält er bei. Sein Nachfolger in r>*r Hess Volkskammer wird Prof. Zilch in Zeppenheim Die „Wormser Nachrichten", denen imr die e Nachricht entnehmen, vermißt seit dw Nieder- legung der Führerschaft durch Dr. Schmitt bte einheitliche Marschroute in der Zentrumspartei.
Ans Stadt und Land.
Gießen, den 13. Febr. 1920.
Eine neue Preiserhöhung von Gas und Brand.
Abermals haben die Kohlenpreise, wie aus dem Anzeigenteile unseres heutigen Blattes ersichtlich, eine Steigerung erfahren und dement- spreäfend finb auch die Preise für Gas erhöht worden So tosten jetzt der Zentner Fettstückkohlen 13,70 Mk., Fetttruß'Lohlen 13,45 Mk., Fettkohlen melierte 12,55 Mk., Eßnußkohlen (Halbmager- vohlen) 14,65 Mt.,- Anthrazit 16,55 M., Eiform- und Steinkohlenbrifietts 16,30 Mk., Braunkohlenbriketts (Marke llntoni 9,40 Mk., Zertenvoks -grob 16,80 Mk., ZecheüMs, Nuß 18,60 Mk., Gas- stückkoks (ab Gaswerk) 13H0 Mk., Gasnußvoks (ab Gaswerks 14,50 Mk., wobei noch bestimmte Zuschläge erhoben werden dürfen. Gas zu Be- leuchtungs-, Koch- und Hei^wecken Hostet jetzt 68 Pf., Gas für Motvre und Jndustriezwecke 64 Pf., Autvmatengas 68 Pf. Tie Miete für die Gasmesser bleibt wie bisher bestehen.
Verschiebung des Sommerfahrplans.
Ter Sommerfahrplan wurde in Friedenszeiten in Deutschland regelmäßig am 1. 3JHn ein geführt. In den letzten Jahren ist es m^st einen Monat später geworden. Tie dmtschm Eiisenbahnverwaltungen sind soeben übernng*m» men, auch in diesem Jahr den neuen Fahrplan erst mit dem 1. Juni einzuführen. Tie Verschiebung empfiehlt sich schon deshalb, weil der sommerliche Verkehr, insbesonder: b?r Bäderverkehr, auch in diesem Jahve wohl später einfetzm wird, soweit er überhaupt in Frage kommt und bedient werden kann. Maßgebend für di; Entscheidung war die Mitteilung der schweizerischen Bundesbahnen, daß sie ihren Sommerfahrplan am 1. Juni einführen werden, ebenso wv: die anderen Grenzländer der Schweiz, insbesonder; Frankreich und Italien. Auch im Holland planen die beiden großen Eisenbälnrverwaltungen dasselbe, llntw diesen Umständen liegt keine Veranlassung vor, di; Schwierigkeiten des Uebergang's dadurch zu vergrößern, daß der Sommerfahrplan zu verschiedeum Zeiten eingefühtt wird und die Anschlüsse währmd eines ganzen Monats %. T. nicht übereimttmmen. Große AenLerungen oder gar Zugvermchrungm dürfte der Sommerfahrplan unter den jetzig;n Umständen kaum bringen. Wir müssen zufrieoen sein, wenn die Eisenbalmverwalttmg von Zeit zu Zeit dem dringendsten Bevürfnis durch einzelne Verbesserungen entsprechen kann.
Aus Hessen.
Eine Kundgebung des Ministeriums gegen den Abgeordneten Osann.
Tie hessischen Minister Ulrich, Dr. Fulda, v. Brentano, Neumann, Raab, Dr. Strecker und
Lebensmittel.
** Auslands f leis ch-K arten. Die ton 13. und 14. ds. Mts. zur Ausgabe gelangenden Auslandsfleischkarten finfc nach Eintragung des Namens und der Wohnung des Bezugsberechtigten bis zum 16. ds. Mts. einschließlich einem Metzgergeschäft zur Abstempelung und Abtrennung
schon Eisenbahnverwaltungen noch nicht getroffen. Schön seit langen Jahren sind die Tarife in dieser Beziehung ganz einheitlich. Wenn die Erhöhung schon zum 1. März durchgeführt werden soll,, wie dies geplant ist, so kann nur ein ganz einfacher Satz angewandt werden. Es ist ganz ausgeschlossen, in der kurzen Zeit noch die zahllosen Fahrpreise umzurechnen und die FahrLartenbestände umzw- stempeln. Angesichts der Steigerung der Gehälter und Löhne wie der Preise für Kohlen, Eisen und andere Stoffe ist jedenfalls mit einer beträchtlichen Erhöhung zu rechnen. .
