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Nr. K'O Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, (0. Juli 1920

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Der Klostermüller.

Erne Erzählung von Karl Neurath.

(Nachdruck verboten.)

Der Klostermüller saß. auf der Bank hinter feinem £>auä, verborgen fast von den blühendm tzolunderstauden, hatte ten Kopf an einen Stamm «lehnt und sah nachdenklich in die sonntägliche Weite. Bor ihm in farbigem Gewrrr blühten die Wiesen bis nahhrn zum Rhein, der m der lUtorgen» sonne ane ein lodernder Feuerstrom üb-tr den Hoch- lousierdamm herüber sirukeltr, und dahinter stand fcer Taurrus, fern und grau wie eine Wetbrrmind, die sich stromab und stromauf allmählich im Früh- dlmst verlor.

Tie Stille des Sorrntags lag friedsam über tem Feld. Kaum ein harter Maut mar in der tiutt, tie sachte über die Gräser strich und sommerlicher Düfte voll mar. Nur das Mühttvasser lärmte und «rüg schäutneud über das verbitterte Rad, das un- letveglich in den Angeln stand und unter dem An- smrn^der flutenden Wasser nur leise schütt E.

Sonntags nrufete das Rad stehen, anders tat es der Klostermüller nicht, wenn sich auch di? Ar­beit noch so sehr häufte; so mar es Brauch ge- korsen in seiner Familie durch oxel? Jai)v?, und so hielt auch er es trotz allen Gespöttes.

Wer sechs Tage sein Werk getan hat, d'.r muß auch einen Tag haben, mo er rasten kann! hatte

der Ehristor Wehrum vor Jahren und Jahrzehnten einmal gesagt, und Söhne und Enkel hatten fest- gehalteir an seinem Spruch. Der Mensch mar nicht nur auf der Welt, um zu arbeiten; und bte Müyle, die mar den Wehrums allezeit wie ein M>msch ge- mefen, ja mehr vielleicht noch. Die Müller starben samt Weib und Kind, die Mühle aber stand imd tat ihr Werk in Not und Glück. Stein fafe auf Stein festgefügt noch und gebunden .me einst; kerzengerade noch stand der Giebel wie vor hundert und mehr Jahren; das ganze Haus noch stattlich und nmchtig wie eine Ritterburg. Durch Menschen­alter hatte es so gestanden, unverändert, und stand noch lange.

Behaglich dehnte sich der Müller und liefe den Blick zufrieden über seinem Eigentum schmnfen.

Das alles mar sein; in harter Arbeit erworben imd erhalten. Ein starker Stolz erfüllte ihn.

Wie ein Fürst safe er da auf seinem Gut, unabhängig und frei, nur sich selbst verantmoN- lich. Und all ihr Lebtag, so läng man denken konnte überhaupt, halten die Wehrums hier ges-'ssen. Jahr­hunderte hindurch waren sie den Mainzer Karme­litern zinspflichtig gewesen, aber als Napoleon in? geistlichen Guter aufgehoben und das welsch? Recht verordnet hatte, waren sie frei? Bauern geworden, stolze Herren auf eigenem Boden, nicht geringer, als vordem die Hunderte der souveränen Land's- herren und Reichsritter.

Tie Zeiten waren glücklich vorbei!

Ernährung.

Bon Professor Dr. Griesbach.

