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Ausschüsse von der Einsperrung oder Heiiw- fcnbung verschont blieben, auch jetzt diese Frefr heit genießen. (EL sind ihrer nicht allzu viele.) Weiterhin aber verlangt das Unterhaus, daß sonstige Ausländer (immer mit der hierher- gehö enden Einschränkungfrüher feindliche" zu nehmen) ausgelviesen werden, falls nicht» ganz besondere Gründe für das Gegenteil nachgewicsen sind, wie hohes Aller, Gebrech­lichkeit, Verdienste um die britische Sache. Das Oberhaus dagegen verschiebt die Beweislast, indem es den jetzt noch im Lande wohnhafi- ten Ausländern das Verbleiben gestattet, wenn nicht im einzelnen Falle bewiesen wird, daß dieses Verbleiben für das öffentliche Wohl unerwünscht ist. Das Haus der Gemeinen wollte also eine selbsttätige Auspumpungs- mafchine einrichten Ejektoren heißen sie in der Technik, der nur in eigens zu begrün­denden Ausnahmesällen ein Opfer entzogen werden könnte; die Lords dagegen kehrten das Verfahren um und verlangten für jeden einzelnen Fall den vorherigen Nachw.is, daß das Wohl des Staates die scharfe Schneide des Gesetzes nötig mache. Der durchgreifende Unterschied springt in die Augen. Mit 236 gegen 118 Stimmen hatte seinerzeit das Un­terhaus die rücksichtslose Einschaltung be­schlossen, mit 124 gegen 31 man sieht, wie dünn das Haus noch besetzt ttwr fügte es sich jetzt den gegenteiligen Beschlüssen des Oberhauses, wenn auch nicht ohne manchen lebhaften Einspruch gegen die vermeintliche Anmaßung des zweiten Teilhabers an der Gesetzgebung. Es wäre falsch, in dieser Nach- gi bigkeit eine Gesinnunasänderung zu sehen. Richtig bleibt vielmehr, »oas der Abgeordnete Sir E. Wild aussprach:

Unser Volk ist keineswegs genullt, die Deutschen in Zukunft so ungefähr als Freunde zu bdyxxv dein, wie Lord Phillimove meinte. Der Abgeordnete für die Universität Oxford (der menschenfreundliche Lord Hugh Cecil) und andre Mitglieder des Hau­ses, die sich gern etwas besonders dünken, mögen eine soläx allgemeine Stimmung bedauern, aber damit ist an der Sache nichts geändert. Auch Lord Salisbury, wenn er bel^auptet, diese Volksstim- mung sei eine vorübergehende Gemütsivallung, tonnte damit nur für sich allein sprechen.

Salisbury hatte unter anderm bemerkt, England könne nickft den Wunsch hegen, un­glückliche Frauen nach Oesterreich in den Hun­gertod zu schicken. Eine merkwürdige Neben­erscheinung, die sich aber aus der Sachlage rasch erklärt, zog sich durch die Sckstußverhand- lung. Im allgemeinen ist das Oberhaus den Angriffen der liberalen und arbeiterfreund­lichen Abgeordneten ausgesetzt; diesmal tra­ten diese Volksvertreter ivarm für die men­schenfreundliche Tätigkeit der Lords ein und nahmen sie in Schutz gegen deren sonstige Vorkämpfer auf den Bänken der Unionisten. Die Regierung selbst hielt sich dem Streite möglichst fern; ihr war es l)auptsächlich um die rasck^e Erledigung des Gesetzes zu tun, das noch immer genügende Waffen gegen seindlick-e Ausländer bietet

Demokratischer Parteitag In Württemberg.

Stuttgart, 6. Im.