** Po st nachnahmen und Postaus- träge nach dem französisch besetzten Gebiet sind von jetzt ab auch über mehr als 100 Mk. zugelasseH. Ferner können aus dem französisch besetzten nach dem unbesetzten Gebiet Briese und Pakete mit Wertangabe sowie Postanweisungen, Zahlkarten, Postschecks und Ueberweisungen bis zu dem im unbesetzten Teutschland zugelaufenen Höchstbetrag ohne Begründung der Zahlung abgesandt werden.
** Deutsche Vv lks Partei. In einer stark besuclsten Mitgliederversammlung derJugendgruppe der Deutschen Vollspartei Erstattete gestern abend der Vertreter'der Jugend- j gruppe auf dem 2. Hessischen Parteitage, stud. jur. < Reinhardt, einen ausführlichen Bericht über den Verlauf des Parteitages. In seinen klaren Ausführungen ging der Redner besonders auf die eindrucksvollen Ausführungen des Führers Dr. Stvesemann ein. Er schloß mit einer eindringlichen Ermahnung an seine jugendlichen Parteifreunde. zur unaufhörlichen Arbeit in den Bestrebungen der Jugend im Nähmen des Programms der Deutschen Vottspartei. An der sich anschließenden Aussprache beteiligten sich vor allem Landgerichtsrat Schuöt und Parteisekretär Dr. Lutsch, die die Ausführungen des Referenten in einigen Punkten ergänzten und in einer für alle Anwesenden äußerst lehrreichen Aussprache eingehend erörterten.
Landkreis Gießen.
Braunkohlengrube Friedrich.
— Hungen, 12. Febr. Wie wir hövsn, istdieBraunkohlengrubeFriedrichbei Hungen für IOV2 Mill. Wirf in den Besitz der Frankfurter Gasanstalt über gegangen. Die bisherige Jahresförderung betrug 120 000 Tonnen, ist aber noch steigerungsfähig. Die Braunkohle kann zur Unterfeuerimg bei der Gasfabrik bermrn- bet werden, so daß auch der bis dahin verwend^; Koks anderweittg Benutzung finden Fann. Ter vorhandene Ton bietet die Möglichkeit zur Errichtung einer Ziegelei. *
** Lollar, 13. Febr. Für Tapferkeit vor dem Feinde an der Ostfront erhielt d;r Gardr- schütze Friedrich Simon das „Eiserne Kreuz 2. Klasse". Außerdem wurde er zum überzähligen Gefreiten ernannt.
K. We iter shain, 12. Febr. Die Anlage eines neuen Friedhofes ist von der Gemeinde beschlossen worden. Mit den Arbeiten soll im Frühjahr begonnen werden.
Kreis Lauterbach.
la. Lauterbach, 12. Febr. Gestern abend gegen 10V- Uhr hatten wir ein kleines Gewitter zu verzeichnen. Gewiß eine seltene Naturerschei- itung in der jetzigen Jahreszeit.
Kreis Schotten.
ck. Gonterskirchen, 10. Febr. Heute wurde in der Wirtschaft von Tamer hie hie/ige Gemeinde--, Wald- und Feldj'agd ast 6 Jahre verpachtet. Sie umfaßt 351 Hektar Wald und 458 Hektar Feld. Es w irde ein Pachtpreis oon 6510 Mark erzielt. Bisher öostetss sie 1000 Mark.
a. Oberlais, 12. Febr. Ter im Jahre 1904 von Lehrer Mohr in unserer Gemeind: g> gründete Gesangverein „Liedtefreund" veranstaltet am nächsten Sonntag im Saale des Gasttvirts. Theiß ein großes Konzert. Der derznttg: Dirigent, Lehrer Gengnagel, will durch ausgewähite Männerchöre, Quartetts und Sologesänge der ©•;* meinbe einen genußreichm Abnte verschaffen.
a. Glashütten, 12. Febr. An Stelle des nach Ober-Ramstadt versetzten erstm LchrerS Otto Weber, bei1 acht Jahre in hiesiger Gemeinde segensreich gewirkt hat, kam Lehrer L?hmer nach hier. Sein letzter Wirkungskreis war Unterschmü- ten, wo man ihn auch als Dirigent des Gesangvereins schätzen gelernt und darum feinen Weggang sehr bedauert hat. Zur Freude unleDur J«- gend hat er die Leitung des Gesangvereins int/erer Jugerchvereinigung übernommen.