Die Frage nach dem Eiweißbedarf des Men­schen in seiner Nahrung ist vielumstritten. Für den Aufbau der Zellen und Gavebe des Körpers ift das (£ir?eiü der wichtigste aller Nährstoffe. Andere W rjjffc, Fette und Kohlehydrate, kom­men hauptsächlich als Wärme- und Kraftquelle in Betracht. Nach den neuesten Untersuchungen hat sich herausgestellt, da st für Erwachsene eine tägliche Zusichr von 60 bis 63 Gramm ansnutz- baren Eirveißes nur bann hinveicht, um den Er ireißbestaud des Körpers gerade zu decken, wenn die Gesamtkost mindestens 2000 Kalorien darbietet. 58ei schwerer körperlicher Arbeit oder angestrengter geistiger Tätigkeit sind bei Zufuhr von 60 bis 63 Gramm Erweist bis 3000 Kalorren erforderlich. Wenn man aber bedenkt, dast schon geringfügige Indispositionen störend auf das Stickstosigfeich gewicht etnnrirteit können, so ist das genannte Mast an Eiweist, dem alleinigen Stickstosslieferan- tcn, auf die Dauer nicht ausreichend. Als hygie­nisches Minimum müssen 85 Gramm Eiweih und von den anderen Nährstoffen noch durchschnittlich 64 Gramm Fett und 480 Gramm Kohlehydrate, zusammen mit rund 2800 Kalorien für den Er­wachsenen gefordert werden, um die physische und psychische Leistungssähigkeii aufvechtzuerhalten. Diese Bedingungen wurden bis $um Kriege erfüllt. Mit der fortschreitenden Rationierung der Lebens­mittel während des Krieges wurde das Kostmaß nach und nach kleiner. Einschliestlich der im Frei­handel noch erhältlichen Etzwaven sank es im Z. Kriegsjahr auf 1600 bis 1850 Kalorien. Für den grösteren Dell der Bevölkerung, der auf die mittels Karten beziehbaren Mengen angewies'n war, betrug die Erweißzusuhr manchmal toeniger 'Äs 35 Grimm, und das Gesamtfosttnaß lieferte mir ' 1000 vis 1200 Kalorien pro Tag. Ten Rückgang von Fleisch, Fett und Milch suchte man durch berf^ärftc ZusuM einer voluminösen Pflan­zennahrung ausNigleichen. Um sie schmackhaft zu machen, wurde ihr, aus Mangel an anderen Ge­würzen, so viel Kochsalz zugesetzt, dast ihr Gehalt an diesem bis zu 50 Gramm enthielt, während die Friedenskvst hiervon etwa 10 Gramm auf­wies. Der l-ohe Wasser- und Salzgehalt dieser Nahrung führte besonders bei älteren Leuten zu Lästigem Harndrang und häufigen, oft die Nacht­ruhe störenden Harnentleerungen. Auch Verwässe­rung des Blutes, Kreislaufstörungen und Nieren­erkrankungen stellten sich bei manchen ein. Ter reiche Zellulosegehalt der Pflanzennahrung be- irirfte bei vielen Personen Magen- und Darm­beschwerden. Als allgemeine Folge der sich immer breiter machenden Unterernährung trat bei der Bevölkerung, besonders der Städte, eine erheb­liche dlbnahme des Körpergewichtes ein. Dieses sank bei Erwachsenen nicht selten von 70 auf 40 und weniger Kilogramm. Die Gewichtsab­nahme wurde in erster Linie durch Schwund der Fettablagerimgen bedingt. Infolge der Vermin­derung des die Eingeweide umgehenden Fettpolsters kam es zur Entstehung von Eingeweidebrüchen und zur Senkung der Unterleibsorgane, die sich namentlich im weiblichen Geschlecht in mannig­fachen Beschwerden äußerten. Die Unmdglichkeit, den Eiweisthunger der Zellen und Gewebe durch die Kriogskost zu befriedigen, und der allgemeine Kräfteverfall riefen sogar Keimzellenschädigungeri hervor, die einerseits in dem Rückgang der Ge­burtenzahl, andererseits in einer Zunahme der Totgeborenen bzw. in Gewichtsverminderung und schwächlicher Konstitution der Lebendgeborenen zum Ausdruck kamen. Die dauernde Unterernährung führte ferner zu einer Herabsetzung der Wider­standsfähigkeit des Organismus gegen schädigende Einflüsse der Außenwelt und, wegen mangelhafter Bildung von Schutz- und Mwehrstoffen im Kör­per, gegen Seuchen, insbesondere die Tuberkulös?. $n den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege hatte Id) die durchstchüttliche Lebensdauer der Bevöl­kerung nicht unwesentlich erhöht und die Sterb­lichkeit an Tuberkulose vermindert. Mit Aus­schluß der Todesfälle infolge von Feldzugsleiden und von Grippe, brachte das letzte Kriegsjahr dagegen im deutschen Reich 37 v. H. mehr Sterbe- solle als das Jahr 1913 und eine erschreckende Ausbrei km g der Tuberkulose. Ms weitere Folge der Unterernährung hat sich eine eigentümliche Krankheit eingeschlichcn, die nicht selten zum Tode führt. Es bilden sich bei chr wasserhaltige, teigige Anschivellungen an Beinen und Füßen, im Ge­sicht und in der Bauch- und Brusthöhle, verbun- ben mit hochgradiger Herabsetzung des Blutdruckes inb Verminderung der Pulsschläge bis auf 36 in der Minute. Verursacht wird diese sogenannte Oedemkrankbeit durch qualitative und quantitative , Unzulänglichkeit der Kost. Erstere gipfelt in zu hohem Wasser- und Kochsalzgehalt, letztere, als tyolge von Fett- und hauptsächlich Kohlehydrat- uiangcl, in kalorischer Insuffizienz der Nahrungs­mittel, die, trotz ausveichenter Erweißzufuhr, zu -mem Unfall von Körpereiweist führt. Endlich must noch als Folge von Unterernährung auf eine »orzeitige und hochgradige Ermüdbarkeit hinge- tneien werden, die sich in einem Nachlassen der , 7lrbeitsfreudrgkeit und in Arbeitsvermiw ierung offenbart. Hierüber lie^n aus

