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nr. 285

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Erstes Blatt 170. Jahrgang Mittwoch, 1. Dezember 1920

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GiehenerAnzeigeri«

M Hauptfchnfl.eNcr. Aug.

General-Anzeiger für Gberhesten MW

Omtf unö Verlag: vrLHI'schc Uaio.-Vuch- und Sttinöruderci R. fange. Schristleitung, Seschästsstelle und Druckerei: Schulftratze 7. limniq in «i-h-n!

3rlanös Kampf auf englischem Boden.

AlS die ersten Nachrichten über die .Zrandangriffe der Sinnfeiner auf britischen Joden durchsickerten es herrscht ja in England immer noch so ettoas tote Kriegs- Zensur sprach die EntentepresjN von Schauergeschichten und leeren Gerüchts. Nun stellt sich heraus, daß der tollkühne Jren- pfcn, der durch Beschlagnahme von Doku# vrenten in Dublin entdeckt tourde, zur Tat­sache toird. Der Sinnfeinerangrisf kam in

Liverpool zum Ausbruch. Ein halbes Dutzend Lagerhäuser ging in Flammen auf. 3« Manchester soll das Elektrizitätstoerk zer# 13rt toerden. In London soll das Amts­gebäude Lloyd Georges in Dotoningstreet bombardiert toerden. Allem englischen Mi- itflcrn ist der Tod angedroht. Es handelt sich mi die ernsteste und umfangreichste Hand- lung des Sinnfein-Terrorismus, seitdem Max Lmneg, der Bürgermeister von Eork, den freiwilligen Hungertod im Gefängnis zu Srixton starb.

Die rein politische Lage in Irland, die ich von jeder parlamentarischen Aus- nogungsmöglichkeit entfernt hat, wurde da- barch besonders verschlimmert, daß die neue öomerulebill Lloyd Georges, die für Jr- erb zwei Parlamente, in Dublin und Belfast Vorsicht, ein noch größerer Fehlschlag ist, als di« frühere, die an dem Widerstande der van Sir Edtoard Earson geführten Ulster-

kute scheiterte. Diesmal geht, wie bekannt, der Haupttoiderstand, von der Gegenseite, der Ieiner mächtigen Organisation gewordenen mfeiner-Partei aus, die ganz an die Stelle ehemaligen Nationalistenpartei John rnronds getreten ist. Die unzureichenden Hgeberischen Versuche der Regierung en fast die ganze keltische Bevölkerung inüs in das Lager dieser Partei gebrachr, von keinem Kompromiß mehr etwas tois# sondern die Auflösung der Union, die ständige Irifdic Republik verwirklicht sehen l. Diese Sinnfeiner haben diese Republik ) de facto schon konstituiert und ihren rer De Valera, der seit Monaten in erika agitatorisch tätig ist, zu ihrem Pra­nken gewählt. Sein Stellvertreter in Jr- ) selbst ist Arthur Griffith, der kürzlich ton den Engländern verhaftet wurde. Die republikanische Partei, die über eine gute Be- baffnung verfügt (man erinnere sich der von ! Minister Simons in Spaa gemachten An- biehmgen) führt, gereizt durch die von kublin Castle, dem englischen Regie­rungssitz ausgehenden Gewaltmethoden, hie Art Guerillakrieg gegen die eng» Ische Polizei und die in jüngster Zeit || sihr verstärkte englische Besatzungsarmee.

Sie teroristischen Methoden, deren sich die kinnfeiner dabei bedienen, führen zu immer

nnen und immer blutigeren Unruhen. Sinn# hin will um jeden Preis England von der .Urhaltbarkeit" oer gegenwärtigen Lage Jr- > Imbs überzeugen. Irland, in dem die Dienst- 1 ti'ichk nicht durchgeführt wurde, dessen Land- Wnfchaft ungeheuer verdient hat, das, seine kinder heute ernähren kann, trotzdem die Aus­sonderung Jahre gestockt bat, soll doch ein verzweiselter und zerstörerischer Unzu-- siieüenheit bieten, bis der englische Wille gv- dnhen und Irland eine freie Republik ist.

Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß eine M'eueltat verübt wird. Beraubungen, um den MionSfonds zu stärken ober um Men zu er# tftern, aber auch blanke Morde auf der 'krähe. Am unsiwersten ist es in Cork und in Hin. Aber im ganzen übrigen Land toer# ' <it bie Feinde Sinn-Feins aufgespürt und ittergefnaHt. Man holt sie nötigenfalls aus en Häusern. Durch das Hinübergleiten t ten Bürgerkrieg ähnlichen Zustand, durch « Verpflanzung des Kampfes auf englischen ioien ist die jahrhundertelange britisch-irr- se Todgemeinschaft reif zum endgültigen Mtrag gekommen. Gewalt steht gegen Ge- :<1:, Leben gegen Leben. Wer wird unterließ fj? Darüber kann eigentlich kein Zweifel fsf'hen. Was der Beobachter von weitem W>i ist nur oies: daß Irland mit dem Kopf tzen eine Wand anrennt. Der sinnlose Kamps noch eine Zeitlang weitergehen bis erschöpft sein wird. England kann ihn galten. Denn so wahr es ist, was Lloyd Ge- j-S* beryiet, daß England den Weltkrieg Der» ?re3 hätte, wenn Irland frei gewesen wäre, k unbestreitbar bleibt, daß der britische Sie- p mit seinen frei gewordenen Händen dem knien Irland in einem Ruck den Hals unt» wn kann, was allerdings wieder mancher- « unangenehme Folgen für England haben mite.

Lord Hardinge beim Präsidenten Ntillerand.

Varis, 30. Nov. (WTB.) Der neu ernannte e:gl.sche Botschafter Lor> Hardinge überrcichte nachmittag dem Präsidenten der Republik lein Beglaubigungsschreiben In seiner Rede erinnerte der englische Diplomat daran, daß Frankreich und England gemeinsam Ägen den verderblichen Militarismus gekämpft haben. Seite an Seite hätten die beiden Völker ihr Blut ge­opfert, um den Triumph der Gerechtigkeit sicher­zustellen und um der gefamten Welt die Wohl­taten der modernen Zivilisation zu bewahren. Die Ideale der Gerechtigkeit und der Freiheit wurzel­ten tief in den Herzen der franzö'ischen und eng­lischen Nation, und solange die beiden Regierungen sich von diesen Idealen leiten ließen, um ihre Politik zu bestimmen, würden Frankreich und Eng­land Hand in Hand voranschreiten. Lord Hardinge erinnerte weiter daran, daß er 1903 Eduard VH. auf jener denkwürdigen Reise nach Paris begleitet habe, die die Grundlage für die entente cordiale gelegt habe, jener Entente, die zu Ctner engen Verbindung der beiden Nationen geworden sei, zu jener geheiligten Verbindung durch das von beiden Völkern vergossene Blut, und zu jener Gemeinsam­keit, die durch den Sieg der Gercch.igkeit gekrönt worden sei. Präsident Millerand erklärte in seiner Antwortrede, England und Frankreich lönn- ten geteilter Meinung über die beste Lösiurg einer Frage sein, aber hierbei könne es sich nur um Meinungsverschiedenheiten handeln, die vor einer loyalen Prüfung nicht standhielten, wenn sie in dem aufrichtigen Wunsche, zu einem Uebereinkom- men zwischen den beiden Regierungen zu gelangen, geführt würden

Der Zwischenfall in Cuxhaven.

Berlin, 29. Nov. (WTB.) Wegen des bekannten Zwischenfalles in Cuxhaven sprach der R e i ch s w e hr m i n i st e r dem Vorsitzenden der interalliierten Marinekon- trollkom Mission schriftlich sein Be­dauern aus und sagte die Bestrafung der Schuldigen zu. Die Kontvollkommission er­klärte in einem Schreiben an das Auswärtige Amt vom 25. November, sich damit nicht be­gnügen, zu können und stellte folgende For­derungen:

1. Entschuldigung der deutschen Regie­rung. 2. Sofortige Entlassung und strenge Bestrafung des Festungskommandanten. Die Bestrafung soll in Gegemvart der vier be­teiligten Ententeoffiziere verkündet werden. 3. Eingehende Untersuchung des Zwischen­falles zwecks Verhaftung und Bestrafung der Hauptschuldigen. 4. Zahlung von 20 500 Mk. Ersatz für die beschädigten Uniformen.