Die Deutsche Demokratisrte Partei Württem­bergs veranftalte e in Stuttgart einen Partei­tag, wobei der Vorsitzende der Gesamtpartri, Abg. Dr. Petersen (Hamburg) in einem Referat über das Jahr 1919 folgendes ausführte: Die Deut cte Demokratiscte Partei bekennt sich zum wirtschaftlichen und konsessivnel en Ausgleich. In der fttalition ist die demokratische Fralt on Cem notwendiger mehrheitsbildender Faktor: Sozial­demokratie und Zentrum haben allein die Mehrheit in der National versammllmg. Die Demokritie kann daher nur durch das Gewicht ihrer Gründe, durch ihre Bedeutung für das neue Deutsch!rn) wirken. Bei der Notwendigkeit, die Koalition im Inte.esse des Vaterlandes autred)huertalten, muß

sie sich an einzelnen Stellen oamxt begnügett, Schlimmeres zu verhüten. Auf internationalem Ge­biet her richt noch der Grund,atz der (tewalt und Unge.echiigkeit. Es gilt für die deutsche Nation, trotz ihrer Niederlage, ja gerade aus bicfer Nfrw:r- lage heraus, den höheren Mensch!)ritsäielen zu dia- neu. Dieses Ziel kann nur auf dem Wege der weiteren Durchsührung des Rechtsgelx.ne.is im Dienste sozialer Gerechtigkeit geschel/en. Die teitt ch Nation tarnt die.em Oktanten nur mit Erfolg dienen als Glied eines Völkerbundes, der nur gleichberechtigte Nationen und Staaten ernennt und zur Mitwirkung an dem Aufbau neuen und bes­seren internationalen Rechtes beruft.

Hierauf sprach Kultusminister Tr. Stiebet über die geistigen Kräfte. Er bemerfte zu­nächst zu dem Beichlnß der preußischen Lantestar- sammlung über die Errichtung des deutsäten Ein- lxilsstaatcs, daß dieser Beschluß zu begrüßen sei als Absa-?e an den alten deutschen Geist des Par- tilnlarismus. Wir wollen auch im Süden ehelich ein einiges Deutschland, wir lehnen aber die Ber- liniricrung Deutschlands ab! (Lebltaste Zustim­mung.) Tie Fragestellung: Ernl-eitssaat über Bundesstaat? ist heute nicht mehr jutreiWb; sie ist fr-ute ersetzt durch die andere: Zentrnlisierunt? oder Selbsttxrwallung? Es muß eine Dezen­tralisierung gefuttert wetten, die zugleich Selbstverwaltung fein muß, bei ter die einzelnen Stellen unter eigener Verantwortung handeln. Es war eine unauschi'bbare Notwendigkeit, auch die Bildungsfragen unter dem Gesichtspunkte zu be- Ixinbcln, daß das deutsche Kulturgut als eine Ein­heit gepfl gt, dem. Bi lke zum Bewußtsein und nach Außen in Erscheinung gebracht wird. Wir btatüten eine nationale, eine deutsche Kulturpolitik! Es bedarf auf dem Gebiete von Kunst und Wissen­schaft einer bewußten Zusammenarbeit vvn Reich und Einzelstaaten. Wenn in Fragen wie ter ter Schulpflicht und der äußeren Scknttorganifation tie Reichsgesetzgebung das Heft in die Hand nimmt, so tonn das nur als ein Fortschritt begrüßt werden. (Zustimmung.) Nur muß im inneren Schulbetrieb und in ter inneren Verwaltung die Landes- und Stammeseigenart ihr Recht behalten und der einzel- ftaatlirf)eu Schulverwaltung eine gewi.se Selb­ständigkeit verbleiten. Eine innere Reform unseres gesamten Bildungswesens ist notwendig. Eine höhere deutsche Schule als vierte gleichberechtigte und gleichwertige Lehranstalt neben Gymnasium, höherer Rcal- anftalt und Realgymnasium muß geschaffen wer­ten, in deren Mittelpunkt die gesamte beutfdje Kultur steht. In Zusammenhang damit steht Die Umwandlung der bisherigen Lehrerbi.dungsanstal- ten in solche höhere deutsche Schulen. Tie Schule muß in den Dienst staatsbürgerlicher Erziehung gestellt werden. Der Grundsatz muß fein: Der Deutsche Darf fein eigenes Volk niemals und unter 'einen Umständen verleugnen! Tie Trennung von S aal und Kirche muß in schonend,:er Form, keinesfalls in religionsfeindlichem Geiste, voll­zogen werten. Aus die Dauer kann kein Volk ohne religiöse Kultur geteilten!