mehreren Industriegebieten Berichte vor. Auch find Mitteilungen übet einen Rückgang der gei­stigen und körperlichen Leistungsfähigkeit von Skr- dicrenden umb Schul.nm namentlich höherer Lehr­anstalten verösientlicht worden. Nach Erlebungen, die ich selbst teils mittels erperimenteUer Methoden, teils unter Benutzung von Prüfungsergebnissen borgenommen habe, kann ich diese Angaben be­stätigen. Nicht nur während des Krieges hat es an Nahrungsmitteln gefehlt, sondern es fehlt auch heute noch in so grobem Dtaste daran, dast viele rmteremährte Kin de r aus die WMtätigteit des Auslandes angewiesen sind, und dast die Ar­beitsfähigkeit breiter Volksschichten versagt. Ohne! Arbeit kann sich das deutsche Volk nicht wieder aufrichten. Es muß sogar arbeiten wie nie zu­vor. Um dies zu ermöglichen, ist eine noch 'reich­lichere und kräftigere Ernährung als vor dem Kriege erforderlich. Große Mengen von Nahrungs­mitteln werden aber von ben Produzenten zurück- gehalten, um sie zu schwindelhaften Preisen den Meistbietenden zu liefern. Wie wäre es sonst möglich, daß Butter, Zucker und andere Lebens­mittel zentnerweise verschoben werden. BK der maßlosen Preistreiberei, die leider bereits zu ern­sten Unruhen geführt hat, müssen viele darauf verzichten, Erhältliches zu kaufen. Durch wlchen Verzicht wird aber weder die Gesund'-e'»- des Volkes gebessert, noch die für die erhö. nm An­forderungen erforderliche Steigerung der 'nrbeits l traft erreicht. In engem Zusammenhänge mit der Lebensmittelfrage steht auch die Betteferungl mit Brennstoffen und Küchenutensilien. Mmigel und Steuerung dieser behindern die Zubereiking! der Kost. Es muß viel energischer als bisher dafür gesorgt werden, daß dem Volke Lebensrnittel aller Art in noch größerer Menge als vor dem Kriege preiswert zugänglich sind und daß die Hinder­nisse ihrer Zubereitung beseitigt werden. Wieder- erstarkung Und Zufrieden beit des Volkes, Friede und Eintracht im Lande stehen und fallen mit dieser Forderung. Videant consules !

