Samstag, 12. Zum 1920
1Z0. Jahrgang
Erstes Blatt
Eine Zusammenkunft zwischen Lloyd Georae und Mllerand.
Amsterdam, 11. Juni. (Wolff.) Nach einer Londoner Meldung ist für den 2. Juli eine Zusammenkunft zwischen Lloyd George und M i l l e r a n d in Brüssel als Vorbereitung für die Konferenz in Spaa vereinbart worden.
Paris, 10. Juni. (Wolff.) Laut „Petit Parisien" liegt in offiziellen Kreisen noch keine Bestätigung der Nachricht vor, daß Lloyd George und Miller and sich tu Bologne sur Mer in der letzten Juniwoche, treffen wollen.
Sollte dieser Gedanke nicht so viel Werbekraft besitzen, daß er die Parteien zu einer tragfähigen Koalition zusammenführt? Sollte bte Mehrheitssozialdemokratie, die in der Zeit ihrer Beteiligung an der Regierung etwas gelernt haben könnte, nicht etnsehen, daß ihr hier ein ganz anderes Feld der Tätigkeit erblühen würde als in einer, wie wir aus dem „Vorwärts" ersehen haben, von ihr selbst mit gemischten Gefühlen betrachteten, unfruchtbaren Opposition an der Seite radikalster Gewaltpolitiker?
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Vie Neubildung der Kabinetts.
Berlin, 11. Jimi. (Wolsf.) Ter Reichs- ( Präsident hat Reichskanzler Müller mit der i Neubildung des Kabinetts beauftragt. 1 Der Reichskanzler wird sich noch im Lause des Tages mit dem Reichstag sabgeomettm C r i s p i e n Dum der unabhänigen Sozialdemokratie in Verbindung setzen.
Ablehnung der Unabhängigen.
Berlin, 11. Juni. (WTB.) Der Reich s- k a n z l e r hat infolge des ihm gewordenen Auftrages zur Kabinettsbildung an deit Abgeordneten Crispien von der unabhängigen sozialbemoUa tischen Parier ein Schreiben gerichtet, in dem er ausführt:
Zur Lösung der mir gestellten Ausgabe wende ich mich zuerst an die Leitung der unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Die Wahlen brachten der unabhängigen sozialdemokraliichen Partei 80 Mandate und machen sie damit zur zweit- stärkstcn Partei des künftigen Reichstags. Die Beteiligung der unabhängigen soz:aidemokratisch.'N Partei an der Regierung ist deshalb das nächstliegende. In unserer jungen deutschen Republik erscheint mir die Teilnahme der unabhängigen sozialdemokratischen Partei an der Regierung aber deshalb als besonders notwendig, weil nur durch eine nach links hin verstärkie Koalitionsregierung,unsere republikanischen 'Einrichtungen gegen Angriffe von rechts verteidigt, reaktionäre Attentate aus "den Achtstundentag und die sozialpolitischen Errungenschaften den Nachkriegszeit äbgeiveudet werden können und eine auswärtige Politik durchg-'fü/^ '. erden Fann, die den republican.schm und pa tsisti.chen Ideen der weit überwiegenden Mehrheit de_ deutschen Volkes entspricht. — Anschiießmd bat der Reichskanzler Herrn Crispien zu einer Besprechung, wobei er zum Schach aus die D rin g l i ch- keitderRegierungsbildung wegen der in Spaa zu führenden Verhandlungen hinivEs.
Auf dieses Schreiben ist am 11. Juni naä>- mittags eine Antwort der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei, gezeichnet Crispien, eingegangen, die folgendermaßen lautet: .
