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Dienstag, 24. Juni 1919
M. Jahrgang
Erster Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
3wIMngznin»dnick u. Verlag: Srühl'sche llnis.-vuch- u. Steindruüerei «. Lange. Schriftleilung, Seschaitsjtelle u.Druicrci: Sibniftr. f.
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(jL/sha v Bauer,
«62 IV.
em Vertrieb
Zhandelsver- der Bogen löerben soll, ^mcinden uhung sofort
teilens am
m.b.H. in
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_ . . . .. leine Ehre zu nehmen.
Wch einen Gewaltakt 'wird- die Ehre des beut» D*n Volkes nicht berührt. Sie nach außen hin W ^'Neidigen, fehlt dem deutschen Volke nach M eAtsetzlichcn Leiden der letzten Jahre jedes Kl'L- Der übermächtigen Gewalt rovidienb und Hf damit ilxre Auffassung über die unerhörte Ms Lästigkeit der Frredensbedingungen anfzu- erklärt die Rkgierunü der deutschen Republik,
rteu Regierungen überreickst:
„Die Regierung der deutschen Republik hat der letzten Mitteilung der alliierten und offo- rlen Negierungen mit Erschütterung ersehen, sie entschlossen sind, von Deutschland auch Annahme d?rjenigen Friedensbebingungen mit Erster Gewalt zu erztioingen, die, ohne eine toi die Bednitzrng zu besitzen, den Zweck ver-
dem deutschen Volke
Der Zriedensschluh!
Der Friede, den wir seit gestern haben, hat nichts gemeinsam.mit den lieblichen Sym!- bolen, in die ihn die Dichtung kleidet; kein lachender Lknabe, der die' schneeigen Lämmer tocidet, sondern höchstens ein-finsterer, scheuer Gesell, der wie Ahasver die Felder durchschrci- itt. ßs ist kein echter Friede,' der die Herzen moärmt, sondern ein schlechter, ein Zwangsl- iricbe, den böse Leidenschaft geboren hat. Dass lommt ganz besonders zum 'Ausdruck in dem Dokument, das gestern mittag der deutsche Gesandte v. Haniel dem französischen Ministerpräsidenten überreicht hat. In dieser Note, in der bedingungslose Annahme des Friedens- vertrags zugesagt wird, steht eine schwere Bo- Huldigung. Es heißt darin nämlich, daß es die Absicht unserer Gegner gewesen sei, uns ech unsere Ehre zu nehmen. Wir sollen die Khuld am Weltkrieg auf uns nehmen und lersonen ausliefern, über die unsere Feinde u Gericht sitzen wollen. Das war zwei- ; l'cllos die ernsteste Ehrenfrage für uns^ imb die Zumutung hat außerdem so slvas an sich wie ein Gcßlergebot.
Gleichwohl, wir werden die Trieb-
edern dieses feindlichen Vorgehens noch öfter ;U untersuchen haben. Uns die Ehre zu rau- M, war vielleicht nicht die direkte Absicht, wohl aber ist das Bedürfnis, Rachsucht und Hochmut zu kühlen, die Ursache der Tat. Wir sollen gerecht sein: Der Krieg und die Mit- tel, mit denen er geführt wurde, wären furchtbar und entsetzlich. Wir begreifen die «idenschasten der Feinde, besonders der franzosen und Belgier, denen Heimat da- ti in Schutt und Trümmer ging. Wer wollte ach bestreiten, daß Uebergrisfe der Militär- i führet vorgekommen sind, gegen die nach- ' lraglich alles moralische Bewußtsein sich aus- lehnt. Aber lebt nickt in Millionen von Deutschen dasselbe Gefühl her Empörung über Sckzandtaten der Gegner? Haben wir sticht Hunderte von Beispielen bestialischer Grausamkeiten, die an unseren Soldaten und AangeneN verübt worden sind? Franzosen, Mgländer, Belgier — alle hatten ihren Mell daran. Ja, wenn eS ein großes Welt- Wricht geben könnte, das alle diese Uniaten, tauf welcher Seite sie auch verschuldet wor- NDeti sind, zur Sühne bringen könnte! Aber ein tafmeitiger Gerichtshof der Sieger, die »Ällster in eigener Sache sein wollen? Ein Man, der zum Gewaltfrieden auch Gewalturteile in diesen Fragen hinzufügt? Es hätte 11 wollte man schon so ungerechter Weise nur Deutsche vor das Gericht schleppen, sich doch eine neutrale Instanz finden jiissen, wie sie unsere Regierung bis zuletzt Ijinter vorgeschlagen hat, um der Gerechtig- cktit Genüge zu tun. Haß, Rachsucht, Verblendung und — Beschränktheit, das sind he Elemente des Handelns unserer „Ueber- pwer". Wir beneiden sie nicht um ihre flkfirhle. Unsere Ehre bleibt rein und flecken- fe.