Au» Hessen»

Finanzausschuß.

RMK. Darmstadt, 8. Juli. Der Finanz­ausschuß des Landtags setzte heute seine Bercr- tungen bei Kap. 119, RühegMülder, fort un-d öä1 wird festgestellt, daß die Mehrkosten 14 402 370 Mk. betragen. In dem folgenden Kap. 120, Nachträge, sind die Mehrsorderungen für bi? neue Beamten- besoldungsvorlage mit 78 742 200 Mk. enthalten und finden beide Kapitel ohne Aussprache An­nahme. Kap. 126, Bad-Nauheim, 128, An- und Verkauf von Staatgütern, 130, Auswärtige und Reichs Verhältnisse, 132, Hochbauwesen, 137 Boden- verbesserung usw., 140, Staatsbeihilfe für die Wasserkatastrophe im Modautal, mit 525 000 Mk., werden ohne Widerspruch bewll- ligt. Ebenso Kap. 147, Anlegung neuer Grund­bücher. Dann werden die Besprechungen mit der Regierung fortgesetzt und zunächst Kap. 3, Sied­lungswesen, beraten. Nach den Mitteilungen der Regierung hat man mit dem seit etwa einem Jahre bestehenden Gesetz gute Erfahrungen ge­macht. Sind in Einzelfällen Klagen laut geworden, so könne man daraus doch nicht schließen, daß die Abgabe an kleine und mittlere Besitzer sich nicht empfehle und zu einer Gesetzesän-derung liege absolut kein Anlaß vor, zudem bei der in Aus­sicht stehenden reichsgesetzlichen Aenderung auch Hessen berücksichtigt werde. Der Antrag Borne- m a n n, die Einnahmen aus der Weitergabe des be­schafften Landes mit 251 700 'Mk. und Ersatz son­st iger Unkosten des Siebelungsuntermhmens zu streichen, wurde abgelehnt und das Kapitel ge­nehmigt. In Kap. 5, Weingüter, fand wieder eine Aussprache dec jetzigen Verhältnisie statt, und da die Einnahmen mit einer Million Mark im letzten Voranschlag vorgesehen sind, in Wirk­lichkeit aber 11 Millionen ergaben, wird angeregt, das gesamte Anlagekapital für die Weingüter mit 2,7 Millionen Mark abzuschreiben. Tas Kapitel findet Annahme. In dem folgenden Kap. 6, Bvaun- kohlengrube und Kraftwerk Licdwigshoffnnng, nimmt die Regierung Veranlassung, über den Stand des Verlaufs dec Grube Ludwigs- Hoffnung an die Stadt Frankfurt Aus­kunft zu geben. Die Angelegenheit ist am Gericht anhängig, da die Stadt Frankfurt ben Besitztitel der Kuxe tatsächlich erworben, der hessische Staat aber die Erlaubnis zur Ausbeutung nicht zuge­lassen hat. Nächste Sitzung Freitag.

Man hofft nunmehr die Arbeiten im Aus­schuß soweit fertigzustellen, daß der Z u sa rn rn en- tritt der Kammer am Mittwoch ben 21. Juli erfolgen kann. An den beiden vorher­gehenden Tagen sollen Borbesprechungen der Frak­tionen stattfinden.

Der Kammer sind zugegangen infolge der neuen Finanzverhältnisse Hessens znm Reich bzw. der neuen Steuerhoheit eine Regierungsvor­lage betr. ben Entwurf eines Gesetzes über Aussührungsbestimmungen zu bem Landsteuergesetz, sowie der Entwurf

eines Gesetzes zur Abänderung des Gemeindeumlagengesetzes vorn 8. Juli 1911.