Sehr geehrter Herr Reichskanzler! Im, Auftrage des Zentralkomitees der Unabhängigen soziat- demokratisä)Lll Partei Deutsch an'os übermittele ich Ihnen folgende Antwort auf Ihre Einladung vom 11. Juni zu einer Aussprache über den Eintritt von Mitgliedern unserer Partei in die neu zu bildende Regierung: Die Unabyängige Sozialdemokratie kann nicht in eine Regierung eintreten, die sich die Wiederaufrichtung der im Kriege zusammengebrochenen kapitalistische Ausbeutungswirtschast zum Z.ele gesetzt hat und zur Niederhaltung des Prolctariats dm MiutaiZ- mus neu belevt unb stärkt, wie es die bisl-erigei Koalitionsregierung getan hat. Der Eintritt der Unabhängigen Sozialdemok.atie in ein' solche Regierung würde eine Unterstützung der konterrevolu tionären Politik bedeuten, die sie grundsätzlich bekämpft hat und wäre eine Preisgabe ihres Programms und Verrat an den Jnteresim der Arbeiter, Angestellten, Beamtm, Kleingewerbe- treibeiaden und Kleinbauern, die der Unabhängigen Sozialdemokratie bei der Rüchötagswahl Stimme und Vertrauen geschenkt hab n für die Fortsekmrg ihrer Pollak des rücksichtslosen proletarisckien Ktassenkampses, mit dem Ziel der Eeitigmig der kapitalistisch-militaristischen K aäenherrsckwft. Zur Erkämpfung dieses Zieles ist die Unabhängige Sozialdemokratie zu Beginn der Rervlulwu tn eine gemein same R>:giermig mit der veck>sozr^ lifrischen Partei einpetceteu. Tvotzdem tne.e Part i versprochen Tjattr, das so iali i chc Programm zur Grundlage ihrer RegierungÄpo itik zu macken laben ihre V rtreier unausgesetzt eiae Polckrc d s Kompromisses mit dm Vertue cm der alten stoot- lickieu Bürokratie, b i gapilolisk chen Par even und ces alten Militarismus g»trieben, so daß die unabhängige Soziali»?mokv.'.tie gezwungen ivar, aus der Regierung auSzutvelen, um nicht mit.chuldig zu werden b i der Med:rbelebimg des Kapitalrs- im:s Militarismus uut> der von ihnen ms 4T?cr? geerck-'n blutigen Gewaltpolitik g-genübr der revolut'onänn Arbeitersck-ast. Die seitdem b - triebene rrcksts v i listi che Kvali ionsrvlrtik mit ka- vitalisiisckeu Parteveu hat dazu geführt, btt inairn Machtrerchaltnissk zu ver'cheiern und die Arbeiterklasse in ihrem Vormarsch zu behindr-rn. Die Er- ^arkung der R^ltiv-u, wie es bei den ReiMtags- wahlen zum Ausdruck gevommcn ist, ist nur bte Folge der rechtssozia'istischen Korn prom>ßpo link mit dein g-eschwvreneusFmnden ber-Arbeiteicklasst itftib kann» nicht bekämpft werden durch die Forls'tzung der das Proletariat verwirrenden und spa tenden Koa- litionspo!itik, sondern nur durch eine g unpäßliche, klare und Eonfeqnente sozialistisch' Politik, die die iBesitzergreifung der poli'isckxn Macht durch das Proletariat und dessen A l.iiih.-rrschaft bis zur V?r wirklichung des Sozialismus erstrebt. E gibt sich . aus der Entwickelung der Revolution die Notwendigkeit einer soMMchcn Regierung. so tommt für
Von einzelnen demokratischen Organen, die eine Verbreiterung der Koalition nach rechts durchkreuzen wollen, — der Vorsitzende dieser Partei, Senatspräsi- >ent Dr. Petersen, hat in einer Ansprache sich volle Handlungsfreiheit Vorbehalten — wird gegrollt und gehöhnt, zuerst hätten die Rechtsparteien ihre Partei nicht genug kritisieren und herabsetzen können, und jetzt suchten sie sie an der Hand zu fassen zur Mitarbeit. Vor per Wahl hätten sie die Koalition mit der Sozialdemokratie und die Kom- womisse, die daraus entsprungen wären, verurteilt, und jetzt suchten sie selbst eine solche Koalition und ebenfalls Kompromisse. Hier wird die „Milch der frommen Denkart" weitab von den politischen Oefen aller Systeme