IJn der Nationalversammlung, die m dem Kabinett Bauer noch einmal die 'meidende Vollmacht gab, lebte von dieser icht etwas in allen Parteien, die mit- nten. Wir fügen uns der brutalen Ge- , und die Entscheidung darüber, was rich- war, Unterzeichnung oder Verweigerung, :ine Sache der Ehre, sondern eine Sache ;er, kluger Ueberlegung und AbwägMtg. wählten von zwei furchtbaren Uebeln das ere. Nur schade, daß manch unnützer itt und Versuch noch getan wurde! Die e^Note, die nach den ersten Abstimmungen Nationalversammlung noch einmal den den vorgelegt wurde, ist nur zu reu und zu entschuldigen aus dem be- lichen Bemühen, nichts ungeschehen zu n, was unserem Volke furchtbaren rerz ersparen konnte. Im persönlichen n wäre dieses eindringliche Flehen nicht würdig gewesen. . .
Bedingungslose Annahme.
. Weimar, 23. Juni. Ter Gesandte von »-niel hat im Auftrage der Reich sregie-
F heute nachmittag 4,40 Uhr folgende Note W i>en Bevollmächtigten der alliierten und asfo-
daß sic her eit ist, die von den alliierten und assoziierten Regierungen auferlegteu Friedensbeding- un gen anzunehmen und zu unterzeichnen."
Versailles, 23. Juni. (WTV.) Einer Aeußerung H u t i n s int „Echo de Paris" zufolge scheint inan nicht mehr darauf zu bestehen, daß der FriedenSvcrtrag im Schloß von Versailles unterzeichnet toeux. Hutin fragt sich, ob man tatsächlich alle alliierten und assoziierten Bevollmächtigten für die Zeremonie im Spiegel- saal bemühen werde, wenn nur v. Haniel die deutsche Negierung vertreten werde.
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der neue Minishupras/rfedfr
Der Wortlaut der Antwort der Ententen
W e i m a r, 23. Juni. (Wolff.) Die Antwort der alliierten und assoziierten Mächte an den Präsidenten der deutschen FriedenA- delegation hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident! Die alliierten und assoziierten Mächte habet! die Note der deutschen Delegation vom heutigen Datum geprüft und sind in Anbetracht der kurzen Zeit, die übrig1 bleibt, der Meinung, daß es ihre Pflicht ist, eine unverzügliche Antwort zu geben. Von der Frist, innerhalb deren die Regierung ihre endgültige Entscheidung über die Unterzeichnung des Vertrages treffen muß, bleiben wenigen als 24 Stunden. Die alliierten und assoziierten Regierungeit haben mit der größten Aufmerksamkeit alle Vorschläge der deutschen Regierung hinsichtlich des Vertrages geprüft. Sie haben Lmraus mit voller Einmütigkeit geantwortet und die Zugeständnisse gemacht, die ihnen 'richtig zu sein schienen. Die letzte Note der deutschen Delegation eitthält keine Argumente und keine Bemerkungen, die nicht bereits Gegenstand der Prüfung gewesen wären. Die alliierten und assoziierten Mächte halten sich deshalb für verpflichtet zu erklären, daß dieZeitherBerhandlungenvorbei ist. Sie können keine Modifikation oder Vorbehalte annehmen oder anerkennen und sehen! sich -gezwungen, von den Vertretern Deutschlands eine unzweideutige Erklärung zu fory dem über ihren Willen, den Vertrag in seiner endgültigen Form zu unterzeichnen und im ganzen Umfang anzunehmen oder die Unterzeichnung und Annahme zu verweigern. Nack) der Unterzeichnung werden die alliierten und assoziierten Mächte Deutschland für die Ausführung des Vertrages in allen seinen Bestimmungen verantwortlich machen.
Empfangen Sie, Herr Präsident, usw. gez. Clemenceau.
Versailles, 23. Juni. Wie nach hier vorliegenden Meldungen feststeht, hatten einzelne Teile der alliierten Armeen infolge eines Mißverständnisses den Vormarsch bereits angetreten. Im Lause des Abends wurde von deutscher Seite hierüber eine weitere Note überreicht. Noch am Nachmittag erschien der Generalsekretär der Friedenskonferenz im Hotel des Reservoirs, um bei der deutschen Delegation an.jufragen, wer mit dem Auftrage der Reichsregierung zur Unterzeichnung bevollmächtigt werden würde und wann mit dem Eintreffen des Bevollmächtigten zu rechnen sei. Eine Auskunft konnte ihm noch nicht erteilt werden.