Schließlich wurde nach kurzer Begründung durch Rcchtsamva t Augst (Heidenheim) einstimmig folgende Resolution angenommen:

Tie Deutsete dernvkrati.che Partei erklärt: 1. Die außenpolitische Haltung tes Reiches hat sich zu richten in erster Linie nach den wirt- sck-aftlichen Lebensbedürfnissen Deutschlands, nach tem Maiß seiner Wiodererstnrkung und nach ter Haltung ter anteren Staaten. Sie muß in ent­schlossener Wahrung der nntwnalen Würde, offen uni) frei vvn Hintergedanken, eine Revision ter unerfüllbaren Teile tes Versailler Frieden sver- trages durch einen unparteiisch zu gestaltenden Völkerbund anstreben. 2. Die innere Lage sor.ert eine einheitliche P» litik ter verfassungstreuen Parteien und baldige Feststellung des Vottswil ens in Neuwahlen nach vorler g?r Vcr es e amg les Veri.ültnisna l eetz.s. Tie Regierungspolitik ist auf die Heoung der Volkswirtsckxlft mid ter WahrungÄerfrättuisse ein* Miftellen. Gegen die im Ge>)lg.' tes Zusammen­bruchs und ter Wicterlage sich entrtri(feinten Aus­wüchse auch innerhalb ter SdaatK.e.tvattung, ins­besondere gegen die K rrup bmterfcheorungrn, ist sclwnungs os e nzufchreiten. Tas UeLtrmucbern ter Behortemorgani a.ionen und ter HeereHgutterwa- tungsgesellschaften fordert durchgrrisende Maß­regeln. 3. Die Partei muß die Arbeit am Staat, an der Gesellschaft und an der eigenen Gemeinschaft

Man mäßig und entschlossen leiten, ffroe Kräfte durch Arieits.e llmg fruchtbar machen und die Wahlvor­bereitungen treffen. 4. Die Losung für die nächsten Wahlen muß fein: Wirtschaftliche Entwickluirg, sozialer Ausgleich, Verteidigung ter Reichsverfas­sung und des Parlaments geg n rechts und links und die Sammlurrg aller Deutschen um den taut- scheu Gedanken und die deutsche Kultur,

2lu* Hein Nciche.

Die Kohlennot.

Berlin, 6.Jan. (Wolff.) Infolge der ein- getretenen Kohlennvt sah sich die Direktion der Siemens-Werke sowie ter Siemens- Schuckert A.-G. gezwungen, den Betrieb bis aus weiteres ein zu st eilen.

Handgranattnnnschlog gegen eine Zeitung.

Unna, 7. Jan. (WTB.) Heute nacht nurte gegen den Hettweger Anz igcr und Boten ein Handgranatenanschlag verübt. Von zwei gegen den Maschinensaal gnuorfenen Handgranaten explodierte eine im Gang. Durch den Luftdruck wur­den sämtliche Fensterfchiben des Saals zertrüm­mert. Verletzt wurde niemand, trotzdem sich sämt­liche Angestellte in der Setzerei befanden. Die Polizei falmbet noch nach tem Täter.

Angeftelltenstreik in Eisenach.

Berlin, 7. Jan. Wie demBerliner Lokal­anzeiger" aus Eisenach gemeldet wird, find dort fämtlidje Privatangestelltenver- bände wegen abgelehnter Tarisforderungen in den Generalstreik getreten.

Die Erfassung der Schuldfrage.

Berlin, 7. Jan. Im neuesten Heft der Deutschen Juristenzeitung" schreibt Pros. Kahl (Staats rechts Professor): Tie Häufung von Material zur Erfassung der deutschen Kriegsschuld ist nicht der Weg zur Wahryeit und Gerechtigkeit.

Arr» StaM und Land.

Gießen, den 7. Jan. 1920.

Alte Klinik Neue- Stadthaus?