Das Hessische Gesamtministerium erläßt eine Bekanntmachung, nach der die Ge­bühren für die Fortführung der Grundbücher und der Ortsgrundbücher auf das Vierfache erhöht werden.

** Die Auszahlung der durch die Besoldungsreform in Hessen neu fest­gelegten Gehälter für die Beamten und Lehrer soll nach einer Verfügung der Behörde noch im Laufe des Monats erfolgen und jipar rückwirkend ab 1. April ds. Js. Die zur Ermitt­lung der Gehaltsbezüge notwendigen Unterlagen, die infolge der sehr großen Zahl der Bezngsbe rechneten äußerst umfangreich und zeitraubend sind, sollen durch Fragebogen auf dem schnellsten Wege erbrad# werden. Bon Vorschußzah­lungen toirb bamii endgültig Abstand genom­men. Die neu festgesetzten Gehaltsvezüg? gelten vorerst für das laufende Rechnungsjahr. Tie Nachprüfung der Besoldungsrcform durck 'das Reich erfolgt im Spätl>erbst des lausenden Jahres, worauf die einzelnen Volksstaaten in Anlehnung! an die Neichsfätze bi? cdeirfie Nachprüfung vor­nehmen werden. Es schnnt heute schon unzweisel- hafr festzustelfcn, daß das Reich schon mit Rück­sicht auf die für ganz Deutschland geltende Fi- nanzeinheit auf de.' genauen Einlxcktnng der Reichssätze für alle Volksstaaten und Städte be- steheir und feine Differenzierung in den Gehäl­tern der Bc.amt'-n und Lehrer zugestehen wird. Nur die Staffelung dec Ortsklaffenzuschläge wird nach ben vom Reich festgesetzten Nonnen eine gewisse Differenzierung zulassen, dock dürste batet Der Forderung weitester Beamtenkreiie um nn-e Verringerung der bestehenden großen Unterschi?te in den Ortsflassenzuschlägen inohl Rechnung ge- tragen werden. Die viel erörterte Westmark?»- zulage (für das besetzte Gebiet) ist auffallende-^ Weise bis jetzt nur an die Reichsbeamten dec Post und Eisenbahn, nicht ater an andere Bsamwn in den einzelnen Gebietsteilen der Volksstarten ausgezahlt worden. In der Frage, wer diese Zu- lagen zu zahlen habe, ob das Reich oder dec jeweilig besetzte Bolksstaat, ist bis heute noch ferne Einigung erzielt worden.

rm. Darmstadt, 7. Juli. Der Verband der Polizeiteamten Hessens hält am 3. und 4. Ang. ds. Js. hier seinen 2. Verbandstag ab, ivobei eine Anzahl für die Polizei beamten wichtige Fragen zur Besprechung und Erledigung Fontmen. U. a. wird dec Generalsekretär des Reichsver­bandes der Polizeibeamten Deutschlands Dr. Franke-Berlin über die Polizei im Reiche und den Stand der Poli^eiteamtenbewegung sprechen. Polizeikommissär Gräf-Heidelberg wird einen Vor­trag über die Umformung des Reichsverbandes und des Landesverbandes sowie über die Arbeits­gemeinschaft der Polizeibeamten Süddeutschlandö zwei Referate erstatten. Eine lebhafte Atlsspvack-e ist zu erwarten. Vertreter der Regierung, der Pwvinzen, Kreise und Gemeinden sind zu er- toarten.