Zwischen der Auffassung der deutschen Stellen und der Kontrollkommission hinsicht­lich der tatsächlichen Vorgänge besteht inso­fern ein wesentlicher Unterschied, als letztere» Anlaß zu der Annahme zu haben glaubt, daß der Festungskommandant es absicht- l i ch unterließ, Maßnahmen zur Verhütung des Zwischenfalls zu treffen. Dieser Verdacht ist nicht begründet. Das Auswärtige Amt bat der Kontrollkommission mitgetei.t, daß die Untersuchung mit aller Beschleunigung ge­führt wird. Eine weitere Mitteilung olerbe bis zum Abschluß Vorbehalten. Auf Grund des Ergebnisses der Untersuchung werde ent­schieden werden, welche Schuld den Festungs­kommandanten trifft, und welche Ahndung dafür angemessen ist. Schon jetzt aber müsse gesagt werden, daß es unmöglich ist, dem Kommandanten die über ihn ver­hängte Strafe in Gegenwart der beteiligten fremdet: Offiziere zu verkünden. Daß Mann# schaft'en Verstöße begangen haben und da­für bestraft werden müssen, steht schon jetzt fest.

Frankreich und der Vatikan.

Paris, 1. Dez. (WTB.) Die Kammer hat in der Schlußabstimmung über den Ge­setzentwurf betreffend die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zum Vatikan den ersten Artikel der Vor­lage mit 397 gegen 209 Stimmen angenom­men. Tie Beziehungen zum Vatikan ftnb so­mit wieder ausgenommen.

Die KöuigSfrage in Ungarn.

Budapest, 30. Nov. (Wolfs.) (National- versammlung.) Auf eine Jnterp.llation des Abge­ordneten Rafsay über die Dersassungsrnorm und die endgültige Lösung der Königs frage er­widere Ministerpräsident Teleky, in dieser An­gelegenheit musst das ganze Land befragt werden. Der Ministerpräsident verwahrte sich energisch ge­gen die Auffassung des Jnterpvllanten, daß die Thronfolge eine außenpoiitische Angelegenh.nt sei. Dte Entscheidung der Thronfolge sei durchaus eine innere Angelegenheit der ungarischen Na­tion und werde durch Ungarn ganz nach eigenem Ermes'en erledigt. Selbst der Frieden vertrag er­kenne in dieser Beziehung das Selbstbestimmung s-- reckt Ungarns an. Die Anmwrt des Minister- p äsidenren wurde mit großem Beifall ausge­nommen.

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Lnftdicnst zwischen Peking und Schanghai.

London, 30. Nov. (Wolsf.) DieTimes" meldet aus Peliirg die l^norstehen de Er^ffnmrg des Luftdienstes SwisckMi Peking und Schanghai.

5eftftellung einer Geheimorganisalion in Berlin.

Berlin, 1. Dez. (WTB.) Der Polizei­präsident teilt mit: Einem Gegenstück zu der kommtmjstischeu Kampsorgaui^atiou. ivcldrt vor einiger Zeil das außerordentliche Gericht für den Bezirk des ReickM>elirgruppcnkommandos 1 be­schäftigte, kam die Berliner Polizei auf die Spur. Auf Grund eingek-ender Ermitlelmigeu und zahl- veichcr Hmisdurchfuchungen gelang es der Abtei­lung la'des Poliz.npräjidums, Betveise zu erhal­ten, daß die frühere Zeitfreiwilligen- f o r m a t i o u trotz ihrer formellen Auslösung i m geheimen fortbesteht, ^lls Hauptschuldiger kommt der Hauptmann a. Di Hubert Bostel - mann in Telrachl, der die einzelnen Kompagnien des ehemaligen Zeilsreiwilligen--Mgiments unter verschiedenen Decknamen, wie Sportverein, Sck)»vimmk.ub, Slammtisch, Literarischer Verein ustv. in ein sogen an n les Notwehrregiinent zusam- inenfaßle. Eine Be äliglmg dieses Regiments, etwa in Form nn.itäriid>er Uelamgen, ist nicht sestgestellt. Ebensowenig ergab sich biöljtr, daß daZ Regiment ober feilte Angelst)rigen irgend.ve.ck^e Waffen be­sitzen. Dostelmann enlzog sich der polizeilich>en Fest­nahme durch die Fluckst. Fahndmrgsmaßnahmen sind im Gange.