gekocht. Vergißt man denn ganz, hinzuzu- ügen, daß ja eben doch eine andere politische Mischung erstrebt werden soll? Auch daß es aus das Maß sehr wesentlich ankommt? Auch heißt es dann wieder, die Deutsche Volkspartei, die im Wahlkampf die Koalitionsparteien so heftig geschmäht habe, könne nicht verlangen, daß die Demokraten neben ihr auf einer Bank Platz nähmen. Auch hier wird verkannt, daß es neben Parteipolitik auch ein Streben nach großen vaterländischen Zwecken gibt. Die Rechte kann einwenden, daß sie sich auch nicht um der schönen Seelen der Linken willen in eine Koalition eingliedern wolle, daß sie im Interesse des Ganzen Opfer bringe und weiterhin zu bringen geneigt sei, int)em sie eine Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie anbiete. Das Z e n t r u m, das ja auch von manchem schweren Säbelhieb getroffen worden war, will, wie wir seinem Hauptorgan, der „Germania", entnehmen, nicht abseits stehen, und so erleben wir es vielleicht, daß nach dem Reichskanzler Müller Herr Trimborn den Versuch der Bildung einer Regierung unternehmen wird. Ob er die Geister zu belehren und zu bekehren vermag — wir wollen's hoffen! Sein Parteigenosse Giesberts kündigt in der „Germania" die Möglichkeit einer baldigen Wiederauflösung des Reichstags und von Neuwahlen für den nächsten Herbst an, damit inzwischen der Boden für eine wirklich tragfähige parlamentarische Mehrheit geschaffen werden könnte. Mit Recht schreibt dazu die „Dägl. Rundschau":
„Ja, glauben beim die Herrschaften, daß sie bet der Auflösung des neuen Reichstags bessere Geschäfte machen füllten ? Kommt wegen des Mangels an polnischem Veraunvortuugsbewußtstin eine neue Regierung nicht zustande, oder es würde eine Regierung geschaffen werden müssen, durch welche sich die Gegensätze im Volke verschärfen, obwohl die politische Lage dringend eine Entspannung braucht, so würde die Bevölkerung bei der Neuwahl ein noch viel schärferes Urteil über die bisherigen Regierungsparteien fällen! Die Ausschreibung von Neuwahlen würde im übrigen dis Wankrotterkiä ung des parlamentarischen Systems bedeuten und dürfte dem Volke noch viel klarer vor Augen führen, daß die alten Regierungsparteien nur and Parteicgois- mus, nicht aber aus politischem und vaterläudi,chem Verantwortungsgefühl Politik treiben."
Es tut Not, daß die Parteien ohne Ausnahme sich innerlich erneuern. Es liegen so viel nahe und dringende Aufgaben vor uns, von deren sachgemäßer Erledigung das Wohl des Vaterlandes, ja, nur dessen notdürftige
Berlin, 12. Juni. Verschiedene Blätter finden, daß die Ablehnung des Versuches, mit den Unabhängigen zusammen eine Regierung zu bilden, in ziemlichbrüsker Form erfolgt ist.
Der „V o r w ä r t s" sagt, die U na b h a n g i - gen hätten mit der Ablehnung die Bildung einer Nechtskoalition erzwungen. Ihre Begründung dieses Schrittes enthalte eine yaufung von falschen Voraussetzungen und Unwahrheiten. Sie hätten ihre Bedingungen stellen können, um die Sozialdemokratie in ihrem Bestreben, dav Steuer weiter nach links zu drehen, zu unterstützen. Die Unabhängigen erklärten auch letzt, Deutschland ganz allein regieren zu wollen, obwohl erst am 6. Juni 12 ur 4,8 Millionen Stimmen für sie abgegeben wurden und 20,4 Millionen gegen sie und obwohl bei den Reichstagswahlen 5,5 Mill. Stimmen für die Sozialdemokratie abgegeben wurden gegen die 4,8 Millionen Stimmen für bte Unabhängigen. Das deutsche Volk werde jc&t dw Regierung bekommen, die die Unabhängigen gewollt hätten, nicht die unabhängigen Wähler, die über beit Erfolg ihrer Stimmenabgabe vor Erstaunen auf den Rücken fallen werden.