Wie wir von ter Stadtverwaltung erfahren, wird die als Lazarett dienende Alte Klinik in der Liebigftvaße Mitte Februar von Der Heeres­verwaltung geräumt werten. Dadurch wird die Stadtverwaltung in die MöglickMt versetzt, ge­mäß dem Beschlüsse ter Stadtverordneten-Ver- fammlung vom 16. Oktober 1913 die zerstreuten städtischen Aemter in der Allen Klinik zu vereinigen.

Tic Vvranschläge und Pläne für die Meter-- herstellungs- und Umbauen beiten werten in tem nächsten Tagen fcrtiggeftellt fein. Es ist bin» reichend befannt, daß Di? seit Ja Ixen völlig un- zulänglick-en Raunrverlültnisse ter Stadtverwal­tung durch die stetige Vermeh.'ung ter städttscheu Ausgaben so unteilbar geworden, daß nunmehr sofortige Ablnlfe geschaffen werten muß.

Die kurze Information ter Stadtverwaltung ist nicht besonders klar gefaßt. Man vermißt darin vor allem eine unzweideutige Angabe, ob bin Plan, die zerstreuten Aemter in ter Alten Klinik zu «r einigen, nur ein Provisorium zur vorüber- gehenden zweckmäßigen Ausnützung der Kliniks­räume sein soll, oder ob nach früheren Absichten dieAlte fflinit" zumNeuen Stadthaus" ge- mackst werten soll. Man wird die Pläne und Vor­anschläge umso krittscher beurteilen müssen, als die Herrickrtungs- und Umbautosten eine schwindel- baite Höhe erreicht haben. Die Umbautosten waren es aber, die fdym in günstigeren Jahren das ProjektAlte Klinik Neues Rathaus" als umoirtsck-aftlich erschinen ließen. Man wird daher auf die städtischen Pläne sehr gespannt fein dürfen.

Wirtschaftliche Flluflon-politil.

Die Teutschnationale Partei hatte am Montag abend zu einem Vortrag von Fa- brikant Dr. ing. Klingspor überWirtschaft­liche Jllusionspoliti^ cingelaben. Vorsitzender K ohlhase begrüßte in feiner E o fnungs- anspracfx ten Redner, dessen Vaterstadt Gießen ist, und beglückwünschte i!m zu der kürzlich erfolgten Ernennung zum Ehrendoktor. Darauf führte ter Redner selbst, unter Zuziehung torfäietenartig-ftrn MatermlS, etwa aus:

Bis in die Kreise hinein, die vordem dte Re­volution begrüßten, werde heute vor ten Gefahren

eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs grtöbirnt Wenn demgegenüber Erzberger unb Rei«hswirl> idyafteininiiiet Schmidt eine zuveriickstttckre 9Jiieit2 zur Sck>au trügen, so ließen sie es an dec Offen* heit fehlen, die man von ter allen Regierung so dringlich verlangte. Hier solle fttarljeit gegeben netten über Die drohenden Nöte au| wirtschaft­lichem Gebiet und Klarheit über die Mittel zu ihrer Beseitigung. Die Frage, wie w.r einer wirt­schaftlichen Katastrophe unb Hungersnot entgehen können, sei fite Schicksalsfrage tes deut scheu Voltes und damit auch für jeden einzelnen. Der Tiefstand unserer Valuta fei die ernsteste Warnung. Deren wellens Sinken dürfte tem Etaatsbantorott in ter verschleierten Form der beständigen Ent­wertung tes Papiergeltes entgegenführen und werte seine Auswirkungen bis in die entlegen­sten Bauernwohnungen zeigen. Br dem Kriege konnten wir unsere Einfuhr nahezu mit unserer Aussuhr bezahlen. Heute dagegen stemme sich tem wi tschaftlickren Wieteraufstieg ein beängiligcnteö Mißverhältnis zwisck)en Ein- und Ausrülp: ent­gegen, das groß endeils durch eine Bankrvtteur- iuivtfd)ait verursacht Worten fei. Wir hätten un­sere Emnahmeguellen aus ter $>anb gegeben; fo Erzlerger, ter durch feine diplomatischen Künste den Sterluft ter Deutfdxn SlXiuifabrteiflotte ter» schultet habe. Da tonne man sich nidjt nmntern, wenn unsere Valuta, ter Prüfstein unserer wirt­schaftlichen Weltstellung, auf ein Zehntel van einst gesunken sei und roeitn Schveizer Banken Deutsch­land ihre Kredite auf beutjdx Staatsrapiere ge­kündigt baten. Die Gefahr wirtsck)aftlicher Vcr- sllavung drücke sich in ten immer zahlreicheren Aufkäufen teutsck>er Grundstücke und deutscher Aktien durch Ausländer aus. welche durch die Valuta deutschen Käufern ^überlegen seien Heute schon seren grvße teutsck>e Jndustriewerke in die.Hände tes Auslandes ütergegangen. Dazu säßen als Führer im WiÄ>eraufbanministerium Männer, deren ganze 93ergangenbeit ein einziges Zeugnis zersetzender Tättgkeit fei. Als Beispiel für die Dillettantenwirtschaft in ter Reichstoitung dienten die durch ihre SckstvächlickxZeit wirkungslosen Maßnahmen zur Behebung ter Verschleuderung teutidj-'r Waren nach dem Auslaute. Weiter feien Fehler in Fmgen ter Zucker-, Tabak- und Gummi­industrie begangen wvvden, da man keine Roh­stoffe ins Land ließ zu einer Zeit, als diese zu günstigen Preisen zu erlangen gewesen wären, trotzdem die Industrie sie bringend brauchte und trotzdem fackrmärmische Kreise bei ter Regierung auf Einfuhr drängten. Kohlen, die wir in Deutsch­land so sehr benötigten, 'habe man vor Ratifizie­rung freftvillig der Entente geliefert, fveil man diese dadurch mild zu stimmen hoffte. Von dem Versuch, ausländische Balutaanleihm aufzunehmen, dürsten wir uns keine Rettung verspreck)7n; dies betaute nur vorübergehende Hilfe und steigere letzten Endes die Sckmltenlast Deutschlands. Eine Erhöhung unserer Erzeugung und Ausfuhr fei die einzige nxilyrc Hilfe, bstonters gelte das für die Kohlmerzeugung. Wie verderblich aber da Streiks wirtten, erhelle daraus, daß durch ten Ausstand an ter Ruyr im Frühjahr der Ausfall das Vier^ zehnfache von tem betrug, was während ter zwei- wöckngen Einstellung tes Personenverkehrs be­fördert wurde. Der Kohlenmangel müsse für alle Zweige Ixt Industrie von ten schlimmsten Folgen inerten. Heute schon lägen eine ganze Reihe von Papierfabriken still. Das Fehlen von Kchlen Der- hintere die ausreichTNde Herstellung von Baumate­rialien und nehme uns so Die Möglickitoit, tem Wolmungsmangel durch Bauen abzutelfen. Bei unserer Regierung bestehe keine Aussiait auf tat­kräftiges Zugreifen. Keine Fachleut?, stünden an ter Spitze, sondern Parteileute, die ihr Amt ihrer politiscten Tätigkeit, iljrat agitatorischen Ver­diensten verdankten, und denen die Gunst ter Massen das Wicküigste fd>eiite. Die heutige Re­gierung halte noch fest an einer Jlluftonspolitik, die auf den Sieg ter Geveck>tig keit im Volker verkehr hoffe. Sie strebe nach Klasseni-ersöhnung durch ein Belricbsrätegefetz, das in Wirklichkeit ten Ruin bringen müsse, weil man durch derartige Nach­giebigkeit den Leuten ter Straße gegenüber nicht mein die nötige Widerstandsfähigtoit finden werte. Die Nachgiebigkeit von Demokratie und Zeillrum gegenüber ter Regierunassozialtamokratie lass« sich daher nickft damit entschuldigen, daß das Reich dadurch vor viel Schlimmeren bewahrt werde. Wenn dieselben Leute, die früher eine tägliche Arbeitszeit von drei Stunden für genügend er­klärten, und dieAkkordarbeit ist Mordarbeit"

Die Entwicklung der 3e tung;an; ige.