Hessen-Nassau.
mc. Frankfurta. M., 12. Febr. Der Magistrat hatte sich in einer Eingabe an das Er- n ährungsministerium gewandt, um ein generelles
des Ko-rttrollabschnittes vorzulegen. Die Ausgabe der Fieischwcwsi erfolgt gegen Abgab; du Bezug. abschaitte nach besorrdevcr noch zu erlasseru.er B-- künntmachimg. Es ist nicht statthaft, die Karten den Geschäften zur Aufbewahrung zu übergeben.
** Freibank. Samstag, 14. Febr., ^werden «von 1 tife 3 Uhr nachmittags die Nm. 951—990 beliefert
Veranstaltungen.
Freitag, 13. Febr. Uferini 3miberabent> — Lichtspielhaus „Panopta", letzter Tag. Lichtspiele, Seltersweg, „Die Herrin der Weltt 2. Teil letzter Tag.
** Sitzungen des Kreisausschusses. Am Mittwoch den 18. ds. Mts., vormittags 9 Uhr findet im Regierungsgebäude eine Sitzung des Kreisausschusses statt. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Bürgermeisterwahl Röthges 1919 2 Losl)olzbevechtigung des Konrad Heß von Nieder- Bessingen. 3. Klage der Triebwerksbesitzer Koch und Bechtel gegen die Pnovinz Oberhessen.
** Die Wuchergerichte rechtsungültig. Das Wuchergericht des Landgerichts 11 Berlin entschied sich dahin, daß, der Artikel der Wucherverordnung, der sich mit der prozesfuaten Regelung des Wucherverfahrens beschäftigt, rechtsungültig ist. — Damit fallt einstweilen wohl auch die Errichtung weiterer Wuchergericht;, da t'2des m ähnlicher Weise angefochten naerbm konnte.
** Warnt eure schulpflichtigen Kinder. In letzter Zeit treibt in Gießen eine Frauensperson ihr Unwesen, indem sie Schulkindern die Lederranzen abschwindelt. Wenn sie ein Kind mit einem guten Lederranzen trifft, ersucht sie es um eine Besorgung in irgendeinem Hause und erbietet sich, ihm den Ranzen bis zur Rückkehr zu halten. Bis dahin ist sie natürlich längst verschwunden, da es ihr nur um den Lederranzen zu tun ist, der sich bei den hohen Lederpreisen gut verwens- den läßt. Auf die gleiche Weise hat sie gestern einem Jungen ein Paar Boxkalf-Darnen- schnürstiefel, Größe 38, mit hellem Futter, ab- genommen, die er zu einem Schuhmacher tragen sollte, indem sie ihn zum Abholen von zwei Büchern in ein Haus auf i>yn Landgraf-Philipp-Platz schickte. Einem anderen Jungen schenkte sie gestern nachmittag auf dem Seltersweg einige Schulbücher, die aus Limburg stammten und die sie aus einem in Papier verpackten Lederschulranzen entnahm. Eine Anfrage in Limburg ergab, daß diese Frauensperson dort den Rank- zen einem Schulkinde auf die gleiche Weise abgeschwindelt hatte. Die Eltern tun gut, ihre Kinder in dieser Hinsicht aufzuklären.
** ® i e Auszahlung oer Familien- unterstützungen findet für ote Zeit vom 16. bis 29. Februar 1920, Montag den 16. Februar 1920, in der Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags, im Stadthaus, Zimmer Nr. 7, statt.
** Feststellung der Kriegsverschol- lenen. Tie Persönlichkeit einer großen Anzahl von Gefallenen oder in Lazaretten gestorbenen Heeres an gehörigen hat immer noch nicht ermittelt werden können. Tie endgültige Klärung des Schicksals dieser Kriegsteilnehmer ist aber in privat- rechtlicher und Äfentlich-vechtlicher Hinstcht überaus wichtig. Sie ist nötig für die Feststellung des Personenstandes, die Regelung von Erbschasts- und Nachlaßangelegenheiten, Wiederverheiratung usw. Tie ÄufÜärnng dient auch sehr zur Beruhigung der Angehörigen. Das Heeresabwick- lungs-H auptamt hat deshalb alle beteiligten Tienststellen oon neuem angewiesen, alle vorhandenen und noch zu beschaffenden Unterlagen, die Aufklärung über das Schicksal unbekannter, auch feindlicher, Toter enthalten, an das Zenttal- Nachweisaml für Kriegerverluste in Berlin zu leiten. Nötigenfalls sollen die Unterlagen durch Vernehmungen ergänzt werden. Es muß versucht werden, möglichst in allen Fällen eine Todesgewißheit zu schaffen. Nur die Fälle dürfen einem gerichtlichen Ausgebotsverfahren auf Todesvermutung zugeführt toerden, für die sich ein einwandfreier Ä)desbewe>is nicht erbringen läßt. Wiclstige Unterlagen für bte Ermittelung bilden die Leichenfundverhandlungen, Stempel in den Bekleidungsstücken, Erkennungsmarke, Soldbuch sowie der Nachlaß wie Uhr, Ringe, Nottzbücher ufw.