Berliner PreFeftimmen.
Berlin, 23. Juni. „Wer sich anschiickt," schreibt der „Vorwärts, „ent solches Werk voller Ungeheuerlichkeiten und Unmöglichkeiten zu unterzeichnen, der muß es mit geschlossenen Augen tun. Es ist inkonsequent gehandelt, wenn die .Regierung ihr Ja schließlich! doch mit dem Zusatz verbindet, daß sie einen bestimmten Punkt des Vertrages nicht erfüllen könne ober werde. Tie Ehrenfrage aber erschnnt uns am allerunge- eigiictsten, um im entscheidenden Moment in den Vorbergrund gestellt zu werden. Ueber das er- zwlmaene Geständnis des Friedensvertrages wird die Weltgeschichte sehr bald zur Tagesordnung! übergehen, Jeine Ehre kann dem beut Men Volke von außen her nicht geraubt werden. Die wirüiche
Schande fällt vor dem Richterstuhl anständig denkender Menschen auf die Urheber aller Dcrnüti gungen." „Wir werden es auch," jo schließt der „Vorwärts" im Gegensatz zu der Erklärung der sozialdemokratischen Frattwn, „stets ablehnen, in diesem Frieden ein unbedingtes Gesetz, die unerschütterliche Grundlage einer neuen Völkergemeinschaft zu sehen. Im Gegenteil in der Sekunde der Unterzeichnung beginnt für uns der Kampf gegen diesen Frieden, der Kamps mit allen Mitteln! des Geistes, des Rechtes und der Moral."
Das „Berliner Tageblatt", das stets für oie Ablehnung des Friedensveiträges ein- getreten ist, schreibt unter fern unmittelbaren Eindruck der gestrigen Verhandlungen in Weimar: „Mancher wird der Meinung sein, daß schließlich die Preisgabe von hundert sogenannten Schuldigen nicht mehr als die Preisgabe von Millionen deutscher Landestinder verletzt. Die Westpreußen, die Danziger und die Saargebietsleute sind auch deutschen Blutes. Es istf wohl nicht anzunehmen, daß die Entente den ehemaligen Kaiser wirklich vor ein Gericht stellen würde. Der Prozeß würde öifcntlich und immerhin in gewissen Rechtsformeu stattftnden. Verteidiger würden sprechen, P 0 i it - care, Iswolski und viele andere historische Persönlichkeiten würden als Zeugeil geladen werden, und das wünscht die Entente wohl nicht. Dennoch war es ein sehr schwer politischer Fehler, daß ckoch die Regierung durch Umänderungen des Ver träges sich die Stimmen der Unabhängigen gesichert hat. Sie brauchte die Stimmen nicht, da ihre Mehrheit ohnehin gesichert war. Man hätte Wert darauf legen sollen, bei der Abstimmung ber die Frage, ob der Vertrag unterzeichnet werden soll, eine so kleine Majorität zu erhalten, wie cs nur irgend ging. Das hätte Eindruck erweckt, hätte der Znlunst Deutschlands genützt."
Me „Vvssische Zeitung" betont, daß doch jetzt wohl jedem in Deutschland und in der Welt klar sei, daß, was in Versailles geschehen muß, nur unter Zwang geschehe. Gegen diesen Zwang gebe es nur den Protest und dieser Protest rette die Ehre. Das „Tageblatt"' bedauert .auch, daß von den Demokraten statt des Abgeordneten Schiffer nicht der Abgeordnete Schücking zum Sprecher bestimmt worden ist. Habe er schon die Frredenssrage mit mehr allgemeinen Wort- Igicfügen als fidjeren Gründen, mit mehr Pathos als innerer Kraft behandelt, so sei es sehr übel gewesen, als er sich au sdas Gebiet der „inneren Politik" begeben habe, denn er sei mit einer Betonierung gekommen, die so hätte verstanden oder mißverstanden werden können, als könnte die demo- tratitoe Partei mit all den Mannern, die jetzt der Unterzeichnung zustimmen, niemals wieder zusammengehen. Schiffer aber habe keinen Auftrag gehabt, folck>e Erklärungen abzugeben, und man dürfe private Herzensergüsse nicht mit Partei- kundgebnngen verwechseln.
Wie die „Kreuzzeitimg" hört, hat sich General Grüner für die Unterzeichnung des Friedens ausgesprock>en.
General v. Deimling für die
• Unterzeichnung.