Mainz, 9. Juli. Der Verein hessischer Re­ferendare hat in seiner am 3. d. Mts. in Frartk- furt a. M. abgehaltenen Generalversammlung, in der neben anderen Berusssvagen liesouders die gegenwärtige durch den Krieg fertorgeruftoe Not­lage der Referendare einM?henbÄ: Bes)pre- chung sand, folgende Entschließung^ einstimmig an­genommen :Die Hauptversammlung des Ver­eins hessisck>er Referendare, die am 3. Juli 1920 in Frankfurt a. M. fbattfanb, Ijai mit Entrüstung davon Kenntnis genommen, daß die nunmehr lVssährigen Bemühungen des Vereins, eine Be­zahlung tew. Aufwandsentschädigung für die hes­sischen Referendare als Staatsdienstanwärter zu erlangen, iveder von der Regienma noch von der Vvllsvertretung mit dem Verständnis und In­teresse auigenommen worden sind, die die Referen­dare billigerweise erwarten konnten. Es ist te- schämNid für ben Staat uiid bezeichnend für die Art und Weise, wie menig man es mit dem Grund­satz der soziale?» Gerechtigkeit ernst nimmt, wenn in diesen Zeiten unerhörtester Teuerung immer noch Leuten im Alter von 25 vis 32 Jahren, die in ihrer überwiegenden Mehrheit 4 Jahre bem Vaterland ihre besten Kräfte gewidmet haben, zu gemutet wird, 2 bis 3 Jahre dem Staat ihre Tienste völlig unentgeltlich zu leisten. Als ge- vad-ezu Unerhört alter nvnKtes bezeichnet hjejdben, b . man sich vor lauter Erwägungen icnd Bedenken rivch nicht einmal bereit gefunden hat, den Re­ferendaren, die woch-'nlang die Stelle eines Amts­anwalts oder Gerichtsschreibers versehen, die da­für vorgesehene ptanmäfeige Besoldung zu ge- Nähven." Der Staat Hessen, der in anderer Beziehung vielfack) vorbildlich und bahnbrechmd gewirkt hat, dürste heute unter den deutschen Staa­ten der einzige sein, der die Kräste ferner Referen­dare in dieser unerhörten Weise ausbeutet. Der Verein hessisck)er fReferenbare wendet sich in dieser Frage, deren Dringlichkeit anscheinend nur die­jenigen nicht einsehm, die an maßgebender Stelle die Entscheidung immer lüieber hinausziehen, an die breiteste Oeffentkichkeit.

Ans t und Lnnd.

Gießen, den 10. Juli 1920.

Der Polizcidicnfthund.

.Tie Anschaffung von Polizsilninden ist für Gießeir mehrfach angeregt worden. Wir gelten oa- her gerne uachtehcnd? Siiicbrift von Mrimtnal» Wachtmeister Klös wieder) dic sich mit o.u Eigen­schaften und der Behandlung des Potizeibienst- Hundes befaßt.

Weil der S?unb den Mensckien an Wahrneh- mungs, Geructe und Hörvermögen weit üter* legen ist, hat er sich als ein vorzügliches Hilfs­mittel zur Vervollkommnung des Polizeidienstes erwiesen. Um der Rechtsordnung Achtung, dem Bürger größere Sicherheit zu verschaffen, muß bie Behörde jedes sich für ihre Zwe. e barbiet.nte Hilfsmittel benutzen Im Patrouillen dien ste be­gleitet der Polizeibunb die Beamten, um Ver­stecke aufzusucheir, Flüchtlinge zu verfolgen und festzuhalten. Auch bient der Himd dazu, Ge­fangenentransporte zu begleiten, Aufläufe usw. auseinanderzutreiten Im Patrouillen dienst kann der Hund unter Umständen mehr leisten, als meh­rere Patrouillcii. Dent abgerichteten Hund ist es leicht möglich, ben Flüchtks<m zu ergreifen, zu stellen, was in den meisten Fällen ben Men­schen nicht gelingt.