** T ie Erhöhung der Eisenbahnfahrpreise. Zur Erhöhung der Eisenbahnfahrpreise wird jetzt aus Dresden versichert, daß eine Verdoppelung eintreten werbe. Ein Uebereinkom- men in dieser Frage ist jedoch zwischen den beut-
Seegespenster.
Roman von Anny Wothe.
Amerikanisches Copyright 1918 by Anny Wothe-Mahn, Leipzig.
(Nachdruck verboten.) Fortsetzung 41.
Manchmal sah er sie an der kleinen Wiege wie in tiefem Gebete knien. Er schloß bann immer, wie out einer Sünde ertappt, leise bte Tür.
Betende Mütter soll niemand stören.
Und eines Morgens kam Estrid zu ihrem Mann und fragte ihn kurz und bestimmt:
„Ätout ich m Aner Stunde den Wagen bekommen? Ich will nach Keitum fahren."
„Nach Keitum?" fragte er erstaunt, und er sah voll Schrecken, wie leichenblaß EstrLS Antlitz war.
„Ja, zu meiner Mutter. Hast du etwas dagegen ?"
Peter schüttelte stumm den Kopf. Was sollte er wohl dagegen haben? Jetzt kam also daS Ende. Er hatte ihr ja selbst gesagt: wenn das Kind da wäre, könnte sie gehen, wohin sie wollte.
Eine grenzenlose Bitterkeit quofl in rhm auf. Sie ging also, ging für immer — ließ ihm lieber das Kind, als daß sie bei ihm blieb. Sie war nicht nur keine Frau für ihn, sie war auch teure Mutter.
„Kann ich den Wagen haben?" fragte Estrid noch einmal.
„Gewiß, wenn du willst, kann ich dich sogar selbst fahren."
„Danke, ich fahre lieber allein."
In kurzer Zeit hielt der kleine, offene Wagen vor der Tür und Jap, der Kutscher, knallte mit dec Peitsche.
Estrid, in einem dunkelblauen Reisekleid. tetdjte Schatten um die Augen, sah nichi um sic . als sie durch den Garten zum Wagen schritt
Peter stand am Wrgenschlag und x-.chte i-irr das eine;
„Sie läßt ihr Kind im Stich, sie ist schlechter, als ich gedacht."
Er half ferner Frau beim Einsteigen.
,^ebe wohl," sagte er, Estrid die Hand reichend, doch sein Ton war kalt und sein Blick finster.
„Lebe wohl," gab sie zurück und einen Augenblick lag ihre Hand in der fernen.
Diese Hand zitterte nicht. Nur ganz eigentümlich blickten ihre schimmernden Augen mit ttef- schwarzen Pupillen zu ihm auf.
Die Pferde zogen an.
Wie eine Gebieterin, die gnädig ihren Vasallen grüßt, so schien es Peter, neigte EftrS» noch einmal den blonden Kopf, dann raste der Wagen mit den ungeduldigen Pferden davon.
Peter Bonken sah ihn mit dunklen Auge» nach und ballte die Hände. Er wußte selbst nicht ob es Schmerz ober Zorn War, baS so hüß lein Inneres durchnagte.
Bor der Haustitt stand Akte und sah, mit der Hand das Gesicht beschattend, dem Gefährt nach.
Peter mochte der Getreuen heute nicht in die klugen, wissenden Augen blicken.
Die Alte schien es nicht zu merken.
„DaS junge Herrchen ist ja ganz träge," lobte sie, „ich glaube, der kleine Inge wart — warum das Äind nur den schrecklick>en Namen hat — kann schon lachen. Nur bte Fru hat mir nicht gefallen, Herr. Eine ganze Stunde hat sie an der Wiege gesessen und geweint. Und weinen ist sonst nicht ihre Sache."
Sie hat eben Abschied genommen, dachte Peter Bonken, aber er sprach es itidjt aus.