Als Gütermakler und Vermittler zwischen Ar- feitgeber und Arb itnehmer auf ten Stellenmarkt wie als Bringer ter neuesten Fami iennachrickrten und Vergnüguiigsnachwelse er (fr int uns heute die Zeittmgsanzeige so unentbehrlich, daß wir uns kaum eine Zeit vorst llen können, in der sie in ten Blättern senke. Abr auch auf diesem Genet fuhr früher ter Fortschritt nicht im hurtigen Automobil, sondern in altväterliche: Postkutsche sehr bedächtig zum Ziel. Wie erst b inahe 2J0 Jahre nach Erfin­dung ter Buchdruckerkunst mit ter vom 30. Mai 1631 äb erseh:enmon PariserGazette" die erste Zeitung in Frankreich entstand, so bauerte es dort fast weitere anderthalb Jahrhunderte, bis ein Tage­blatt, das 1777 gegründeteJournal de Varis" regelmäßig einen Anzeigenteil brachte. Freilich be­stand fefron seit 1751 ein Organ, bi.*PetitcS Asfichcs" eines Abb4s, das Annoncen veröffent­lichte, doch war dies k ine eigcntlidie Zeitung, son­dern ein reines Anzeigenblatt. Daß das späte Auf- tonrmen von Zeitungsanzeigen nicht etwa auf ein mangelndes Bedürfnis zurückzuführcm ist, zeigte der Erfolg ter von tem Arzt Renaudot, tem Gründer ter erstm französischen Zeitung, in Paris eingerich­teten Adresstmbrrreaus, in denen Käufer und Ver­käufer für allerlei Güter nachgewiesen wurden.

Als älteste Zeitungsanzeige in England gilt das 1649 imModerate" verössrntlichte Ersuchen um Rückgabe eines von der Weide gestohlenem Pfer­des. Aus tem nachstm Jahre stammt folgendes originelle Inserat König Karls II. über den Verlust seines Lieblingshuntes:Ter Finder möge in Wmtelw l Anzeige erstattet: temn ter Hund war bei Hose besser bekannt als die, die ihn gestohlen haben. Wird man denn niemals aufhöccn, Sciue Majestät zu teste!In? Kann er feinen Hund halten? Dieses Huntes Stelle obwohl besser, als manche glauben möchten ist die einzige, um die niemand bettilt!"

In Deutschland ist bisher die ält ste An­zeige im 4. Stück tes Jahrganges 1665 ter Ber InterEinkommentan Orbttari Postz ftungen" nachgewies.m, während das erste Anzeigenblatt erst aus Dem zweiten Viertel des 18. Jahrhmtterts stammt. ©uLfre reinen Anz igenl lütter, iie vor allem auch amtliche Bekanntmachungen brarlüen, hießen Jrttelligenzblätter. Tas erste war das 172, durch eine ftäbinettoorter gegründetePreußische Jntelligenzblatt".

.Erujprechertd tarn fl.inen Le.erlrcis tat da­

maligen Blätter wird auch ihren Anzeigen kein, weitreichender Einckuß zuzuschr i'en sein. Immer­hin spiegelt sich berritö internationaler Verkehr in ] einer Anzeige im Jahrgang 1751 ter deutschen St. Petersburger Leitung", in ter ein Privat­mann in Mantua einansehnlietes Kabinett von alten griechischen und römi ch.m Mrchai len in Ertzt und Silber" anbietet. Von kulturg! sckrichtlich'm Interesse ist die erstmalige Erwähnung tes Tees in dem englischen BlattMercurius Politicus" vom 33, September 1658.