Das Wichtigste, der Kriminal-Hund, steht heute im Vordergründe der Interessen. Der Kriminal-Hund begleitet zweckmäßig die Beamten und Kommissionen, bie abgehen, um Ermittlungen nach bem Täter eines zur Auz-?ige gelangten Ver­brechens anzustellen, um Fährten zu verfolgen unb nach etwa trorgefunben-m Spmvn unb An­halten, aus einer Mehrtest von Personen den Täter herauszusuckvn. Bevor ter Hund in ben Polizcibienst eingestellt werben bars, muß er voll­ständig aprostfest fein, bannt ein Pfiff ob?r flbnt seines Führers ihn von Verfolgung, Anariifen usw. ab;urufen vermag. Der Polizeihunteführer soll nicht heftig unb aufbrarufestb, sondern rntegi und besonnen fein. Bevor ber Hund in den öffent­lichen Dienst gestellt wird, wirb es ratsam sein, eine Haftpflicht-Versictenmg abznsckv'ießen^ Die Führung bes Diensthundes stellt an i>:n Bramten hohe Anforderungen. Der Führer soll vollständig vertraut mit dem Sicherheitsdienst sein und in Praxis den Beiveis erbracht haben, büß er kaltes Blut unb kurze Entsch^ssenhest zu energischem Hmibeln besitzt. In erster Linie ist bie hingebende Liebe für bas Tier notwenbig; Esternliete muß sozusagen am Platze sein, eine Liebe von Selbst­beherrschung, eine strenge, aber gerecht? Liebe und ist zu biefem Amte nicht jeder berufen, ber wahre Dieusthunbesührer wirb nicht erzogen, sondern ge­boren. Es muß bem Führer kriminalistische Be- - gabuitg zu eigen sein. Die Begabung nniß zwei­fellos angeboren sein unb läßt sich nur zum Teil durch Schuluirg unb praktische Erfahrung er­setzen. Bisher fanden Dressurkursc in Grünheide, Saarbrücken, Iserlohn usw. statt. Nicht jedem Beamten ist Gelegenheit geboten, an solch cin?m Kursus teilzunehmen, jedoch hat wohl mancher das Glück, einen Dresseur in ter Nähe zu haben, von tem er fernen kann. Wenn dieses auch fehlt, so ist er angewiesen, aus Büchern zu fernen, was allerdings sehr kümmerlich ist. Betvium muß man noch, baß ber Polizeihuntefnhoer genau so wie ter Lkriminalist nie auslernt. Der Führer soll, so oft ihm möglich, Prüfungen beiwohnen. Bei ter Auswahl eines Polizeihundes wähle man einen rassereinen Hund, da ter Mischling wenig Bürg­schaft für guten, zuverlässigen Charakter imd für Dressursähigkeit bietet. Als Polizeihunde eignen! sich am testen Mittelrassen unb zwar nach langen Erfahrungen ber Schäferhund, Airebaleterrier und Totermminpinscher unb als jüngste Rasse, ter Rottweiler. Welcter Rasse man ben Vorzug geben will, muß ter Liebhaberei überlassen Weiten. Wenn es irgenb möglich ist, fege man sich einen Jung- hund an, ber von Eltern abstammt, bie sich im Drenste bewährt haben, weil dann bie Wahrschein- Iiditeit vorhanden ist, daß bie betonteren Eigen­schaften für den Polizeidienst auf ihn vererbt find.

Aus einem großen Zwinger, wo Massenzucht getrieben wird, vermeide man, einen Hund zu nehmen, denn diese Tiere sind meistens sch?u und minderwertig. Es ist ratsam, wenn Kontere Um­stände einem nicht verhindern, eine Hündin zu nehmen, temt in ter Regel sind diese folgsamer. Die Frage, ob eine Hündin oder Mde die teste Nase besitzt, ist noch ftrittig.

Von ten Rassen können sich ter Schäferhund und ter Rottweiler rühmen, ihre Ahnenreihe am reinsten erhalten zu haben. Bon jeher ,war ter Schäferhund in deutschen Gauen anzutreffen, tväh- renb ter Rvttweifer vermutlich mit ben Römern eingedrungen und hier ansässig geworben ist. Der Airedale und Dvtermann stellen jüngere Rassen bar, von benen man nicht testünmt sagen famt, wieviel Blut auch von anderen Rassen lstneinge­kreuzt ist. Alle vier Rchsen sind für unsere Zwecke geeignet. Aber nur durch fachgemäße Ausbildung kann das Tier vieles leisten. Werten bie Tiere nicht demgemäß ausgebiltet, so sind sie vollstän­dig im Dienst wertlos unb bliebe nur ber Kosten­punkt übrig.