„Schon gut Akte, gib fein acht auf das Kind. Zu Mittag bin ich nicht daheim."
Bcrwimdert sah ihm Akte nach. Nun verstand sie keinen mehr von den beiden, die ihr ans Hevz gewachsen waren — auch bte Fran, bte sie vY, .deter sich-r hinaus <mfs Meer, nachdein er eine
Fäustchen Peters Fruger umklammerte, als müsfe es den Vater sesthatten fürs Leben.
Auf ben vom Wind gepeitschten Wellen da sand sich Peter wieder. Wenn die Wogen sich vor ihm hoch auf türmten und die weißen Wasserberge sein Schifflein auf den Rücken nahmen, um plötzlich hinab in schwarze, weitgähnenbe Abgründe zu werfen, dann Wurde Peters wildes Herz ruhiger. Sein Auge schaute hell, wenn sein Schiff über die weißen Silberberge der Wellen spvaug.
Sein Fahrzeug war leicht. Keine Schuld machte es schwer — oder doch?
Trug auch er Schuld an dem Unheil, das Über den Gottesboog genommen?
Ein böses Streiten gab es noch mit dem wilden Meer — Peter lachte triumphierend und hörte mit Lust die Raaen krachen und stöhnen. Das war fürwahr ein lustiger Danz in der Stunde, als sein Weib für immer fein Haus verließ. —
Erst nachdem bet Sturm sich aasgetobt und Sonnengold über den Wassern lag, lehrte Peter in den einsamen Gotteskoog zurück.
In dem kleinon Haus in Meitmn mit den roten Ziegeln und ber grünten Haustür, über der das graue Dach tief herabhmg, war es heimlich und still. Festlich sah es aus in der großen Wohn- stnbe, täc man Jngewrrrt FerV etngeräumi hotte Mutter Wibte hatte blütemveißen Sand über bte Diele gestreut und Sökve herüber die Spitzen ber grümeu Zwergbirksn, bte gar süß dufteten. Auf dein rimben Tisch stand ein Strauß Heidekraut flioch trug er keine rosa Glöckchen, doch die Knospen 'arbten sich schon. Bald würde er blühen, wie tearuften bte Heide
Durch bte Fenster blickte man auf das Watt E ^inen vom Sturm gepeitschten Wogen Ab j E zu brach die Sonne durch und Stierte über
Welten hin. JvMwm-t FerV tarnte von tesivr
tiefen Butze aus durch bas Fenster zwischen den roten Geranien hindurch bas Meer sehen.
Das tat ihm wohl.
Sölve fafe. am Fenster und spann, aber Immer* zu riß der Faden. Das kam, well sie oft unruhig zu dem Krauten hinüber blickte.
„Fühlst du dich ettoas besser, Jngewart? fragte sie ihn sanft und ihre großen, blauen Augen hingen in liebendem Erbarmen an fernen nx'lfm, abgehärmten Zügen, an seinen glanzlosen ,Augen, die sie so sehr ängstigten.
„Ja, kleine Sölve," gab er zurück, „es gebt mir gut, bald werde ich anfstehen können."
„Gewiße Jngewart."
„Und dann," fuhr er geheimnisvoll fort, „dDM gibt es ein feines Leben. Du hast es mir versprochen."
Unruhig sah er sie an, da Sölve Zücht gleich antwortete.
„Was ich verspreche, das halte ich auch, Jüge- wart, du mußt nur jetzt ganz sttlle sein."
Er strich sich, mit der Hand das wirre Han aus ber Stirn.
„Ich bann mich gar nickst mehr erinnern, murmelte er. „Ist sie tot? Ich wollte sie töten, aber du, Sölve, wolltest es nicht."
„Nein, Jngewart, fühlst du beim nicht du furchtbare Sünde? Wäre es dir gelungen, säßen du im Gefängnis und ich könnte dich nicht pflegen.
Jngewart sann angestrengt nid).
„Tai hast recht, kleine Sölve. Ich habe nickst Ruhe und Rast. Sie muß her, ganz klein soll,ste sein, die Stolze, Schöne, sie soll fühlen, baß Leben in meiner Hand liegt — ja, baS soll sic.
„Du hast mir gelobt, Jngewart, daß bu all.ni Rachegelüsten gegen Estrid entsagen willst, blotz dann kann ich bei dir bleiben."
Jngewart Ferks sah das blonde Mädchen durchdringend an.
„Für immer, Sölve?"
,^Ja," gab sie kurz und bestimmt zMÜck.
(Fortsetzung palgt)