Die ,,T ägl'iche Rundschau" würde den Ausschluß einer arbeitswilligen Sozialdemokratie aus der Regierung für einen schweren Fehler halten. Der Sozialdemokratie ständen alle Tore offen. Wenn sie sich weigere, einzutreten, falle ihr die Verantwortung allein zu.
Wie dem „Lo k al a n z e i g er" mitgeteilt wird, dürfte der Reichspräsident kaum vor nächsten Soimtag einen anderen Parlamentarier mit der Neubildung des Kabinetts beauftragen. Die am Sonntag ftattfinbenbe Sitzung der sozialdemokratischen Fraktion bilde den Angelpunkt der Krise.
Erklärungen der Parteien.
Berlin, 11. Juni. Gestern hat der demokratische Parteivorst and seine erste Sitzung abgehalten, unb über das Ergebnis wird parteioffiziell folgendes mitgeteilt:
Die übercinfmnmenbe Auffassung aller Vorstandsmitglieder geht dahin, daß die gegenwärtige Lage durch die maßlose Agitation der bisherigen Oppositionsparteien, der Deutsch- nationalen VolkSpact i, der Deutschen Voltepartei und der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei, verschuldet ist. Auf diesen Partien liegt in erster Linie die Verantwortung für die heutige Situation. Sie mögen jetzt Wege finden, auf denen sie ihre Wa'lversvrechen er ü len und der de t eben Repu blik eine alt onssä ige Regi rung schassen föni.en.
Gleichzeitig mit der Demokratischen Partei tritt auch die T eu t schn a tiv nal e VolksparteF mit einer partetosfiziösen Kundgebung, hervor, in der es heißt:
Tie Deutschnationale Volks Partei femit . in einer Lage wie der gegenwärtigen nur ein Ziel: den Wiederaufbau des nieder geb rochewn Vaterlandes. Sie lat auch als Oppositänispartei umfassende Vorschläge für den Wiederaufbau gemacht' in dieser Hinsicht braucht nur auf die Rede des Parteiführers Staatsminister Hergt in der Preu-- ßischen Landesversammlung über das Orimungs-, Programm und die nationale Einheitsfront vor-, wiesen zu werden. Es zeugt für den Wert dieser programmatischen Kundgebung, dcH sie auch 'freute noch als Grundlage für positive Arbeit durckians geeignet erscheint. Wie der Hauptvorstand in dieser Erklärung vom 9. April 1920 bereits betont, iß die Partei bereit, bei der Arbeit am Wieder- aufbau des Vaterlandes' mit allen zusainmenM-' gelten, die guten Willms sind, bei der Wiederher-, ftellnna von Arbeit, Wirtschaft und Ordnung in Deutschland zu helfen. Für die Bildung der neuen Regierung darf nach ihrer Ueberzeugitng nicht Abneigung aber Zuneigung der einzelnen Parteien, sondern nur das große vaterländische Arbeitsziel maßgebend sein. Tie Deutschnatwnale Vollsfartri, würde demnach bereit sein, unter Zurückstellung ihrer verfaßungspolitischen 'Wünsche "mit jeder Partei zusammenzugckhen, mit der sich ent gemeinsamer Boixn für praktischen Wiederaufbau finden läßt. Tas Vaterland stellt für sie in der g-<-m- wärtigen Not noch me'frr als sonst über der Partei.
Ebert als Präsidentschaftskandidat.