Der Bauer war kein Stück Bteh mehr; Zeh?nd und Fron waren abgeschafst; keiner brauchte Kraft und Zeit dem Lehnsherrn zu opfern, jeder dürft? für sich selbst arbeiten, und einer galt vor tem Ge­setz soviel als der untere und tonnte was erreichen, wenn er ein Kerl war und was erreichen «vollte.

Ter Mütter reckte sich.

Unb er hatte gewollt und hatte geschafft nne einer und hatte seinen Besitz um ein gut Stück vermehrt. Die Klosdermühle stand sicher; im gan­zen Land war keine zweite nne die. Wmn er bie Augen einmal zutat, dann blieb seinen beiten Buben ein schönes Stück Erde, mehr als er "inmal ererbt hatte. Wo sie wollten, tonnten si' nnmal freie Wahl halten, rhetnaus und rhemab; nirgends würde man sie abweifen. Und wo waren auch noch so zwei Kerle wie sie?

Des Müllers Augen leuchteten hckl unter den buschigen Augenbrauen und gingen freubig über Wiesen unb Felder bis nahhin zum Strom, der langsam trieb. Ein weißer Dampfer glitt ra'ch zu Dal; grell funkelte er in der Sonne, und der not? Wimpel brannte wie eine frische Wund? anf dnn sattblauen Frühhimmel. Er sah ihn gierten und verfolgte ihn mit den Blicken bis er verschwund.m war uwd nur noch eine graue Rauchfahne über ten Wassern stand.

Früher, da wäre er auch gern hinausgezvgen in die Welt, um etwas zu sehen, um etwas zu ?r- leben, aber die Großmutter hatte ibn g.'haltm

mit starken Annen und starker Liebe. Sie batte schon einmal zwei Söhne in die Fremde schrckm müssen, unter Napoleons Fahr en nach Rußland, imd beide hatten die Aachänglrchleit an ten grafem Kaiser teuer tezahlt. Sein Dr.ter mit ?innn Fuß, ber ihm vor Wilna erfroren war, als die tesuichm Bataillone den Rückzug decken mußten, fein Du fei mit einem langen Siechtum, das er aus ber Bus­sina mitgebracht hatte, l'lber sie waren stolz auf ihren Kaiser und stolz auf ihre Kriegszüge imo aus ihre Narben. Nie formten sie genug von ihv'n Er­lebnissen bericksten und trieben mit b*r Erm- nerring an Napoleon einen förmlidxu Ku't. Kein-» größere Frerrte hatten die beiden Märmer, als wenn sie am Aller,eelenlag in ivr?n alten Uni­formen W iche hielten an dem Tenkstnn chaer ge­fallenen Kameraden. Tas war ein Fei'rtag für fte wie Fern zweiter im ganzen Jahr.

Er konnte sich noch gut erinnern, wie sie schon tagelang vorher putzten imo säuberten un5 das ganze Haus auf den Kops stellten. Beinah Angst hatte er vor ihnen gehabt, wenn sie in ihren wnten Mänteln und ben verteuerten Dreima ern lang­sam und gravitätisch tet,in)dyritten. Wie qcl)rim- nisvvlle Schattengei aUen hatten sie a sg -Jen in dem inogenten Novembcrneb l, d:c br rneno Über ben dunklen Kreuz.n lag. lieber bi? Dv'cnStetpen auf den Gräbern breitete er nn?n trüben LN^erer, in dem die dünnen Flämmchen fahl und gc;b_-n|ttg jueften! (Fortsetzung ralgt.)