UelierHaupt sind die Zeitungsanzri-en früherer Jahrhunderte als Kulturdokumente nicht zu un­terschätzen. Ihre Würze liegt nicht gerate in ber Kürze, sondern in tarn häu'ig, vor allem ii Frank­reich, belustigenden Inhalt. Den Umfang eines wirklich ausgi -igen Liebesbriefes, nicht r e liger als 270 Druckzeilen, nahm das erste in Deutschland in einer Zritungsanz.rige erschienene Heirats­gesuch din. Es war die Anz ire eines vermögen­den jungen Mannes im Hamburgischim Unpartei­ischen Korrespondenten vom 23. März 1792, ter sein moralisches Glaubmöb kenntnis in die Worte Gleims kleidete:Es Hilst zum höchsten Glück der Liebe kein Ri t'rgut, es Helsen zarte, keusche Triete unb frisches Blut." Etenso braucht ein w itschtvei- figer Pariser 1759 im Ganzen 174 Worte, um einen neuen Tamenfächer anzupreisen:Da die Neugier bei b iten Gefchlech ern ziemlich gleich stark entwickelt ist unb Di: Damen sich fast ebenso gern wie wir ten G^enstänten nähern, die ihnen interessant e -schrinen, so fr t mm ein Mitdtt ge­funden, dieses Bedürfnis zu tefrieMgen, ohne gegen die Bescheid mheit zu verstoßen: in den Fächer ist eine Lorgnette eingelaf en, bereu st h unsere Damen bedienen können, ohne sich dabei bloßzuste lei usw. In einem anderen Inserat aus jener Zeit wird in 178 Worten rote Schminke mit dem Hi lwiis daraus angepriesen, daß sich fdjon die Göttin Juno ter Schminke bedient hätte.

Noch vor 100 Jahren konnte man auch in beutftfen Blättern ziemlich wei'schvei iAnz^ien finden. So beginnt ein Kaufmann, D-t den Tod "einer Frau mitt ilt, mit folgtmten übcrschwäng- lirfjen Worten:Tie tagb l.tanlen Moree-ifttah- len des 13. d. Mts. fenb-ten sch.nerzlickte Vernick>- tung gehegter Hoffnungen unb unvergängliche Trauer in mein Leb.n." Der Kaufmann geicinnt Iater allmählich doch die Oberhand über den untrost- lidjcn Gatten, und so schließt er:Ich empfehle mich aller Verwandten unb Hanbelsjreunde fer­

nerer Freundschaft und Wohlwollen unb bemerke, daß ich als einziger Destamentserte ter Verewig­ten die bisher bririebenen Handelsgeschäfte ohne 9[bänberung unter ter fortbestehenten Firma Braun et Co. fort setzen werde.

Tie frühesten Ansätze zu einer großzügigen und modernen Ansprüchen entsprechend i Rege­lung tes Annoncenwesens findet sich in Frank­reich Dort beschritt Emile be Girardin mit seiner 1836 gegründeten ZeitungLa Presse" einen neuen Weg, intern er das Jahresabonne­ment von 89 auf 40 Franks herabsetzte und den Ertrag aus ten Anzeigen zur finanziellen Hanpt- g imblagc sein s fünfen Untcrnelm ns zu machen teschloß. Der Er olg gab ihm recht. Tas billigste Blatt ward zunächst das g?lefenfte. Die Mehrzahl ter übrigen Zeitungen mußte in olgedessen e en- falls das Jahresabonnement herabfetzen. Zwei Jahre nach ter Gründung terPreise" betrug Die Einnahme aus ter Annoncenracht schon 150 009 Franks, für damalige Sktbältnifie eine erk eckliche Summe. Mög.ichst knapp und inhaltsreich war die Lösung. Es bildete sich eine Ge elli'chaft, die ten Anzeigenteil der Zeitungen pachttte und vom 1. Juli 1845 ab in Paris 218 Bureaus eröffnete, in denen das Publikum Inserate au getan konnte. Die Verbi!I gung tes Abonnementsgeltes ließ die Auflagrziifern ter Blätter mächtig steigen. 1828 waren in Paris im Ja'we 28 Mi lionen Zritungs- e-emplare augesetzt roorce t, 1836 erhöhte sich die Zahl auf 42 Millionen und bis 1846 auf 80 Mil­lionen. Tie erwähnte Anzeigengese Ischa't bot gleichzeitig in ten drei Pariser BlätternJournal tes Dsbats", .Constitutionnel" undPresse", die zusammen 60 0O0 Abonnenten le a'en, 1815 eine 60 Buchstaben lange Annoneenzeile für 6 Franks. Der nächste große Schritt zur Zentrali­sation tes französischen Annoncenlvesens erfolgte 1856, als sich ter Leiter des französischen De- pesck^enbureans Havas mit tem Gründer ter Paris r Anzeigenexpedirionen Pu lier zusamm ntat, ber te.t Anzeigenvertrieb fast a ler Prorinzblätter in Hän­den hatte. Havas trai mit rund zweihundert der beteutendsten Provinz'>ei ungen rin Abkomm'M, wonach er ihnen täglich sein Nachrichtenmaterial übersandte und da üc von ihnen statt Geld eine bestimmte Zeilenzahl aus ter 3. unb 4. Seite ter Blätter uncntgclt ich zur Verfügung gestellt er­hielt. Aus diese Weise breitete Havas ein nicht lange vorher in Paris eingerichtetes Depeschen­bureau auch auf die Provinz aus.