Im „Badener Dagblatt" setzt sich General v. Deimling (am 21. Juni) mit größter Schärfe für die bedingungslose Unterzeichnung des Friedensvertrags ein, indem er oie katastrophalen Folgen der Ablehnung barlegt. Ueber den Eliren- punkt sagt er folgendes:
Nun wird oielfarfji ein gewendet, daß es schmachvoll sei, diesen Frieden zu unter^cidntcn. Ich bin der Meinung, daß die Wahrung unserer Ehre nicht dadurch erreicht wird, daß wir uns jetzt vollends, von den ins Land einmarschierenden Feinden tot machen lassen, sondern dadurch, daß wir uns wieder mit aller Kraft emporzuarbeiten fudjen, daß wir der Wellt burd) die Tat beweisen, daß wir immer noch das tüchtige beutfdjie Volk sind, das die andere» dringend zum eigenen Gedeihen brau-- chen. In dieser Tat besteht die wahre nationale Ehre, nickst aber in heroischen Gesten und Plwasen. Deshalb laßt es enblidj. Frieden werden.
Forderung deutscher Nuterosfiziere.
Berlin, 23. Juni. (WTB.) Die Vertreter des Reichsverbandes deutscher Unteroffiziere überreichten gestern dem Reichs- wehrminister eine Kundgebung mit der Bitte, sie der Reichsregieruug zu übermitteln. Die Kundgebung richtet sich gegen die Forderung der Entente auf Auslieferung des ehemaligen Kaisers und gewisser angeblich "schuldiger Persönlichkei- t e n. Sie bittet gleichzeitig, die Negierung möge Sck>ritte unternehmen, die geeignet sind, die Umbildung aller derjenigen Punkte des gegnerischen Friedensvertrages herbeizusüh- ren, welche eine Verletzung der derltschen Ehre fordern.
Verbrennung sranzdfischer Fahnen.
Berlin, 23. Juni. Heute vormittag um 10 Uhr begaben sich etwa zwei- bis dreitzundi'rt Soldaten der Berliner Freikorps und Studenten narb, dem Zeughaus Unter den Linden und holten die französischen Fahnen heraus, die 1870/71 erobert worden waren und nadj dem Friedensvertrag an Frankreich wieder ausgc- (iefert werden sollten,. Bor dein Denkmal Friedrichs des Großen wurden die Fahnen mit Benzin begossen und verbrannt.
Graf Rantzau über bk Gründ« Seines Rücktritts.
Berlin, 23. Juni. (Wolff.) Der bisherige ÄridMüdte des SluswärtiLett, Graf Brock«
dorss -Rantzau, legte die Gründe seiner Demission in einem Schreiben an den Reichspräsiden ten dar, das wie folgt lautet:
Hochverehrter Herr ReickfsPräsident!
Als ich die Leitung ber auswärtigen Politik Deutschlands übernahm, habe ich es als meine Aufgabe bezeichnet. Dem Deutschen Reiche die Freiheit zu erhalten und dem Dcutfdieit Volke einen erträglidjen Frieden zu verschaffen. Ich ba&e an die Uebernahme des Amtes gewisse Bediilgungen geknüpft, die mir redlich uiio nach Kräften gehalten wurden.
Die auswärtige Politik, die ick) geführt habe, konnte sich nur aus geistige Waffen stützen. Deutsch- land war durch seine militärische Niederlage, seine politische Nevolution und durch die svirtsckmftliche Bedrängnis des LLaffenstillstanbes als materieller Machtsattor aus geschaltet. Trotzdem glaube ich sagen zu dürfen, daß es mir möglick) gewesen ist, seinen politischen Kredit im Auslände- zu heben. Ick) schreibe diesen Erfolg chern Umstande zu, daß ich die Linie, auf ber ich die auswärtige Politik bes Reiches anlegte, in keinem Augenblick verlassen habe.