Berlin, 11. Juni. (Wolff.) Ter „Lokalan- zeiger" beraubtet von lunterricj teter Seite zu hören, der Reichspräsident Ebert gedenke nicht roch einmal für die Präsidentschaft zu kandidieren, besonders weil sich gewisse Widersprüche innerixilb seiner Partei geltend gemacht hätten. Es handelt sich bei dieser Meldung um eine reine, Kombination o'hne jede tatsächliche Unterlage
Erhaltung, abhängt, daß fernliegende Grund- süße alter Ueberzeugung zurücktreten müssen. Die Streitfrage „Republik oder Monarchie" z. B. muß ruhen. Richtig verstandene demokratische Forderungen können nicht ein fad) verworfen werden. Auf der anderen Seite hört man doch auch schon aus der demokratischen Partei Stimmen, die aus ihrer Wahlniederlage richtige Folgerungen ziehen. Demokratisierung bedeutet, so bekennen solche Männer, Emporhebung der Massen zur mitverantwortlichen Satigfeit im Staats!^ ben, sie bedeutet aber nicht eine Herab- z i e h u n g unseres politischen Lebens auf ein tieferes Niveau, wie sie leider auf so vielen Gebieten wahrzunehmen ist. Wenn es ein demokratischer Gedanke war, in der neuen deutschen Republik die Kluft zwischen Bürgertum unb Arbeiterschaft zu überbrücken, so war dieser Gedanke richtig. Bei der Uebertragung dieses Gedankens in die Tat sind aber bisher schwere Fehler gemacht worden. Der eine Brückenpfeiler darf nicht auf dem Randstein der Straße des Bürgertums aufgerichtet werden, sondern er muß getragen werden von stärkeren Fundamenten, von einer für unsere jetzigen traurigen Verhältnisse bemessenen, wohlerwogenen Wirtschaftspolitik, einer wirklichen A r b e i t s g e m e i n s ch a f t der schaffenden und arbeitenden Stände. Die Lohnfragen müssen auf diesem Boden ein^x gerechten, arbeiterfreundlichen Lösung zugeführt werden. Stetigkeit und Planmäßigkeit müssen Willkür und Maßlosigkeit, die bisher vielfach > vorherrschend waren, ablösen. Und für die
Arbeiter aller Stände muß etwas dabei !.Herats kommen«
die Unabhängige Sozialdemokratie als Uebergang nur eine rein sozialistische Regierung tn Betracht, in ber sie die Mehrheit hat, den beitummenben Einfluß ausübt unb in ber ihr Prog amm bte Grundlage ber Pottlik bildet. Durch diese Antwort buifto auch nach Ihrer Ueberzeugung die von ^hneii gewünschte Aussprache gegenstandslos geworben sein.
Nr. 136
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Die parlamentarisch-demokratische Re- aierunasweise findet im Deutschen Reiche reine glatte und bequeme Bahn. Die politische Volksstimmung ist rechnerisch aufgeklärt worden, aber nun weiß nach den Reichstags- Wahlen noch niemand, wer die Träger der \ künftigenRegierungfein werden. Die Regierung muß auf einer tragfähigen Mehr- ' beit ruhen, denn zu dem liebel der Zerrissen- < heit unserer Parteien gesellt sich das weitere, . daß die Staatsautorität gebrochen am Boden liegt. Sie wiederaufzurichten, ihr Sicherheit und Stetigkeit zu geben, ist die vornehmste und dringUchste Aufgabe der deut- ; scheu Politik, die Voraussetzung aller guten ; Pläne eines Wiederaufbaues. Die Frage der Staatsautorität hat ja auch im Wahlkampf eine entscheidende Rolle gespielt, und in der Abstimmung kam es zum Ausdruck, daß das Volk nach der Einkehr von Ordnung, der Achtung von Gesetz und Recht, verlangt. Da die Stimmenzahl der beiden sozialistischen Parteien sich nicht vermehrt hat, kann man die Abwanderung von den Mehrheitssozia- listen zu den Unabhängigen vorwiegend als eine innere, taktische Angelegenheit der Sozialdemokratie betrachten; im Endziel sind sich die beiden Gruppen einig. Dann ist das Wahlergebnis aber offenkundig ein starker Ruck nach rechts. Der allgemeine Drang des Bürgertums hat sich gezeigt, die b i s h e r i g e Koalition zu verbessern und zu verbreitern. Man wollte die Stützen und Pfosten der Regierung nicht mehr ausschließ- ttch auf die Linkshälfte eingeschlagen wissen, wo die Säge der Unabhängigen sie mehr und mehr unbrauchbar machte. Der Sinn der abgelaufenen Wahlen ist: Festigung der Staatsautorität, Heranziehung positiv arbeitender und leistungsfähiger Kräfte zum wirtschaftlichen Aufbau auch von rechts her, Beseitigung der Auswüchse reiner Parteipolitik.