Zusammenhängend mit den vorg^i annten Er­mittelungen be'.ain die Polizei Keniit.lis von einer jüngst ins Leben getretenen Escherich- Organisation. Bc, den ermähnten Haus- dtirchfuclliungcn fielen den Polizeibeamten b:e Satzungen des am 6. 9. gegründeten Berliner Helinatverbaildes in bie Hände, der statutengemäß korporatives Mitglied der Org.rin'satlon Esä>erich ist. Zu den Unterzeichnern gehörte der genannte Vostelmann^ außerdem (ine Reihe ariderer einmal. Offiziere mit teiüverse sehr bctaiuiten Namen. Die Mitglieder des Notwehrregi.nent? als d.'s Be.- (iner Heimatverbar'des werden sich demnächst vor dem Stnairid>ter, d h. dem zuständigen Gerich beim Neick-swöhrgruppenlomn'.a-ido I, zu verant- rt-.<?yfen «jnfvcii wch zwar wegeu. Teilnahme an Ber« bänben militärrfck)er bzw. polizeiliclicr Art, die durch eine Vero ^'ung des Neist^präsieenten vom 30. Mar 1L-J unter Strafe gestellt ist. Nach Abschluß der vorläufigen polizeilichn Ermil- Lelnrigen wurde die Staatsanwaltjck>ast mit der Weiterverfolgung der Angelegeirheit besaßt. Der Berliner Polizeipräsident ist iveit entsernt, den aufgedeck'en Organisaliouen übertriebene Bedeu­tung bcizumessen. Das Vorgehen gegen die genann­ten Verbände rechlfertigt sich, ebenjo wie das frü­here Einfchreiten gegen die kommunisti che Kamps- organisalion, lediglich dadurch, daß in dem Be­stehen derartiger Organisalioneri, gleichviel auf nrcfdient Boden sie errrachen, eine ftraißare Hcnid- lung erblickt werden muß, bie zu verfolgen Amts­pflicht der Polizei ist.

LautLokalan^." sind gleicheitig mit bem Vorgehen des Berlnier Polizeipräsidenten gegen das Fortbestehen einzelner Zeitfreiwilligensorrna- lionen im gmizen Reiche ähnlich? Aktionen im Gange. So wurden bei den Selbstschutzorgani­sationen in Mecklenburg, beim Ju.ugdeutsch- landorden in Hessen und anderen Vereinigungen Hausdurchsuchungen abgehalten. Tas Vor- haiü>ensem von Waffen habe man jedoch nicht feststellen können.

Aus dein Ikicbe.

Aus der preußischen Lande^versammlung.

Berlin, 30. Nov. (Wolff.) Tie preußische Londesversammbmg begann beule die Skratnng des sozia'd.mwkra.isd^cn Antrages auf den Erlaß eines Reichsgesetzes hinziunstrleri, durch das ohne Entsckstidigung das Vermögen der Lohen­zollern der Republik Preußen übereignet wird, lieber die Gewährung einer augemelsetien Unter# Haltsrente an die Mitglieder des Harnes Hohen- zollern soll durch ein be ondereS preußisches Gesetz bestimmt werden. Nacktdem Abz. H e i l m a n n (Sozst den Antrag begründet hatte.-wurde die Be­ratung unterbrochen und die dritte Lesung der preußischen Verfassung fortgesetzt.