^n England schlug die Entwicklung tes Anzeigenwesens, das besonders unter tem Pro­tektorat einen kra tigen Au schwung nahm, andere Wege ein. So hatte in London seit 1802 jede größere Zeitung eine le onbere Annon ensteziali- tät. In terMorningvostt" fand man haupt­sächlich Anzeigen über Waaen unb P erbe, im ..Publie Ledger" in,eeierten ?ie Scfrisfsr^tar und Großhändler von überseeischen Güttcn. Grund-- stückskäuse unb Verkäufe suchte man vor allem im Mörning Herald" unb in derTimes".Mor- uhtg Adoertiser" war das Blatt ber Gasßvirte vvn London,Morning Chronicle" das der Buchver­leger. Heute haben sich bie.e Unterschiede ziemlich verwischt. Wie ein Anz-.igenbedürfnis direkt zur Gründung von Tageszeitungen führte, zeigt folgen­des Deispivl. Tas Londoner Blatt mit höchster Auf­lage war 18J2 dieMorning Post". Ta es in­folgedessen auch, die meisten Anzeirenanfträge er­hielt, so mußte es öfters die Veröffentlichung vvn Anonncen 810 Tage zurücksttllen. Ta dar Blatt ber Ansicht war, daß Bücheranzeigen am längsten warten könnten, io wurden diöse am stiefmütter­lichsten behandelt. Darob große Entrüstung ber Buchhändler, die daraufhin ein eigenes Morgen- blattBritish Preß" unb ein Abendblatt©tote" gründeten, um ihre Inserate veröifeiUlichen zu können, wenn es ihnen betagte.

Tie an unb für sich schon nicht geringen Ein­nahmen ter größeren englischen Blätter ans ten Anzeigegebuhren erhöhten sich tocitcrlyin natürlich burch die Aushebung ber Inseraten- unb Annoncensteuer in ber Parlaments'ession von 1853, ter 1855 d e Mschaffung ter Stcmpel- tare und 1861 die Beseitigung der Papiersteuer folgten.

Auf dem Festlante hatte nur Oesterrrich eine Annoncensteuer bis 1874. In T<nltschland forte'rte zwar 1879 eine Petition an den Reichstag eine solcte, doch tarn es zu keiner ernsttichen Debatte Darüber.

Aus tarn hoben Annoneenetat, ten freute große Untemehm.m hab n, kann ma t ersel.en, welche ge­waltige Be.^eutun^ sie b r Zettung.anzeige b.imej- sen, die tem 11 inen Stellungucte.chen wie dem mächtigen Kaufherrn, rin gl ich unentbehrlicher Makler ist Ein Vermi !l r, dessen Dienste ,ed.r.;eit rechnerisch nacfrgcivHen werten können und tem in seiner Entwicklung Fesseln anzulegen, nie seine bis­herige Grichichtt lehrt, eine Behinderung des gan« zen Wirtschaftslebens bedeutet.