Im vollen Bewußtsein ihrer Tragweite hab« ick) für den Eommenben Frieben gewisse M i n- b e ft f 0 r b e r 11 n ge n in so scharfer Form aufgestellt, daß ich sie nicht fallen lassen kann, ohne mich als ernst zu neljmenbcr Politiker selbst auszuschalten. Diese Mindestforderungen beziehen sich namentlich auf die territorialen Fragen, auf die Ablehnung ber ungerechten Beschuldigungen unseres Volles und auf die Behauptung unserer sozialen und ivirtschaft- lichen Freiheit. Absichtlich habe ich mich iir diesen Fragen vvr- ber Oefsentlichkeit festgelegt und den Feinden gegenüber gebunden, beim fie sollten wissen, daß ihrem Siegesübermut in dem festen Willen eine Grenze gesetzt war. Ich bin von Versailles zurückgekehrt tn ber zuversichtlichen Hoffnung, mit meiner Politik zu einem Erfolge zu kommen, wenn das deutsche Volk hinter mir stand und bereit war, den schweren Gefahren, mit' denen die Feinde es bedrohen und einzuschüchtern versuck)en und die ich keineswegs verkenne, auf sich zu nehmen. Die Verhandlungen in Weimar haben mich überzeugt, daß Gründe der inneren Politik, besonders die überwiegende Auffassung von dem fcelifd}en Zustande unseres schwergeprüften Volkes, es für die Regierung unmöglich erscheinen ließen, den Ernsatz zu wagen, ohne den ich mein Zick nicht gewinnen konnte. Und es war, davon bin ich überzeugt, kein leichtfertiges Vaban- q -u e - S p i e l. Es setzte nur Festigkeit und Selbstvertrauen voraus. Ich setze das Vertrauen in mich selbst und habe trotz alledem das Vertrauen zu dem deutschen Volke nicht verloren.
Das deutsche Volk ist jetzt in ber Welt der Vorkämpfer der demokratischen Idee. Es handelt sich um eine Weltmission, die es berufen ist zu erfüllen, die es aber nur erfüllen kann, wenn es sich selbst nicht aufgibt. Eine klare und unzweideutige Vertretung einer Politik demokratischer Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit ist künftig die Daseinsberechtigung des deutschen Volkes. Sie und die unerbittliche Kampfansage gegen den Kapitalismus und Imperialismus, dessen Dokument der Friedensentwurf feiner Gegner ist, sichert ihm eine große Zukunft.
In der Gegenwart freilich muß ich vor der Tür des Erfolges umkehren. So ist es für mich unmöglich geworden, die auswärtige Politik Deutschlands weiterzuführen. Ich will durchaus nicht behaupten, daß ein Reichsbeamter das Recht hätte, seine Mitarbeit zu verweigern, wenn der Zwang 'der Umstände Entschließungen der Regierung herbeiführt, die er sachlich für unrichtig hält. Es kommt nicht darauf an, ob mir persönlich die Führung einer Politik, die auf die Annahme der feinolichen Friedensbedingungm hinausgeht, aufgezwungen ist, erträglich erscheint oder nicht. Ich würde es aber für einen schweren politischen Fehler und für die auswärtige Politik des Reiches als verhängnisvoll erachten, wenn ich lebt im Amte bliebe. Für jeden anderen deutschen Minister ist eine Schwenkung in ber Haltung gegenüber ben Friebensbedingungen auch dem Auslande gegenüber möglich und gerechtfertigt, wenn die inneren Verhältnisse sie gebieterisch verlangen. Der Minißei' des Auswärtigen, der diele Schwenkung mitmacht, nachdem ec sie öffentlich für sich abgefeimt hat, gefährdet aber die Wurde und dm Kredit des Reichs. Soweit sah 1 ctue Po.ilrk als undurchführbar herausstellt, muß er vor dem Auslände verschwinden. Wenn Deuffchland letzt die Friedensbediugungen des Feindes annimmt, so ist der politisck>e Erchlg. ben dieses ungeheuerliche Opfer eintragen soll, die Beruhigung unserer äußeren Lage und die Entspannung ber Haß- und Rachegesühle, bie Zurückziehung feindlicher Truppen und die Anbahnung wirklicher F r i e- bensverhandlungen. Dieser Vorteil würbe gefährbet, vielleicht gar preisgegeben, wenn bie neuen Beziehungen von demselben Manne an» geknüpft werden müßten, ber bie Bedingungen so scharf öerworfen hat wie ich.
Wird unterzeichnet, sei es mit oder ohne Vorbehalt, wirb jetzt versucht, um bnrch Konzessionen über bie von mir gesteckte Grenze hinaus noch Erleichterungen ber Friebensbedingungen zu erkaufen, an die ich nicht glaube, so muß diese Polftik von -einem neuen Minister des Auswärtigen getrieben werben, von einem Manne, ber weniger „belastet" ist wie ich.
। Ich bebauerc tief, ber Regierung und namentlich Ihnen, hochverehrter Herr Reichspräsident, durch meine Weigerung Schwierigkeiten zu bereiten, aber ich halte mich in meinem Gewissen als heute noch berantwortlidjcr Leiter der deutsckien guslvär- tigsn Politik für gebauten, an meiner Bitte um. Enthebung von meinem Amte festzuhalten.
gez, Arockdorfj-ÄanLlMt