Berlin, 30. Nov. (WTB) Die preußische Landesversammlung nahm heute bie preußi­sche Verfassung in namentlicher Schlußab- ftimrmmg mit 280 gegen 60 Stimmen bei sieben Stimmenthaltungen an. Dagegen stimmten die Deutschnationalen und die Unabhängigen.

Die Regierungsbildung in Sachsen.

Berlin, 31. Nov. Tie LLtdeStnstanzen der sächsifchenSozialbtmokrattel aben laut Vorwärts" gemeinfckFiftlich mit der neuen Law> tazsfvaktion getagt, um über ine Regierungsbil­dung in Sachsen zu beraten. Es wurtx nach längerer Ausp ache trlltfotien, um die Bildung der ncueft Regierung zu ermöglichen, £jit den Rechtsunabhängigen in Verbanblungen etnzutreten.

Verhaftung eines kommun ist i'che n Reichs­tag satg.-ocdneien in München.

München. 30 Nov. (Priv-Telegr.) Nach einer Aätterm?ldung wurde der neu kommu­nistische ReichStagsabgevrbnete Her­mann R e m e l e, der Bruder b's badischen Mi- nisterprälibenten, der am Montag abcnd in der ersten öffentlichen Lersammlimg der Neukommu­nisten in Märchen im Kindlkeller swach. wegen Aufreizung zi m Klassenhaß verhaftet Remele lün- dinte in einem tRef Tai an, daß bi? Erhebur g iie> mal ton Süddeutschland ausg-hen werde. Die BÄStionäEtn Truppe» NorbdeutichloLb» itiea nicht I

*u befürchten, ba die norddeutschen ©rüber schon rorgen würben, daß sie nicht kämen. Die nötigen Waffen würden die liefern ntijicn, bie heute be­waffnet seien.

Die dec JBorroärtS" erfährt, hat sofort bet Empfang der Nachricht über die Verhaltung des n e u T o m m u n f fl i f d) e n ReichS : agS- abgeordneten Hermann Remele in München locgen Aufreizung zum Klaff en haß der Reichsdagspräsident Löbc sich ou den ReichS!a>:zler unD cm den zuständigen RcidiSminister gewandt, um die Gründe der Verhaltung zu erfahren und die Haftentlassung zu ernnrten. Wie derVor­wärts" weiter mittcilt, dürste bcrcuS heute em 'fd'lciintger 'Antrag aui Aufhebung der Haft int Reichstag zur Veichandlmig kommen.

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Der Held)$tmt3kr über öie mMtürlschen vesatzungslaften.

Berlin, 30. Nov. (WTB.) Der Reichs­kanzler empfing heute den Berliner Ver­treter derKölnisck^en Volkszeitung", der an ihn verschiedene Fragen in Bezug auf den Besuch des Reichskanzlers und dcS Mi­nisters des Aeußeren im Rheinland rich­tete. lieber den Gesa m kein druck, den der Reichskanzler am Rheim erhalten hat, sagte er, daß kein Mitgsied der ReichSregierung jemals daran gezweifelt habe, daß unsere Westmark auch in den schweren Zeiten der Besetzung ausl^alten und fest zum Reiche stehen werde. Trotzdem gehöre die Selbst­verständlichkeit, mit der dem Reichskanzler und dem Minister des Aeußeren gegenüber von Angehörigen aller Gegenden und Be- völkerungskreise am Rhein ihr Deutsch­tum betont nmrbe, mit zu dem Erl-cbendsten, was die Reise gebracht habe. S)cr Reichs­kanzler fuhr fort:

Die RheinlSiider empfinden es gerabozu als Unrecht, wenn in der Presse bed ReiöZes, bcnxjw gerufen durch aufgebaufd^c Souberpläne weniger Dunkclmänner, ©eforgniffe darüber laut werden, ob nicht das besetzte Gebiet den fremden Lockungen sich, hinneigen wird. Wenn man selbst im Rhem- lcmd weilt, 1>«rsteht man übrigens, daß die 5) a n b* habung der Besetzung in bet Bevölkerung alles andere als Liebe erwecken tarnt. Aus die Frage, welches Bild er von den Lasten bekommen habe, welche bie Rheinländer zu tragen fmben, ent­gegnete der Reichst'»ler: Mr haben aflertctg» nur wenige Tage am Rhein weilen und im besetzten Gebiete nur Köln unb Aachen besuck-en rönnen Wo wir aber hinkamen, überall trat un5 bie Klage entgegen, baß bie ben Rhernlauden durch bie Alli­ierten auferlegten Lasten weit über ben Rahmen besten hinausgehen, was man saust tvohl mit bet Besetzung in Friebeuszeiten für vereinbar gehalten hat. Tabei hanbclt es sich bei der Besetzung der Rhemlande doch um nichts anderes als um em Unterpfand, das Deutschland fernem ehemali/- gen Gegnern als Sicherheit dafür hat geben rmlfsen, daß es, soweit es ihm ferne eigene LeistungsfÄng­st it erlaubt, ben Verpflichtungen des FiiedenS- vertrages nachkommt. Mit der Auffassung von dem Zwecke der Besetzung stehen allerdings die zahlreichen militärischen Anlagen nn Wideripruch, die von ben alliierten Truppen weit über ckwen cigencn Bedarf hinaus in den Rhernlanben erridget sind. Fühlbarer ncch als diese allgrm- inen Lasten sind jedod) für die Bewohner der besetzten Gebiete all bie täglichen Sorgen, bie ihnen von b.it fremden Besotzungstruppen bereitet werden. In erster Linie ist es der moralische Druck, ben1 bet Rheinlänber cmffinbct . Der Rheinländer em in finbet alles dies um io schlimmer, als bie Besetzung mfo'ge bes allerorts herrschmden Wvhnungsm.m- gels vis in bie einzelnen sfamilim. ein bringt Tkil ?Jiod4, außer ben eigentlid-en Truppen auch zu beren Versorgung und Verwaltung erforder­lichen Hilssl'räste m die Rheinlande mtt*ubringen, steht den Alliierten allerdings iu Wir baden .cnS aber nach allem, loas wir sahen, und hörten, beS Eindrucks nicht erwehren können, al5 ob von di stm Recht in emem Ausmaß Gebrauch gemacht n-ücde, das weniger auf sachliche als auf persön­liche Wünsche der Besatzung Rücklicht nimmt. Was es bedeutet, in feinen eigenen, mit viel Lukn und Opfern ausgestatteten Räumen auf Jahve hinaus Fremde beherbergen zu müssen. Deren Leben imb Treiben durchaus nicht immer mit ben Ausgaben der eigentlichen B'setzung im Einklang steht, kann man sich diesseits des RheinS nuc schwer vvrstrllen. Was hier ohne laute Klage täglich erduldet wirb, sind Opfer, die wir unteren Brüdern im besetzten Gebiet nie oergef e.i wuden. Diese leiden ja auch sonst in ihrer ganten Lebens­haltung besondere Not. Die Ueoerflutung der Rhcinlande mit fremden Truppen hat dort eine crußi-rordmtliche Teuerung und Lebensmittelknapp- heit zur Folge gebäht.

Man muß sich ordentlich fragen, aus welchen Erwägungen heraus Deut'chands frühere G g- er, trotz unserer herabgeminde ten Reichswehr unb trotz unseres mehr als einmal beveichreten Frie­denswillens immer noch an 145 OjO Mann allein als Sid)erungsbesatzung für die Rheinlande als notwendig erachten Die ungeheuren Kosten, die eine solch? Besatzung ver.chlingt ob die 18 Milliarden Mark im ^ahre auZreichm, wissen wir noch nicht, stehen in einem kra sen Wider­spruch zu den Sparsamkeitspredigten^ die sonst immer an unsere Adre's? gerichtet wer­den. Von der Lösung der Kostenfrag? für die Be­samung hängt wZ.mtlich die Ent ch idung darüber ab, ob und wann Deut'ch'anb in die Lage kommen wird, seinen wirtschaftli.^rn Verpflichtungen auS dem Versailler Vertrage nocü ukommen. Eine Mil- bez»M Ui bea boe&tea Qtebelto. auierlegten per-»