Das ist der bei den Wahlen zum Ausdruck gekommene Mehrheitswille. Ihm muß auch die S o z i a l d e m o k r a t i e schließlich gerecht werden. Diese Partei tut jetzt einen schrveren Gang. Der Reichskanzler Müller ist zunächst wegen der Bildung eines Ministeriums an die Unabhängigen herangetreten. Beide sozialistischen Parteien würden auch mit Hinzuziehung etwa der Demokraten — die wenig Lust zum Beitritt verspüren werden — nur eine knappe Mehrheit sein. Die Unabhängigen wollen aber, wie ihre Organe laut und unzweideutig verkündet haben, in der Opposition bleiben; also werden die Mehrheitssozialisten auf andere Wege sinnen müssen. Die „Freiheit", das Hauptorgan der Unabhängigen, hat die Ansicht ausgesprochen, daß es das beste fei, wenn den Rechtsparteien die Uebernahme der Regierung an- geboten würde. Es ist nun höchst iuteresfant, wie der „Vorwärts" gegen diese Auffassung polemisiert. Er stellt der „Freiheit" vor, es ; sei fragwürdig, ob es dann der Opposition immer gelingen werde, Nachteil von der Arbeiterklasse abzuwehren und weist z. B. auf die Fragen des Achtstundentages, der Streik- . freiheit, des Ausbaues der wirtschaftlichen Räteorganisation, hin. Dann führt der „Vorwärts" fort:
„Tas ist auch uns gewiß: Die Wirtschaft einer Rechtsregierung würde in kurzer Frist; einen Umschwung in der VolkSstirnnrung zugunsten ber Sozialisten herbeiführen, vorausgesetzt, daß die Sv- zialisten in der Opposition eine vernünftige Pplitck trieben und durch Wiedeifrerstellung ihrer Einigkeit ihre Reise zur Führer schäft bewiesen. Eine NeuwaA, bie nicht erst in 4 Jähren slattzufinden brauchte, würbe dann eine sozialistische. Mrilühert ergeben. — Aber weniger zuversichtlich könn-, ten wir in bie Zukunft sehen, wenn auch in ber Opposition die Zersplitterung der Arbeiterbewegung anbauerte _ und wenn ein Teil von ihr den Erfolg auf dem Wege der Gewalt suchen würde. Tann würbe die Nechts- regicrung fein Zwisck^rspiel bleiben, unb bie äußerste Linke könnte sich bann des Erfolges rühmen, ber Reaktion nicht nur bie Stühle der Macht an- geboten, sondern sich auch auf ihnen für alle absehbare Zeit befestigt zu haben."
Aber gelten diese letzten Satze, dte fur ben „Vorwärts" ausschlaggebend sind, nicht auch für den Fall einer „rein bürgerlichen" Regierung überhaupt? Dann würde die Oppo- sitionslage der Sozialdemokratie ja dieselbe fein! Der „Vorwärts", der den Sck)lußsatz hinzufügt: „Die Situation ist ernst, aber nicht verzweifelt, wenn weiter keine Dummheit e n gemacht werden", scheint also dartun zu wollen, daß die Mehrheitssozialisten in der Koalition bleiben sollten. In einer anderen Nummer hat das Blatt aber im Hinblick auf die Deutsche Volkspartei gesagt, „daß für ein Zusammenarbeiten mit einer Partei mit unverhültten kapitalistischen Tendenzen unb monarchischen Bestrebungen die gemein- ame Plattform für die Sozialdemokratie zu chmal ist". Liegt darin eine Neigung eilige-- Mit zum Verhandeln, zur Aufstellung eines Nindeftprogramms"L
GietzenerAnMger
General-Anzeiger für Oderhesfen
Druck un» Verlag.- Vriihl'sche Univ.-Vuch- und Aeintzruckerei R. Lange. Schristleitung, Seschästsstelle und vruckerei: Schulstrahe 7.


